Nr. 40.
Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
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nichts verlangt. Bei besseren wirtschaftlichen Verhältnissen können die Gewerkschaften mehr für die Maifeier tun als heute. Die Grund⸗ anschauung aller Gewerkschaften ist wirtschaft⸗ liche Besserstellung des Proletariats, aber nicht unter Aufgebung des Klassenkampfes. Wird bei den Gewerkschaften der Klassenstandpunkt aufgegeben, so droht auch dem politischen Kampf die Gefahr. Wir haben also Veranlassung, diesen Standpunkt zu bekämpfen im Interesse der Gewerkschaften selbst. Ich glaube auch, daß die deutsche Arbeiterschaft in Zukunft nicht dafür zu haben sein wird.(Beifall.)
Die von dem Referenten beantragte Reso⸗ lution, welche mit derjenigen früherer Jahre gleichlautend ist, wird angenommen.
Freitag Nachmittag wurden die Verhand- lungen bei dem Punkte
Kommunalpolitik
fortgesetzt. Der Referent, Abg. Lindemann, hat hierzu eine längere Resolution“) vorgelegt, die er ausführlich begründet. Redner gibt eine Erläuterung seiner Resolution, besprach die Auf⸗ gaben der Gemeinde, den Umfang der kommu⸗ nalen Verwaltungstätigkeit und die Forderungen, welche die Sozialdemokratie in kommunaler Be⸗ ziehung aufstellt. Die Grundsätze, nach welchen die Gemeindeverwaltung verfahren, das Ge⸗ meindewesen eingerichtet werden soll, legte der Referent eingehend dar. Ebenso erfuhren die Forderungen auf dem Gebiete der kommunalen Arbeiterpolitik eingehende Begründung. Auf alle diese Dinge kommen wir in allernächster Zeit noch zurück, gegenwärtig sind wir des mangelnden Raumes wegen dazu außer Stande. Nach längerer Diskussion, an der sich u. a. Hoch, Südekum, Sepitz, Ulrich, Repp⸗ Friedberg beteiligten, wird die Resolution Linde⸗ mann angenommen. Mehrere Anträge lagen vor, welche die Beschlußfassung über diesen Tagesordnungspunkt dem nächsten Parteitag überweisen und eine Kommission zur weiteren Bearbeitung des vorliegenden Materials ein⸗ gesetzt wissen wollten.
Samstag früh kommt der Internationale Kon⸗ greß in Amsterdam zur Verhandlung.
Berichterstatter ist Bebel: Ein internationaler Kongreß ist eine schwierige Sache. Die Verschiedenheit in Sprache und Denken macht die Verständigung weit schwerer als auf nationalen Parteitagen. Dazu kamen die Zwistiokeiten der Franzosen, zu denen naturgemäß auch die anderen Nationen für oder wider Stellung nehmen. So kam es zu den heftigen Zusammenstößen in Paris und ich hatte für Amsterdam ähnliches befürchtet, Ein Stein des Anstoßes, der Fall Millerand, war be⸗ seitigt, aber die Grundfrage, die der Teilnahme der Sozialisten an der Regierung, war noch ungelöst, und je länger eine solche Streitfrage besteht, desto tiefer wird der Gegensatz.
Gegenüber diesen Befürchtungen kann ich erklären, daß der Amsterdamer Kongreß uns eine außerordentliche Befriedigung bereitet hat. Die Schwierigkeiten wurden aber überwunden durch den ernsten Willen aller Beteiligten, durch das liebenswürdige Entgegenkommen der Holländer und die äußerlich glänzende Ausstattung des Kongresses. Man muß das kleine unscheinbare Gebäude, in dem 1872 im Haag der letzte Kongreß der Internationale tagte, mit diesem prächtigen Konzerthaus vergleichen. Die Schar der Delegierten aus allen Kulturländern war vollzählig. Wir, die sonst immer an erster Stelle in bezug auf die Stärke der Delegation waren, wurden diesmal von England, bei dem besonders die Trades Unions sehr stark vertreten waren, und Frankreich überholt. Aus Deutschland waren 40 Dele⸗ gierte der Partei und 27 der Gewerkschaften erschienen. Nun ist es ja gewiß merkwürdig, wenn die sozialistische Partei Japans und Argentiniens dieselbe Stimmenzahl haben soll wie wir, und daß der Genosse Katayama den Ausschlag gegen die Resolution Adler⸗Vandervelde gab, hat spöttische Kommentare hervorgerufen. Aber wir haben bisher noch kein einigermaßen gerechtes Stimmenverhältnis finden können. Sehr gestört wurden die Verhandlungen durch die ungenügende Vorarbeit des internationalen Bureaus, dessen Sekretär Serwy nur die französische Sprache kennt. Die Belgier versprachen für die Zukunft Abhilse. Die Kommissionen, in denen die Vorarbeiten erledigt werden mußten, erforderten zwei volle Arbeitstage. Besonders die Taktikkommission hatte lange Vorarbeiten zu erledigen. Genosse Quarck hat in der Frankfurter Volksstimme bedauert, daß die Taktik⸗Verhondlungen überhaupt in der Kommission statt⸗
) Wir bringen die sehr umfangreiche Resulution in der nächsten Nummer zum Abdruck.
gefunden haben. Ich habe in Amsterdam den Antrag gestellt, erst Kommissionsverhandlungen abzuhalten. Ich fürchtete einen Zusammenstoß der Franzosen und wollte die erhitzten Geister sich erst in der Kommission abkühlen lassen. Es kam anders, bis auf eine kleine Episode am Schluß, wo Jaures und Guesde zusammenstießen, nahmen die Verhandlungen einen großartigen Verlauf, Nichts lag uns ferner, als hinter geschlossenen Türen zu verhandeln, denn der kleine Saal war dicht gefüllt. Hätten wir diese Art der Verhandlungen vorausgesehen, so hätten wir auch für eine ausreichende Berichterstattung gesorgt. Das Resultat der Taktik⸗Kommission war die Annahme der Dresdner Resolution. In der Versiche⸗ rungsfrage wurde Molkenbuhrs Resolution akzeptiert. In der Kolonialfrage wurde ein unseren Anschau⸗ ungen entsprechender Beschluß gefaßt, nachdem in der Kommission die Geister heftig aufeinander geplatzt waren.
Auf Antrag Paeplow wurde beschlossen, daß die Gewerkschaften den Gewerkschaft⸗ lern fremder Nationen den Eintritt erleichtern. Auch die Frage des Generalstreiks ist dis⸗ kutiert worden. Ich will darauf heute nicht eingehen. Wie die Dinge gelaufen sind, werden wir die Frage auf dem nächsten Parteitag ver⸗ handeln müssen. In die Maifeier⸗Kesolution haben wir den Satz hineingebracht, daß die Arbeitsruhe, wenn keine Schädigung der Ar⸗ beiterinteressen damit verbunden ist, die wür⸗ digste Form der Feier sei. Die wichtigsten Ver⸗ handlungen waren die über die Taktik. Red⸗ ner gibt in längeren Ausführungen ein Bild der Verhandlungen darüber und geht dabei auf die Kritik ein, die Quarck in der Frankfurter „Volksstimme“ geübt hat. Quarck habe die Sache so dargestellt, als habe die deutsche Dele⸗ gation sich nie über die Frage, ob sie für die Resolutton Adler⸗Vandervelde oder die von den Guesdisten eingebrachte(Dresdener) stimmen wollten. Das sei durchaus unrichtig. Neben⸗ bei bemerkt Bebel, man solle nicht mit ihm Personenkultus treiben und von ihm als„all⸗ verehrten“ Führer sprechen. Er sei ein Partei⸗ genosse, wie jeder andere. Redner schildert dann die französischen Parteiverhältnisse und gibt der Meinung Ausdruck, daß es bald zu einer Einigung des französischen Sozialismus kommen werde. Wir in Deutschland, schließt Zebel, leben leider unter so jammervollen Zuständen, daß wir bisher nicht wagten, einen internatio⸗ nalen Kongreß nach Deutschland einzu⸗ berufen, weil die maßgebendste Regierung Deutschlands in den Fesseln des Russenkurses liegt, weil wir befürchten müssen, daß unsere Regierung aus Gefälligkeit die russischen Frei⸗ heitskämpfer dem Zarismus in die Hände spielen werde. Aber wir lassen es jetzt darauf ankommen, der nächste internationale Kongreß soll 1907 in Stuttgart tagen. Wir hoffen, daß man sich wenigstens vor der internationalen Welt schämen wird, daß man nicht schon so tief gesunken ist, daß man nicht alle Scham verloren hat. Wir hoffen, daß die württem⸗ bergische Regierung in der Hauptstadt des Landes, das die relativ größte bürgerliche Freiheit hat, genug Rückgrat gegenüber reaktionären Ver⸗ lockungen haben wird. Wir wollen alles leisten, was wir zu leisten imstande sind, daß der inter⸗ nationale Kongreß im Jahre 1907 in Stutt⸗ gart gut vorbereitet ist und daß unsere aus⸗ ländischen Genossen ihre helle Freude daran haben können.(Lebhafter Beifall.)
Nach kurzer Debatte werden Singer und Bebel in das internationale Bureau delegiert.
Im Laufe der weiteren Verhandlungen er⸗ ledigt der Parteitag noch mehrere Anträge, die Freisinnigen künftig bei Stichwahlen nicht mehr zu unterstützen, durch Uebergang zur Tages⸗ ordnung.
Einstimmig gelangt eine Resolution zur An⸗ nahme, die sich gegen die Sold atenmiß⸗ handlungen richtet und gegen den immer mehr beliebten Ausschluß der Oeffentlichkeit bei den Militärgerichts⸗Verhandlungen protestiert.
Von den weiteren angenommenen Anträgen sind zu erwähnen: eine Resolution von Schul z⸗ Bremen in der Schulfrage, worin am Schluß erklärt wird:
„Die Befreiung der Volksschule aus ihrer heutigen unwürdigen Stellung als Magd der herrschenden Klassen und der Kirche kann nur das Werk der Arbeiterklasse vermittelst des Klassenkampfes sein.“
Ebenso wird eine von Dr. Michels und
Kautsky beantragte Resolution, welche die italienische Sozialdemokratie zu ihrem tapferen und siegreichen Kampfe beglück⸗
wünscht, einstimmig angenommen.
Ferner wird eine längere Resolution an⸗ genommen, die von Königsberg und andern Orten beantragt ist und sich gegen den Russen⸗ kurs wendet. In einem Zusatz Bernsteins
beauftragt, einen Gesetzentwurf zur Schaffung eines Fremden-Rechtes einzubringen.
In die Parteileitung wurden gewählt: zu Vorsitzenden Bebel mit 249 und Singer mit 250 Stimmen— zum Kassterer Gerissch mit 250 Stimmen— zu Sekretären Auer mit 250, Molkenbuhr mit 250 und Pfann⸗ kuch mit 249 Stimmen. Zu Kontrolleuren sind wiedergewählt: Bock, Brühne, Ehrhard, Geck, Kaden, Koenen, Meister, Pfarr und Frau Zetkin. Auf Vorschlag Meisters wird debattelos eine Erhöhung des Gehalts der Sekretäre und des Kassierers von 3600 Mk. auf 4200 Mk. beschlossen.
Als Ort des nächsten Parteitags wird Jena bestimmt.
Damit sind die Arbeiten des Parteitags erledigt. Der Vorsitzende Dietz dankt den Bremer Genossen herzlichst für den liebens⸗ würdigen Empfang, den sie dem Parteitage bereitet haben, für das herrliche Parkfest und die prächtige Helgolandfahrt. Er gibt im Weiteren einen Ueberblick über die Parteitags⸗ arbeiten und schlietzt: Wir schiffen sicher in den Sozialismus hinein, denn einer freiwilligen Armee, die nach Millionen zählt, kann die alte morsch gewordene Gesellschaft keinen Wider⸗ stand mehr leisten.(Lebhafter Beifall.) Um unser Ziel zu erreichen, dazu gehört Agitation, Organisation und die alte Opferfreudigkeit. Diese wollen wir auch betätigen im nächsten Jahre und immerdar, das bekräftigen wir durch ein dreifaches Hoch auf das Blühen und Gedeihen der deutschen Sozial⸗ demokratie. Sie lebe hoch!(Die Dele⸗ gierten stimmen dreimal in das Hoch ein und fingen stehend den ersten Vers der Arbeiter⸗ marseillaise.)
Von selbst kommt keine Besserung der Lage der Be⸗ sitzlosen, der Arbeiter und kleinen Leute, keine freiheitliche Ausgestaltung uuserer politischen Verhältnisse, alles muß erkämpft sein! Zu solchem Kampfe ist Aufklärung nötig, welche nur die Arbeiterpresse bringt. Für ihre weiteste Verbreitung zu sorgen ist daher Pflicht jedes Angehörigen der werktätigen Bevölkerung, der kämpfenden
freiungskampfe der Unterdrückten gegen⸗
unterstützt, schädigt sich und seine Klassen⸗ genossen! 5
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Verlag der Mitteld. Sonntags⸗Zeitung(E. Krumm), Gießen,
Verantwortl. Redakteur F. A. Vetters,
Gießen, Druck von Heppeler& Meyer, Gießen.
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Arbeiterklasse. Wer gleichgiltig dem Be⸗ übersteht, wer die Presse der Arbeiter nicht
Es ist die Menschheitsgeschichte entweder ein
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