„Der Schlüſſel ſteckt von innen!“ rief ein junger Mann, der durch's Schlüſſelloch hineingeleuchtet und hinein⸗ geſehen hatte. Bei dieſen Worten bebte Armſtrong zuſam⸗ men als ob ihn ein Schuß getroffen hätte, und ſein Weib umfaßte abermals mit derſelben nervöſen aberwitzigen Um— krallung ſeinen Arm,— wie hernach von mehreren Zeugen angegeben und beſchworen wurde.
„Mrs. Strugnell, ſind Sie zu Hauſe?“ rief der Conſtable noch einmal. Ein tiefer Seufzer antwortete ihm von innen. Im Nu war die ſchwache Thüre einge— ſtoßen und Mrs. Strugnell, anſcheinend mehr todt als lebendig, unter ihrem Bette hervorgezogen, wo ſie in ſprachloſer Beſtürzung ſich verſteckt gehalten hatte. Als man ſie in einen Stuhl geſetzt, gelang es bald— und zwar ſchneller, als man unter ſolchen Umſtänden hätte erwarten ſollen,— ſie wieder zum Bewußtſein zu brin— gen. Mit nervöſer Aufregung ſah ſie ſich im Kreiſe der erwartungsvoll auf ſie gerichteten Geſichter um, und ihr Blick fiel nicht ſobald auf Armſtrong und ſein Weib, als ſie mit einem jähen Schreckensſchrei ausrief:„Dieſe, dieſe hier ſind die Mörder!“ worauf ſie dann in Ohnmacht fiel, oder ſich wenigſtens das Anſehen dazu gab.
Die Angeſchuldigten wurden trotz ihrer feierlichen und wiederholten Unſchuldsbetheuerungen ſogleich verhaftet und in einen ſicheren Gewahrſam abgeführt, Mrs. Strugnell aber in ein Nachbarhaus gebracht, wo man ihr die nöthige Pflege widmete, ohne ſie darum unbewacht zu laſſen, und die beſtürzten, aufgeregten und verblüfften Dörfler kehrten nach Hauſe zurück, um den unterbrochenen Schlaf wieder aufzuſuchen, welchen wohl nicht Alle wiederfanden.
Die Angabe der Mrs. Strugnell vor der Todtenſchau an dem Leichname war im Weſentlichen etwa folgende: Sie war am Nachmittage wie gewöhnlich in die nahe Stadt gegangen, hatte ihre Tante beſucht, bei dieſer Thee getrunken, und dann dem Gottesdienſt in dem Betſaale der Independenten“) angewohnt. Nach dem Gottesdienſte hatte ſie Miß Wilſon beſuchen wollen, aber erfahren, daß die junge Dame in Folge einer heftigen Erkältung ſich bereits zu Bette begeben. Sie hatte ſich dann unmittel⸗ bar auf den Heimweg gemacht, und war ſo mehr als eine Stunde vor ihrer gewohnten Zeit nach Hauſe gekommen, hatte die Thür des Wohnhauſes von Craig Farm mit ihrem Schlüſſel geöffnet und ſich direkt nach ihrem Stüb— chen begeben. Es war in Mr. Wilſons Zimmer kein Licht, aber ſie hörte ihn darin herumhanthieren. Als ſie Sonntagshut und Umſchlagetuch abgelegt und ſich eben anſchickte, in's untere Geſchoß hinunterzugehen, hörte ſie ein Geräuſch, als ob einige Perſonen durch die Hinter— thür in's Haus träten und leiſe über den Kücheneſtrich daher kämen. Beſtürzt darüber und in Angſt, wer es wohl ſein möge, da Mr. Armſtrong und ſeine Frau erſt in einigen Tagen zurückerwartet wurden, zog ſie leiſe ihre Thüre zu und ſchloß ſich ein. Wenige Minuten ſpäter hörte ſie verſtohlene Tritte auf der knarrenden Treppe, eine Hand probirte leiſe an der Klinke ihrer Thuͤre, ob dieſe verſchloſſen ſei, und eine Stimme fragte raſch und heimlich:„Seid Ihr zu Hauſe, Mary?, Natürlich gab ſie keine Antwort; aber ſie verſicherte ganz überzeugt zu ſein, daß es Mrs. Armſtrong's Stimme geweſen. Darauf habe Mrs. Armſtrong— ſie wolle beſchwören, daß dieſe es geweſen—geflüſtert, als ſpräche ſie mit ihrem Manne: „Sie iſt nie um dieſe Stunde ſchon daheim!“— Eine Weile darauf habe Jemand an Mr. Wilſon's Thüre ge—
) Einer religiöſen Sekte, welche den Satz behauptet, daß ſie von keiner kirchlichen Verſammlung oder Gemeinſchaft abhänge. Aumerk, des Bearb.
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pocht, ſeine Antwort aber habe ſie nicht verſtanden, ſon⸗ dern nur aus Armſtrong's Erwiederung geſchloſſen, daß Mr. Wilſon ſich bereits zu Bette begeben und nicht mehr ha⸗ ben ſtören laſſen wollen. Mr. Wilſon habe nämlich häu— ſig ſich in den Kleidern ſchlafen gelegt. Armſtrong habe geäußert:„Ich will Sie nicht ſtöͤͤren, Sir, ſondern nur dieſes Päckchen hier auf ihren Tiſch legen!“ An der Thür von Wilſon's Schlafzimmer ſei kein Schloß, Armſtrong ſei alſo ungehindert hineingegangen, und gleich darauf habe ſie einen dumpfen Ton wie von einem ſchweren Streiche und darauf einen tiefen Seufzer gehört, worauf es wie— der ganz ſtill geworden ſei. Von Schreck und Grauſen ſeie ſie wie gelaͤhmt geweſen. Nach Verfluß von etlichen Sekunden habe eine unſichere, bebende Stimme— ver— muthlich die der Mrs. Armſtrong— gefragt: ob Alles vorüber ſei? Der Farmer habe dieß bejaht— und zugleich wiſſen wollen, wo Mr. Wilſon die Schlüſſel zu ſeinem Schreibpulte verwahre?—„In der kleinen Schublade des Nachttiſches,“ war die Antwort geweſen. Darauf ſei Mr. Armſtrong aus dem Schlafzimmer gekommen und Beide in Wilſon's Wohnzimmer getreten, daraus aber bald zurückgekehrt, und leiſe nach ihrem eigenen, im ſelben Geſchoſſe gelegenen Schlafzimmer geſchlichen. Von hier ſeien Beide in die Küche hinuntergegangen. Eines von ihnen— wahrſcheinlich die Frau— ſeie zur Hinterthüre hinausgegangen, und darauf ſeien von Neuem wieder ſchwere Fußtritte die Treppe heraufgekommen. Vor Furcht und Entſetzen halb todt, ſeie nun ſie, Mrs. Strugnell, unter ihr Bette gekrochen, und könne ſich auf nichts Wei⸗ teres mehr beſinnen bis zu dem Augenblicke, wo ſie ſich von den Dörflern umgeben geſehen habe.
Dieſe Ausſage ward noch dadurch beſtätigt, daß man ein großes Taſchenmeſſer, welches Armſtrong gehörte und womit offenbar der Mord verübt worden war, in einer Ecke von Mr. Wilſon's Schlafzimmer aufgefunden hatte. Außerdem fand ſich noch in einer Kiſte in der Schlafkam⸗ mer des Ehepaares eine hypothekariſche Schuldurkunde, welche der Farmer Armſtrong über eintauſend Pfund Ster— ling unter theilweiſer Verpfändung von Craig Farm dem Mr. Wilſon ausgeſtellt, und welche nach der eidlich erhär— teten Verſicherung der Mrs. Strugnell von Mr. Wilſon gewöhnlich in ſeinem Schreibpulte im Vorderzimmer auf⸗ bewahrt worden war. Nächſtdem fand man, im Bette und unter allerhand Geräthe verſteckt, in Armſtrong's Schlafkammer noch einhundertundfünfzig Pfund Sterling in Gold, Silber und Grafſchaftsbanknoten, obwohl man wußte, daß Armſtrong kaum vierzehn Tage vorher einen ihm angebotenen ſehr vortheilhaften Viehhandel abgelehnt hatte, trotzdem daß er Kühe brauchte, weil es ihm nach ſeiner Ausſage an baarem Gelde hiezu gefehlt. Zu allem Unſtern endlich fand man in Armſtrong's Taſche noch ei⸗ nen Schlüſſel zu der Hinterthüre, welcher nicht allein Mrs. Strugnells Ausſage beſtätigte, ſondern namentlich auch klar darthat, daß das Pochen um Einlaß an der Vorder— thüre, wodurch das ganze Dörfchen wachgerufen worden war, ein bloßer Vorwand geweſen. Darob kam denn die ganze Nachbarſchaft zu der Ueberzeugung, daß Armſtrong und ſein Weib die Mörder Mr. Wilſons geweſen, und daß die Bündel, die geſprengten Schlöſſer, das aus dem Fenſter hängende Laken, der im Zimmer gefundene neue ſchwarze Hut ebenſo wie das Pochen nur ſchlaue und tückiſche Liſten geweſen, um die Unterſuchung zu erſchwe⸗ ren und irre zu führen.
(Jortſetzung folgt.)


