Ausgabe 
19.7.1903
 
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Seite 4.

Milteldeuische Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 29.

nämlich der Druckfehlerteufel in der letzten Nummer unseres Blattes ebenfalls einen recht bösen Streich gespielt. In dem letzten Satze der Notiz über das Kreisfest heißt es da: Wenn man einmal etwas macht, muß es etwas bedenkliches sein. Das ist natürlich ein Unsinn. Etwas Ordentliches muß es heißen, wie jeder verständige Leser von selbst korrigiert haben wird.Bedenkliches machen wir nicht, noch viel weniger raten wir an, Bedenkliches zu tun. Allerdings sind wir nicht teufelsgläubig genug, um die Schuld für diesen haarsträubenden Fehler dem Druck⸗ fehlerteufel aufzubürden. Die trägt in Wirk⸗ lichkeit ein noch sehr jugendlicher Jünger Guten⸗ bergs, von dem wir hoffen wollen, daß er sich bessert, damit er ferner nicht seine Kollegen blamiert, die sich mit Recht zu den intelli⸗ gentesten der gewerblichen Arbeiter zählen.

Streit um die Friedhofsein⸗ weihung. Zwischen der Gießener evangelischen Kirchengemeinde und dem Oberbürgermeister Mecum hat sich ein Streit entsponnen, der die Gemüter ziemlich erregt und auch in mancher Beziehung von allgemeinem Interesse ist, wes⸗ halb wir auch in unserem Blatte mit einigen Worten darauf eingehen wollen. Die Ursache des Streites ist das Verbot der kirchlichen Einweihung des neuen Friedhofes, die der Pfarrer Naumann im Namen der evangelischen Kirchengemeinde vornehmen wollte. Ueber das Verbot hat sich natürlich die liebe Geistlichkeit mitsamt den Frommen nicht wenig aufgeregt und der evangelische Kirchenvorstand hat beschlossen, gegen den Oberbürgermeister Be⸗ schwerde zu führen. Nun fragt es sich, war der Bürgermeister zu dem Verbote berechtigt? Wir sind gewiß nicht diejenigen, die alle Maß⸗ regeln einer Behörde ohne weiteres gutheißen, ebensowenig wollen wir die religiöse Freiheit irgendwie beschränkt sehen. Darum handelt es sich hier aber auch gar nicht. Der Friedhof ist Eigentum der Stadtgemeinde, er gehört weder ganz noch teilweise irgend einer Religions⸗ gemeinschaft oder Kirchengemeinde; eine solche hat daher auch nicht das Recht und wenn ihr auch die Mehrheit oder gar sämtliche Ein⸗ wohner zugehörten den Friedhof für sich allein in Anspruch zu nehmen. Das geschieht aber durch eine offizielle Einweihung; der Oberbürgermeister war demnach vollkommen im Recht, wenn er eine solche nachdrücklich zu verhindern suchte. Er handelte da ganz zweifel⸗ los im Interesse der Stadt und ebenso im Interesse der Aufrechterhaltung des konfessionellen Friedens. Denn den andern Religionsgemein⸗ schaften konnte die Sache von ihrem Stand punkte aus nicht gleichgültig sein und tatsächlich hatte ja auch der katholische Pfarrer gegen die Einweihung protestiert. Für seine durchaus korrekte Stellungnahme und energische Wahrung der Rechte der Stadt sollte die Bürgerschaft dem Oberbürgermeister Dank wissen und sich nicht von dem anmaßenden Pfaffentum aufhetzen lassen, von dem doch nur eine Demon⸗ stration beabsichtigt war.

DerGieß. Anzeiger verhält sich zu der Affaire höchst merkwürdig. Er hat dazu noch kein Wort verloren! Wie flink ist er doch bei der Hand, wenn Schauermärchen über die Sozialdemokratie zu erzählen sind, wenn irgendwo angeblichesozialdemokratische Aus⸗ schreitungen stattgefunden haben sollen, oder wenn ein Sozialdemokrat einige Kohlköpfchen abgerissen hat! Warum denn hier so schweigsam? Ja, man kann eben nicht gut als Amtsblatt gegen den Bürgermeister losgehen, man möchte es aber auch nicht mit den Frommen verderben! Eine verteufelte Geschichte! Wird dem Bürgermeister Recht gegeben, so sind die immerhin noch zahlreichen Frommen im Stande, es demChor der Rache nachzumachen und die Zeitung abzubestellen! Womöglich giebts auch noch Einbußen an Inseraten! Drum steckt man seine Meinung hübsch in die Tasche, stößt Niemanden vor den Kopf und schädigt nicht durch Aeußerung seiner Meinung sein Geschäft. In Berlin wurde in dem Prozesse gegen die Bankschwindler der Pommer⸗ schen Hypothekenbank festgestellt, daß die Bank⸗

schwindler sich die Presse gekauft hatten. So etwas tut nun der Anzeiger nicht, im Gegen⸗ teil, er entrüstet sich über eine solche korrüpte Presse. Das schließt aber nicht aus, das trotz⸗ dem einige Rücksicht aufs Geschäft genommen werden muß!

Ausflug. Die freie Tur ner⸗ schaft Gießen veranstaltet diesen Sonntag einen Ausflug nach Wieseck. Dort wird in den Lokalitäten desGambrinus(B. Wacker) für beste Unterhaltung durch Konzert und Gesangsvorträge, sowie Vorführung turne⸗ rischer Leistungen und Tanz gesorgt sein. Der GesangvereinEintracht wird sich ebenfalls an dem Ausflug beteiligen und in Gestalt von Gesangsvorträgen seinen Teil zu den Dar⸗ bietungen beisteuern. Dasselbe wird in Bezug auf Turnerisches von dem Turnverein 11 5 eck geschehen, der sich vollzählig einfinden wird.

Ein Brief aus Amerika. Von einem aus Holzheim bei Butzbach gebürtigen, nach Amerika ausgewanderten Parteigenossen und Leser unseres Blattes erhielten wir dieser Tage einen Brief, aus dem wir einiges mitzu⸗ teilen nicht unterlassen wollen. Natürlich ist der Briefschreiber erst in Amerika zum Sozial⸗ demokraten geworden, was für jeden selbst⸗ verständlich ist, der Holzheim und die dort vertretenen politischen Ansichten näher kennt. Die biederen Holzheimer wissen sich noch frei vom sozialdemokratischenGift, sie sind stramme Antisemiten und schwören auf Köhler, Pückler ꝛc., was sie durchaus nicht abhielt, bei der Stich⸗ wahl Mann für Mann für denbauernfeind⸗ lichen Liberalen zu stimmen. Also unser Genosse schreibt u. a.:

Frischer und schneller pulstierte einem in diesen Tagen das Blut durch die Adern, wenn man die Yankee⸗Zeitungen zur Hand nahm, wo in großen Lettern geschrieben stand:Wahl⸗ sieg der Sozialtsten in Deutschland! Bald geweint habe ich vor Freude, als wir lasen: 54 Sozialdemokraten gewählt und 122 in Stichwahl! Euer Sieg fördert unsere hiesige Agitation ganz bedeutend, wir finden eher willige Ohren als früher und wir lassen diese günstigen Umstände nicht unbenützt. Hier(in Racine. D. Red.) halten wir Samstags auf dem früheren Marktplatz Versammlung ab, wobei wir auch unsere Schriften ausgeben. Manchmal predigt da auch ein Jesuitenpater aus der Umgegend, der über die Sozialisten nur so losdonnert. Wenn er fort ist, fragen uns oft seine Gläubigen: Was wollte denn Vater Schormann eigentlich? Und seine Tiraden haben denselben Erfolg wie gewisse Reden, die öfters bei Euch gehalten werden.

In den letzten Jahren hat es sich hier gewaltig geändert. Während wir noch vor 3 Jahren kaum eine Versammlung zusammen bringen konnten, finden wir sie jetzt alle gut besucht, die Bevölkerung bringt den vielgeschmäh⸗ ten Sozialisten jetzt mehr Vertrauen entgegen. Dann erzählt der Briefschreiber, wie er in dem Gesangverein, dem er angehört, fast gemieden wurde, als den übrigen Mitgliedern seine sozialdemokratische Gesinnung bekannt wurde, während sie ihn jetzt, gelegentlich eines Sonn⸗ tags⸗Ausflugs aufforderten, sie mit den sozia⸗ listischen Grundsätzen bekannt zu machen.Zwar haben wir hier leichtere Agitation als Ihr in Deutschland; doch auch starke Gegner. Aber unser Schlagwort heißt:Gerade wie in Deutschland! und damit geht's vorwärts. Wenn ich nur unter meinen alten Freunden in Holzheim so loslegen könnte... aber die bauen noch immer thre Kartoffeln auf den Fürstlich⸗Braunfels'schen Acker; so lange sie sich noch als halbe Leibeigene des Fürsten Solms⸗ Braunfels wohl fühlen und der Graf Laubach das Pfarrhaus eignet, hat's bei ihnen noch gute Wege mit der Sozialdemokratie. Wie würde ich wohl aufgenommen, wenn ich hin⸗ käme?

Na, wir meinen, mit der Zeit werden sogar die Holzheimer zu uns kommen; hat sich doch dort unsere Stimmenzahl verdreifacht von 1 auf 3 nämlich!!

Aus dem Rreise gießen.

r. Zum Vorgehen derOrdnungs- leute bei den Reichstagswahlen wird uns aus Leihgestern geschrieben: Erst jetzt wird noch bekannt, was alles dazu helfen mußte, um dem Mischmasch den Sieg bei der Reichstagswahl zu sichern. Nicht blos die Kriegervereine, sondern auch die Turnvereine wurden zu Agitationszwecken gebraucht. So kam ein Gerichtsschreiber hier zu einem Wähler, der zugleich Mitglied des Turnvereins ist, und sagte ihm, er dürfe nicht für Krumm stimmen, denn es sei nach den Statuten des Turn⸗ vereins verboten, sozialistischen Ideen zu hul⸗ digen. Jeder Arbe iter muß sich dabei fragen, ob er ferner einem Vereine angehören kann, der von dem Strebertum dazu benutzt wird, der Arbeiterbewegung in den Rücken zu fallen. Tretet deshalb in den Arbeiterbildungsverein ein! Wer Lust und Liebe zur Turnerei hat, der sorge mit dafür, daß ein Arbeiter⸗Turn⸗ verein ins Leben tritt.

Aus dem Rreise Wetzlar.

Krieger vereinliches. In Lauf dorf war am Sonntag Kriegervereins⸗Fahnen⸗ weihe und derWetzl. Anz. bringt darüber einen Bericht von einer knappen Seite. Natür⸗ lich fehlten die mordspatriotischen Pauken nicht und besonders der Lehrer leistete sich Bedeuten⸗ des. Schließlich fand sich auch noch der Vor⸗ steher Diehl von Oberndorf veranlaßt, eine patriotische Rede zu halten. Nach dem Bericht wies der Rednerdarauf hin, daß der impo⸗ sante Festzug, die große Schaar von sonstigen Teilnehmern, die gehobene Stimmung,.. einen erfreulichen Beweis dafür darstellen, daß für patriotische vaterländische Feiern wirklich noch viel Sinn in der Bevölkerung vorhanden sei. Daß dieser vaterländische Sinn aber nicht überall und nicht zu allen Zeiten vorhanden sei und betätigt werde, das hätten die traurigen Ergebnisse des 16. Juni gezeigt. In ernsten Worten führte Redner alsdann namentlich den Kriegern die Gefahren zu Gemüte, welche die antinationalen Bestrebungen bringen und forderte sie auf, sich von solchen Bestrebungen fern zu halten. Wer das aber nicht könne und wolle, der möge wenigstens kein Heuchler sein und die Reihen der Kriegervereine verlassen.

Wir sind ganz derselben Meinung. Kein Arbeiter sollte einem Vereine beitreten, der den Arbeiter⸗Interessen so entgegen arbeitet, wie es die Kriegervereine tun. Wir wissen aber sehr wohl, wie auf dem Lande und in Städten die Leute förmlich zu Mitgliedern gepreßt werden und wenn sie dann jahrelang ihre Beiträge bezahlt haben, dann wollen sie eben ihre er⸗ worbenen Rechte nicht so ohne Weiteres preis⸗ geben. Erfolgen zahlreiche Austritte, so erhöht sich das auf den Kopf der im Verein ver⸗ bleibenden Mitglieder entfallende Vermögen.

Welche Hochachtung übrigens den Kriechern von ihren Führern entgegengebracht wird, da⸗ für bietet eine Rede des Obersten v. Winter⸗ berger ein Beispiel, der sich nach dem Weilb. Tageblatt auf dem Kriegervereinsfest in Gan⸗ dernberg wie folgt äußerte:

Meine Kerls folgten mir, wenn ich ihnen hoch zu Pferde voranxritt von selbst und das Kreuz, das ich hier auf der Brust trage, habe ich nicht allein verdient, sondern das ver⸗ danke ich meiner ganzen Kompagnie. Es giebt

heute Leute, die wollen kein Militär mehr,

wollen keinen Kaiser und Religion mehr, nicht mal eine eigene Frau soll man haben, na ich danke. Aber die meisten, die der brandroten Fahne folgen, das sind keine Sozialdemokraten, wenn diese ihr Unrecht einsehen, dann nehmt sie wieder auf eure Reihen. Zu Damaskus ist aus einem Saulus ein Paulus geworden. Jeder Kerl, der im Kriegerverein jst, ist bereit, sein Leben für den Verein zu lassen.Mutig und kräftig, einig und treu steht auf eurer Fahne.

Welch ein Genuß für die tapferen Krieger mit dem liebevollen und väterlichenKer! angeredet zu werden! ö