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Beilage zur Mitteldeutschen Sonntagz-Leitung.
Nr. 42.
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Der Schlachtengott.
In einem unserer Artikel machten wir neu⸗ lich die Bemerkung, daß der Krieg in Ostasten ebenso wie der Burenkrieg recht deutlich zu zeigen geeignet sei, wie weder Heiligenbilder und Priestersegen noch Beten und Bibellesen irgend etwas im Gange der Weltgeschichte ent⸗ scheiden könnten. Denselben Gedanken vertrat der bekannte Schriftsteller Heinrich Hart in der Berliner Zeitung„Der Tag“. Ihm entgegnete kürzlich der Frankfurter Militärgeistliche R. Falke, dessen„Paulus“ wir in vorletzter Nummer besprochen. Seine Ausführungen sind wieder so lehrreich, daß es sich der Mühe ver⸗ lohnt, darauf einzugehen. Die Hauptsache muß er natürlich angesichts der ganz klaren Sprache der Tatsachen zugeben. Den gläubigen Christen ist der Plan der Weltgeschichte letzten Endes genau ebenso ein ungelöstes Rätsel, wie jedem andern gewöhnlichen Sterblichen. Man kann nichts tun, als sich in die Schicksale fügen und für die unbekannte Zukunft wenigstens nach bestem Wissen und Gewissen arbeiten. So sieht Falke nun die Berechtigung der Militärkirche nur noch„in der höheren Absicht, der Armee jene Imponderabilien(d. h. nicht verstandesmäßig faßbaren Kräfte) zu erhalten, welche im Kriege für Tapferkeit und Todesmut die allergrößte Bedeutung haben, nämlich jenen schlichten, frommen Sinn zu pflegen und zu vertiefen, der den Mann befähigt, getrost sich in Gottes Willen zu ergeben und dem Tode mutig in das Angesicht zu sehen“. Wir wollen nichts dagegen sagen und auch den Opfermut der Fel dprediger, die im Kugelregen wirken, nicht herabsetzen. Aber das müssen wir betonen, was auch Falke nicht leugnen kann, daß der buddhistische Priester bei den Japanern seine Sache in der Hinstcht genau ebenso gut fertig bringt, wie der christliche bei den Russen und besser entschieden, als bet den Buren. Auch die Muhammedaner, die sich das Paradies noch deutlicher in den schönsten Furben ausmalen, stehen bekanntlich in Leistungen des Todesmutes nicht hinter den Christen zurück.
Ein solcher Vergleich führt offenbar zu einer äußerst niedrigen Einschätzung aller Unterschiede zwischen den verschiedensten kirchlichen Formen der Religion. Möchten die Theologen daraus die Lehre ziehen, nicht allzu selbstgewiß gerade immer die ihrige als alleinseligmachend für ewige Zeiten hinzustellen. Was ist s nun aber, was in dem religiösen Zuspruch auf dem blutigen Jammerfeld so wirksam ist, wenn nicht die dußeren Zeremonien? Zweierlei: Einmal der Glaube der unglücklichen Todeskandidaten an das Weiterleben oder die Erlösung von Leiden nach dem Tode. Wir gönnen diesen Trost all den bejammernswerten Opfern des
rauenhaft raffinierten Mass enmords von Herzen. Aber wären wir aus diesem Grunde allein nun schon verpflichtet, den Glauben an solches Weiter⸗ leben festzuhalten, auch wenn er unserem ehr⸗ lichen Nachdenken höchst zweifelhaft erscheint? Einbildungen haben in der Welt freilich schon oft Großartiges geleistet. Z. B. glaubte Kolum⸗ bus Indien viel zu nahe bei Europa, wagte es deshalb zu suchen und— fand Amerika. Die Alchimisten bildeten sich ein Gold, machen zu können und begründeten die Wissenschaft der Chemie, die wenigstens Fleischextrakt fabri⸗
Gießen, Sonntag, den 16. Oktober 1904.
sittliche Ziel. Tritt doch auch ein Geist wie der große Philosoph Kant mit seinem tiefen Gefühl für die sittlichen Pflichten und Rechte der menschlichen Persönlichkeit in seiner Schrift „Vom ewigen Frieden“ unbedingt für dieses ein. Was demgegenüber die christlichen, bud⸗ dhistischen und anderen Priester leisten ist nur Flickarbeit, ist nur ein wenig Trost für einen Jammer, den wir ganz aus der Welt zu ent⸗ fernen denken. Unser Ziel ist freilich nur ein Ideal, d. h. die Vorstellung eines heiß. ersehnten Zustandes, den wir von heute auf morgen noch nicht erreichen. Aber den Glau⸗ ben an dieses Ideal, die Arbeit für dieses Ziel, die soll uns niemand ausreden wollen. Solch ein Glauben ist mehr, als das Für⸗ wahrhalten von Paradiesmärchen, in ihm liegen die„tiefen Quellen der Frömmigkeit“, von denen R. Falke spricht, und solange unser Volk noch die Kraft haben wird, für solche Ideale zu arbeiten, zu leiden, Opfer zu bringen, solange wird's nicht verloren sein.
Das Zweite, was den Zuspruch des Geist⸗ lichen auf den Leichensaatfeldern des Krieges wirksam macht, ist die allgemeine mensch⸗ liche Teilnahme, die er damit beweist. Wer da in fürchterlicher Einsamkeit, fern von den Seinigen, fern von allem, was ihm lieb und teuer ist' in der Welt, unter gequälten Ver⸗ wundeten und Sterbenden oder gar bei stummen kalten Leichen im Blute liegt, der wird jeden Menschen, jeden letzten Boten des irdischen Lebens wie einen Engel betrachten, wobei ganz gleichgültig ist, ob ihm dieser noch rasch eine Kirchenzeremonie vormacht oder ihm vielleicht nur ein Freundeswort sagt, einen Gruß ab⸗ nimmt, die Hand reicht. Die se Wirkung darf der Geistliche nicht aber zu dem Guthaben irgend einer Kirche schreiben.
Zum Schluß noch zwei Kleinigkeiten. Falke schreibt:„Man muß in der Schlacht ge⸗ wesen sein, um die ungeheure beruhigende Macht des Christentums usw. schätzen zu können“. Wir möchten ihn darauf aufmerksam machen, daß dieser Ausdruck klingt, als hätte Falke selbst schon irgendwo ernsten Pulverdampf ge⸗ rochen. Da das durchaus nicht der Fall ist, wäre eine N Form besser am Platze gewesen. Er schreibt ferner:„Hinter dem Bier⸗ kisch lassen sich jene Dinge nicht so genau be⸗ urteilen, wie vor dem Feinde“.„Hinter dem Biertisch“ hat aber stcherlich ein so fleißiger und feinfühliger Schriftsteller wie Heinrich Hart seinen Aufsatz ebensowentg geschrieben, als etwa ich oder sonst irgend ein Tagesschriftsteller das tun kann. Wer von der Feder leben muß, hat für die materiellen Genüsse des irdischen Daseins im allgemeinen erheblich weniger Zeit und Mittel übrig, als etwa ein Pfarrer. Und über das Unglück, nicht direkt aus den Qualen der Schlachten herauszuschreiben, tröstet uns der Umstand, daß wir darin in Herrn Falke einen Leidensgefährten haben. K. Wbr.
Die Wahl der Arbeitervertreter zu den unteren Verwaltungsbehörden.
Das Zentralarbeitersekretariat schreibt: In nächster Zeit vollzieht sich ganz unmerk⸗ lich, fast unter Ausschluß der Oeffentlichkeit eine
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oder Altersrente entgegenzunehmen, Anträge auf Rentenbewilligung oder Entziehung der Invalidenrente zu begutachten und zu prüfen.
Die Bedeutung der Wahlen tritt aber noch mehr in den Vordergrund, wenn wir berück⸗ sichtigen, daß die Beisitzer bei den unteren Verwaltungsbehörden den Wahlkörper für die Wahlen der Vertreter zum Ausschuß der Landes⸗ versicherungsanstalt bilden. Der Auzschuß der Landesversicherungsanstalt wählt sodann die Vertreter zum Vorstand der Landesversicherungs⸗ anstalt, die Beisitzer zu den Schiedsgerichten fur Arbeiterversicherung, sowie die Arbeiter⸗ vertreter, die von den Berufsgenossenschaften bei Erlaß der Unfallverhütungsvorschriften hin ⸗ zugezogen werden; und endlich wählen die Beisttzer der Schiedsgerichte die nichtständigen Mitglieder zu den Landesversicherungsämtern und dem Reichsverstcherungsamt.
Es kommen bei diesen Wahlen 1406 untere Verwaltungsbezirke mit 6190 Arbeiterbeisttzern in Betracht.
Die Wahl der Beisttzer vollzieht sich nun
in einem sehr komplizierten und sonderbaren
Verfahren. Das Wahlrecht üben die Vorstände der Krankenkassen aus, und zwar ist hierbei folgendes zu beachten:
Die Beisitzer zu den unteren Verwaltungs- behörden werden von den Vorständen der im Bezirk der unteren Verwaltungsbehör de vorhandenen Orts-, Betriebs, Fabrik⸗, Bau⸗ und Innungskrankenkassen, Knappschaftskassen usw., sowie von Vorständen der freien Hilfs⸗ kassen(aber nur der lokalen, nicht der zentra⸗ listerten) gewählt.
Das Stimmenverhältnis bei der Wahl wird entsprechend der Mitgliederzahl der Kranken⸗ kasse, für die der Vorstand wählt, berechnet.
Um nun unnötige Zersplitterungen bei der Wahl zu vermeiden, wird es notwendig sein, daß sich die Gewerkschaften oder Gewerk⸗ schaftskartelle im Bezirk der unteren Ver⸗ waltungsbehörde mit den Vorständen dee Krankenkassen über die gemeinsame Aufstellung von Kandidaten verständtgen. N
Was die Wählbarkeit der Vertreter an⸗ betrifft, so bestimmt darüber das Gesetz, daß die Hälfte der Arbeitervertreter am Sitz der unteren Verwaltungsbehörde oder nicht in einer Entfernung über 10 Kilometer wohnen dürfen. Es kommt also nicht die Arbeitsstätte des auf⸗ zustellenden Kandidaten in Betracht, sondern der Wohnort. Die Kandidaten dürfen nicht dem Vorstand der Landesversicherungsanstalt oder einem Schiedsgericht für Arbeiterversiche⸗ rung angehören. 2
Wählbar sind nur deutsche, männliche über 21 Jahre alte Personen; nicht wählbar, welche zum Amt eines Schöffen unfähig sind.
Was den Wahltermin anbetrifft, so it dieser kein einheitlicher für das Reich. Die Wahl⸗ verordnungen für Preußen bestimmen, daß die Wahl vom 1. Oktober bis 15. November statt⸗ zufinden hat. Im Großherzogtum Hessen be⸗ ginnen die Wahlen am 1. November d. J. Zu beachten ist, daß die Wahlen nicht an einem Tage stattfinden, sondern sich über einen Zeit⸗ raum von 4 bis 6 Wochen ausdehnen.
Unsere Arbeiterorganisationen haben die Verpflichtung, alles daran zu setzen, um eine Arbeitervertretung zu schaffen, die den invaliden und hilfsbedürftigen Arbeitern helfend zur Seite
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1580. iert. Die Astrologen glaubten das Menschen⸗ höchst wichtige Wahl im Rahmen unserer Ver⸗ 1 schcsal aus den Sternen lesen zu können und sicherungsgesetze. Am Schluß des Jahres ist steht. der“— entdeckten die Geschichte der Planeten⸗ die 5jährige Wahlperiode der Beisitzer zu den n füt bewegung. So kann 410 der Gigete an 10 99110 e e Neu B und Von Nah und Lern. aradies manche Menschen zu den größten erfolgen nunmehr die Neuwahlen. 8 5 l ö 1 fähig machen und doch eine Einbildung Die Beisitzer zu den unteren Verwaltungs⸗ aus dem Nreise Dillenburg-Jerborn. sein, die aber immer einmal zerstört werden behörden werden zu gleichen Teilen aus dem 5 r. 13 225 3 den. In Hachen⸗ 2 muß. Denn das ehrliche Suchen nach der Kreise der Arbeiter und Unternehmer gewählt.] Jubab 3 117 2185 N 5 e Wahrheit geht über alles, auch über alle] Die Funktionen dieser Vertreter bei den unteren 1 ae buch Heimarbeiter herstelen 8 Kirchenlehren. Freilich wird mit der Zer⸗ Verwaltungsbehbörden sind für die Arbeiter von Fabritant zahlte aber den Heimarbeitern ihren kärg⸗ r störung dieses schönen Wahnes das Menschen⸗ nicht unerheblicher Bedeutung. Die untere lichen Lohn nicht bar in Reschsmünze aus, wie das ner geschlecht viel von der Neigung zu den entsetz⸗ Verwaltungsbehörde bildet in dem Verfahren die Gewerbeordnung vorschreibt, sondern die Arbeiter lichen Massenabschlachtungen verlieren. Aber zur Erlangung einer Invaliden- oder Alters- erhielten Gut scheine in der Höhe ihres jeweiligen „ wäre das ein Schade? Ich glaube, das ist so⸗ rente die erste vorbereitende Instanz, sie hat] Verdienstes die sie dann dei bestimmten Krämern um⸗ 15 gar das höhere Ideal, das ist das eigentlich! die Anträge auf Bewilligung einer Invaliden wechseln mußten, wobei sie natürlich auch Waren ent⸗ a 1 1 2„
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