Ausgabe 
5.10.1902
 
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Seite 6.

Mitteldeuntsche Kountags⸗geitung.

Nr. 40.

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Das Goldmacherdorf. Eine anmutige und wahrhafte Geschichte für Schule und Haus. Von Heinrich Zschokke.

19)(Fortsetzung).

Nun denn, liebe Männer und Mitbürger!

Wir machen euch den Vorschlag zur Errichtung von Gemeinbshacköfen mit Einrichtung zum Dörren, und zur Erbauung eines gemeinsamen We schhauses, wie andere Gemeinden haben. Die ersten Unkosten dazu sollen aus dem Gemeindesäckel gegeben werden. Wir alle wollen dazu fuhrwerken und handlangen. Was meinet ihr?

Die Bauern meinten vielerlei. Die einen wollten beim Herkommen bleiben; mehrere aber sahen ein, daß ein Geweindswaschhaus besser wäre. Doch die Backöfen wollten sie nicht, weil sie dergleichen noch uicht kannten. Andere aber stimmten auch zur Errichtung der gemein⸗ samen Dörr⸗ und Backöfen. Als nun endlich einmal abgestimmt werden sollte nach langem Streit, geschah es, daß sowohl für Waschhaus als für Backöfen die größte Mehrheit war.

Da sprech Oswald mit freudigem Antlitz: Bravo, ihr Männer und Mitbürger, euer Beschluß macht euch Ehre und wird euch mit Nutzen belohnen. Nun kommt das Letzte. Wenn ihr nun weniger Holz in Zukunst gebrauchet, so brauchet denn weniger. Machet aus dem Holz, was ihr auf diese Weise ersparet, ein Geldkapital, und bezahtet damit die Gemeinds schulben ab. Höret mich an und helfet mir rechnen.

Wenn sich jede Haushaltung, die jetzt nebst Reiswellen drei Klafter Holz empfängt, im Jahr mit zwei Klastern durchbringt, so werden von den hundert Haushaltungen in einem Jahr einhundert Klafter erspart. Das Klafter ist fünf Gulden wert, bringt im Jahr fünfhundert Gulden. Binnen zehn Jahren haben wir so fünftausend Gulden gespart und unsere Schuld bezahlt.

Höret mich weiter. Wir haben etwas über sechshundert Jucharten Gemeindswaldung. Seit die hohe Regierung in den Wäldern den Weidgang verboten hat, wächst darin alles, wie ihr wisset, freudig und handdick auf. Ich bin mi dem Herrn Oberförster durch den Wald gegangen. Er sagte: alle Jahre wächst auf einer Juchart Land ein halbes Klafter Holz zu. Ferner sagt er: Wir müssen das vom Stock ausgeschlagene Laubholz, wie Buchen, Erlen, Hagebuchen, Espen, Ahorn, dreißig Jahre alt werden lassen; große Eichen, Buchen, Tannen und was zu grobem Bauholz dient, muß siebenzig, hundert und mehr Jahre alt werden. Folglich, wenn wir gehörig holzen, so müssen wir alle niedere Laubholzwaldungen in dreißig Portionen einteilen, und alle Bau⸗ holzwaldungen in hundert und mehr Portionen. Wenn wir nun alle Jahre von jeder Art nur eine Portion nehmen, so hätten wir natürlich alle Jahre gleichviel Holz, und schlügen nicht zu viel und nicht zu wenig, und wir und unsere Nachkommen hätten allezeit altes reifes Holz zu schlagen. Ferner sagt er: Wir hätten im Tannenwald so altes Holz, daß, wenn wir nach der Ordnung holzten, vieles davon überalt und faul werden würde. Wenn wir dies in einigen Jahren wegschlügen, würde in hundert Jahren da wieder für unsere Nachkommen hundertjähriges Holz stehen. So ist denn mein Rat und der Rat der ehr⸗ samen Beisitzer: Weun wir uns im Gebrauche alle Jahre hundert Klafter absparen, so sind tausend Klafter ungefähr das Ergebnis von zehn Jahren. Statt nun zehn Jahren zu warten, holzen wir das Ersparnis in zwei Jahren ab, bezahlen unsere Schuld, behalten den Zins im Geldsack für uns, und behelfen uns

zehn Jahre lang in jeder Haushaltung mit zwei Klaftern nebst Reis wellen.

Als die Gemeinde diesen Vorschlag angehört atte, erhob sich wieder Streit und tobendes i. Die meisten hätten gern zwar den

Nacht ward, und kam zu keinem Schluß f auseinander.

25, Es geht immer besser

Die wohldenkenden und verständigen Männer im Dorfe schüttelten den Kopf und sagten: Das Ding mit dem Holzspaxen setzen wir bei dieser hartnäckigen Gemeinde nie durch. Oswald aber lachte und antwortete:Nur Geduld! Gutes Ding will seine Zeit haben. Die Leute müssen das Ding erst besprechen, beschlafen und sattsam verdauen. Goldenthal ward nicht in einem Tage gebaut. Unsere Bauern, wenn ihnen ein nützlicher Vorschlag gemacht wird, der ihnen neu ist, sind wie die Kinder, wenn sie einen unbekannten Mann erblicken. Die laufen erst schreiend und erschrocken davon; nachher schauen sie ihn aus der Ferne an; dann kommen sie wieder einen halben Schritt näher, wenn sie merken, daß er nicht beißt; endlich spielen sie mit ihm und werden gute Freunde.

So redete Oswald. Unterdessen ward zur Erbauung des Waschhauses und der Backöfen Anstalt gemacht. Man fällte Holz, brach Steine, führte Leimen und Kalk und Ziegel herbei.

Alles durch gemeines Werk. Die Haushaltungen,

welche einen Back- und Dörrofen gemeinschaft⸗ lich haben wollten, traten zusammen, beredeten die Reihenfolge im Gebrauch des Ofens und, bestimmten den sichersten und bequemsten Platz. Oswald ließ einen sehr verständigen Maurer- meister kommen, der die besten Vorteile bei Feuerherden und Oefen anzubringen wußte. Er selbst besuchte verschiedene Dörfer, um dasige Einrichtungen kennen zu lernen und das Beste

davon für Goldenthal zu benutzen. Gegen den Herbst waren das Waschhaus und die Oefen schon aufgerichtet und zum großen

Vergnügen der Goldenthaler in vollem Gebrauch. Jetzt spürten die Haushaltungen in der That, daß dabei viel Holz erübrigt werde und größere Sicherheit vor Feuersbrunst sei.

Aber eines folgt aus dem andern. Manche Leute kamen nun von selbst auf den Gedanken, die unflätigen großen Stubenöfen wären nicht so notwendig wie ehemals; man könnte kleinere haben, die weniger Holz fräßsen. Oswald und der Herr Pfarrer hatten solche kleine Stuben⸗ öfen, welche sogleich auch zum Kochen bequem eingerichtet waren, in ihren Stuben. In der Stadt sah man fast überall dergleichen. Der ehemalige Löwenwirt Brenzel hatte sich auch schon solche angeschafft, damit es bei ihm städtischer aussehe. Es war Gewinn dabei. Man konnte das ersparte Holz verkaufen und Geld daraus machen. Keinem kamen die Worte Oswalds wieder dem Sinn: Holz ver brennen heißt Geld verbrennen! Man scheute nur die Unkosten für das Umsetzen und Abändern der Oefen.

Doch verschiedene von den zweiunddreißig heimlichen Genossen des Goldmacherbundes, auf welche Oswald noch immer durch sein Ansehen großen Einfluß hatte, ließen auf sein Zureden ihre Oefen schon im Herbst verändern, besonders da er einigen der Unbemittelsten dazu etwas Geld vorschoß. Ein geschickter Mann aus der Stadt richtete alles höchst vorteilhaft und einfach ein. Nun hätte man sehen sollen, wie die Nachbarn und Nachbarinnen aus allen Winkeln des Dorfes kamen, die neuen Stuben⸗ bfen, als wahre Wundertiere, zu beschauen. Alle lachten darüber, alle spotteten und tadelten. Hintennach, da der kalte Winter mit Eis, Sturm und Schneeflocken ins Dorf einzog, verwunderten sie sich, daß die kleinen, von den Wänden freistehenden Oefen doch so warme Stuben machen konnten. Als aber im Früh⸗ jahre viele von den Besitzern dieser Oefen Holz verkauften, kam den Uebrigen die Sache sehr annehmlich vor. Die alten, ungeheuern Oefen

verloren ihre alten Verteidiger, und zuletzt

wollte jedermann in der Stube ein kleines

Wundertier haben. Viele, welcke die Einrichtung bei den andern gesehen hatten, bauten sich sehr kunstvoll die Oefen selbst auf, und sogar noch mit kleinen Verbesserungen, die allgemeinen Beifall hatten. Im Frühjahr ging der Weibel herum von Haus zu Haus und sagte: Geld her; der Zins von der Gemeindsschuld soll bezahlt werden, darum bezahlt den Zins .Packtlande, das ihr von der Gemeinde habt!

Das war ein böses Geschäft, so mit einmal

zwei Gulden und darüber für nichts und wieder nichts wegzugeben. Einige sagten:

Hole der Kuckuk die Gemeindsschulden! Andere liefen zu Oswald und sagten:Herr Vorsteher, warum redet ihr nicht mehr von Euerm Vor- schlag, die Gemeindsschulden, mit Holz aus dem Wald für immer abzuthun. Fanugt doch

wieder an! Das war's, was Oswald erwartete. Und meinde zusammenberufen war, sagte

als die Ge

er:Die ganze Bürgerschaft ist darin einig, wie ich von allen Seiten veruehme, die Schuld abzustoßen. Keiner will jähelich ein Klafter Holz weniger empfangen. Nun denn, so macht es mit einem halben Klafter jährlich ab. Das wird bei den neuen Einrichtungen keiner so stark vermissen, als ein ganzes. Nehmet ihr also jährlich, statt orei, nur zwei und ein halbes Klafter, so lange, bis wir wieder Holz im Walde genug haben, so ist die Schuld in zwei, drei Jahren vernichtet.

(Fortsetzung folgt.)

Splitter. Die Religion ist die höchste der Höhen, Von der sich die Menschheit läßt übersehen: Ich möchte hinauf, sie überschauen, Allein den Führern mag ich nicht trauen. **

Der Adelige. Dieser Mann mit wicht'ger Miene, Einen Orden auf der Brust, Trägt die Nase hoch und rümpft sie, Ueber die gemeine Lust. Wie sie plaudern riggs und lachen, Er bleibt immer ernst und stumm: Er hat zweiunddreißig Ahnen Und ist ungeheuer dumm. Weiter ist er nichts hienieden; Doch ist sein Verdienst nicht klein: Wenn er selig einst verstorben, Wird er auch ein Ahne sein.

A. Glasbrenner.

Humoristisches.

Entschuldbare Verwechselung. Ein heiteres Vorkommnis trug sich an einem der letzen Sonntage in der Kirche eines vorderpfälzischen Dorfes zu. Als der Geistliche seine Predigt beendet hatte, erscholl aus dem Munde eines anscheinend in Träume versunkenen Bäuerleins ein lautesBravo, zum nicht geringen Erstaunen der andächtigen Menge. Der Geistliche, der über diese Störung des Gottesdienstes nicht wenig ungehalten war, stellte den Bauersmann nach der Kirche zur Rede, und dieser entschuldigte sich damit, daß er geglaubt habe, noch in der landwirtschaftlichen Ver⸗ sammlung am Abend vorher zu sein. Der Pfarrer hat ihm darauf den Unterschied zwischen Politik und Religion etwas klarer gemacht.

Geschichtskalender.

5. Oktober. 1896: Sozialist. Landtagswahlsieg in Hessen. 1789: Zug der Revolutionäre nach Versailles.

6. 1895: Sozialist. Parteitag in Breslau. 1829: Erste Lokomotive Stephensons in Betrieb.

7. 1789: Louis XVI. von Frankreich wird von Versailles nach Paris gebracht.

3. 1862: Bismarck wird Ministerpräsident. 1354: Cola Rienzi, letzterVolkstribun in Rom ermordet.

9. 1899: Sozialist. Parteitag in Hannover. 1814: Komponist Verdi,*.

10. 1899: Transvaal stellt an England sein Ultimatum. 1881: Hochverratsprozeß Dave in Leipzig; Horsch-Frankfurt als Lockspitzel entlarvt.

11. 1896: Sozialist. Parteitag in Gotha. Ulrich Zwingli fällt in der Schlacht bei Kappel.

* geboren; 7= gestorben.

1531:

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gegUulcʃs ss νÆπι