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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 44.
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Uah
Pfäffische Uunduldsamkeit.
Die rote Schle des Herrn angetan.
am Sonntag ein braver Parteigenosse, Philipp Kuhn, beerdigt. mit roten Schleifen erblickte, bestand er auf deren Ent⸗ fernung mit der Bemerkung: rot bedeutet Blut!“
diese roten Schleifen, Grabe Genosse Quint
fiel ihm der Pfarrer mehrmals in die Rede:„nur kurz“
..„jetzt ist's genug die Zwischenrufe des
den Worten schloß:„Der zu zeit zu seiner Farbe gehalten, zu seiner Farbe, die nicht nur die Farbe des Blutes ist, sondern auch die
Farbe der Liebe, wird.. da schrie dem Polizeikommissär,
Seckbach an der Beerdigung fordere die Polizei auf, einzuschreiten und den Mann vom Kirchhof zu entfernen!“
Der Beamte tat dies zwar nicht, ersuchte aber Quint, unliebsame Weiterungen zu vermeiden. Auf alle An⸗ wesenden machte das Auftreten des Pastors einen über⸗ aus peinlichen Eindruck.— Wer sich solchen Aufregungen nicht aussetzen will, verzichtet am besten auf die An⸗ wesenheit des Geistlichen bei Beerdigung seiner verstorbenen
Angehörigen.
Aus dem Gerichts saal. Wegen„Sternberger eien“ hatte sich 44 jährige unverheiratete Bau⸗
unternehmer Höhl in Frankfurt vor dem zu verantworten.
Anzahl Schulmädchen verführt.
vorige Woche der Schwurgericht
liches Treiben war stimme ans Licht
ling erhielt 2 Jahre Zuchthaus und 5 Jahre Ehrverlust.— Von der Gießener Straf⸗
kammer wurde am Lich wegen Sittlichkeitsvergehen, die
Uhl aus er vor mehreren hatte, zu 1¼
Ehrverlust verurteilt.— Landtagsab Hirschel ist in Frankfurt worden, Auskunftei, Ludwig Katz da⸗ daß er ihm in der„Frankfurter
strafe verurteilt einer dortigen durch beleidigte, Post“ vorwarf, K schlecht. Hirschel
genannten Blattes.
Graf Pückler
Der anutisemitische in Berlin zwei Flugblätter verteilen lassen, in denen er sich zum Führer der Berliner Ein⸗ brecher aufwirft. an die Sozialdemokraten,„die lieben roten
Kerle“, die er a
plündern und diese totzuschlagen.
„Ich, Euer Führer, roten Fahne in der Hand und auf der Fahne stehen die Worte:„Fort mit den Juden, raus mit der ver⸗
fluchten Bande, Abraham, raus mit
Acs, der Sarahleben, fort mit der ganzen Mischpoke.“ Und weiter sagt der Edle: „Da wird der Jude frech werden, da werden Sie
es kommt vielleicht zur Keilerei, dann nehmen
wieder frech, Sie sofort den Knü Hund fällt.
ver zusammenschießen, das ist ganz egal.
Juden, die erkläre
kann dieselben zusammenhauen und zusammenschießen, so
viel er will.
„Diese Bande hat kein besseres Schicksal verdient. Auch kleine Einbrüche
pfehlen. Man lie daß hier in Berlin Christen, sehr selten nannte Chara Spitzbuben
als einen ritterlichen und vornehmen Sport, wie die Raubritter im Mittelalter, die haben auch manchen
verfluchten Jud dert. zwei Taler,
ich drei Taler, aus dem Fenster hi
In Seckbach⸗ Frankfurt wurde
Jahr Gefängnis und 5 jährigem
über den Schädel, Sie können den Lümmel auch mit dem Revol⸗
Wer in den nächsten Tagen bei einem Juden einbricht, dem schenke ich einen Taler, und wer dort zu gleicher Zeit alles kurz und und wer außerdem den kleinen Cohn ver⸗ haut, daß der Lümmel nicht sitzen kann, dem schenke und wer obendrein die alte Sarahleben
und Fern.
üfe hat es doch manchem Diener
der Portefeuiller Als der Pfarrer zwei Kränze
„Entfernen Sie sofort Als am vortrat und einige Worte sprach,
usw. Und als Ouint, der auf Pfarrers gar nicht achtete, mit früh Verstorbene hat all⸗
die Liebe, die niemals vergehen der Pfarrer aus Leibeskräften zu der nebst dem Wachtmeister von teilnahm, hinüber:„Ich
Er hatte eine Sein schänd⸗ von der Frankfurter Volks⸗ gezogen worden. Der Wüst⸗
Dienstag der Maurer Ph. Jahren an Kindern verübt
eordneter zu 30 Ml. Geld- weil er den Leiter
atz behandele die Angestellten ist oder war Redakteur des
als Räuberhauptmann. „Dreschgraf“ Pückler hat
Im ersten wendet er sich
uffordert, bei den Juden zu
gehe voran mit einer großen
fort mit dem Levysohn und dem dem kleinen Cohn, fort mit dem
ppel zur Hand und schlagen dem daß er sofort auf den Rücken
Die ich für vogelfrei und jeder Mann
bei Juden würden sich sehr em⸗ st beinahe täglich in den Zeitungen, eingebrochen wird, aber immer bei bei Juden. Das ist eine soge⸗ kterlosigkeit der Berliner Ihr müßt das Einbrechen betreiben
en beraubt und ausgeplün⸗
klein schlägt, dem schenke ich
bloß so
knallt auf dem Asphalt von Berlin, dem schenke ich vier Taler und immer so weiter. Ihr könnt Euch also was verdienen, Ihr lieben Einbrecher von Berlin, also auf zum frischen und fröhlichen Einbrechen, auf zum Verhauen, auf zum Demolieren, auf zur schnei⸗ digen und kühnen Tat.“
Man sagt, Pückler ist verrückt und wir zweifeln auch nicht daran. Was er aber von gibt, atmet denselben„Geist“, der uns aus den antisemitischen Reden im österreichischen Reichsrate, im Rathause, sowie aus den antise⸗ mitischen Blättern, wie die Staatsbürgerzeitung und dem Friedberger Blatte des Herrn Hirschel entgegenweht. Fast dieselbe Sprache führte ja der Dreschgraf auch schon, als noch der Ab⸗ geordnete Bindewald als treuer Sancho Pansa mit ihm im Lande herumzog.— Was würde aber geschehen, wenn sich ein Arbeiter einer derartigen Sprache gegen das Unter⸗ nehmertum bedienen würde?
Ländliches Dienstboten⸗Elend.
Eine am 17. Oktober in Halle durch⸗ geführte Strafkammerverhandlung entrollte ein grauenhaftes Bild von der Mißhandlung eines ländlichen Arbeiters. Der Gutsbesitzer Moritz Berger von Beerendorf bei Delitzsch war wegen fahrlässiger Tötung und Mißhandlung des 14 jährigen Kuhjungens Max Rößler an⸗ geklagt. Der junge, schwächliche Mensch hatte sich bei dem Musteragrarter, der über 110 Mor⸗ en Land, 20 Kühe usw. verfügt, für einen Jahreslohn von 24 Talern vermietet. Er mußte su den heißen Julitagen d. J. früh 4 Uhr 10 stehen, darauf bis 6 Uhr Morgens im Kuh⸗ stall arbeiten und dann zuweilen bis Abends 10 Uhr Feldarbeiten verrichten. Wenn der junge Mensch ermattet war und es mit der Arbeit nicht mehr so recht vom Flecke ging, dann half der Gutsherr mit dem Garbenbinder — einem dicken Knüppel— nach. Wieder⸗ holt durfte der Junge des Abends nicht eher nach Hause kommen, bis er ein bestimmtes Stück Arbeit auf dem Felde fertiggemacht hatte. Der Unglückliche kam durch die Ueberanstrengung wiederholt um sein Frühstück und Vesper; auch die Mittagspause wurde ihm zuweilen gekürzt. Am Abend des 15. Juli war er erst gegen 11 Uhr zu Bett gekommen. Am Morgen des 16. Juli, dem heißesten Tage in diesem Jahre, mußte der Junge wieder, wie gewöhnlich, um 4 Uhr aufstehen. Nachmittags um 4 Uhr brach der Gemarterte bei dem Garbenbinden auf dem Felde plötzlich zusammen und verstarb bald darauf. Dies der nackte, geradezu erschütternde Tatbestand. Die geladenen Sachverständigen konnten leider nicht nachweisen, daß der Tod des Jungen infolge der übermäßigen Anstrengung eingetreten ist. Wahrscheinlich sei„Hitzschlag“ die Todesursache, meinten ste. Da nun der ursächliche Zusammenhang fehlte, beantragte der Staatsanwalt die Freisprechung des Gutsherrn von der Anklage der fahrlässtgen Tötung und nur Verurteilung wegen der Miß⸗ handlung mit dem Garbenknüppel zu 30 Mk. Geldstrafe. Das Gericht verurteilte den An⸗ geklagten zu 100 Mk. Geldstrafe, event. 10 Tage Gefängnis.— Diese geringfügige Strafe wird den Agrarier schwerlich von seinen Menschen⸗ schindereien abhalten.
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Unterhaltungs-CTeil.
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Der Gang zur Arbeit. von Moni Ruf.
viel müde Arbeitsmenschen seh' ich Die Wege kreuzen hastig, schnell
Und jeder einzelne beeilt sich Pünktlich zu sein zur Stell.
Die Frauen mit schlotternden Ceibern,
Die Männer trutzig und rauh, Sie alle nach Arbeit eilen,
Wie viel geweinte Tränen Seigen der Frauen Gesicht', Und welch verscheuchtes Grämen Mir draus entgegenspricht!
Der Männer trutziges Auge, Wenn's jung ist, blickt es noch kühn, wie balde beugen Sorgen
Und Arbeit den stolzen Hün.
Ihr Frauen im seid'nen Gewande Seht nicht der Schwestern Ceid, Nennt nicht die menschlichen Bande, Muß euch des Srevels zeihn!
Ihr Manner mit stolzem Nacken Dünkt euch so erhaben und hehr, Der Arme im einfachen Jacken
Hat Herz und Verstand oft vielmehr.
Der dumme Peter. Von Edmund Schröpel. Nachdruck verboten. (Schluß.)
Jahre vergingen. Auf Schloß Möllenburg hatte sich inzwischen vieles geändert. Komtesse Selma war an einen reichen und ebenbürtigen Gutsbesttzer verheiratet worden. Der Graf und die Gräfin verbrachten in den letzten Jahren auch die Wintermonate auf ihrem Schlosse, da die Gräfin seit längerer Zeit an einem Hals⸗ leiden erkrankt war und ihr Hausarzt ihr em⸗ pfahl, dauernd auf ihrem Landsttze zu verweilen. Das Uebel wurde immer ernster, so daß ihr der Arzt riet, einen hervorragenden Spezialisten für Halslrankheiten zu konsultieren. Auch Doktor Krüger, welcher seit der Zeit, als er sich Peter so warm und tatkräftig angenommen hatte, auf das Schloß nicht gekommen war, wurde berufen und um seinen Rat befragt. Er billigte ebenfalls den Vorschlag seines Kollegen. Der Professor wurde berufen und erklärte, es müsse eine Operation vorgenommen werden, die aber erst nach Reifung eines inneren Ge⸗ schwüres ausführbar sei. Als aber der Zeit⸗ punkt der Operation herangerückt war, traf eine Depesche des Professors auf dem Schloß ein, welche meldete, daß es ihm unmöglich set, die Operation persönlich auszuführen, da er er⸗ krankt sei und das Zimmer hüten müsse. Er sende aber setnen ersten Assistenten Doktor Schulze, dem man vertrauensvoll die Operation über⸗ tragen könnte.
Noch an demselben Tage langte der em⸗ pfohlene Arzt in Begleitung des Doktor Krüger, welchen der Graf ersucht hatte, Doktor Schulze auf die Bahnstation entgegenzufahren, auf dem Schlosse an. Der Graf und seine Tochter, eine Baronin Borkenfels, die an das Krankenlager ihrer Mutter geeilt war, warteten im Empfangs⸗ salon mit Ungeduld auf das Eintreffen der Aerzte.
Endlich hörten die Beiden den Wagen vor- fahren. Wenige Minuten nachher stürzte der alte Friedrich ganz verstört in den Salon.
Herr Graf— Herr Graf! Ss ist schreck⸗ lich— entsetzlich!“ rief dieser, die Hände ringend.
„Um Gottes willen, ist Mama tot?!“ schrie die junge Dame, von ihrem Sitze auffahrend.
355 Gott! Nein— aber er ist da!— Er der en
„Wer?“ frug ganz entsetzt die Baronin.
„Nun er, der dumme Peter! Er gab sich mir zu erkennen— was wird jetzt geschehen? — wenn ihn Frau Gräfin erkennen sollte—
Eine streng verweisende Handbewegung der Baronin brachte den verzweifelten Haushof⸗ meister zum Schweigen. Doktor Krüger und an dessen Seite der Assistent waren Friedrich auf dem Fuße gefolgt und so Zeugen der Szene gewesen.
„Ich habe die Ehre und das sagte Doktor Krüger vortretend, Tone, der große Genugtuung verriet, Herrschaften den Herrn Doktor Schulze, Assistenten des Herrn Professors Brandt— und meinen einstigen Schützling— vorzustellen.“ Hierbei wies er freudeblitzenden Auges auf den Ankömmling.
Es war ein hochernster, sehr sympathischer Mann in einem lichten Reiseanzuge; ruhig und
Vergnügen,“ mit einem „den
nausschmeißt, daß der alte Schädel
Frau Sorge ist gar so grau.
gemessen trat er vor, verbeugte sich vor dem
ersten
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