Ausgabe 
2.10.1904
 
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Seite 10.

Mitteldenische Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 40.

damals nach einer Debatte im ZüricherSozial- demokrat zu meiner Meinung gekommen, und wir haben diese Erklärung oft wiederholt. Wären wir 1870 nicht bloß deshalb angegriffen worden, weil Bismarck den französischen Kaiser zur Provokation gezwungen hat, so hätten wir schon 1870 für die Kredite gestimmt. Wir haben uns durchaus korrekt verhalten und die Fraktion hat alle Fragen gründlich beraten. (Beifall.) f f

Stadthagen und Lipinski verteidigen ebenfalls die Haltung der Reichstagsfraktion. Die Diskussion wird geschlossen und der Referent Ledebour geht nochmals kurz auf die erhobenen Angriffe ein. Bei der Abstimmung wird nur der Antrag von Niederbarnim, der verlangt, die Fraktion möge auf Beseitigung der für Landarbeiter und Gesinde bestehenden Aus⸗ nahmegesetze hinwirken, angenommen, alle übrigen abgelehnt. 19 55

Nunmehr folgt die Erörterung des

Falles Schippel den man vorher innerhalb des Fraktionsberichts gesondert zu behandeln beschlossen hatte. Die von Bebel und Freythaler beantragte und schließ⸗ lich angenommene Resolution wurde bereits in der vorigen Nummer mitgeteilt.

Jentsch⸗Berlin betont: In der Partei herrscht Meinungsfreiheit. Wenn sich die Partei einmal festgelegt hat, so ist es Pflicht eines dissentierenden Genossen, der Partei keine Steine in den Weg zu legen. Wir haben diesen Grundsatz bei der Frage der Landtags⸗ wahlbeteiligung befolgt.

Abg. Schöpflin⸗Leipzig: Mit Schippel muß einmal ein ernstes Wort gesprochen werden. Die Resolution gibt ihm ein Mißtrauens⸗ votum und das ist richtig. Schippels Haupt⸗ fehler ist, daß er nicht zu seinem Worte steht. Ob Schippel die Konsequenzen zieht, ist seine Sache. Auf alle Fälle ist er dann erledigt. Wir sind es endlich satt, uns un⸗ ausgesetzt mit dem Fall Schippel beschäftigen zu müssen, mit seinen Tüfteletien, Grübeleien und Spintisierereien, die er fortwährend ausheckt.

Hoch-Hanau: Ich will nicht auch noch einen Stein auf Schippel werfen; es sind genug gegen ihn geschleudert worden und mit vollem Recht, nach Verdienst. Ich werde für die Resolution Bebel und auch für das Amendement Freythaler stimmen. Die Genossen meines Kreises haben mich ausdrücklich beauftragt, gegen Schippel Stellung zu nehmen. Er hat Taktlosigkeiten begangen, die keinem Arbeiter verziehen werden und noch weniger einem führenden Genossen verziehen werden können. Es tut mir leid, gegen Schippel vorgehen zu müssen, denn ich gestehe es offen, ich habe aus seinem Buche über Handelspolitik viel gelernt. Schade, daß er nicht so fortgefahren hat. Das Exempel, das hier statuiert wird, sollte nicht nur Schippel gelten, sondern all den anderen Genossen, die Anlaß zu Krakeel und Miß⸗ stimmung gegeben haben. Die mögen sich das hinter ihre Ohren schreiben und die Disziplin in der Partei künftig hoch halten.

Nunmehr ergreift Schippel das Wort, dem längere Redezeit bewilligt worden war. Ich werde Sie vielleicht enttäuschen, führt er aus, wenn Sie eine große Verteidigungsrede von mir erwarten. Sie dürfen mir das nicht übel nehmen. Denn wenn man sechs Monate in einem Streit steht, wenn man sich bemüht, den Frieden herzustellen, wenn man Erklärung über Erklärung erläßt, daß die Beschuldigungen gegen mich unwahr sind, daß ich auf dem Standpunkt der Partei stehe, daß ich gewillt bin, weiter für die Partei zu wirken, und wenn man dann immer noch nicht erreicht, daß die Gegner Ruhe geben, wenn man immer wieder hört, ich set über die Einleitung nicht hinaus⸗ gekommen und es geht wie beim Liede vom Kupferschied:Wenn man das Lied nicht weiter kann, so fängt man wieder von vorne an 1, so muß man den Wunsch haben, daß man zum Ende kommt. Mag das Ende mehr oder weniger gut für mich ausfallen, die Haupt⸗ sache ist, daß wir so oder so zum Ende kommen. Ledebour will ich keinen Vorwurf machen, aber ein objektives Referat gab er nicht. Hätte

er das geben wollen, so hätte bezüglich des Fraktionsbeschlusses, der von mir eine Erklärung verlangte, er nicht von der Fraktion, sondern nur von einer Fraktionsmehrheit sprechen dürfen.

Wo ist denn nun die Entrüstung am größten? In Chemnitz, im ganzen, großen Verbreitungsgebiet derVolksstimme hat da die Volksseele aufgekocht?(Heiterkeit.) In all den zahlreichen Wahlkreisen, in denen die Volksstimme gelesen und verbreitet wird, ist trotz der Reden von Schöpflin und Stücklen nicht eine Versammlungsresolution gefaßt worden. Aber in Hamburg III erklärt man, man wisse gar nicht, was mit mir los ist(Sehr richtig!l), aber man solle mit mir Schluß machen. In Glauchau und anderen Orten, wo man meine Artikel, die 47 Spalten, genau gelesen hat, haben die referierenden Parteigenossen ausgeführt, daß kein Grund zum Ketzergericht vorliegt. Parteigenossen, legen Sie die Hand aufs Herz, wie viele von Ihnen, die bereit sind, mich zu verurteilen, haben diese Artikel gesehen und gelesen, Stück für Stück verfolgt, meinen Ton mit dem der Gegner verglichen? Denn natürlich fallen überall beim Hobeln Späne. Wenn Sie das alles getan haben, dann können Sie ruhig Ihr gewichtiges Urteil aussprechen. Aber gehen Sie im Eruste an die Dinge heran. Gerade war charak⸗ terisiert, wie leicht die Stimmung wechselt. Hoch war entzückt über mein Buch über Handelspolitik, nannte es noch gestern tüchtig, fleißig und an⸗ regend. Und in meinem Buche ist alles wesent⸗ lich schärfer ausgedrückt als in meiner Rede, wegen deren ich jetzt verurteilt werden soll. Ich hatte mir eine rein geschichtliche Aufgabe gestellt, ich bin nicht verpflichtet, einen Leitfaden für die Agitation zu schreiben, ich brauchte nicht auf die Agrarier schimpfen und nicht sozialistische Rezepte einstreuen, ich hatte mir eine Aufgabe gestellt und der mußte ich genügen. Ich stellte den Freihandel in England, die Gegenströmungen in Amerika und Deutschland, die kurze Periode des Freihandels und schließlich allen freihänd⸗ lerischen Theorien zum Trotz und trotz aller Agrarfeindlichkeit dar. Einen Anhänger der materialistischen Geschichtsauffassung müßte es doch freuen, wenn jemand die Ursache aufklärt, warum eine mächtige Bewegung entsteht, die wir nicht ändern können und mit der wir uns abfinden können, wie mit so vielen andern Dingen, mit denen wir uns vorläufig ab⸗ gefunden haben. Und wir könnten uns sehr täuschen, wenn wir die Stärke einer solchen Bewegung, die natürlich nur in der bürgerlichen Welt besteht, unterschätzen. Ich soll unklar sein; ich kann nicht dafür, daß jemand anders mich nicht klar findet. Zweideutig muß es immer sein, wenn jemand warnt, eine Bewegung nicht zu unterschätzeu, nicht mit dem Kopf gegen eine feste Mauer zu rennen.

Schippel legt dann weiter die Entwickelungs⸗ geschichte seines Falles dar und bringt dann Zitate aus Parvus' Artikeln, die ihn(Schippel) allerdings in sehr gehässiger Weise angreifen und beschimpfen. Viele haben sich entwickelt und gerade in Handelsfragen ist man noch nicht am Ende der Entwicklung angelangt. Meine Aenderung des Standpunktes habe ich 1895 mit aller Deutlichkeit zugegeben; warum also hier ein Vorwurf?(Bebel: Das soll kein Vor⸗ wurf sein.) Aber es wirkt nach außen als Vorwurf. Schöpflin's Frage, ob ich die Konse⸗ quenzen ziehen werde, kann ich jetzt nicht be⸗ antworten. Sie sprechen von meiner Zwei⸗ deutigkeit. Also seien Sie hier nicht zweideutig und haben Sie den Mut, das zu fordern was sie wollen, meinen Ausschluß aus der Partei.

Sindermann-Dresden: Im ganzen Lande ist man gegen Schippel empört wegen seiner Unklarheit. Nur in Chemnitz hat er ein Ver⸗ trauensvotum bekommen. Es ist in letzter Zeit zum Unfug geworden, sich Vertrauensvoten aus⸗ stellen zu lassen. Das Chemnitzer Vertrauens⸗ votum soll Schippel sogar selber geschrieben haben. Das muß Mißtrauen erwecken. Heute war ja dasselbe Trauerspiel. Wieder hat er für Schutzzölle Stimmung gemacht, um dann schließlich leise anzudeuten, daß er doch nicht ganz für Schutzzölle sei. Man hat im Wahl⸗

kampf Schippel gegen uns ausgenutzt. Schippel rührte sich nicht, er schwieg und ließ uns im Stich. Er weicht immer aus und darf sich nicht wundern, wenn man ihm sagt, du darfst nicht mehr Mitglied der Partei sein. Wenn ich an Schippels Stelle wäre, so würde ich sagen: Ich gehöre innerlich nicht mehr zu Euch und ich kehre der Partei den Rücken.

Bernstein erklärt sich gegen alle Resolu⸗ tionen gegen Schippel. Man hat Schippel Zweideutigkeit vorgeworfen und ich gebe zu, daß im Auftreten Schippels eine gewisse Zwei⸗ deutigkeit liegt. Die Hauptsache ist aber, daß Schippels Standpunkt nach meiner Meinung ein theoretisch falscher ist. Darum vermißte ich in der Resolution hauptsächlich eine Bekräfti⸗ gung des Standpunktes der Partei, wie er in den Resolutionen von Mainz und München zur Handels- und Verkehrspolitik festgelegt worden ist. Er beantragt eine Resolution, in welcher es heißt:Der Parteitag bekräftigt aufs neue den Standpunkt, den die Partei in der Handels⸗ und Verkehrspolitik auf dem Mainzer und Münchener Parteitag festgelegt hat, nimmt die Erklärung Schippels, daß er Gegver der Agrar⸗ zölle sei, zur Kenntnis und geht zur Tages⸗ ordnung über.

Paeplow⸗Hamburg beantragt eine weitere Resolution, in welcher die Stellungnahme Schippel's mißbilligt wird. Man solle nicht immer als Scharfrichter richten; Schippel habe sich zu unserm Standpunkt bekannt. Im Weiteren wenden sich Jentsch und Zubeil gegen Schippel.

Ulrich-Offenbach. Als proletarische Partei haben wir die Pflicht, jede agrarische Neigung in der Partei zu unterdrücken. Schippel war der Radikalste aller Radikalinskis und hat sich aus der Partei hinaus entwickelt. Schippel hat der Partei Knüppel in den Weg geworfen. So sehr ich Schippel als Menschen gern habe, als Politiker verurteile ich ihn. Die Zollfragen sind nicht der einzige Differenzpunkt, denken Sie an Schippels Stellung zur Milizfrage. Die Zollfrage ist eine Machtfrage. Schippel ist sich über die Agrarzölle nicht klar. Er hat auch heute nicht gesagt, daß er jeden Agrarzoll aus innerster Ueberzeugung bekämpft. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Schippel erklärt klipp und klar, daß er mit uns auf dem Boden des Kampfes gegen die Agrarzölle steht und ihn nicht verlassen wird; oder Schippel hat sich selbst außerhalb der Fraktion gestellt und wir müssen auch das Amendement Frey⸗ thaler annehmen.

Bebel: Man redet wieder von Unterdrückung der Meinungsfreiheit. Aber selbst unter der Lupe konnte man nichts davon entdecken. In keiner Partei herrscht so große Meinungsfreiheit wie in der Sozial⸗ demokratie. Jeder Parteigenosse kann auf Grund wissen⸗ schaftlicher Untersuchungen eine Parteianschauung für falsch erklären. Aber er muß uns sagen, wie es besser gemacht werden soll. Schippel aber schreibt lange Bücher und hält Vorträge, in denen er die gegenwärtig herrschende Wirtschaftspolitik als notwendig und im höchsten Interesse der herrschenden Gesellschaftsorduung gelegen darstellt. Er feiert sie geradezu als eine Politik von enormer Lebenskraft. Wie kann der Mann, der derartige Sätze als Postulat an die herrschenden Klassen aufstellt, ernsthaft die zurzeit herrschende Wirtschaftspolitik ernstlich bekämpfen? Das ist eine der Zweideutigkeiten. Schippels Darstellung der Fraktionsvorgänge war durchauk falsch und unrichtig. Nach dem Vortrag in Berlin III, der wie eine Provokation wirkte, waren die Parteigenossen außer sich. Wir glaubten, Schippel will hinausgeschmissen sein. Nicht nach zweifelhafter und oberflächlicher, sondern nach gründlichst beratener Entschließung erging die Auf⸗ forderung der Fraktion an Schippel, sich klar auszu⸗ sprechen. Aber Schippel hat sich zunächst geweigert, auf die Forderung einzugehen. Schließlich hat er auf 46/ Spalten auch heute mündlich die herrschende Zollpolitit verteidigt; in einer halben Spalte hat er dann seine Meinung als Agrarzollgegner dargelegt. Weiß denn einer heute, wie er zu den Fragen 19 70 Er mußte doch vor allem sagen, wie wir als Sozia demokraten mit diesen Erscheinungen fertig werden sollen. Unser langes Abwarten beweist doch nur unsere Tol e⸗ ran z, unsere große Nachsicht Wir hatten gerade 7 Zolltampf und die Wahlichlacht hinter uns. De sche das Referat Schippels wie ein Blitz aus heiterem 11 0 ein. Bernstein stellt es auch 1 50 e ich diese Improvisation nicht überlegen 2 5 10 fh spreche ich als Parteigenosse.(Sehr