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Nr. 47.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeilung.

Seile 7.

die Gendarmen mit jenem Gesichtsausdrucke an, der bei erstaunten Haustieren sprichwörtlich geworden ist.

Die Federbüsche verschwanden in dem Hause am Waldrande. Bald darauf schritten sie den Dorfweg wieder hinunter; in ihrer Mitte der Hände mit erdfahlem Gesichte und gebundenen

änden.

Der gräfliche Waldbesitzer ließ ein Exempel statuteren. Als der Müller nach Wochen zurück⸗ kehrte, lachte er nicht mehr. Aber er trank desto mehr; er war bald der einzige Gast in seiner einsamen Schenke. Als die Herbstnebel und die trostlose Novemberzeit einbrachen, verlor er den Verstand. Er schnitt seinen Kindern im Schlafe die Kehle durch und steckte sein Haus in Brand. Dann rannte er mit ver⸗ glasten Augen das Dorf hinab.

Am andern Morgen lag er im Bache, mit dem Gesicht nach unten, tod und starr.

DasArmenhaus gehörte der Dorfgemeinde. Sie genoß diesen Besitz durch die Lasten, die es verursachte. Seine Bestimmung stand ihm an der Stirne geschrieben; ein Gürtel von Unrat umgab es nach allen Seiten. Selbst die in keiner Hinsicht verwöhnten Arbeiterjungen gingen ihm scheu aus Wege.

Zur Zeit hatte es nur einen Bewohner: denZimmermann⸗Engel. Das war ein alter Invalide mit einem Stelzfuße und einem Sol datenrocke, der nur an jener Stelle das ursprüngliche Tuch zeigte, wo die zwei Medaillen befestigt waren, die der gnädige Landesfürst, der im Städtchen das Gericht unterhielt, für das zerschossene Bein gespendet hatte. Denn es muß leider berichtet werden, daß der alte Kauz den weichen Pfuhl der Lehmgruben nicht selten dem unreinen und mannigfach bevölkerten Strohlager vorzog, das ihn in seiner freudlosen Behausung erwartete. Außer seiner Brannt⸗ weinflasche liebte derZimmermann ⸗Engel nichts so sehr als jene Medaillen.

Ihn aber liebte Niemand.

Die Dorfhunde bellten ihn an; die Jungen, welche die Eskimohütten bauten, verhöhnten ihn und jubelten, wenn er mit dem Stocke drohte.

Auch imArmenhause lohte eine Flamme auf, mitten im Winter.

Es war ein mäßiges Feuer, das den Schnee im Umkreise ein wenig schmolz; aber es reichte gerade aus, den alten Säufer, der das Unglück offenbar im Trunke angerichtet hatte, ins Jenseits zu befördern. Die Kanonen der Schlachten irgend einesFreiheits⸗Krieges hatten ihn verschont, weil ihm das Schicksal ein anderes Ende zugedacht. Kein Dichter saug dem Helden einen Nachruf; das Dorf verwünschte sein Andenken.

DerBauernhof war das Eigentum eines Spekulanten, dem die Luft des im Niedergange begriffenen Dorfes längst nicht geheuer war.

In jener Zeit erfanden die Menschen die Assekuranzen, und der Schlaue hatte die neue Einrichtung sogleich begriffen. Er war der Erste, den derAgent in sein Register schrieb, und der Erste, dem jene Gesellschaft die Ent⸗ schädigungssumme für das ausgebrannte Ge höft auszahlte, das in einer warmen Sommer⸗ nacht auf so unerklärliche Weise ein Raub der Flammen geworden.

So hatte das Dorf neben zweihundert⸗ fünfzig Häusern noch drei Brandplätze. Es fand sich kein baulustiger Käufer.

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Bald wuchs Gras auf den Stellen, wo das Zwillingskinderpaar gespielt, derZinmermann⸗ Engel getrunken und der Assekuranzbauer spekultert hatte.

(Fortsetzung folgt.)

Allerlei. Pfarrer und Sozialdemokrat.

Zwischen dem sozialdemokratischen Agitations⸗ komitee in Poll(Rheinland) und dem dortigen Ortspfarrer fand nach unserm Kölner Parteiorgan folgender originelle Briefwechsel statt. Unsere Parteifreunde in Poll hatten dem Ortspfarrer folgendes sehr höfliche Schreiben zugehen lassen:

Geehrter Herr Pfarrer!

Unterzeichneter erlaubt sich hiermit, Sie höflichst im Namen des Agitationskomitees zu der am Sonntag stattfindenden öffentlichen Volksversammlung ein⸗ zuladen; in dieser Bersammlung wird Herr Dr. Lauffen⸗ berg(Düsseldorf) über das Thema referieren:Kann ein Katholit Sozialdemokrat sein? Da dieser Vortrag Sie sehr interessteren wird, so erwarten wir Ihr be⸗ stimmt es Erscheinen und sichern Ihnen im voraus die vollste Redefreiheit zu, um die Ausführungen des Referenten zu widerlegen. Sollten Sie wider Erwarten nicht in der Versammlung erscheinen, so nehmen wir an, daß Sie mit den Ausführungen des Referenten einver⸗ standen sind.

Mit vorzüglicher Hochachtung: Das Agitations⸗ komitee. J. A.: Jakob... Vertrauensmann.

Der Pfarrer hat darauf wie folgt geant⸗ wortet:

Lieber Jakob!

Die in Deinem Briefe aufgeworfene Frage, ob ein Katholik auch Sozialdemokrat sein kann, ist für mich längst gelöst. Seitdem Du und andere Pfarrkinder unter die Sozialdemokraten gegangen seid, habt ihr Euch vom kirchlichen(Leben) Gottesdienste an den Sonntagen gänzlich zurückgezogen, keine Ostern mehr gehalten usw. Und das sind jetzt schon viele Jahre! Wie die Sozialdemokratie auf das klatholische Glaubensleben wirkt, ist also bekannt, und daran wird auch die Rede des Herrn Dr. Lauffenberg nichts ändern.An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen. Da aber eine Ehre die andere wert ist, lade ich Dich mit samt dem Agita⸗ tlonskomitee wieder zur Kirchs ein, und besonders zur Mission, die in hiesiger Kirche um Weihnachten beginnen wird. Dein alter Pfarrer.

Ein zweites Schreiben unserer Parteifreunde deckte den hochwürdigen Herrn und seingleiches Recht für alle wie folgt zu:

Lieber Alex!

Da eine Ehre die andere wert ist, so sind wir gerne bereit zu der Mission zu erscheinen, falls uns in gleicher Weise Redefreiheit zugebilligt wird, wie sie Dir für unsere Versammlung versprochen worden ist. Dieser schriftlichen Zusicherung sehen wir entgegen. In alter Liebe Dein Jakob

Hierauf hat der Herr Pfarrer merkwürdiger⸗ weise nicht mehr geantwortet.

Moralische Erzählungen.

Es waren einmal zwei Leutnants. Die hießen Fridolin und Robert, woraus man schon erkennt, wie verschieden sie von Charakter waren. Die beiden bandelten, jung, wie sie waren, Verhältnisse mit hübschen Mädchen an, welche Verhältnisse beiderseits den Storch zur Folge hatten. Jetzt aber, als die zwei Mädchen mit den ganz kleinen Kindern dasaßen und weinten, offenbarte sich so recht der moralische Unterschied zwischen Fridolin und Robert. Der erste sagte zu seinem Verhältnis:Liebe Marie, da kann man nichts machen. Die Standesehre

verbietet mir, dich zu heiraten, darum höre auf zu weinen, ich bezahle dir monatlich 10 Mark Alimente!

Anders der plebejisch gefinnte Robert: Er kam um den Heiratskonsens ein, und als man ihm diesen verweigert hatte, nahm er seinen Abschied und heiratete die Gefallene. Er wurde bitter für seinen Mangel an moralischer Kraft

bestraft, denn heute bringt er sich mühsam als

Journalist durchs Leben, während der edle Fridolin vom Himmel mit einer reichen Braut gesegnet und persönlicher Adjutant des Prinzen Hugibert von Schuurr⸗Pfifflingen wurde, wes⸗ halb er jetzt schon so viele Orden hat, wie ein Hoftheaterintendant.

Wer ängstlich ist in Nebendingen,

Wird's niemals zu was Rechtem bringen.

(Aus der Sittlichkeits⸗Nummer derJugend.)

Litterarisches.

Der Königsberger Hochverrats⸗Prozeß beginnt soeben im Verlage der Buchhandlung Vorwärts zu erscheinen. Das erste Heft dieses auf 11 Lieferungen à 20 Pfennig berechneten Werkes liegt bereits vor. Der Prozeß ist mit Einleitung und Erläuterungen von Kurt Etsner herausgegeben. Der Herausgeber hat sich nicht beschränkt auf die Wiedergabe der bekannten Gerichtsverhandlung, sondern er schildert in historischer Folge die ganze Entwicklung, die diese neue Epoche des Russenkurses genommen hat. Das Studium der Akten hat reiches Material zutage gefördert, das die amtlichen Inszenterungskünste in einem neuen Licht erscheinen läßt und zeigt, welche Zustände der Rechtsunsicherheit sich unter dem Deckmantel eines ge⸗ heimen Vorverfahrens entwickeln dürfen. Der Bericht selbst gibt die Verhandlungen des Prozesses in seinem vollen Umfange authentisch wieder; auch ist das gesamte im Prozeß vorgebrachte Material aus russtschen revolu⸗ tionären Flugschriften abgedruckt. Das Buch enthält außerdem eine größere Anzahl Illustrattonen: das be⸗ rühmte Bild von seltener Scheußlichkeit, russische Kriegs⸗ und Siegesbilder, an Ort und Stelle aufgenommene Photographien vom Schauplatz des Schriftenschmuggels.

Humoristisches.

Althergebrachte Einrichtung. Unter einer Anzahl Anekdoten über nossauischen Dorfhumor erzählt H. Haubold in derFrkftr. Ztg. auch die folgende:

Einer Bäuerin, der Besitzerin eines kleinen Gehöfts in dem Dorfe K., war vom Bürgermeister ein Straf⸗ mandat zugegangen, weil sie alter Gewohnheit gemäß die Abwässer und Jauche von ihrem Grundstücke quer über die Dorfstraße in einen Bach hatte laufen lassen. der jenseits des Weges an ihrem Hause vorbeifloß Zugleich war ihr bedeutet worden, daß sie die Abwässer in eine auf der hinteren Seite des Hofes befindliche Grube leiten müsse.

Die Frau erhob Einspruch, und so kam die Sache vor das Gericht. Der Amtsrichter war ein freund⸗ licher Mann und ließ sich von der Frau in weitschweifiger Rede geduldig erzählen, daß der gegenwärtige Zustand schon uralt sei, daß es schon zu Zeiten ihres Groß⸗ vaters und Vaters so gewesen wäre, und daß sie selbst das Grundstück schon dreißig Jahre im Besitze habe und, so schloß die tapfere Frau ihre Verteidigungsrede: Herr Amtsrichter, dreißig Johr hunn eichs nu vorrne raus laafe losse un nu soll eichs uff eimol hinne raus laafe losse?... Na, Herr Amtsrichter, des konn eich nit! 5

Die Wirkung dieser Worte war die, daß das gesamte

Gericht für einige Minuten seine Würde vergaß und der Amtsrichter, der sich vor Lachen kaum beruhigen konnte, das Recht der Bäuerin als ein wohlerworbenes aner⸗ kannte und einen Freispruch fällte.

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