und ſtreckte die Arme nach ihr aus,„iſt denn das eine nicht genug?“ 0 5
„Ja,“ ſagte die Todte und ſtieg langſam nieder, „ich bringe Dir das andere wieder zuruck,“ und aus der Hofthür verſchwand ſie, wie ſie gekommen.
„Mein damals etwa vierzehnjähriger Bruder war
ein ausgezeichneter Harfenſpieler, und übte ſich beſonders in jener Zeit Tag und Nacht; um es zu noch immer
größerer Fertigkeit zu bringen, hatte er ſich aber wohl
darin übernommen, oder lag der Keim der Krankheit ſchon in ihm, kurz, wenige Tage nach dieſem Traume wurde er, ſonſt ein kräftiger, geſunder Knabe, krank, und ſah ſich bald durch das hitzigſte Nervenfieber auf ſein Lager ge⸗ worfen. Fünf Tage ſpäter legte ich mich ebenfalls mit demſelben Uebel, mein Bruder aber ſtarb am neunten Tage und in dem Augenblicke, wo er im Todeszucken lag, riſſen plötzlich alle Saiten ſeiner Harfe.— Mich brachte die Großmutter wieder— ich genas nach kurzer Zeit.“ „Die Harfe hat hinter dem Ofen geſtanden,“ brach der Paſtor raſch eine feierliche Pauſe;„das Geſtell kann ſich gezogen haben und da mußten wohl die Saiten mit einem Male ſpringen.“ 2 „Die Erklärung mag wohl ganz gut und natürlich klingen,“ ſagte der Schulmeiſter endlich,„ich ſehe aber wirklich nicht ein, weßhalb wir uns Alles natürlich er⸗ klären müſſen. Du lieber Gott, unſer Aller Leben iſt ſo arm, ſo entſetzlich arm an jeder Poeſie, daß ich denken ſollte, es hätte ſogar etwas Wohlthuendes, einmal einen Gegenſtand zu finden, den man nicht recht be⸗ greifen kann. Ich weiß mich noch recht gut zu erin⸗ nern, wie ich als Kind feſt und heilig glaubte, der Storch bringe die Kleinen, und das Chriſtkindchen die ſchönen Sachen zu Weihnachten; wie ich mich vor dem Knecht Ruprecht fürchtete und die heiligen drei Könige ehrfurchtsvoll anſtaunte, und einmal im Theater, der Abend wird mir unvergeßlich bleiben, da ſah ich ein Stück, das hieß die Kreuzfahrer, und etwas Derartiges war mir in meinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen. Ich weinte und lachte den ganzen Abend und träumte ein volles Jahr von weiter nichts, als tapfern edeln Rittern, braven Türken, unglücklichen Türkenmädchen und böſen Aebtiſſinnen. Das Stück übte auch merkwürdiger Weiſe einen ganz eigenthümlichen Einfluß auf mein künftiges Leben aus; ich ſchwärmte für die altadeligen Geſchlechter der tapfern Ritter und bekam einen ordentlichen Haß auf die katholiſche Religion, die den Mißbrauch der Klöſter dulden konnte. Jetzt iſt das ganz, ganz anders geworden, ich halte die Störche für ſehr gewöhnliche Zugvögel, die von Fröſchen und anderem Zeug leben, und ſich keineswegs mit Kindertransport beſchäftigen; den ſogenannten heiligen Chriſt habe ich diverſe Male ſelbſt machen müſſen, und deßhalb gegründete Urſache, an ſeiner Heiligkeit zu zwei⸗ feln; ebenſo den Knecht Ruprecht, wobei ich gleichzeitig und höchſt trauriger Weiſe allen Reſpekt ſelbſt vor den heiligen drei Königen verloren; und was das Theater anbetrifft, ſo gaben ſie, als ich im vorigen Jahre zum letzten Male in Hamburg war, dort zufällig daſſelbe Stück und die Erinnerung an meine Kindheit trieb mich hinein. Ich wollte, ich waͤre nicht gegangen, denn als ich wieder heraus kam, und ich ſollte mich eigentlich ſchämen, es zu geſtehen, habe ich großer erwachſener Kerl geweint, bittere, große Thränen geweint, und weßhalb? weil ich durch meine Neugierde ein kleines Heiligthum muthwillig geſtört hatte, das mein Herz ſeit ſeiner Jugendzeit in ſeiner innerſten Zelle ſtill und heilig genährt, weil ich das muth⸗ willig und mit roher Hand jetzt von mir geriſſen ſah, was mich ſo viele, viele Stunden mit froher geheimnißvoller
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Luſt erfüllt. Die hohen ſchattigen Palmen, die mir bis dahin noch immer vorgeſchwebt, ſchrumpften zu Pappdeckeln mit hölzernen Stützen zuſammen,— jener Zweikampf, an den ich oft mit ſtillem Schauder zurückgedacht, wurde zu einem gewöhnlichen Hämmern auf Blechſchilde; der alte ehrwürdige Emir, in der einen Scene ſiel ihm der Bart ab, und das ganze Publicum lachte, während mir die Thränen in die Augen traten, die fürchterliche Aebtiſſin war die Frau meines freundlichen Wirths, eine treffliche brave Seele, die ſich noch an demſelben Nachmittag erſt ſo theilnehmend erkundigt hatte, wie es all' den Meinigen zu Hauſe ging, die Frau konnte unmöglich ein Böſewicht ſein; und nun erſt die Knappen und Ritter, die früher einen ſolchen Eindruck auf mich gemacht, wie hölzern ſie daſtanden und wie ungelenk: ach, mein ſchöner Jugend⸗ traum, wie bös, wie häßlich war der zerſtört worden, und wie viel beſſer wäre es geweſen, wenn ich keine natür⸗ liche Erklärung für all den ſüßen Zauber gefunden hätte!“
„Es läßt ſich auch nicht Alles natürlich erklären,“ ſagte der Verwalter ernſt und ſtopfte ſich dabei langſam den hohen Maſerkopf mit dem vor ihm liegenden Tabak, zund wenn man's noch ſo gern erklären möchte und wollte. Ich ſelbſt habe zum Beiſpiel etwas erlebt, was ſo wun⸗ derbar und märchenhaft klingt, daß ich es ſelten erzähle, es glaubt mir's Niemand, und es thut mir nachher weh, wenn etwas beſpöttelt wird, das,— heiliger Gott, wie das wieder raſt und tobt, man ſollte glauben, es ſchüttelte die alte Erde aus den Axen,— das mir ſelbſt ſo allge⸗ waltig in's Leben gegriffen hat.“
„Sie ſcheinen mich für einen total Ungläubigen zu halten, lieber Verwalter,“ ſagte der Paſtor freundlich, „darin thun Sie mir aber Unrecht, das vertrüge ſich auch nicht einmal mit meiner Stellung, mit meiner Religion. Auch von Gott ward uns ja weiter nichts, als in ſinn⸗ bildlichen Uebertragungen eine Ahnung ſeines Weſens, und was Anderes als Ahnung einer höheren Welt iſt es, wenn uns bei frommem, erhebendem Choralgeſang die Seele in ſüßer unbegriffener Luſt zuſammenſchauert. Ich glaube an Ahnungen, möchte ſie aber nur von den gewöhnlichen Vorbedeutungen geſchieden ſehen.“
(Fortſetzung folgt.)
Eine Anekdote).
Als der Fürſt Windiſchgrätz Wien belagerte Anno 1848 im Spätherbſt, und die Wiener Bürgerwehr in den Kampf ſollte, bekam auch ein Schneider ein Gewehr, der ſein Lebtag noch keines in der Hand gehabt. Er nimmt eine Patrone und ſtoßt ſie in den Lauf, vergißt ſie aber abzubeißen. Nun legt er an und drückt los; aber es geht nicht.
J will noch eini nein thun! ſagt er, und ſetzt die zweite Patrone drauf. Abermals kein Feuer!
J glaub', denkt er, i muß noch a Biſſel nein thun! und auch die dritte Patrone ſetzt ſich auf die zwei andern, und doch will's nicht losgehen.
Dos is a kurioſi Geſchicht', denkt er, und ſinnt eine Weile. Pas ſchadet's, ſagt er zu ſich, i ſetz' die vierti drauf! Geſagt, gethan. Jetzt legt er an— aber es iſt vergeblich, weil die erſte Patrone nicht abgebiſſen und kein Pulver auf der Pfanne war. Es geht nicht los.
*) Indem wir unſern verehrl. Leſern wieder eine Reihe von Erzaͤhlun⸗ gen, Anekdoten zꝛc. aus der„Spinnſtube 1850, vorführen, erlauben wir uns zugleich auf den neu erſchienenen Jahrgang für 1850, welcher in der Buchhandlung von C. Bindernagel vorräthig it, aufmerkſam zu machen.
Die Redaetion.


