Ausgabe 
25.5.1902
 
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Seite 6.

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Nitteldeutsche Souutaas⸗Zeitung.

0 Ge 10 Unterhaltungs-Ceil. 7

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Gerechtigkeit.

Wie fröhlich unsre Saaten rings gedeihen!

Wie glücklich unsre Arbeit uns gerät!

Nur Menschen freilich steh'n in unsern Reihen, Doch schlechtre nicht als ihr, die ihr uns schmäht. Und unsern Haß, den müßt ihr uns verzeihen. Ihr frommen Christen habt ihn selbst gesät. Denn schier vergessen hat seit langer Seit

DieNächstenliebe die Gerechtigkeit.

Nicht kommen wir in Demut und mit Bitten Wir fordern, daß ihr löset unsre Haft Noch ist in uns trotz eurer Sklavensitten Der starke Stolz des Mannes nicht erschlafft. Wir haben allzuviel von euch gelitten,

Und fühlen allzudeutlich unsre Kraft.

Wir haben zu Millionen uns geweiht

Dem großen Ringen um Gerechtigkeit.

wir müssen fordern, was wir von euch wollen, weil des Gewissens Stimme aus uns spricht. Und mögt ihr grimmig mit den Augen rollen, Wir seh'n euch frei und offen in's Gesicht.

Wir fordern nur, was alle haben sollen,

Wir fordern weniger, als Christenpflicht:

Wenn ihr zu lieben uns nicht fähig seid,

So gebt uns wenigstens Gerechtigkeit.

Der Menschheit wollen mutig wir vertrauen,

In diesem Glauben laßt uns einig sein,

Mhn' Vorurteil in's Leben schauen.

Wer's kann die Hand! Er schlage ehrlich ein. Er kann fortan auf unsre Hülfe bauen. Ghnmächtig ist der Einzelne allein.

Wie dann der Gegner auch nach Waffen schreit: Zum Siege führt uns die Gerechtigkeit!

Das Kind. Von Guy de Maupassant. III.

Er war hinausgestürzt und hatte den ersten Hut, der ihm in die Hände fiel, ergriffen. Dann warf er irgend einen Ueberzieher über die Schultern und eilte die Treppen hinunter.

Ehe er auf die Straße kam, machte er bei der Gaslampe Halt und überlas den ganzen Brief noch einmal in Ruhe. Es stand folgen des darin:

Sehr geehrter Herr! Eben ist ein Fräulein Ravet von einem Kind entbunden w¾orden. Das Mädchen scheint früher Ihre Geliebte gewesen zu sein, denn sie giebt mit aller Bestimmtheit an, daß Sie der Vater des Kindes sind. Die Mutter ringt mit dem Tode und bittet durch mich noch um Ihren Besuch. Ich erlaube mir, diese Zeilen an Sie zu richten, und bitte Ste gleichzeitig, dem Mädchen doch diesen Wunsch zu ge währen. Es wird wohl ihr letzter sein. Das arme Ding ist sehr unglücklich und verdient wahrhaftig Mitleid.

Mit ergebenstem Gruß Doktor B.

Ohne zu zögern, eilte Jakob nun nach der Wohnung der Sterbenden und fand dort seine frühere Geliebte in den letzten Zügen liegen. Zuerst erkannte er sie überhaupt nicht. Der Arzt und zwei Krankenwärterinnen waren mit der Pflege beschäftigt, und überall standen auf der Erde Elmer herum, und lag auch eine Menge Eis. Das Eis war zum Teil schon geschmolzen und rann nun in kleinen Bächen auf dem Boden entlang. Auf einer Kommode standen zwei brennende Kerzen und hinter dem Bette hatte eine kleine Korbwiege ihren Platz gefunden. In dieser lag ein kleines Kind und schrie, und jedesmal, wenn das kleine Wesen einen Schrei ausstieß, dann zuckte die junge Mutter zusammen. Sie lag in Eiskompressen völlig eingebettet; aber sie war einer wirklichen Bewegung nicht fähig, sondern konnte nur

Sie hatte Jakob erkannt und wollte ihm ihre Arme entgegenstrecken, aber ste konnte nicht, denn ste war zu schwach dazu, und nun fingen auch die Thränen an, über ihre tot⸗ blassen Wangen zu fließen. 1

Bett auf die Knie

Jakob fiel neben ihrem ö nieder. Er faßte ihre schlaff herniederhängende Hand und küßte sie auf das Inbrünstigste. Dann beugte er sich selbst auf das bleiche Ge⸗ sicht hernieder, und als er es berührte, ging ein Zittern über die ganze Gestalt.

Die eine von den Wärterinnen hob ein Licht in die Höhe, um der Gruppe zu leuchten. Im Hintergrund des Zimmers stand still der Arzt und beobachtete sie, und dann sprach die junge Wöchnerin mit matter, hinsterbender Stimme:

Mein Heißgeliebter, ich muß sterben. Aber gieb mir doch das Versprechen, daß Du bis zum Augenblick meines Todes bet mir bleibst, ach, verlasse mich nur nicht; gehe nur jetzt im letzten Augenblick nicht von mir!

Jakob schluchzte laut auf und drückte einen heißen Kuß auf ihre Stirne. Dann murmelte er leise vor sich hin:

Sei nur ganz ruhig; ich bleibe ja doch bei Dir.

Sie war einige Minuten ruhig, denn ste war so schwach, und ihr war so beklommen zu Mute, und sie konnte schon deshalb nicht weiter sprechen.

Dann aber ermannte sie sich und fuhr flüsternd fort:

Das Kind gehört Dir; das schwöre ich Dir in dieser Stunde!

Ich schwöre es bei dem allmächtigen Gott!

Ich schwöre es bei dem Heile meiner armen Seele!

Und ich schwöre es im Angesicht des Todes. Nie habe ich mich einem Manne hingegeben, als nur Dir allein!

Gieb mir das Versprechen, daß Du das arme Kind nicht verstoßen wirst!

Er versuchte jetzt, das arme, blutlose, sterbende Mädchen in seine Arme zu schließen. Schmerz, Kummer und Selbstanklagen quälten ihn, und er stammelte verwirrt zu ihr:

Ja, das schwöre ich Dir. Ich werde das Kind aufziehen und will es auch lieben, nie⸗ mals soll es von meiner Seite kommen.

Als die junge Mutter dieses hörte, ging ein freudiges Lächeln über ihr marmorblasses Gesicht. Sie machte den Versuch Jakob zu umarmen, aber sie besaß dazu nicht mehr die Kraft und konnte ihren Kopf nicht mehr heben. So hielt sie denn die blassen Lippen zum Kusse zugespitzt ihm hin. Er näherte seiuen Mund dem ihrigen und erhielt so die letzte Liebkosung der Sterbenden. Sie war nun ein wenig beruhigt und flüsterte ihm leise zu:

Bringe mir das Kind her, ich will mich überzeugen, ob Du es wirklich lieb hast. Und er nahm das Kind auf seine Arme und brachte es zu ihr hin; er legte es auf das Bett, und da hörte plötzlich das kleine Würm⸗ chen mit seinem kläglichen Weinen auf; sie aber flüsterte Jakob zu:

Halte Dich jetzt ganz still und bewege Dich nicht.

Und er folgte ihren Worten und blieb ruhig auf dem Bette sitzen und hielt ihre Hand in der seinigen; das war eine Hand, auf die der Tod seinen eisigen Kuß gedrückt hatte, während die seinige brannte wie Feuer. Und nun dachte er daran, wie er vor ganz kurzer Zeit noch die Hand eines anderen Weibes in seiner Hand gehalten hatte und wie diese von Liebes lust gelebt hatte.

Ab und zu sah er mit einem flüchtigen Blick nach der Uhr hin, und er achtete darauf, wie der Zeiger immer weiter rückte. So wurde es denn Mitternacht, dann schlug die zwölfte Stunde, ein Uhr kam heran und schließlich war es zwei Uhr morgens.

IV.

Der Arzt hatte sich still entfernt; eine Zeit

lang waren die beiden Krankenwärterinnen mit

ruhig hingesetzt und waren auf ihren Plätzen eingeschlummert. Das Kind lag ebenfalls im Schlafe und die junge Mutter hielt die Augen festgeschlossen und schien zu schlafen. a Nun stahl sich schon das blasse Licht des jungen Tages geheimnisvoll durch die Fenster⸗ vorhänge in das Zimmer hinein. Da breitete sie plötzlich ihre Arme aus und machte eine so hastige Bewegung, daß sie beinahe das auf dem Bette liegende Kind auf die Erde geworfen hätte; aus iher Kehle drang ein röchelnder Ton hervor und dann lag sie plötzlich regungs⸗ los da; sie war eine Leiche.

Die Wärterinnen waren bei dem Geräusch schnell aufgesprungen und an das Bett heran⸗ 1 und sagten nun zu Jakob:Sie ist erlöst.

Er sah sich noch einmal dieses weibliche Wesen an, das er einst so heiß geliebt hatte, dann blickte er auf die Uhr; sie zeigte die vierte Morgenstunde an. Da vergaß er denn seinen Ueberzieher und stürmte im bloßen Frack davon; auf den Armen trug er das Kind.

Er hatte, wie wir wissen, seine Frau beim Eintreffen des Briefes ganz allein gelassen. Ruhig hatte diese in dem kleinen, japanischen Salon auf den Davongelaufenen gewartet, aber er kam immer noch nicht und noch nicht, und da war sie denn schließlich in den Salon ge⸗ gangen. Im Aeußeren sah sie ganz gleichgülti und ruhig aus, aber ihr Inneres war 1573 fürchterlich aufgeregt. Da traf sie ihre Mutter, und diese fragte nun in kaltem, geschäftsmäßigem Tone:Wo ist denn nur Dein Mann geblieben? Ruhig antwortete sie:Er ist auf sein Zim⸗ mer gegangen und muß jeden Augenblick wieder erscheinen.

Eine Stunde verging, und nun fragten alle Gäste nach dem Gatten. Dann erzählte sie ihnen von dem Briefe und teilte ihnen mit, wie Jakob sehr bestürzt ausgesehen hätte, und das sie infolgedessen die größte Angst hätte, daß ihm irgend ein Uuglück geschehen sein könnte.

Es wurde noch eine Weile gewartet. Dann verließen die Gäste das Haus, und es blieben nur die nächsten Angehörigen der Familie in dem verödeten Hochzeitshause zurück. Um Mitternacht drangen die Eltern darauf, daß sich die arme, bange Frau, die fortwährend auf das heftigste schluchzte, niederlegen sollte. Die Mutter und zwei Bekannten saßen still und ohne ihr ein Wort des Trostes spenden zu können, um das Bett herum und hörten, wie die Verlassene immerwährend vor sich hin weinte. Der Vater war auf das nächste Polizeirevier gegangen und ließ von dort aus Nachforschungen nach dem Verschwundenen anstellen.

Da ließ sich plötzlich um fünf Uhr morgens ein leises Geräusch au der Korridorthüre hören. Die Thür wurde aufgemacht und dann gleich

wieder leise zugedrückt. Gleichzeitig tönte plötz⸗

das verödete Haus, der

lich ein Schrei durch als ob eine Katze mi⸗

sich beinahe so anhörte, aute.

Im selben Augenblicke standen alle Frauen auf ihren Füßen; aber trotz der Wache von Mutter und Tanten war Bertha im Nachtkleid zuerst uach dem Korridor hinausgestürzt.

Blaß wie eine Leiche stand Jakob ihr gene über. Er hielt in seinen Armen ein kleines Kindchen. Die vier Frauen standen zunächst wie erstarrt da und blickten ihn entsetzt an; aber Bertha hatte plötzlich Mut bekommen und lief ihm entgegen. Wie ein Blitz zuckten aus ihrem Munde die Worte hervor:Was ist geschehen, sage mir doch nur, was ist denn geschehen? Er sah sie mit starren Blicken an, als wenn er seinen Verstand verloren hatte:Ach es,... es ist.. ich bringe hier ein kleines Kind mit, die Mutter ist eben gestorben. Mit ungeschickten Händen hielt er seine'r Frau das kleine, hilflose Wesen entgegen, das eben wieder u schreien anfing. Bertha sprach kein Wort, sie nahm das Kind, küßte es und drückte es an ihren Busen. Dann erhob sie ihre Augen- lider, die von Thränen schwer waren, zu ihrem Gatten und sprach zu ihm: Du sagst, daß die Mutter des Kindes verstorben ist und er ant⸗

leisen Schritten noch immer in der Stube hin⸗

leicht erbeben.

und hergehuscht, aber dann hatten auch sie sich

wortete:Ja, sie ist eben verschieden; ich habe sie in den Armen gehalten. Seit dem Sommer

Nr. 21.

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