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vielleicht Niemand jemals mehr Theilnahme verdient haben, als Lina. Sie ſaß gerade, als ich in das Zimmer trat, den Kopf auf die Hand geſtützt, an einem kleinen Tiſche. Die leichenähnliche Bläſſe eines jugendlichen Angeſichtes, das ein zwar wohlgeordnetes, jedoch nachläſſig herabhän— gendes dunkles Haar umgab, die kummervoll entſtellten Züge erweckten in mir innige Theilnahme. Ich hatte den ubrigen Irren einiges Zuckerwerk mitgebracht, wornach ſie begierig haſchten, Lina hatte mir lächelnd zugeſehen; ich wagte nicht ihr etwas anzubieten, weil ich dem Aeußeren nach leicht errieth, daß ich ein Madchen höheren Standes vor mir habe. Ich legte, was ich noch hatte, vor ſie auf den Tiſch. Sie ſtand auf, reichte es einer ältlichen Dame in 1 8 Nähe, welche ich ſogleich für ihre Mutter erkannte, mit dem Bedeuten, es den Gefährtinnen ihres traurigen Looſes mitzutheilen; und eine Thräne ſah ich über ihr bleiches Antlitz herabrollen.
In Koblenz blieb ich länger, als ich mir anfangs vorgenommen hatte. Ich beſuchte die ſchönen Gegenden an der Lahn und Moſel und ſo verging ein Tag nach dem andern, bis ich endlich an meine Abreiſe dachte.
In St. Thomas war ich damals nicht zum Letzten— male geweſen. Einige Tage darauf, als ich meinen Be⸗ ſuch wiederholte, traf ich Lina in einem minder beklagens⸗ werthen Zuſtande, als es bei meinem erſten Beſuche der Fall war. Lichte Augenblicke hatte den Irrſinn verdrängt, der ihren Geiſt wie mit einem dunklen Flor umzog; ſie lag an dem liebevollen Herzen ihrer Mutter, welche ihr auch zu ihrem jetzigen Wohnorte gefolgt war, und beklagte das Schickſal ihres Lebens.
Bei meinem Eintritte ſchlug ſie die freudeleeren Au— gen zur Erde nieder, wahrend die Mutter meinen freund⸗ lichen Gruß erwiederte. Ich wußte dieſe durch Worte des Troſtes auch in einige Augenblicke ihrer Leiden ver⸗ geſſen zu machen, indem ich ſie auf kommende, beſſere Tage der Zukunft hinwies, wo ihr das Liebſte im Leben, ihre liebe Tochter gewiß ganz wiedergegeben würde. Die Theilnahme, welche aus meinen Worten ſprach, denen Lina nicht ohne Aufmerkſamkeit folgte, und welche mein Inneres auch wahrhaft ganz durchdrang, ſie ward von Mutter und Tochter nicht verkannt, und mehrte das mir gewonnene Zutrauen auf eine ſolche Weiſe, daß ſie kein Bedenken trugen, mir die Ereigniſſe der Vergangenheit mitzutheilen.
Tief mußte ich beklagen, daß Lina's lichte Augenblicke, nachdem ſie mir ihre Schickſale erzählt, erloſchen und ſie die dunkle Nacht des Irrſinns wieder umgab.
Ich nahm von der Mutter herzlichen Abſchied und verſprach ihr, bei meiner Rückkehr nach Koblenz ſie wieder zu beſuchen.
Drei Wochen nach meiner Abreiſe kam ich wieder dahin zurück; meinem Verſprechen gemäß ging ich auch nach St. Thomas, wo mir die Freude zu Theil wurde, Lina's Bruder, Hermann, kennen zu lernen, der auf wenige Tage zum Beſuche der Seinigen dahin gekommen war.
Der Abſchied von dieſer lieben Familie that mir wahrhaft leid, und ich nahm mir feſt vor, wenn ich jemals in die Nähe ihres Wohnortes käme, ſie wieder aufzuſuchen.
5.
Drei Jahre ſpäter kam ich auf einer Reiſe durch Holland und Belgien nach Brüſſel. Ich ſtieg im„Hotel des princes“ ab. Ein junger Mann, deſſen Aeußeres das lebhafteſte Intereſſe in mir erregte, ſaß mir gegenüber. Mein Intereſſe ſtieg, als ich bemerkte, daß er von Geburt
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ein Deutſcher ſein müſſe, denn gerade hörte ich ihn von dem Kellner in meiner ſo lange entbehrten Mutterſprache anreden. Er mochte kaum noch die zwanziger Jahre über— ſchritten haben, obwohl ernſtere Züge ihn bereits der Sorgloſigkeit dieſer Jahre entrückt zu haben ſchienen. Ein ſchwarzer Bart, welcher ſein blaſſes Geſicht umgab, trug noch dazu bei, ihn im erſten Augenblicke für älter zu er— kennen, als er in der That war.
Noch war ich mit dem Gedanken beſchäftigt, wie es mir möglich ſein konnte, zu erfahren, wer der Fremde ſei, als auch zu mir der Kellner trat, und mich erſuchte, mei— nen Namen in das Fremdenbuch einzuſchreiben. So hatte ich denn auf einmal Gelegenheit, mehr zu erfahren, als ich gewünſcht. Der Fremde war Auguſt Cramer, es zog ihn in Italien mächtig nach der fernen Heimath, mächtig nach der Gegend hin, wo er ſeine hoffnungsvollſten Tage verlebt hatte, obwohl er Lina für ſich längſt verloren wähnte. So iſt es nun einmal im menſchlichen Leben. Mit der Vernichtung unſerer Hoffnungen auf Erfüllung ſchöner Wünſche pflegt die Sehnſucht nach dem mächtigen Ziele unſerer Wünſche nicht zu erſterben.—
Deutſche in fremden Landen nähern ſich immer leicht. Wenige Tage vergingen, und aufrichtige Freundſchaft feſſelte uns enger an einander. Ich theilte ihm Alles mit, was ich während meines Aufenthaltes in Koblenz bei meinen Beſuchen in St. Thomas erfahren hatte, und be— lebte dadurch ſeine einſt gehegten Hoffnungen auf's Neue. Am kommenden Tage verließen wir Brüſſel und noch am nämlichen Abende hielten wir im Bahnhöfe zu Köln; das letzte rheinaufwärts fahrende Dampfboot brachte uns nach Andernach, von wo aus wir kommenden Tages in der Frühe nach St. Thomas abfuhren. Allein Lina war nicht mehr hier; wir waren ihr näher geweſen, als wir geahnt; ſie war wieder, einigermaßen hergeſtellt, mit ihrer Mutter nach Köln zurückgekehrt. In Andernach ſchieden wirz Auguſt Cramer ging rheinabwärts, ich ſchlug den entge— gengeſetzten Weg in die Heimath ein.—
Fünf Monate ſpäter fand ich, als ich eines Abends von einem Spaziergange zurückkehrte, auf meinem Schreib— tiſche einen Brief mit dem Poſtzeichen„Berlin.“ Lange rieth ich hin und wieder, von wem er wohl ſein moge, ohne es zu errathen; ich erbrach ihn und las:
Lieber Freund!
Nicht vermag ich zu unterlaſſen, Ihnen Ereigniſſe mitzutheilen, welche Sie jedoch vielleicht ſeit Ihrem Zu— ſammentreffen mit Auguſt Cramer ſchon geahnet haben werden. Heitere Augenblicke der Gegenwart haben die trüben der Vergangenheit allmählig verdrängt, und auf mein vom Irrſinne ſo lange befangenes Gemüth ſo wohl— thätig eingewirkt, daß ſich daſſelbe nun wieder ſeiner beſ— ſern Natur erfreut. Seit drei Monaten bin ich Auguſt's glückliche Gattin; kommen Sie nun, lieber Freund, damit Sie, der Sie ſo aufrichtige Theilnahme an meinem früheren Schickſale genommen, auch jetzt Zeuge meines Glückes ſein koͤnnen. Leben Sie wohl!
Berlin im Oktober 1846. Ihre Freundin Lina Cramer.
Einem ſpäteren Briefe Auguſt's zufolge befindet ſich derſelbe nun auf ſeinen exerbten Gütern, wohin ihn auch Lina's Mutter und Bruder begleiteten; auch Hermann zog es vor, ſich in ihrer Nähe niederzulaſſen, und ſo leben denn alle dort ein glückliches Leben und bilden, ſo zu ſagen, nur eine Familie.
(Erheiterungen.)


