Ausgabe 
21.12.1902
 
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Nr. 51.

Beilage zur Mitteldeutschen Sonntags-Leitung.

Gießen, Honntag, den 21. Dezember 1902.

9. Jahrg.

Gesinnungsfreunde!

Sorget stets für weiteste Verbreitung Eures Blattes der Mitteldeutschen Sonntags-Zeitung.

Ueber Kinderausbeutung auf dem Lande,

wie sie auch in Hessen noch vielfach üblich ist, klagte neulich ein hessischer Landpfarrer in derFrkftr. Ztg. Der Verfasser des Artikels, der sich mit diesem Gegenstande offenbar ein gehend beschäftigt hat, weist zunächst darauf hin, daß die bäuerliche Bevölkerung den Wert des Schulunterrichts nur gering anschlage. In erster Linie betrachte man die Kinder als Arbeitskräfte anstatt in einer guten, gründ⸗ lichen Volksschulbildung das unerläßliche Funda⸗ ment des späteren Glücks ihrer Kinder zu er⸗ blicken. Jedoch sei diese Gleichgültigkeit gegen die Volksschule noch nicht das Schlimmste. Das sei vielmehr die in Oberhessen und besonders in den Dorfgemeinden im Vogels⸗ berge eingerissene Unsitte des Verdingens der Schulkinder in einem Alter von 10, 11 bis 12 Jahren zu landwirtschaftlichen Arbeiten. Weidejungen nennt man diese Kinder,

ganz gleich ob Knabe oder Mädchen, die zum

Viehfüttern und allen sonstigen in der Land⸗ wirtschaft vorkommenden Arbeiten Verwendung finden und die im wahren Sinne des Wortes abgehetzt und geschunden werden. Arbeit und nichts wie Arbeit ist für diese Aermsten die tägliche Parole und der Schulunterricht wird als notwendiges Uebel mit in den Kauf ge⸗ nommen. Schon Morgens vor dem Unterricht haben diese Kinder 1 bis 2 Stunden fest zugreifen müssen und es ist dann kein Wunder, wenn sie zum Unterricht unfähig sind und nur müde und abgespannt demselben folgen. Die Erfahrung hat es ja auch gelehrt, daß selbst die aufgewecktesten Kinder in ihren Leistungen in der Schule zurückgehen, sobald sie als Hüte⸗ jungen beschäftigt werden. Und dann bedenke man noch, daß auch das Kindergemüt vergiftet wird, wenn bei diesen Beschäftigungen, wo vielfach Knaben und Mädchen zusammen wirken, die erlauschten oft recht zweifelhaften Spinn⸗ stubengesänge wiederholt werden; von Schlim⸗ meren zu schweigen. Nur zu Recht hat der Verfasser, wenn er in die Worte ausbricht: Wo bleibt da das selige Paradies der Kind⸗ heit mit seinen Spielen und unschuldigen Freuden? Hier zu Lande merkt man leider nichts davon. Spielende Kinder sind eine Seltenheit, selbst am Sonntag sieht man ste nicht, weil sie eben an Werktagen zum Spiel keine Zeit haben und deshalb überhaupt nicht spielen können. O, diese Frohufesseln um Kindesarme und Kindesbeine! Wann wird man auf ländlicher Flur dem Kinde die Kind⸗ heit wiedergeben! Und kommt schließlich die Nacht, dann ist der abgearbeitete Weidejunge meistens gezwungen, mit im selben Zimmer und oft auch im selben Bett wie der Knecht oder die Magd zu schlafen und auch hier em⸗ pfängt das Kindesgemüt oft Eindrücke, die jedes Schamgefühl und alles sittliche Empfinden töten.

Von den Nachteilen dieser Kinderfrohne wissen besonders die Lehrer ein Liedchen zu siungen, wenn im Sommer in der Erntezeit die Kinder nach dem Unterricht schaarenweise auf die Herrschaftsgüter zur Arbeit pilgern. Zu verwundern ist es da wahrhaftig nicht, meint unser Offenbacher Parteiorgan dazu, wenn diese Kinder im Sommer für die Schule einfach nicht zu brauchen sind und auch im Winter nur notdürftig mitkommen. Was würde wohl die Schule leisten können, wenn ihr nicht die Arbeit auf solche Weise erschwert oder fast unmöglich gemacht würde. Den Herren Gutsbesitzern und deren Verwaltern ist ja freilich an der Schul⸗ bildung ihrer billigen Hülfskräfte nichts gelegen, denn sie wissen ja aus Erfahrung, daß von ihren erwachsenen Arbeitern diejenigen die willigsten und billigsten sind, die eben über wenig

oder gar keine Schulbildung verfügen. Schlimm genug, daß gegen derartige traurige Zustände nicht eingeschritten wird. Es ist ja ganz gut, wenn der erwähnte Pfarrer verlangt, daß der Staat jede bezahlte Arbeit schulpflichtiger Kinder ver⸗ bieten solle; aber die neue Vorlage des Reichs⸗ gesetzes über die Kinderarbeit, will gerade der iu der Landwirtschaft nicht zu nahe treten. Man will's mit den Agrarieen weder im Reiche noch in den Bundesstaaten verderben.

Unserm Mainzer Parteiorgan, das von dem Artikel des Pfarrers ebenfalls Not'z nahm, wurde dazu von einem Leser ergänzend mit⸗ geteilt: Es ist noch in Oberhessen in den kleineren Gemeinden Gebrauch, daß die Schulkinder die Schulzimmer reinigen und und auch das Feuer morgens anzün⸗ den müssen. Die Räume heizen sich langsam und die Kinder bringen das Feuer auch nicht immer gleich an. Aus Furcht vor Strafe gehen die Betreffenden(es wird die Reihe ge⸗ halten) schon um 6 Uhr in die Schule, be⸗ kommen durch den hohen Schnee nasse Füße und müssen dann stundenlang ruhig sitzen, nach⸗ dem sie sich vorher abgehetzt haben, um das Schulzimmer in Ordnung zu bringen.

Im vorigen Jahre, wo es doch im All⸗ gemeinen nicht zu kalt war, mußte der Lehrer einer Gemeinde die kleinen Schüler um den Ofen stellen und so unterrichten, denn es war zu kalt. Das Schulhaus ist neu, die Räume groß und der Ofen steht dummerweise in einer Ecke, doch der Schulvorstand, an der Spitze der Herr Pfarrer, läßt sich nicht zum Versetzen des Ofens bereit erklären, denn das kostet Geld. Sonntags aber sammelt man in der Kirche für die armen Negerkinder!

Die schreienden Mißstände auf dem Gebiete des Schulwesens beseitigen zu helfen, sollten alle wahren Patrioten für ihre vornehmste Aufgabe betrachten.

Von Rah und Lern Wieder eine Dynamit⸗Explosion.

Noch war Ende voriger Woche die Nachricht von der Dynamit⸗Katastrophe auf der Zeche Gneisenau nicht überall hin gelangt, als auch schon von einem weiteren ähnlichen Unglück be⸗ richtet wurde. Bei Dillenburg, im Dons⸗ bacher Steinbruche, explodierte am Freitag eine große Menge Dynamit, die zum Auf⸗ wärmen in das Schutzhäuschen gebracht worden war. Das Haus flog kurz nach 11 Uhr mit gewaltigem Krach, der 4 bis 5 Stunden weit im Umkreise vernommen wurde, in die Luft. Hunderte von Metern weit wurden die Gebäude⸗ teile geschleudert. Zwei Arbeiter, Krenzer und Moos, der eine 24, der andere 19 Jahre alt, sind dabei getötet worden.

Unsittliche Puppen!

In Siegen, wo die Muckerei in Blüte steht, wie nirgends, hatte ein Spiel⸗ warenhaus auch eine Anzahl zwei bis drei Zoll großer gewöhnlicher Badepüppchen ausgestellt, wie sie den kleinen Mädchen mit, Vorliebe geschenkt werden. Eines Tages tritt nun der Poltzeisergeant M. in den Laden und fordert den Geschäftsführer anf, die nackten

Figuren sofort aus dem Schaufenster zu

entfernen, da ein Siegener Herr durch die öffentliche Ausstellung solcher Figuren in seinem Sittlichkeitsgefuͤhl verletzt worden sei. Leider, sagt das Essener Blatt, wurde diesem sehr sonderbaren Ansinnen entsprochen. Der betreffende Herr muß ja ein ganz eigenartiges ausgeprägtes Sittlichkettsgefühl sein eigen nennen, wenn solch' unschuldige Figuren, die jedem Kind ganz unbedenklich zum Spielen überlassen werden, seine Nerven in Erregung versetzen

können. Schlimmer als dieses ist es aber jedenfalls, wenn ein Polizeisergeant, jeder Laune eines beliebigen Herrn Folge leistet. Es gehört dies auch in das Kapital der Miß⸗ griffe unterer Poltzeiorgane.

Sensationeller Erbschaftsprozeß.

Vor der Berliner Strafkammer begann am Sonnabend der Prozeß gegen den Buchhalter Buethke und den Maurermeister Brandt wegen Beleidigung und versuchter Erpressung, begangen durch eine Broschüre, in welcher dem Grafen Douglas, Mitglied des preußischen Abgeordnetenhauses, vorgeworfen wird, in Sachen der Brandt'schen Millionenerb⸗ schaft große Unterschleife begangen zu haben.

Kleine Mitteilungen.

Schwere Soldatenmißhandlung. Der bei der 12. Kompagnie des 115. Leibregiments in Darmstadt dienende Rekrut Best, Sohn des Ziegelei⸗ besitzers Hermann Best aus Groß Steinheim, erhielt auf dem Mannschaftszimmer von dem Serganten Dietz eine derartige Ohrfeige, daß er sich in ärztliche Behand⸗ lung begeben mußte. Der ärztliche Befund stellte fest, daß dem Mißhandelten durch den Schlag das Trommel⸗ fell zerrissen wurde. Best wird infolgedessen aller Wahr⸗ scheinlichkeit nach das Gehör verlieren. Die Eltern des Soldaten, die nun ihren Sohn aus der Ferienkolo zie als Krüppel zurückerhalten, sind natürlich in großer Aufregung..

* In Löhnberg verunglückte Freitag voriger Woche ein Arbeiter der Aktienmühle dadurch, daß er beim Rangieren auf dem Nebengleise des Betriebs zwischen einen Wagen und die Mauer geriet, wodurch er fürchterlich gequetscht wurde. Die schweren Verletzungen 19 05 seine Ueberführung nach der Gießener Klinik nötig.

k Aus Essen, wo doch dieWohltätigkeit sozu⸗ sagen zu Hause ist, wird berichtet: Freitag Nachmittag, kurz vor 4 Uhr, fand man am Burgplatz in Essen, neben der Münsterkirche, also in der verkehrreichsten Gegend der Stadt, an einem Baume unmittelbar neben dem Kruzifix die Leiche eines alten, schechtgekleideten, unbekannten Mannes aufgehängt vor, der, wie man vermutet, schon seit einigen Tagen tot ist. Papiere fand man nicht bei der Leiche.

Empfehlenswerte sozialistische Schriften.

Die Kolportage-Kommission des Wahlvereins Gießen, Wirtschaft Orbig empfiehlt:

Der Neue Welt⸗Kalender für 1903. Preis 40 Pfg.

Die katholische Kirche und die Sozial⸗ demokratie. Von Karl Kautsky. Der Verfasser giebt in der soeben erschienenen Broschüre eine historische Darstellung der ökonomischen und polittschen Grundlagen der katholischen Kirche und skizziert die prinzipielle und taktische Stellung, welche die Sozialdemokratie ihr gegen⸗ über einnimmt. Gerade jetzt, wo in Frankreich der Kulturkampf tobt und in Deutschland das Zentrum nicht blos in der Frage des Zollwuchers, sondern allgemein die Schutztruppe der protestantischen Reichsregkerung ist, kommt die Schrift zeitgemäß. Preis 30 Pfg.(Agi⸗ ojtionsausgabe.)

Die agrarische Gefahr. Von Paul Göh re. Der Verfasser schildert in gemeinverständlicher Sprache die einseitige agrarische Interessen-Bewegung von ihrer Entstehung bis zu ihrer heutigen das Volkswohl ge⸗ fährdenden Macht und legt dar, wie allein die sozial⸗ demokratische Bewegung die letzten Ziele dieser Bewegung des Junkertums und seiner Anhängsel verhindern kann. Preis 20 Pfg.

Wahrer Jakob; Süddeutscher Postillon, Witzblätter. Erscheinen alle 14 Tage. Preis 10 Pfg. die Nummer.

Freie Stunden. Beste Romanlitteratur. striert. Wöchentlich ein Heft. A 10 Pfg.

Die Hütte. Zeitschrift für das Volk und seine

Illu⸗

Jugend. Illustriert. Prachtvoll ausgestattet. Alle 14 Tage ein Heft. à 25 Pfg. Lohnarbeit und Kapital. Separatabdruck

aus der Neuen Rheinischen Zeitung vom Jahre 1849 von Karl Marx. Preis 20 Pfg.

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