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Seite 6.
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Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
Nr. 29.
Wenn Mama nähen muß. Von Dorothee Goebler.
Ein enges Zimmer nach dem Hofe hinaus, die Wände kahl, die Einrichtung ärmlich, nur auf das Notwendigste beschränkt. Am Fenster steht eine Nähmaschine, eine Frau sitzt daran und läßt die Räder fliegen. Sie ist noch nicht alt, aber ihre Augen haben tiefe Ränder. Ihre Wangen sind welk und farblos, ein Zug von Müdigkeit liegt um ihren Mund, jene tiefe Müdigkeit, die von Hunger und Elend, von durchwachten, durcharbeiteten Nächten spricht. Ohne aufzusehen zieht sie den feinen Batist durch die Maschine. All ihre Bewegungen sind von jagender Hast. Sie muß sich franhalten; wenn sie nicht bis fünf Uhr im Geschäft war, wird die Kommission morgen nicht mehr ver⸗ rechnet, und die Nachtjacken reißen doch den ganzen Wochenverdienst heraus.
Zwölf Mark diesmal, eine hübsche Summe. Sie hat zwar beinahe alle Nächte dafür aufsitzen müssen und noch den Sonntag durchgearbeitet, es schadet aber nichts. Wenigstens kann sie nun die sieben Mark Mietsrest bezahlen und braucht nicht mehr vor der Exmission zu bangen. Wie es mit dem Lebensunterhalt werden soll, ist ihr freilich noch unklar. Fünf Mark Wirt⸗ schaftsgeld für sieben Tage, damit war schlecht haushalten. Ob ihr der Wirt noch 2 Mk. ließ? Na, der hatte schon vorige Woche ein Gesicht gemacht, und die Schuld stand auch schon so lange, noch von damals her, wo ihr Mann starb. Nein, dem Wirt sagte sie lieber nichts.
Aber wie denn? Sie versuchte in Gedanken einen Ueberschlag zu machen. Siebzig Pfennig gingen ab für Milch für das Kind; dem durfte nichts fehlen. Sie warf einen zärtlichen Blick zu dem kleinen Buben hinüber, der spielend auf einem Kissen in der Ecke saß! Etwas Mehl war noch da. Das gab für drei Mittage eine Suppe. Die andern Tage behalf man sich mit Kaffee und Schmalzstulle, etwas Wurstabfall gab ihr wohl die Schlächtersfrau. Nun ja, so würde es gehen. Sie atmete auf, dann ver⸗ finsterte sich plötzlich ihr Gesicht, die Kohlen— an die Kohlen hatte sie noch nicht gedacht. Woher die nehmen? Mit einer ungeduldigen Bewegung riß sie die Arbeit herum. Ach was, es mußte eingerichtet werden. Der Grünkram⸗ fritze mußte noch einmal borgen. Sie wollte mit ihm sprechen, gleich nachher, wenn sie vom Liefern kam. Hundert Preßkohlen und 3 Liter Petroleum, das war am Ende doch keine Ge⸗ fährlichkeit. Würden drei Liter reichen? Sie hielt inne und sah nachdenklich vor sich hin. Na, es war wohl schon besser, sie sprach gleich um vier an, sie mußte doch wieder die Nächte durcharbeiten, da verzehrte die Lampe schon etwas.
Sie seufzte auf, beugte sich aber zugleich wieder tiefer über die Arbeit. Na, man nicht tragisch werden, dabei kam nichts heraus. Ueberhaupt war es gleich zwei Uhr und sie hatte noch in sieben Jacken Aermel und Kragen einzunähen. Eine fliegende Röte stieg in ihren Wangen empor.
„Mami!“ Eine kleine zierliche Gestalt ist neben sie getreten, ein weiches Händchen legt sich auf ihren Arm.
„Was denn, Fritzchen?“ Sie fragt es, ohne aufzusehen.
„Mami, Fenster gucken!“
„Aus dem Fenster gucken will das Kind? Na ja, warte nur noch ein Weilchen, ich habe jetzt keine Zeit. Geh', spiele mit Deinem Hottepferdchen.“
„Fenster gucken.“ Er wiederholt es mit dem Eigensinn kleiner Kinder und versucht sich um ihren Stuhl herumzudrängen.
„Nein, hier kannst Du jetzt nicht durch, Du störst mich— geh'!“
Der Kleine schrickt bei dem rauhen Klange ihrer Stimme zusammen. Ein Weilchen steht er, den Finger im Munde, und überlegt, dann tappelt er, von einem neuen Gedanken erfaßt, zu seinem Spielzeug zurück und nimmt es auf: „Ach ja— Hotti s krank. Armer Hotti sehr krank. Zudecken, Mami, ja?“
„Ja, ja— deck ihn nur zu. Nein, aber; was machst Du denn da, Du unnützer Junge?
Wirst Du mal Mamas Arbeit liegen lassensl“ Sie springt auf und reißt ihm die spitzenbesetzte Jacke fort, in die er eben das schmutzige Holz⸗ de wickeln will.„So, jetzt bleibst Du hier n der Ecke sitzen und spielst, und nicht gerührt, verstanden?“ Mit hartem Griffe drückt sie ihn auf sein Kissen nieder und stürzt nach ihrer Maschine zurück. Schon gleich drei Uhr und noch fünf Paar Aermel!!
Die Maschine rasselt von Neuem, eine ganze Weile hört man nichts als das Klappern der Räder, dann plötzlich ein feines thränendurch⸗ zittertes Stimmchen:„Nich böse, Mami, Fritzchen gut sein— nich bböse.“
„Nein, nein, ich bin Dir auch nicht böse, Herzchen, aber nun stör' mich auch nicht, Mama muß nähen...“
„Mami— Kuß geben 2
„Ja, Mama wird Dir auch einen Kuß geben, aber nachher. Jetzt geh' nur— geh'!“ Sie schleudert die Jacke, die eben fertig geworden, zu den andern und nimmt eine neue aus dem Arbeitskorb; nun nur noch zwei, Gott sei Dank!
„Mami, jetzt Kuß geben.“ Er ist hinter ihr auf den Stuhl geklettert, weiche Aermchen um⸗ schlingen ihren Hals.
„Fritz!“— sie springt auf, ihre Augen funkeln, alle ihre Glieder zittern,„Fritz, Du kannst einen rasend machen. Wirst Du mich jetzt endlich zufrieden lassen, marsch in die Ecke!“ Sie nimmt ihn am Arme und stößt ihn rauh in die Stube hinein.
Er starrt sie einen Moment verdutzt an, er weiß gar nicht, was er Böses getan hat. Sein Gesicht verzieht sich, er beginnt zu weinen.— Sie hört es wohl, aber ste achtet es nicht. Eigentlich fühlt ste sich versucht, zu ihm hinzu⸗ stürzen, ihn an die Brust zu reißen und abzu⸗ küssen, aber nein, bloß nicht— bloß nicht Zeit verbummeln jetzt, jede Minute ist Geld.
Ach, es war doch eigentlich ein Hundeleben. — Arbeit Tag und Nacht, nichts zu essen und dann nicht einmal Mutter sein dürfen, nicht einmal Mutter sein!— Und während sie die letzte Jacke unter die Maschine schiebt, fließen große Thränen ihre abgezehrten Wangen hinab.
Die preußische Königskrone
soll bekantlich ihre Existenz den Jesuiten ver⸗ danken, nämlich dem Einfluß des Jesuitenpaters P. Wolff auf den Wiener Hof. Uebrigens kostete die Anerkennung der neuen Königswürde in Preußen in Wien die Summe von sechs Millionen Thalern. Die Jesuiten die 200000 Thaler erhielten, lachten, aber Prinz Eugen, der in die Zukunft sah, erklärte sehr richtig: „Die Minister, die dem Kaiser geraten haben, den König in Preußen anzuerkennen, verdienen gehangen zu werden.“
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Splitter.
Wenn es nicht anders geht, muß das Kleine des Größeren wegen fallen; das Einzelne mag in Gottes Namen der Allgemeinheit geopfert
werden. (Ibsen.)
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* * Wer die Wahrheit geigt, Dem zerbricht man die Fiedel. Spielt sie ein Lügenliedel, Man hält euch für Virtuosen Auf die man mit Fingern zeigt Und die man bekränzt mit Rosen. Johannes Nordmann.
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Humoristisches.
Aus der Instruktionsstunde. Unter⸗ offizier(Gum Rekruten, Sohn eines Kleinbauern): Was ist dein Vaterland? Rekrut: Bankerott; es ist gestern versteigert worden. 0
Nahrungssorgen. Erster Leutnant: Ah. Kamerad, machen ja so ernstes Gesicht! Vielleicht Nahrungssorgen? Zweiter Leutnant: Jewiß, denke jrade nach, ob Jänseleberpastete oder Hummermayonnaise essen soll!
Kadikalkur. Professor(einen Kranken vor⸗
stellend zu seinen Hörern): Schwere Polyneuritis, meine Der Mann hat eben in seinem Berufe stets
Herren.
mit Sorgen um das tägliche Brot zu kämpfen. Hier könnten ein paar warme Salzbäder helfen! (W. Jakob.)
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Geschichtskalender.
19. Juli. 1879: L. Favre, Erbauer des Gott⸗ hardt⸗Tunnels, T. 1838: Eröffnung der Eisenbahn Leipzig⸗Dresden(erste größere Bahnlinie in Deutschland).
20. 1902: Primus⸗Zusammenstoß auf der Elbe bei Hamburg 102 Tote. 1870: Gräfe, Berlin, be⸗ rühmter Augenarzt, f.
21. 1773: Papst Clemens XIV. hebt den Jesuiten⸗ orden auf.
22. 1896: Kriegsministerieller Erlaß zur Be⸗ kämpfung der Sozialdemokratie im Heere. 1893: Großer Bergarbeiterstreik in England.
23. 1901: Internationaler Tuberkulose⸗Kongreß in London. 1874: Allgem. deutscher Arbeiterverein von Tessendorf geschlossen.
24. 1896: Untergang des deutschen Kanonenbootes „Iltis“.
25. 1792: Herausforderndes Manifest des Herzogs von Braunschweig an das französische Volk. 1800: Franzosen besetzen Frankfurt a. M.
—, ·² 3522222 Empfehlenswerte Schriften.
Die Kolportage⸗Kommisston des Wahlvereins— Gießen, Wirtschaft Orbig— empfiehlt:
Wahrer Jakob; Süddeutscher Postillon, Witzblätter. Erscheinen alle 14 Tage. Preis 10 Pfg. die Nummer.
Die Neue Zeit. Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie. Allwöchentlich ein Heft. Preis 25 Pfg.
Die Agrarfrage. Von Karl Kautsky. Eine Uebersicht über die Tendenzen der modernen Landwirt⸗ schaft und die Agrarpolitik der Sozialdemokratie. Preis brosch. 5 Mk., gebd, in Leinwand 6.50 Mk.
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Der Verfasser schildert in gemeinverständlicher Sprache
die einseitige agrarische Interessen⸗Bewegung von ihrer
Entstehung bis zu ihrer heutigen das Volkswohl ge⸗
fährdenden Macht und legt dar,
demokratische Bewegung die letzten Ziele dieser Bewegung des Junkertums und seiner Anhängsel verhindern kann.
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Lohnarbeit und Kapital. Separatabdruck aus der Neuen Rheinischen Zeitung vom Jahre 1849 von Karl Marx. Preis 20 Pfg.
Sozialdemokratie und Zentrum.(Arbeiter⸗ versicherung und Zentrumspolitit). Preis 20 Pfg.
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Diese religtöse Polemik zwischen unserm Genossen und dem Kaplan Hohoff fand bereits in den Jahren 1873/4 statt. Der Inhalt des Schriftchens ist aber noch heute durchaus zeitgemäß.
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Die Führer sind jedem Arbeiter ein
(Die Kämpfe
Muß jeder Genosse


