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Mr. 16.
Gießen, den 19 April 1903.
10. Jahrg.
Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.
Mitteldeutsche
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Vernünftige Priesterworte.
Wir sind es geradezu gewöhnt geworden, die Pfaffen aller Richtungen für die Inte⸗ ressen der herrschenden Klassen eintreten zu sehen. Sie sind es, welche die heutigen Zu⸗ stände die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, Trübsal, Hunger, Not, Elend, Schmach auf der etnen, Nichtstun, Ueppigkeit, Genuß, Vorrecht auf der anderen Seite als „gottgewollte Ordnung“ erklären und dabei die Sozialdemokratie mit den niedrigsten Mitteln bekämpfen. Was wird von Seite des katho⸗ lischen Pfaffentums in Beschimpfung unserer Partei geleistet! Doch nicht alle Verbreiter der christlich⸗katholischen Lehre sind Kapitals⸗ knechte. Einzelne haben sich einen freien Blick bewahrt für die gewaltigen Regungen in der Arbeiterwelt der Neuzeit, sie haben den Mut, ihre freiheitliche Ueberzeugung zu vertreten, ihr demokratisches Herz zu offenbaren, sogar für die Sozialdemokratie öffentlich zu wirken. Natürlich kommt das bei uns in Deutschland nicht vor. In Nordamerika war es, in St. Louis, wo, wie wir unserem Münchener Par⸗ teiblatt entnehmen, vor einiger Zeit ein katho⸗ lischer Pfarrer, Namens Thomas J. Hagerty vor einer nach Tausenden zählenden Menschen⸗ menge folgende Rede hielt:
„Es mag manchem meiner Zuhörer sonder⸗ bar erscheinen, daß ein Priester der katholischen Kirche, als Redner in einer sozialistis hen Ver⸗ n auftritt. Ich bin mir voll bewußt, aß ich durch meine sozialistische Tätigkeit nur das tue, was uns der Begründer der christ⸗ lichen Religion gelehrt hat, denn der So— zialismus enthält alles Gute, was die christliche Religion lehrt, und noch viel mehr dazu.
Ihr Arbeiter seid noch immer zu sehr an Sachen interesstert, die euch nur zum Scha⸗ den gereichen. Ihr leset mit Vorliebe die langen Artikel in den kapitalistischen Blättern und nehmt das, was ihr dort leset, auch für baare Münze. Wenn ihr von Sozialismus hört, so denkt ihr an das Schreckgespenst der blutigen Revolution und bildet euch ein, es sei immer so gewesen und müsse immer so bleiben.
Die Menschheitsgeschichte lehrt uns, daß zu allen Zeiten Volksbewegungen stattfanden. Die unteren Volksschichten, unzufrieden mit den sie drückenden Zuständen, schlossen sich zusammen, um im Kampf gegen die Unter⸗
drücker ihre eigene Lage zu verbessern. Wir sehen dieses Schauspiel in der Geschichte aller Länder, bei allen Völkern. In England rebellierte das Volk gegen den Feudaladel mit seinen Königen und Fürsten. Fürstentrone wurden gestürzt und wiederholt eine Neuord⸗ nung der gesellschaftlichen Zustände durchgesetzt. So mußte die Herrschaft eines Königs Karl J. der Volksmacht eines Cromwell weichen und die Herrschaft von Gottes Gnaden endete auf dem Schaffot in White Hall.
In Frankreich erhob sich das Volk und fegte die feudale Wirtschaft samt dem Königs⸗ tron mit eisernem Besen über den Haufen.
In Amerika rebellierten die Kolonisten unter Washington und Jefferson und trieben das Königstum von Gottes Gnaden samt allem Anhang aus dem Lande.
In diesem Kämpfen und Ringen nach Fort⸗ schritt und Freiheit waren es stets die Ar⸗ beiter, die ihr Blut und Leben lassen mußten für Andere, und die Arbeiter waren nach wie vor wieder im schweren Joch der Sklaverei.
Man predigt dem Arbeitervolke die ver⸗ dammenswerte Lehre: Seid zufrieden mit eurem Schicksal! Seid geduldig und murret nie!
Diese Lehre widerspricht jeder gesunden Weltanschauung und schlägt allem menschlichen Fortschritt ins Gesicht. Die Unzufrieden⸗ heit ist der erste notwendige Schritt zur Freiheit. So lange der arme unter⸗ drückte Mensch mit seinem Schicksal zufrieden ist, so lange wird er nicht nach Fortschritt und Freiheit streben. Ich sage euch frei heraus:
Seid nicht zufrieden wenn man euch auf dieser Welt mit blauer abgerahmter Milch ab⸗ füttern will und euch mit dem Versprechen tröstet, nach dem Tode in einer anderen Welt den Rahm zu bekommen!
Hört nicht auf solches Geschwätz, ihr Arbeiter: Es gibt kaum etwas Fluchwürdigeres, als das Predigen von Zufriedenheit.
Wie kann der Arbeiter zufrieden sein, wenn er sich bei kargem Lohn sechs Tage abschinden und abrackern muß und am siebenten Tage gerade genug Zeit bekommt, um seine lahm gearbeiteten Glieder in Ordnung zu bringen, um die Tretmühlenarbeit am Montag Morgen von Neuem beginnen zu können? Hat sich ein Arbeiter krumm und lahm gearbeitet und hatte er mit Krankheit und Unglück zu kämpfen, so steht ihm in seinen alten Tagen das Armen⸗ haus, die Irrenanstalt oder das Gefängnis als Altersversicherung in Aussicht. Aber trotz dieser schrecklichen Lage hört man immer noch
te alte Mahnung: Seid geduldig, seid zu— frieden!
Man predigt dem Arbeiter Ordnung und Gesetzesliebe. Man erwartet, daß er die Gesetze respektieren soll, obgleich alle Gesetze gegen die Arbeiterklasse und im Interesse der
Kapitalistenklasse gemacht und durchgeführt werden. Das arme Arbeiterkind entwendet
einen Bissen Brot und wird dafür in die Strafanstalt geschickt. Unsere Gesetze sind fast ohne Ausnahme gegen die kleinen Diebe ge⸗ richtet, während die großen Spitzbuben unge⸗ straft die Gesetze mit Füßen treten, soweit solche Gesetze nicht in ihrem Interesse ge— macht sind.
Das Gesetz von heute besteht nicht zum Schutze des Lebens, sondern zum Schutze des Eigentums. Das Gesetz beschützt das Minen⸗ eigentum des Kohlenbarons, aber nicht das Leben der Tausende von Arbeitern, die ihr Leben in den Tiefen der Erde zubringen. Unter dem Deckmantel von Gesetz und Ordnung werden die größten Verbrechen gegen die Ar⸗ beiterklasse verübt.
In meinen Augen ist der Kapttalist, der auf„gesetzliche“ Art und Weise den Arbeiter bis aufs Blut aussaugt und schließlich erwerbs⸗ unfähig macht, nicht besser, ja noch viel schlimmer als der Dieb, der in des Armen Zimmer ein⸗ bricht und diesem das letzte Kleidungsstück vom Leibe raubt.
Nicht nur die Gesetzgeber, auch die Richter sind zu Werkzeugen der Kapitalmacht geworden. Man sehe nur, wie die Herren Richter Einhalts⸗ befehle gegen die streikenden Kohlengräber er⸗ lassen, wie sie den armen Frauen und Kindern durch Richterspruch das Brot aus dem Munde reißen wollen. Die Namen dieser Richter werden lange schon vergessen sein, wenn die Namen von Karl Marx und anderer Sozialistenführer von dem Arbeitsvolk der Welt gefeiert werden.
Das Menschenleben— das Arbeiterleben— ist heute wertlos. Durch Nachlässigkeit der Grubenverwaltung wird Hunderten von Ar⸗ beitern auf einen Schlag das Lebenslicht aus⸗ geblasen. Kleine Kinder werden ihrer Jugend beraubt, damit etliche Geldmenschen aus ihrem Fleisch und Blut Geld schlagen können. 5
Arbeiter Amerikas, wollt ihr diese schreck⸗ lichen Zustände ewig gutheißen? Oder habt ihr nicht Mut und Ehrlichkeit und Intelligenz genug, um dagegen anzukämpfen und bessere Zustände zu schaffen? Der Mann, der heul e ruhig zuschaut, wie seine Mitarbeiter in der Bewegung für eine bessere Zukunft kämpfen, ohne selbst mit Hand ans Werk zu legen, ist meiner Ansicht nach ein Feigling.
Es gilt, die Arbeiterbataillone unter dem Banner des Sozialismus zu sammeln, denn nur der Sozialismus wird dem Hunger und dem menschlichen Elend ein Ende machen können.
Man wirft den Sozialisten vor, daß sie atheistisch(gottesleugnerisch) seien. Der Sozialis⸗ mus ist eine Wissenschaft, eine Lehre, betreffend die wirtschaftliche Umgestaltung der Gesellschaft, und als solche ist der Sozialismus weder atheistisch, noch protestantisch, noch katholisch, noch jüdisch; dasselbe gilt von der sozialdemokratischen Partei. Wenn ihr nach einem Schlächterladen geht, so verlangt ihr auch nicht ein katholisches Beefsteak, ein evangelisches Lendenstück oder einen paptistischen Lammsbraten; so ist es auch mit der Wirt⸗ schaftslehre des Sozialismus. Wir kennen keinen katholischen, protestantischen oder atheist⸗ ischen Sozialismus, sondern nur den inter⸗ nationalen Sozialismus, unter dessen Banner die Arbeiter aller Länder, Christen, Juden, Heiden, vereint kämpfen und siegen. 5
Wer die Wahrheit liebt, wer für Recht und Gerechtigkeit eintritt, der muß heute Sozi⸗ alist sein, mit den Sozialisten für die Be⸗ freiung der Arbeit kämpfen, widrigenfalls er selbst zum Heuchler wird, ob er will oder nicht.
Die Befreiung der Arbeiter aus dem Joche der Lohnsklaverel bedeutet die Befreiung der Menschheit, denn die künftige Gesellschaft wird


