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Nr 20.
Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
Oeite 11.
richtig!) Das ist ein charakteristischer Bewels für die Taktik dieses Mannes, daß er nie öffentlich sagt, was er meint. Einst stand er auf dem äußersten linken Flügel, jetzt sagen intime Freunde von Schippel, daß er nicht mehr zu uns gehört. Schippel hat uns stets Verlegenheiten gemacht. Bei den Berliner Stadtver⸗ ordnetenwahlen, bei der Maifeier, auf dem Parteitag in St. Gallen und schließlich sein mehr als merkwürdiges Verhalten in der Agrarfrage in Breslau. Und immer die höhnende herabsetzende Weise gegen das, was er am Tage vorher selbst geglaubt hat.(Sehr richtig!) Dann sein Milizartikel in den Monatsheften. Solange die Partei besteht, ist über unser Programm derartiges von einem Parteigenossen noch nicht gesagt worden. Dann kam seine Stuttgarter Zoll⸗ und seine Hamburger
Kanonenrede. Liebknecht und ich waren so naiv, Schippel
in Schutz zu nehmen. Es ist doch etwas anderes, wenn man sich in der Ruhe zu Hause hinsetzt und schreibt, was die ganze Partei in den Augen der Gegner herab⸗ setzt, als wenn man in der Hitze des Kampfes über die Schnur haut. Wir wollen Schippel nicht ausschließen. Vielleicht wird mancher sagen, wir werden dazu ge⸗ zwungen sein; mir sollte das leid tun. Aber wie oft hat sich in den letzten 18 Jahren Parteitag, Fraktion und Parteivorstand mit Schippel beschäftigen müssen! Und immer wieder schlägt Schippel bei allen seinen Wandlungen den hochfahrenden Ton der Unfehlbarkeit an. So erzeugt er die Erbitterung, die die Partei schwer schädigen muß. Wenn wir 10 Schippel hätten, würde eine vollständige Zerrüttung der Partei die Folge sein. Wer die dann notwendige Spaltung ver⸗ meiden will, der verlange, daß jeder von uns sich als Sozialdemokrat benimmt und sich so zum Partei⸗ programm stellt, daß wir allezeit wissen, daß wir es mit einem Genossen zu tun haben.(Lebhafter Beifall.)
v. Elm⸗ Hamburg. Schippel hat nach meiner Ueberzeugung niemals Agrarzölle befür⸗ wortet, er hat uns erklärt, daß die Agrarzölle vom Standpunkt der kapitalistischen Gesellschaft eine Notwendigkeit seien. Das ist kein Maje⸗ stätsverbrechen. Wir sagen auch, der Milita⸗ rismus ist für die herrschenden Klassen not⸗ wendig, und bekämpfen deshalb doch den Mili⸗ tarismus. Auch Schippel hat die Agrarzölle als Zollwucher stets bekämpft. Er kommt trotz verschiedener Beurteilung der handelspolitischen Strömungen zu demselben Schluß wie wir. Schippel ist kein Agrarzöllner. Ich meine, der Parteitag ist zu einer solchen Beurteilung Schip⸗ pels, wie sie beabsichtigt ist, nicht berechtigt.
Dr. Arons⸗Berlin erklärt sich für die Resolution Paeplow. Mit Schippel müsse ein ernstes Wort gesprochen werden, aber in so anständiger Form, wie sich das einem so alten Parteigenossen gegenüber ziemt.
Hoch⸗-Hanau schließt seine Ausführungen: Von einem Herausschmeißen Schippels aus der Partei ist nicht die Rede. Wir sagen nur: er darf nicht Führer sein.— Kautsky meinte, Schippel interessiere uns weniger als Theore⸗ tiker, sondern als sozialdemokratischer Reichs⸗ tagsabgeordneter, der die Partei hemmt. Und da hat sich trotz aller theoretischen Streitig⸗ keiten der letzten Jahre in dieser eminent prak⸗ tischen Frage sofort unsere volle Einmütig⸗ keit gezeigt. Schippel selbst hat sich diesem Verdikt gefügt und sich als Gegner der Agrar⸗ zölle bekannt. f
In der Mittwoch⸗Nachmittagssitzung wird die Debatte fortgesetzt und es sprechen dazu noch Katzenstein, Cunow, Antrick, Frau Zietz und Dr. Südekum, der für Schippel eintritt.
Schippel wendet sich schließlich gegen die wider ihn erhobenen Angriffe. Er erklärt, daß er nie die Partei verhöhnt habe. Man habe übrigens noch nie verlangt, daß jeder Partei⸗ genosse Gegner von Schutzzöllen sein müsse. Kautsky ist auch nur als Opportunist prinzipiell gegen Schutzzölle. In Oesterreich hat er schon Resolutionen mit verfaßt, die prinzipiell die Schutzzöllnerei nicht verwerfen. Ich habe in meinem Buche als wissenschaftlicher Mensch die Verpflichtung gefühlt, einmal die Ursachen zu zeigen, aus denen sich das Bürgertum vom
„Freihandel zu Agrarzöllen entwickelt hat. Ich
habe aber auch gleichzeitig vom Standpunkte der Arbeiter gegen die Agrarzölle Einspruch erhoben. Als Grund habe ich angeführt die ungerechte Aufbringung der Abhilfemittel bei der Masse der Arbeiter. Ich habe nun oft genug erklärt, erkläre es aber nochmals: Ich bin gegen Agrarzölle und ich bitte Sie nun endlich, diese Erklärung hören zu wollen und sie ernst nehmen zu wollen.
Ueber meine Zurückhaltung beim Zolltarif ist auch viel geredet worden. Wer nicht gerade um jeden Preis einen Streitfall konstruicren will, der muß doch mein Schweigen verstehen. Wenn jemand in einer Frage überstimmt wird in der Fraktion, so schweigt er eben in dieser Frage still. Damit aber die Gegner meine sonstigen schutzzöllnerischen Neigungen nicht auch für die Agrarzölle ausnutzen, habe ich meine Gegnerschaft gegen Agrarzölle deutlich bekannt. Der Satz in meinem Buche ist ja geradezu formuliert, um den Gegnern ins Gesicht gehalten zu werden. Ich will hier nochmals erklären, daß ich innerlich kein Agrarzöllner bin. Sorgen Sie aber dafür, daß diese Art, den Gegner auf Aeußerungen, die falsch interpretiert werden können, mit der Nase zu stoßen, aufhört, dann beg en wir noch immer mit einander auskommen önnen.
Nach dem Schlußwort des Referenten Lede⸗ b our und einer Reihe persönlicher Bemerkungen wird zur Abstimmung geschritten, die namentlich ist. Die Resolution Bebel wird mit 234 gegen 44 Stimmen angenommen und ebenso das Amendement Freythaler mit 150 gegen 126 Stimmen. Letzteres lautet:
„Der Parteitag erklärt weiter, daß das Vertrauen, dessen ein Genosse zur Bekleidung von Vertrauensstellungen in der Partei unbedingt bedarf, gegenüber dem Genossen Schippel aufs Tiefste erschüttert ist und daß, wenn Schippel fortfährt, in der bisherigen Weise zum Schaden der Partei zu wirken, er gezwungen sein wird, die Konsequenzen seines Verhaltens zu ziehen.“
Am Mittwoch Abend wird noch das Mandat Fendrichs für gültig erklärt.— Donnerstag unternahm der Parteitag auf Einladung der 16107 Genossen die Dampferfahrt nach Helgo⸗ and.
Freitag Vormittag kommt die Organisationsfrage zur Verhandlung. Berichterstatter ist Gerisch, der sich zunächst über die Beteiligung der Reichstagsfraktion an dem Parteitage äußert sowie über die Vertretung der Wahlkreise auf dem Parteitage. Im Ferneren bespricht er die Bestimmungen des Statuts, die sich auf den Ausschluß beziehen und zu denen, eine Reihe Anträge vorliegen. Weiter führt er aus:
Der weit verbreitete Wunsch nach einer strafferen Organisation hat im Breslauer An⸗ trag seinen prägnantesten Ausdruck gefunden. Mitglied der Partei soll nur der sein, der unserm Zentral⸗Wahlverein angehört. Aber damit würden wir alle Frauen ausschließen, dem Berliner Parteivorstand eine unerfüllbare Aufgabe in der Anmeldung der Mitglieder bei der Polizei stellen und die Staatsbeamten und Arbeiter der verschiedenen Staaten ohne An⸗ meldungspflicht auf dem Umwege über Berlin der Polizei ausliefern. Schließlich könnten wir in Mecklenburg und andren Bundesstaaten überhaupt keine Organisation haben. Eine Kampfpartei wie die unsre darf sich auch keine Organisation geben, die durch den Federstrich eines preußischen Polizeiministers erschüttert werden kann. Man soll auch nicht glauben, durch eine feste Organisationsform sofort die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder erreichen zu können. Auch diese haben erst seit Einführung der hohen Unterstützungen einen festen Stamm. Es kommt ja schließlich gar nicht darauf an, daß die Beitragsmarken und Mitgliedsbücher einheitlich von Berlin her ausgegeben werden, sondern daß wir einen bestimmten Betrag nach Berlin bekommen. Aber jedenfalls werden wir nicht auf diesem Parteitage zur endgültigen Entscheidung kommen. Aus diesem Grunde empfehle ich Ihnen folgenden Antrag:
„Zur gründlichen Vorbereitung einer Umarbeitung des Organisationsstatuts setzt der Parteitag eine Kom⸗ mission von 23 Mitgliedern ein, die aus Angehörigen der wichtigsten Bundesstaaten und Provinzen zusammen⸗ gesetzt ist. Diese Kommission hat spätestens 3 Monate vor Stattfinden des nächsten Parteitages einen neuen Organisationsentwurf auszuarbeiten und den Partei⸗ genossen zur Diskusston zu unterbreiten. Die Beschluß⸗ fassung erfolgt auf dem nächstjährigen Parteitag.“
Dieser Antrag wird nach kurzer Diskussion angenommen und zugleich werden die Mit⸗ glieder der Kommission gewählt.
Es folgt der Punkt Naifeier.
Als Referent führt Abg. Richard Fischer⸗ Berlin aus: Unsere Stellung ist gegeben. Der internationale Kongreß hat entschieden, auf unsre Anregung jede Abschwächung und jede Verschärfung der Resolution abgelehnt, und wir haben als deutscher Parteitag einfach die Schuldigkeit, diesen Beschluß anzuerkennen. Der Einwand, wir könnten überhaupt nicht beschließen und dann den Gewerkschaften die Verantwortung aufladen, scheint mir prinzipiell falsch. In Paris, in Amsterdam haben die Gewerkschaftsführer an den internationalen Beschlüssen teilgenommen. Gewiß haben Ge⸗ werkschaftsführer, die es ernst mit ihrer Sache nehmen, von der Maifeier eine ebenso große Arbeit wie Verantwortung: aber durch die Geschichte und besonders durch die Feindseligkeit der Bourgeoisie ist die Maifeier ein Stück des Klassenkampfes geworden und da ziemt es sich nicht zu fragen: Was kostet es? Wäre es nicht Verrat und Verbrechen an der Arbeiterklasse gewesen, wenn beim Krimmit⸗ schauer Kampf oder bei der Zuchthaus vorlage die Sozialdemokratie erklärt hätte, das sei in serster Linie Sache der Gewerkschaften. Nicht um der Augenblicksvorteile willen, sondern um das ständige Wachstum unsrer Bewegung und das unerschütterliche Festhalten an unsrem Klassenideal zu bekunden. Je mehr durch Aus⸗ dehnung der Gewerkschaftsbewegung sich der persönliche Zusammenhang mit der politischen Bewegung löst, um so notwendiger wird es, daß die Massen alljährlich aus tiefstem Herzens bedürfnis heraus ihr sozialdemokratisches Glau⸗ bensbekenntnis ablegen, das zu einem drohenden Menetekel für die Gegner wird. Deshalb empfehle ich, daß wir wie früher stets die Ar⸗ beitsruhe für die vornehmste Form der Maifeier erklären, die Pflicht dazu aber nur denen auf⸗ erlegen, die die Möglichkeit haben, sie zu el⸗ füllen.(Lebhafter Beifall.)
In der Diskussion hält Weinheber⸗ Hamburg die von den Unternehmern verfügte Aussperrung für eine schwere Schädigung der Arbeiterinteressen. Die in der Metallindustrie beschäftigten Arbeiter beteiligen sich nicht an der Maifeier, in Hamburg feiern nur Bau⸗ handwerker, Schuster, Schneider und Gastwirte. Wo Großzindustrie herrscht, ist die Arbeitsruhe nicht möglich; sie ist nur möglich, wo Klein⸗ handwerk besteht. Man sollte sich endlich ein⸗ mal über eine andere Formulierung des Mai⸗ feierbeschlusses einig werden. Demgegenüber meint Zubeil, die Verlegung der Maifeter auf den Sonntag, die ja hier keine Unterstützung gefunden hat, wäre der schlimmste Rückschritt. Wenn die Gewerkschaftsführer ernstlich versuchen wollten, auf dem Gewerkschaftskongreß gegen die Maifeier vorzugehen, so würden sie merken, daß die Masse der Mitglieder auf dem Boden der Maifeier steht. Im ähnlichen Sinne wie Weinheber äußern sich noch weitere Redner. Bömelburg: Alle Anträge, die auf Ar⸗ beitsruhe verzichten, sind für uns unannehmb ar, weil die internationalen Kongresse es anders beschlossen haben. Wollen wir uns diesen Be⸗ schlüssen nicht fügen, so durften wir keine inter⸗ nationalen Kongresse beschicken. Der nächste Gewerkschaftskongreß wird nun wohl zur Frage der Maifeier Stellung nehmen. Im Weiteren legt der Reduer die Schwierigkeiten dar, welche der allgemeinen Arbeitsruhe am 1. Mai heute noch entgegenstehen und die Gewerkschaften oft in eine peinliche Situation brächten. Aber so lange der Amsterdamer Beschluß besteht, werden auch wir mit allen Kräften danach streben, die Arbeitsruhe am 1. Mat möglichst zu verallge⸗ meinern.
In seinem Schlußwort betont Fischer, daß die Gewerkschaften die Entscheidung darüber haben, ob sie die finanziellen Opfer bringen wollen und können. Aber wie ein Ssozial⸗ demokrat so reden kann, wie Klühs⸗Breslau ge⸗ tan hat, ist mir unverständlich. Weil die Be⸗ wegung schwach ist, dürfen wir doch die Agi⸗ tation nicht einstellen. Im Gegenteil, da müssen
wir doppelt agitieren. Die Gewerkschaften sollen es ernst nehmen mit der Maifeter. Weiter wird


