Ausgabe 
1.5.1904
 
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Veilage sur Mitteldeutschen Sonntags-Leitung.

Nr. 18.

Gießen, Honntag, den 1. Mai 1904.

10. Jahrg.

Russisch⸗japanischer Krieg.

Ueber die Stärke der japanischen Truppen in Koreg wird aus Tokio be⸗ richtet, daß bis jetzt 5 japanische Divi⸗ stonen in Korea gelandet wurden. Bis jetzt stünden 100000 Mann japanischer Truppen auf koreanischem Boden. In den südlichen Hä⸗ fen von Japan sollen 76 Transportschiffe be reit stehen, um mit weiteren 8Divisionen (60 000 Manx) nach einem vorläufig noch un⸗ bekannten Bestimmungsort abzugehen.

Gerüchte über Vermittlungs be⸗ strebungen, die von England ausgehen sollen, werden vielfach in der Presse erwähnt. Mehrere russische Zeitungen haben sich für den Plan sympathisch ausgesprochen. Dieser Tage wurde berichtet, daß der neue britische Bot; schafter in Petersburg, der demnächst dort ein⸗ trifft, einen Brief des Königs von England an den Kaiser von Rußland überbringe, indem ebenfalls von einer Vermittelung die Rede sei, die eintreten soll, wenn Rußland einen großen Waffensteg zu Lande errungen habe. Nun aber erst den Waffenerfolg haben! Haß der russischen Regierung eine Vermittelung und Beendigung des Krieges sehr angenehm wäre, wird niemand bezweifeln.

Am Jaluflusse ist es zu kleineren Gefechten gekommen. Die Japaner haben den Fluß in der Nähe der Mündung an mehreren Stellen überschritten. Nun dürften bald größere Schlach⸗ ten zu erwarten sein.

Politische Rundschau. Kapitalistische Sozialpolitik.

Eindringlicher und überzeugender als die soztaldemokratische Presse in einem Dutzend Leitartikel beweisen könnte, offenbart sich die Sozialpolitik unserer herrschenden Klassen in einem Inserat, das dieser Tage die Spalten desGeneralanzeiger von Halle zierte. Es hat folgenden Wortlaut:

Ein in Sozialpolitik

erfahrener Mitarbeiter, der in der Lage ist,

Artikel zu schreiben, die zur Wahrung der

Interessen der Leser dienen und deshalb

egen etwaige beabstchtigte Gesetze und Er⸗ fasse wie z. B. gegen die Verkürzung der Arbeitszeit für Frauen usw. gerichtet sein müssen, für ein Fachblatt ge⸗ sucht. Offerten Postfach 144 erbeten.

Also ein Sozialpolitiker gegen Sozial- politik! Der Kapitalismus läßt sich für blankes Geld alles servieren: Artikel für und gegen Sozialpolitik, je nachdem das seinen Bedürf⸗ nissen entspricht. Der erfahrene Mitarbeiter muß im vorliegenden Falle überzeugend nach⸗ weisen, daß die Verkürzung der Arbeitszeit der Frauen überflüssig und unnötig, ja, daß sie am Ende sogar schädlich sei. Die Leser des Fachblattes sollen glauben, das sei wirklich die Ansicht des Verfassers der in Frage kommenden Artikel. Und das zu einer Zeit, in welcher man nach den Erfahrungen im Crimmitschauer Streik selbst von der Reichsregierung den Er⸗ laß eines Gesetzes, welches den Zehnstundentag für Frauenarbeit festlegt, in Erwägung zieht.

Eine neue Pücklertade.

Die Berliner Antisemiten gaben neulich wieder einmal eine Vorstellung mit dem Dresch⸗ grafen, um ihre Kassen zu füllen. Das Gräflein legte nach dem Berichte der antis.Staats⸗ bürgerztg. folgendermaßen los:

.... Das Elend aber, in dem Sie sich befinden, meine Herren, das kommt von der Schlappheit und von der Feigheit, die herrschen in allen Kreisen und in allen Berufsständen von Berlin. Kein Mensch will mehr etwas wagen, etwas riskieren, kein Mensch will mehr offen hervortreten mit seiner Meinung. Niemand will mehr Opfer bringen, niemand will mehr energisch kämpfen, nur immer recht leise und vorsichtig auftreten, nur um Gottes willen keinen Krach und keinen

Tumult, das ist die Losung der Angstmeier und der Nachtwächter:.... Der sogenannten ersten Gesell⸗ schaft, die so über alle Maßen verlumpt und vetliedert ist, der müssen wir mal den Standpunkt ganz gehörig klar machen. Fort mit den feinen Salonleuten, die immer nur denken an ihre schönen Kleider; fort mit den Fatzkes und mit den Jammerkerle, fort mit den Drohnen, den Parasiten und den Schmarotzerpflanzen, die immer nur genießen wollen, ohne zu arbeiten; fort mit den liberalen und freisinnigen Theologen, welche auf der Kanzel ihren Herrn und Meister verleugnen; fort mit den feigen und schlappen Parlamentarlern, welche nicht den Mut besitzen, der Regierung ganz energisch die Wahrheit zu sagen, und welche immer ja sagen zu allen den dummen und albernen Gesetzen, welche in letzter Zeit fabriziert worden sind; fort mit den Staatsanwälten, welche immer nur Leute quälen, fort mit den Richtern, die zu viel Rücksicht auf die Juden nehmen, fort mit den Staats männern, die sich nur mit Juden herumtreiben und das eigene Volk im Stich lassen; fort mit Höflingen, die zu feige sind, und zu schlapp, um ihren Herren und Gebietern die Wahrheit zu sagen; fort mit den Fürsten, die das eigene Volk im Stiche lassen und nur dem Auslande nachlaufen.

Es gibt doch wenigstens einen Preußen, der seine Meinung frei äußern darf, ohne hinter schwedische Gardinen zu koumen. Uebrigens wurde der Dreschgraf in Berlin auf Ersuchen des Glogauer Gerichts verhaftet. Er hatte sich dort wegen Beleidigung zu verantworten, war aber zu den Terminen nicht erschienen. Das Telegramm, welches die Verhaftung an⸗ ordnete, enthielt die Weisung:Graf Pückler sofort aber schonend verhaften Vom Glogauer Gericht erhielt er ganze 50 Mk. Geld⸗ strafe. Für eine solche Bagatelle darf er sich noch öfters das Vergnügen leisten, die Gerichte zu foppen. Hoffentlich haben sich von jetzt ab sozialdemokratische Redakteure und Arbeiter der gleichen Rücksichtsnahme zu erfreuen, wenn ihnen etwas derartiges zustößt.

Soziales, Gewerkschaftliches, Arbeiterbewegung.

Fortschritte der Gewerkschaften.

Ueberraschend und erfreulich ist der Fort⸗ schritt, den die Gewerkschaftsbewegung im Jahre 1903 gemacht hat. Die Generalkommisston be⸗ zifferte kürzlich den Zuwachs der freien Ge⸗ werkschaften auf zirka 140 000 Mitglieder. Es sind aber Anzeichen vorhanden, daß diese Zahl noch zu gering veranschlagt ist. So veröffent⸗ licht jetzt der Deutsche Metallarbeiter⸗ Verband seine Jahresabrechnung, aus der sich eine Mitgliederzahl von 160135 und da⸗ mit gegen 1902 eine Zunahme von 31293 er⸗ gibt. Der Deutsche Metallarbeiter⸗Verband war bekanntlich im vorigen Jahre die Zielscheibe der Kühnemänner, in Iserlohn und Berlin wurde versucht, ihn kampfunfähig zu machen und zum Weißbluten zu bringen. Aber alles war umsonst, in Iserlohn stieg die Mitglieder⸗ zahl von 216 auf 1625, in Berlin von 30345 auf 35 741! Und die Jahresabrechnung ergibt weiter, daß das Vermögen des Metallarbeiter⸗ verbandes trotz der zahlreichen, schwierigen und kostspieligen Kämpfe, in die er verwickelt war, sich doch um über 200 000 Mk. vermehrt hat! Die Einnahmen und Ausgaben bilanzieren mit 3242 773,49 Mk., die Reineinnahme beträgt 2814 807,57 Mk.,(1902: 1567 433,67 Mk.) Die Ausgaben des Verbandes für Unter⸗ stützungen sind enorm gestiegen; u. a. wurden geleistet an Reisegeld 146 773,14 Mk. Arbeits⸗ losenunterstützung 329 859.59 Streikunterstützung 1 220 551,59 Besondere Notfälle 84 060,19 Rechtsschutz 45 374,36. In Summa wurden also 1826,68 Mk. für Unterstützungszwecke auf⸗ gewendet. Außerdem sind noch für Streik⸗ und sonstige Unterstützungen ganz bedeutende Summen aus den Lokalkassen geleistet werden. Ange⸗ sichts dieser Tatsachen sagt dieMetallarbeiter⸗ Zeitung mit Recht, daß der Verband sowohl in Bezug auf seine Mitgliederzahl wie seine finanzielle Leistungsfähigkeit ein erfreuliches

Bild zeigte. Trotz alledem und alledem!

Auch der Holzarbeiter⸗Verband hat im letzten Jahre eine bedeutende Steigerung der Mitgliederzahl zu verzeichnen. Sie betrug Ende 1903 83 662 gegen 70851 im Vorjahre. Es wurde eine Mehr einnahme von 312 409 Mark erzielt, die in der Hauptsache den Fonds für die am 1. April in Kraft getretene Arbeits⸗ losen⸗Unterstützung bildet. Der Gesamt⸗ Vermögensstand belief sich am Ende des Vor⸗ jahres auf 1 350 434 Mk.

Eine Reihe anderer Gewerkschaften weisen ebenfalls eine recht günstige Entwickelung auf. Leider hat Gießen und Umgebung an der er⸗ freulichen Aufwärtsbewegung wenig Anteil; darum lassen auch die Arbeits⸗Verhält⸗ nisse in fast allen Berufen sehr viel zu wün⸗ schen übrig. Es wäre endlich an der Zeit, daß sich die Arbeiter unserer Gegend auch mehr emporrafften und in größerer Zahl den Gewerk⸗ schaften sich anschlössen.

Gewerbegerichtswahlen. In Kastel b. Mainz fand am Sonntag die Gewerbegerichts⸗ wahl statt, bei der die Liste der freien Gewerk⸗ schaften mit 285 Stimmen siegte. Die Cheist⸗ lichen brachten es nur auf 79 Stimmen.

Ein Gewerkschaftshaus wollten die Leipziger Arbeiter errichten und haben zu diesem Zwecke das EtablissementTivoli für 560000 Mk. angekauft. Die vor Kurzem veröffentlichte Bilanz des Frankfurter Ge⸗ werkschaftshauses wies einen sehr erfreulichen Ueberschuß von ca. 13000 Mk. auf. Jedoch der bei dem Berliner Gewerkschaftshause erzielte Reingewinn reichte noch nicht hin, um die Höhe der buchmäßigen Abschreibungen decken zu können.

Lohnbewegungen. Der Ausstand der Maler und Weißbinder in Matnz ist beigelegt, die Unternehmer bewilligten die haupt⸗ sächlichsten Forderungen und so wurde, nachdem der Streik nur einige Tage gedauert, eine Einigung herbeigeführt. In Frankfurt dauert der Streik noch an. Die Schreiner in Offenbach legten am Samstag vor acht Tagen in einer Anzahl Werkstellen die Arbeit nieder, weil die Arbeitgeber sich weigerten, in eine Lohnerhöhung von 10 Prozent und Ver⸗ kürzung der Arbeitszeit um eine halbe Stunde einzuwlilligen.

Maigedanken.

Ich bin der Rerr, dein Gott! sagt König Mammon. Aber die Arbeiter glauben an keine Götter mehr das hat ihnen der Ka⸗ pitalismus gründlich ausgetrieben.

Sechs Tage sollst du arbeiten, gebeut die Bibel. Aber sie hätte noch hinzufügen sollen, wie viel Stunden am Tage! Ob acht! Oder sechszehn? Oder vierundzwanzig d

Bete und arbeite! Ja, das ist leicht gesagt! Erst muß man doch auch Arbeit haben!

Reiche und Arme müssen sein! Das bilden sich die Reichen bloß ein. Wir Armen den⸗ ken darüber ganz anders.

Vor Gott sind alle gleich!! Vor der Polizei aber nicht! Das wissen die Arbeiter am besten.

Alles neu macht der Mai! Ne also! Warum sollt' er denn da unsere göttliche Weltordnung nicht auch mal bischen neu machen d Nötig wär's schon lange!

(Südd. Postill.)

Empfehlenswerte sozialistische Schriften.

Die Kolportage⸗Kommission des Wahlvereins Gießen, Wirtschaft Orbig empfiehlt:

Sozialdemokratie und Zentrum(Arbelter⸗ versicherung und Zentrumspolitil). Preis 20 Pfg.

Der Umsturz im Reichstage.(Die Kämpfe um den Zolltarif.) Preis 20 Pfg.

Weltkrach und Weltmarkt. Eine weltpoli⸗ tische Skizze von Fr. Mehring. Preis 25 Pfg.

Bernstein und das Sozialdemokratische Programm. Von Karl Kautsky. Eine Auti⸗ kritit. Preis brosch. 2 Mk.

Christentum und Sozialismus. Von A. Bebel. Preis 10 Pfg.