Ausgabe 
11.12.1904
 
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Beilage zur Mitteldeutschen Sonntags-Teitung. Ar. 50. Gießen, Sonntag, den 11. Dezember 1904. 11. Jahrg.

Heisch und Mammon.

Fleisc undMammon, das sind die Namen, mit denen die Bibel die beiden Haupt⸗ nährböden der Sünde bezeichnet. Wie steht das Christentum heute zu ihnen?

Aber seien wir genau: Das Christentum, d. h. die unsichtbare rein geistige vorbildliche Wirkung der Persönlichkeit Christi im Kampf gegen diese Feinde, die kann ja natürlich ihre Richtung gar nicht ändern. Sie wirkt in uns mit demselben leidenschaftlichen Feuer, wie sie n nach Christus in allen großen Herzen

rkte.

Wie aber stehenKirche undTheologen von heute zu diesen beiden Dingen? Sind sie ihnen gegenüber wirklich die vollsten und besten Verkörperer desChristentums? Müssen wir, wenn wir das letztere hoch schätzen und bewundern, dieselben Gefühle auch gleich auf erstere übertragen?

Neulich hatte das bekannte Münchener Witz⸗ blatt, der Simplizissimus, die protestantischen Theologen bös mitgenommen. Da mußte auch dasFleisch herhalten. Aber mit Unrecht! Denn darin gerade kann man unsern Geist⸗ lichen das Wenigste nachsagen. Ihr Familien⸗ leben pflegt ein gesundes und schönes zu sein und es ist gewiß kein Zufall, daß eine große Zahl unserer bedeutendsten Köpfe(Herder, Lessing u. a.) aus Pfarrhäusern hervorgegangen sind. Daß sich die Geistlichkeit in diesem Punkte daher etwas feinfühlig zeigte, ist nur ein gutes Zeichen.

Wie aber steht's mit dem anderen Punkte, mit dem Kampf gegen den Mammons⸗ geist gegen die lediglich vom Gel derwerbtrieb beherrschte den Mitmenschen aeg brutale (sog.schneidige) Gesinnung? Wie stehen ste demgesunden Egoismus und derAlmosen⸗ theorie gegenüber, die imgoldenen Buch so köstlichnaiv als Unternehmermoral sich zu erkennen gibt?

Hier ist's, wo der große Gegensatz von kirchlich konservativer und modern sozialer Weltanschauung zu Tage tritt. Aus ihm nur darf man unsere Feindschaft oder mindestens doch unser Mißtrauen gegen die Kirche und die große Mehrzahl ihrer Vertreter erklären, wenn man uns gerecht werden will. Nicht um per⸗ sönlichen Haß handelt es sich dabei, auch nicht um Haß oder Geringschätzung der Per⸗ sönlichkeit Christi oder seiner Lehre und ihrer Kulturbedeutung. Es ist ein rein sach⸗ licher Haß gegen das, was wir für Un⸗ gerechtigkeiten halten, ein Haß, der seine leuchtende und wärmende Kehrseite hat in dem begeisterten und opferfreudigen Glauben an eine bessere Zukunft, wenn nicht für uns selbst mehr, so mindestens für unsere Kinder und Kindeskinder.

Wenn wir es für möglich hielten, konser⸗ vative Geistliche auf andere Gedanken zu bringen, so müßten wir natülich an dieser Stelle die soziale Frage aufrollen. Aber das ist unsere Aufgabe nicht. Ste haben jaMoses und die Propheten, will sagen die Bücher der National⸗ zkonomie so gut wie wir. Wenn es ihnen ernst ist um dieRächstenliebe so werden sie ja nicht anders können, als diese Werke ein wentg ansehen. Es kam uns kürzlich ein Schriftchen von Prof. Sombart in die Hand, worin er die Nationalökonomie als die Zentral- wissenschaft unserer Zeit bezeichnete und gerade auch den Geistlichen besonders an's Herz legt. Der Mann hat recht. Aehnlich wie es der große Gedanken der Reformationszeit war, daß jeder einzelne seinem Gott gegenüber nur auf das eigene Gewissen gestellt werden dürfe, so ist es der große unsere Zeit beherrschende Gedanke: Daß nur solidarisches Vor⸗ gehen der Menschheit zum Siege über allgemeine Notstände führen könne: Das ist der soztale Gedanke. Einzelhilfe und Einzeltrost ist ohn⸗ mächtig gegenüber Mißständen, die in der Ge⸗

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sellschaftsordnung von heute liegen. Von diesen entscheidenden Kulturfragen aber sind gar manche der frommen Herren recht ungenügend unterrichtet. So wird man auch auf dem Lande gewiß viel mehr Pfarrer finden, die sich auf die Bienenzucht verstehen, als solche, die einmal ein Buch wie KatzLandarbeiter in Oberhessen oder Herknerdie Arbeiter⸗ frage gelesen hätten. Und solche, die auf das sittlich gefährliche Unterbringen von Knechten und Mägden oder ähnliche Mißstände auf dem Lande die großen Grundbesitzer einmal direkt aufmerksam zu machen wagten, ach diese Mutigen sind sehr, sehr dünn gesät. Von gar zu vielen gilt das GedichtGesegnete Mahl⸗ zeit von Theodor Storm, das mit der Strophe schließt:

Die Geistlichkeit, die Weltlichkeit,

Wie sie so ganz verstehen sich!

Ich glaube, Gott verzeihe mir,

Sie lieben sich herzinniglich.

Ein Mann, wie der Schweizer Pfarrer Kutter, dessen Buch unser Blatt ja auch kürzlich besprach, der ein rückhaltloses, ent⸗ schiedenes, hingebendes Eintreten für die sozial Unterdrückten fordert, wäre wohl bei uns in Preußen⸗Deutschland bald zum Märtyrer seiner Gesinnung gemacht.

Diese Stumpfheit des Gefühls gegenüber den sozialen Fragen, diese Enge der Beurteilung vom gegebenen Augenblick aus, das ist es, was einen an unsern amtlichen Christusnachfolgern so reizen kann oder sie verächtlich scheinen läßt. Wenn sie Mäßigkeit in allen irdischen vor allem geschlechtlichen Freuden pflegen und predigen, so bilden ste sich bereits ein, derSittlichkeit gewaltige Dienste geleistet zu haben. Sie ver⸗ gessen dabei zu oft, daß das als Forderung eines nur auf seine Gesundheit bedachten Egois⸗ mus mindestens eben so wirksam sich hinstellen läßt, wie als göttliches Gebot.

Mit dem Gebot der Nächstenliebe dagegen wird's ganz entschieden bei sehr vielen von ihnen zu leicht genommen, sei es aus(bei studierten Leuten wahrhaftig nicht sehr entschuldbarer), Unkenntnis der sozialen Dinge, sei es aus Mangel an tiefer Empfindung. Und hier ist auch die Stelle, wo der Glaube an dasewige Leben so leicht eine verhängnisvolle Rolle spielt, indem er das Mitgefühl mit dem Nächsten und die Mitarbeitssust bei der Fortbildung der menschlichen Einrichtungen abstumpft. Je mehr einer den Schwerpunkt seiner Weltanschauung in das Jenseits verlegt, umso untauglicher und

leichgültiger wird er für die Aufgaben dieser Welt. Hat es doch dieser gefährliche Glaube zeitweise fertig gebracht, die Nächstenliebe ge⸗ radezu in ihr Gegenteil zu verkehren: Die Ketzer wurden verbrannt, um sie für die jen⸗ seitige Seligkeit zu retten. Und so sieht auch der Theologe von heute das Blut eines ge⸗ richteten Verbrechers spritzen und beruhigt alle Stimmen der Menschlichkeit in sich selbst und andern mit dem Hinweis auf das Jenseits. Welch ungeheuer praktisches und vereinfachtes Verfahren zur Lösung auch der denkbar schwie rigsten Probleme.

Schon Herder hat diese Kehrseite des Jenseitsglaubens richtig erkannt. Er schreibt darüber in seinen schönenBriefen zur Beför⸗ derung der Humanität(d. h. edler Mensch⸗ lichkeit) im 25.:

Das Ziel ausschließlich jenseits des Grabes setzen, ist dem Menschengeschlecht nicht förderlich, sondern schädlich. Dort kann nur wachsen, was hier gepflanzt ist, und einem Menschen sein hiestges Dasein rauben, um ihn mit einem andern außer unsrer Welt zu belohnen, heißt den Menschen um seln Dasein betrügen. Ja, dem ganzen menschlichen Geschlecht, das also verführt wird, seinen Endpunkt der Wir⸗ kung verrücken, helßt ihm den Stachel seiner Wirksamkeit aus der Hand drehn und es im Schwindel erhalten. Je reiner eine Religion

war, desto mehr mußte und wollte ste die Humanität befördern. Das ist der Prüf⸗ stein selbst der Mythologie der verschiedenen Religionen. Die Religion Christt, die er selbst hatte, lehrte und übte, war die Humanität selbst. Nichts anderes als sie, sie aber auch im wettesten Inbegriff, in der reinsten Quelle, in der wirksamsten Anwendung. Christus kannte für sich keinen edleren Namen, als daß er sich Menschen sohn, d. i. einen Menschen nannte.

Humanität, edle Menschlichkeit, dia s ist das Ideal aller der Großen, die, ob mit oder ohne Christennamen und Jenseitsglauben, vor Christi Zeiten nicht minder hingebend wie nach ihm, am lebendigen Kleide der Menschheit mit gewirkt haben. Es ist auch das unsre. Es gilt hin⸗ zustreben auf eine möglichst gerechte Gesell⸗ schaftsordnung, die jeder menschlichen Persönlich⸗ keit Gelegenheit zur Entfaltung aller in sich gelegten guten Keime und Früchte bietet. Wann und wie dies Ziel erreicht werden wird, wer will es sagen? Das aber ist gewiß: Wo wir es mit schreienden Ungerechtigkeiten in unsern Tagen zu tun bekommen, da ist jeder Eifer und Zorn, da ist jede Art des Kampfes gerecht und gut. Von der heutigen Gesellschaftsordnung gilt leider in vieler Beziehung noch das Goethe⸗ sche Wort:

Ihr laßt den Armen schuldig werden, Dann überlaßt Ihr ihn der Pein.

Man kümmert sich um die Existenzverhält⸗ nisse der niederen Klasse nur so obenher, nach⸗ her wundert man sich über ihreRoheit. Fast, wie man's in der Reformationszeit mit den Bauern machte. Erst behandelte man ste nach der Melodie:

Der Bauer ist sozusagen ein Vieh

Nur daß ihm die Natur keine Hörner verlieh.

Nachher war man dann stttlich höchst empört, als er sich wirklich etwasviehisch gegen seine Peiniger benahm.

Heilig gesprochen zu werden verdient auch der heutige Staat wahrhaftig noch nicht. Noch uuf hat er Schillers 4 5 Mahnung nicht erfüllt:

Es ist die große Sache aller Throne

Und Staaten, daß geschah, was rechtens ist.

Auf dem steilen Wege zur Gerechtigkeit steht uns der Mammonsgeist entgegen, jeden Fuß breit läßt er nur in 1 Kampfe sich entreißen, die widersinnsgsten Vorrechte hält er in blutgterigen Krallen fest, solange er kann, Phrase ist ihm jeder Appell an sein Gewissen, Phrase ist ihm jede glaubensfrohe Verkündigung ee Nichts ist ihm heilig als sein Geschäft.

Und ihr, christliche Geistliche? Auf wessen Seite steht ihr in diesem Kampfe? Wollt ahr uns helfen? Wollt ihr wieder, wie die Apostel einst, alle Menschenfurcht von euch tun? Den Thronen und den Geldsäcken ebenso offen und eifrig die strengen christlichen Grundsätze predigen, wie ihr ste etwa einem gefallenen armen Mädchen oder einem hungrigen Diebe vorzuhalten pflegt? Beweist euer Christentum durch Opfer und Taten, und ihr werdet wieder die Führer des christlichen Gedankens sein, eure Kirchen werden wieder voll werden, vertrauensvoll werden die Massen wieder zu euch kommen, wie ste zu Luther kamen, wie sie zu Christus gekommen sind.

Wie? Oder soll unser Appell ins Leere verhallen? Ihr wollt eure einsameren Pfade durch ein ruhiges Erdenleben zu einem seltgen Jenseits ungestört weiterziehen wie bisher?

Nun, so geht! Wir aber wissen, warum wir euch nicht folgen. Wir wollen weiter kämpfen! Speremus atque agamus schreibt Herder unter den Brief, den wir oben z. T. angeführt haben, zu deutsch: Laßt uns handeln und hoffen! Und ein tiefer englischer Denker, Carlyle, der leider auch zu denen gehöst, die bei unsern Gebildeten mehr gelobt als ge⸗ lesen werden, sagt:

Arbeiten und nicht verzweifeln.

K. Wbr.