Nr. 27.
Mitteldentsche Sonutags⸗Zeitung.
Seite 7.
rief er und trotz seiner Willenskraft entrangen sich ihm noch die Worte:„Nicht das!“ Dann war der Mann wieder Herr seiner selbst und es herrschte Schweigen.
Dicht neben ihm lag ein deutschsprechender Russe, dem durch die Schulter und den Kopf geschossen war. Was hatte ihn aus seiner polnischen und litauischen Heimat hierherge⸗ bracht? Sein Geist wanderte zurück; der Ver⸗ wundete sah wohl den Rauch, der kräuselnd aus seiner kleinen Hütte aufstieg und er dachte wohl der Frau, die in der Nacht für ihn betete und auf seine Rückkehr wartete.„Meine Liebe!“ stöhnte er. Seine Stimme erstarb zu einem murmelnden Gebet. Dann schreckte er empor und suchte sich zu erheben.„Wasser, Wasser!“ ächzte er heiser und kaum hörbar. Ein japanischer Soldat lief, um ein Zinn⸗ kännchen zu füllen, ein Irländer neben mir hob dem Manne, sanft wie eine Frau, den Kopf, das Wasser kam, der Russe krank und der Schmerz ließ nach...“ Sind diejenigen nicht geradezu Leuflische Verbrecher, welche für diese grauenvollen Schlächtereien die Verant⸗
wortung tragen? eee e „ Unterhaltungs.-Ceil. —
Auf der Wanderschast. Erzählung von Robert Schweichel, 6(Fortsetzung) IV.
Hold und rosig gleich der Morgenröte, so erschien Hans, keinen reichen Bilderschatz verfügte, Fräulein Irma Schäfer, als sie bald nach ihm aus dem Hause trat. Die Sonne, die schon seit einigen Stunden am Horizont heraufgekommen war, lauchte die schlanke, barhäuptige Gestalt, den feinen Kopf mit der Fülle dunkelbraunen Haa⸗ res in ihren Glanz. Hans eilte ihr froh ent⸗ gegen und sie gab ihm mit einem Lächeln, das eine eigentümliche Beimischung hatte, die Hand. Ihr weiblicher Blick hatte sofort erkannt, daß er an sein wollenes Hemd einen weißen Kragen und Kravatte geknöpft und auch die Manschetten aus seiner Reisetasche hervorgeholt hatte.
„Welch' ein herrlicher Morgen!“ rief er. „Freilich noch etwas frisch, aber um so besser wird es sich wandern. Ihre Freundin hat die Nachtruhe hoffentlich vollkommen wieder her⸗ gestellt?“
Fräulein Irma fürchtete, daß dieses nicht der Fall sei. Ihre Freundin hätte eine schlechte Nacht gehabt und sei erst bei Tagesanbruch eingeschlafen. Um ste nicht aufzuwecken, hätte ste selbst sich ganz leise aus dem Zimmer ge⸗ schlichen.„Wir müssen abwarten, wie ste sich beim Erwachen fühlen wird,“ fuhr sie fort. „Im Notfall müssen wir die Eisenbahn von Suderode nach Alexisbad benutzen. Ich habe bereits den Eisenbahnfahrplan, der im Gast⸗ zimmer hängt, studiert.“
Hans machte ein betroffenes Gesicht.„So bald schon soll ich Sie wieder verlieren?“
„Lassen Sie uns ein wenig auf und ab gehen. Zum Sitzen ist es noch zu frisch. Es ist ja noch fraglich, ob wir fahren müssen. Und dann, Sie kennen wohl das Sprüchlein:
Finden muß ein Scheiden geben, Ewig Sterben ist das Leben!“ „Und mit dieser Kirchhofs⸗Philosophie soll
ich mich zufrieden geben?“ fragte er mit leb⸗
haftem Unmut.„Ich bin eine Kampfnatur, Feinde ringsum, umso besser. Sie glauben lad nicht, was mir der gestrige Tag war. Und jetzt soll das Alles plötzlich ausgelöscht sein?“
Sie errötete, aber sie schwieg.
Er kaute an seinem Schnurrbart.„Wie lange gedenken Sie in Alexisbad zu bleiben“ fragte er, den Kopf aufwerfend.
„Die Badekur meiner Freundin wird vier
Wochen in Anspruch nehmen. Blutarmut und
dessen Einbildungskraft über
infolge dessen Nervenschwäche. Dann kehren wir nach Hause, nach Berlin zurück.“
„In den Schoß der geehrten Familie,“ bemerkte er bitter. a
Sie lächelte.„Mir lebt nur noch mein Mütterchen, und Julie lebt bei uns in Pension.“
„Ich will Ihnen einen Vorschlag machen,“ rief er, wie von einer glücklichen Idee erfaßt. z Sie lassen Ihre Freundin mit der Bahn nach Alexisbad fahren, und wir Beide wandern dann über die Viktorshöhe dahin.“
Sie sah ihn mit großen Augen an und lachte dann laut und heiter auf.„Nein, das geht denn doch nicht“, sagte sie darauf.„Nein, bitte, legen Sie Ihre Stirn nicht in so düstere Falten! Den Kämpfern für die Umgestaltung I. Gesellschaft schaue ich mit der wärmsten
eilnahme zu und wünsche ihnen von ganzem Herzen den Sieg, der ja auch uns arme Frauen frei machen wird. Aber ich bin eben keine Kampfnatur wie Sie.“
Er versenkte den Blick tiefer und tiefer in ihre Augen und seine Stirn glättete sich. Dann ergriff er ihre Rechte und schüttelte sie kräftig.
„Der gestrige Tag wird auch mir unver⸗ getlich bleiben,“ begaun sie ein wenig verwirrt. „Ich dachte noch, als ich mich schon hingelegt hatte, an Ihre Aeußerungen auf der Wander⸗ schaft, da hörte ich Sie auflachen. Es klang fast unheimlich. Was hatten Sie?“
„O, ich lachte nur über mich selbst,“ er⸗ widerte er leichthin, und als sie ihn darob un⸗ gläubig ansah, so fügte er hinzu:„Ich dachte an die Tiefe, aus der ich mühsam heraufgekommen, mit einem Wort: an meine elende Kinderzeit.“
„Und darf ich sie kennen lernen?“ fragte sie mit sanftem Blick und Ton.
„O, es lohnt wahrlich nicht, den herrlichen Morgen zu verderben,“ meinte er achselzuckend. „Dennoch! Vor Ihnen könnte und möchte ich nichts verschließen. So hören Sie denn!“
Er zog sie zu einem Sitze, wo die lachende Ebene vor ihnen lag. Aber als er beginnen wollte, erscholl in dem Gehölz zu ihrer Rech⸗ ten, aus dem der nächste Weg von Suderode vor dem Gasthause mündete, ein Chorgesang von männlichen und weiblichen Stimmen. Er kam näher und näher, ein jubelndes Hurra mischte sich hinein, verschlang ihn, und ein Zug von Männern, Frauen und Kindern, alle mit vaubkränzen geschmückt, strömte auf den reien Platz vor dem Gasthause. Es waren
rbeiter aus Quedlinburg mit ihren Frauen, Kindern und Mädchen, welche den Sonntag zu einem Ausflug in das Gebirge benutzten. Die Frauen und Mädchen trugen am Arm in Hand⸗ körben und Taschen die Wegkost. Wie der Feind, der eine Festung stürmt, so ergriff die Gesellschaft unter Lachen, Scherzen und Zurufen Besitz von den Tischen.
„Jetzt ist's mit Juliens Schlaf vorbei,“ rief Fräulein Irma und eilte in das Haus.
Gruber strich sich mit der Hand über die Augen und musterte die Gesellschaft. Er kannte Niemand in ihr.
Als die beiden Freundinnen nach einiger Zeit aus ihrem Zimmer kamen, fanden sie thun bei der 1 55 mit übereinander geschlagenen Armen stehend. Ihn freute die geräuschvolle, derbe Lustigkeit der Leute, die sich inzwischen Bier hatten kommen lassen und von den mit⸗ gebrachten Vorräten schmausten. Mit hellen Mienen wendete er sich zu den Damen. Fräu⸗ lein Mohr sah leidend aus und war sichtlich verstimmt über die laute Gesellschaft. Nun machte es ste verlegen, als Hans sie begrüßte. Denn ihre Freundin Irma hatte sie schon am
bend vorher über ihren Führer aufgeklärt. ber Hans half ihr darüber hinweg, indem er sich nach ihrem Befinden erkundigte und ihr dadurch Gelegenheit bot, von ihrem Leiden zu sprechen. Er führte die Damen zu einem un⸗ besetzten Tische, und gleich darauf brachte die Kellnerin den Kaffee. Hans hatte ihn bestellt; er selbst hatte gleich, nachdem er aufgestanden, gefrühstückt. Fräulein Irma trank hastig ihren Kaffee und trieb auch die Freundin zur Eile, um nur bald von der Lauenburg fort zu kommen. (Schluß folgt.)
Splitter.
Ein Mensch ohne Verstand ist auch ein Mensch ohne Willen. Nur wer denkt, ist frei und selbständig. Feuerbach.
*
* * Nur selten ruht auf festem Grunde, Was man im Leben„Tugend“ nennt: Denn halb entstammt's der guten Stunde, Und halb dem Temperament. Leiner.
*
Ein gesunder Mann, der noch Seine fünf Sinne hat, legt kein Gewicht Auf das, was Sterbende, die auf Dem Todesbett sich winden und die Kissen zupfen, In ihrer Angst und Geistesschwäche faseln.
Grabbe. * 15*
Der Mensch rechnet immer das, was ihm fehlt, dem Schicksale doppelt so hoch an, als das, was er wirklich besitzt. Gottfried Keller
Trübe Christen.
Die Tempel, welche Gott bewohnt, Woselbst der Allerhoͤchste thront, Entstehen meist, man weiß ja wie, Vermittels einer Lotterie.
Ob ihm das viele Freude macht d Hab ich schon oft bei mir gedacht. Er schätzt doch wie ein braver Christ, Was ehrlicher erworben ist.
Allein ich seh' in Preußen jetzt,
Was mich noch mehr in Staunen setzt. Dort nahm dem Virchenbau zulieb, Die Mittel man von einem Dieb.
Man baute dort, und ward nicht rot, Für unsern Herrn Gott Sebaoth, Dem Schöpfer dieser ganzen Welt, Die Häuser mit gestohl'nem Geld.
Der Hochaltar, das Kirchenschiff, Entstammen einem Kassengriff.
Der hohe Turm, vom Wind umbraust, Und auch die Glocken sind gemaust.
Ach ja, das ist wohl wunderbar, Ach ja, ich werde mir nicht klar, Der liebe Gott geht ein und aus, In einem sonderbaren Raus.
Peter Schlemihl im„Simpl.“ — ¹¹¹·¹¹1 eee.. 2 Wie erwirbt man die hessische Staatsangehörigkeit?
Es ist eine leider nur zu häufige Tatsache, daß bei den hessischen Landtagswahlen viele in Hessen ansässige männliche Personen, die das wahlfähige Alter haben, nicht mitwählen können, weil sie nicht hessische Staatsangehörige sind. Es muß daher ein größeres Augenmerk auf die Gewinnung von Nichthessen zur Aufnahme in den hesstschen Staatsverband gerichtet werden. Da die zu diesem Schritt erforderlichen Maß⸗ nahmen nur geringe Opfer an Zeit und Geld erfordern, so mögen vor allem unsere Genossen, die bis jetzt noch von der Ausübung staatsbürgerlichen Rechte ausgeschlossen sind, das bisher Versäumte nachholen und ungesäumt um die Aufnahme in den hessischen Staatsverband sich be⸗ mühen.
Zunächst ist erforderlich, daß der betr. Nichthesse sich von seiner Heimatsbehörd e(dem Regierungspräsiden⸗ ten, den Bezirksämtern ꝛc.), einen Ausweis über seine bisherige Staatsangehörigkeit ausfertigen läßt. Sodann hat er die Geburtszeugnisse für sich und seine Familien⸗ angehörigen zu beschaffen. Hat er diese Papiere erhalten, so läßt sich der um die Naturalisation Nachsuchende von der Ortsbehörde seines gegenwärtigen hessischen Aufent⸗ haltsortes eine Aufenthaltsbescheinigung sowie ein Leu⸗ mundszeugnis ausstellen, fügt diesen Papieren eine Lohnbescheinigung seines Arbeitgebers und seinen Mili⸗ tärpaß hinzu und schickt alle diese erwähnten Ausweise mit einem Gesuche um Aufnahme in den hessischen Staatsverband an das zuständige hessische Kreisamt,
Bemerkt sei noch, daß die Kammerverhandlungen über die beantragte Ungiltigkeitserklärung der Wahl des Genossen Ulrich deutlich dargetan haben, daß ein Reichsdeutscher nicht nötig hut, bei seinem Gesuch um Aufnahme im den hessischen Staatsverband seine bisherige Stgatszugehörigkeit zu einem anderen Bundes⸗ staate aufzugeben. Nur Bayern und Elsaß⸗Lothringer machen von dieser Regel eine Ausnahme. Die müssen ihre Staatsangehörigkeit aufgeben, wollen sie einem anderen Staatsverbande angehören. Die Aufgabe der bisherigen Staatszugehörigkelt kann außerdem nur von Reichsausländern(Oesterreichern, Schwelzern ꝛc.) ver⸗
langt werden.
—


