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werden begreifen, daß ich ſeit jener Zeit alle Urſache hatte, wenigſtens an Ahn ungen zu glauben, wenn ich das überhaupt mit dieſem Namen belegen darf. Aber es wird ſpät, Herr Paſtor, Sie wollen wohl auch zu Bette gehen, es iſt lange Schlafenszeit, und ich habe noch eine kleine Strecke zu marſchiren.“
„Sie können doch wahrlich bei dem Wetter nicht fort?“ ſagte der Paſtor raſch,„es pfeift und heult ja noch draußen um die Kirche herum, als wenn es das alte Gebäude mit der Wurzel aus dem Erdboden zu reißen gedächte— bleiben Sie die Nacht bei uns, das Fremden⸗ ſtübchen ſteht bereit, und Sie wiſſen, es macht auch nicht die mindeſten Umſtände.“
„Danke— danke herzlich,“ ſagte der Verwalter und verbeugte ſich leiſe,—„es geht aber doch nicht; erſtlich iſt es kaum einen Büchſenſchuß weit bis an's Gut und dann muß ich auch morgen früh ſchon wieder bei der Hand ſein, und möchte überdieß nicht gern gerade in ſolcher Nacht das Gut ohne Aufſicht laſſen— es iſt beſſer, ich bin bei der Hand, wenn etwas vorfällt. Gehen Sie mit, Schulmeiſter?“
„Nicht Ihren Weg, ich gehe durch's Hinterpfört⸗ chen und habe dann nur einen Sprung bis in mein Haus.“
Der Verwalter knüpfte ſich ſeine grüne Pekeſche bis oben hinan zu, klappte den Kragen auf, band ſich noch zur Vorſicht ſein Taſchentuch über dieſen um den Hals, griff nach Mütze und Hacke, ſchüttelte Allen herzlich die Hand und verließ, ohne zu geſtatten, daß ihm Jemand hinunter leuchte, raſch das Zimmer.
Die drei Leute blieben, als ſein Schritt ſchon lange auf der Treppe verklungen war, noch wohl mehrere Minu⸗ ten beiſammen ſtehen, und es ſah faſt ſo aus, als ob. Keiner gern das Schweigen zuerſt brechen wollte. End⸗ lich ſagte des Paſtors Frau mit einem recht aus tiefſter Bruſt heraufgeholten Seufzer:„Ich wollte, der Verwal— ter hätte die häßliche Geſchichte nicht erzählt— ich weiß nicht— mir wurde ſo unheimlich dabei— und er blieb auch ſo ſtill und ernſthaft, als ob das Alles wirklich ge⸗ ſchehen, und der Geiſt ſeines Bruders ihm leibhaft erſchie⸗ nen wäre— ſo deutlich und ſichtbar ſteht doch die Geiſter⸗ welt auf keinen Fall mit der unſern in Verbindung, und man ſollte daher auch ſo etwas nicht ſo lebendig und ernſt— haft den Leuten ausmalen.“
„Auch das läßt ſich vielleicht natürlich erklären,“ ſagte der Paſtor, mehr wie es ſchien ſeiner Frau zur Be⸗ ruhigung, als, weil er ſelbſt wohl das wirklich glaubte, was er jetzt ſagte„die Erzählung jenes Förſters hatte, ihn ſehr wahrſcheinlich aufgeregt, und er dachte an den Bruder— dachte wohl gar, wenn der jener fremde Mann geweſen, deſſen Grab da ſo ganz in der Nähe ſein ſollte. Dämmerung war es ebenfalls, die dunkeln Abendſchatten geben oft einem Strauch, einem Rain, ja einem vor uns hinlaufenden Wagengleis die wunderlichſte Geſtalt— läßt es ſich da nicht denken, daß er, beſonders noch von dem weißen ſchimmernden Sand angelockt, zufällig den kleinen Hügel fand und ſpäter die Beſtätigung deſſen erhielt, was er geahnt?“
„Geahnt— und da wären wir wieder auf dem alten Punkt,“ fiel hier kopfſchüttelnd der Schulmeiſter ein;„die Ahnung kommt zuerſt, macht uns unbehaglich und die Imagination muß hernach dem Ganzen die Krone aufſetzen; 's iſt ein wunderliches Ding um den menſchlichen Geiſt, aus heiler Haut, mit all ſeiner gerühmten Feſtigkeit und Conſequenz läßt er ſich herauslügen und außer Faſſung bringen, und das ganze Nervenſyſtem erbebt nachher, wenn draußen nur etwa ein Beſen in der Ecke umfällt, oder
die Katze von einem Stuhl herunter ſpringt— ganze Bücher ließen ſich ſchreiben uͤber den Unſinn.“
„Unſinn, Schulmeiſter?“ wiederholte die Frau und ſah ihn verwundert an.„Sie ſagten doch ſelbſt erſt, daß Sie an Ahnungen glaubten. Doch wie dem auch ſei, ich halte es für Unrecht, und noch dazu in ſolch wilder Nacht, die Einbildungskraft förmlich muthwillig aufzuregen, ich glaube ich könnte mich jetzt vor meinem eigenen Schatten fürchten, und mag mich gar nicht einmal danach umſehen — Frauen ſind doch recht ängſtliche, nervenſchwache Weſen.“
„Ach, nicht Frauen allein,“ meinte der Schulmeiſter lächelnd, während er ebenfalls nach ſeinem Käpſel griff und den, ſchon vor Anfang des Regens zur Vorſorge mit— genommenen dicken, rothbaumwollenen Regenſchirm aus der Ecke holte;„Zeit und Umſtände müſſen das Ihrige dazu beitragen und der ſtärkſte Mann iſt vor demſelben Gefühl, und dann noch dazu in weit erhöhtem Maße, nicht ſicher.“ N
„Wenn er überhaupt ängſtlichen Gemüths iſt,“ ſagte der Paſtor.
„Aengſtlichen Gemüths oder nicht— ſeine ſchwache Stelle, ſeine Achillesferſe hat ein Jeder und wird die ge⸗ getroffen, ſo greift es nachher gerade den ſtarkſten Mann auch am ſtärkſten und gewaltigſten an. Sie kennen doch gewiß die Geſchichte mit dem Spiegel...“
Die beiden Gatten verneinten es. a
„Hm,“ ſagte der Schulmeiſter,„dann weiß ich auch nicht, ob ich's heute Abend nicht lieber laſſe, Sie ſind gerade erregt genug...“
„Ach heraus damit, in ſolcher Stimmung iſt man
am empfänglichſten dafür, und ſchlimmer kann's bei meiner Alten doch nicht werden,“ meinte der Paſtor. f „Ach Gott, ja, erzählen Sie nur,“ beſtätigte dies mit einem tiefen Seufzer die Frau,„es kommt jetzt auf, das eine mehr oder weniger nicht mehr an, ich fürchte mich doch heute Abend; Sie ſprachen von einem Spiegel.“ (JFortſetzung folgt.) g Altes Gold. Das Sprüchwort ſagt:„Aller Anfang iſt ſchwer,“ und Jeder weiß das aus Erfahrung. Wer aber da gleich umkehrt, wo der Anfang des Guten iſt, der iſt ein Eſel, denn er iſt ſchon beim Anfang am Ende. Nein, das fol⸗ gende Sprüchlein gibt ſchon was an, was über den ſchweren Anfang hinaushilft: Friſch gewagt, iſt halb gewon⸗ nen! Ein friſcher Lebensmuth iſt ein hohes Gut. Greifſt du die Arbeit, die dir ſchwer wird, nur friſch an, es geht gewiß; haſt du nur friſchen Muth, deine Fehler abzulegen, es geht; aber was das letzte Sprüchlein ſagt, iſt das Rechte, was über den ſchweren Anfang glücklich hinaus zum fröhlichen Ziele führt: Wohl begonnen, iſt gewiß gewonnen! Das Wohl begonnen iſt aber die Haupt⸗ ſache, und da mein' ich, man ſollte Alles nur wohl be⸗ ginnen, nämlich mit dem Gedanken: Von mir ſelber kann ich nichts. Dann blickt das Auge hinauf, wo der iſt, der in uns Schwachen mächtig ſein will, und der geſagt hat: Bittet, ſo wird Euch gegeben. Und das Herz betet: Herr, hilf und laß es wohlgelingen! Das heißt: Wohl be⸗ gonnenz dann folgt: Friſch gewagt! denn wenn ich weiß, ich habe Alles Gott befohlen und ſein Segen be— gleitet mich, dann iſt Luſt und Lieb' da, und die macht alle Müh' und Arbeit gering. Das gilt für Alles, was du auch unternehmen willſt. Haſt du ſo ein„Gott hilft“ im Herzen, dann, Freund, macht dir ſchwerer Anfang nicht mehr bange. Bedenk's wohl und vergiß es nicht! (Spinnſtube 1850.)


