Ausgabe 
29.12.1849
 
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Ja, ja,, ruft die Mutter den wilden Knaben zu,

* alle eure Münſche ſind berückſichtigt worden. Nur Du,, wendete ſie ſich zur Tochter,liebe Agnes, wirſt heute faſt leer ausgehen. Der Shawl, wie Du ihn wünſchteſt, war ſchon verkauft und ein ähnlicher nicht auf⸗ zutreiben. Du mußt Dich bis zur Meſſe gedulden., Sie muß ſich jedoch abwenden, denn wenn ſie dieſe Worte auch in bedauerdem Ton geſprochen, ſo muß ſie doch zugleich in ihrem Antlitz ein freudiges Lächeln nieder⸗ kämpfen, das auf einen andern Ausgang zu deuten ſcheint.

faſt krampfhaften Bewegung, indem ſie ſagt:Theure Mutter, Sie wiſſen ja, ich bin mit Allem zufrieden, wenn ich nur Ihre ehe N

Die Thränen drohen ihr in die Augen zu treten, ſie wendet ſich raſch und geht in ihr Zimmer. Hier. iſt es finſter, aber ſie tritt ans Fenſter und legt die Stirn an die kalten Scheiben und blickt hinauf nach dem Hauſe gegenüber. Dort, im dritten Stock wohnt erz es. iſt auch dort finſter! Wo mag er ſein?

Sechzig Perſonen ſind zum heutigen Souper geladen, darunter das ganze Geſchäftsperſonal ihres Vaters; nur er nicht, Wilhelm Werner, ſein erſter Correſpondent, der ſchöne, junge, feingebildete Mann, den ſie liebt, mit der

Erſtlingsgluth einer Mädchenſeele, und der zu ihr anbetend,

aber hoffnungslos emporblickt. Denn iſt er gleich nicht

arm, ſo iſt ſein Vater doch nur ein Fabrikherr von mäßigem

Vermögen und hat noch mehrere Kinder zu verſorgen. Fichtuer aber iſt einer der reichſten Männer der großen Handelsſtadt, und ſeine, Tochter gilt für eine äußerſt brillante Partie.. 5 Das laute Jubelge welches aus der vierten Stube ſchallt, erweckt Ag! aus ihren kummervollen Fan ſte trocknet ſchnell die Augen und eilt hinüber. een leine Brüder ſind bereits beſchenkt und im Beſitze alles deſſen, was ſie erſehnt und gebeten. 7 Agues trat nun an den Tiſch. Der Vater nahm das Wort:Du haſt ſchon von der Mutter erfahren, daß uns vor der Hand die Freude verſagt iſt, Dir den gewünſchten Shawl zu ſchenken. Indeſſen haben wir Dir doch eine kleine und, wie wir glauben, freudige Ueber⸗ raſchung bereitet. Hier nimm! b 7 Er reichte ihr ein kleines, elegantes Brieftäſchchen. Agnes dankte, doch beeilte ſie ſich nicht daffelbe zu öffnen, denn ſie vermuthete eine Banknote darin, und ihr Sins ſtand jetzt nicht nach Gelde. 14 So öffne doch! ſagte lächelnd die Mutter. Aznes faltete die Maroquinblätter auseinander; eine Karte fiel auf den Boden, ſte hob ſie auf und betrachtete die Inſchrift. Zierlich geſtochen war darauf zu leſen: Agnes Fichtner und Wilhelm Werner, als Verlobte. Ohnmichtig vor Freude ſank ſie in die Arme ihrer weinenden Potter. Der Vater legte ſegnend ſeine Hand auf ihr Haupt, indem er ſagte:Mein liebes Kind! Ich habe Deine ſtillt Liebe errathen, ein Brief Werners, der in meine Hände Krieth, hat mir auch von ſeiner Neigung Kunde gegeben. Fr iſt zwar nicht reich, aber geſittet, edelſinnig, fleißig um unterrichtet. Er wird Dich glücklich machen. An Deinem Hochzeitstage tritt er als Theil⸗ nehmer in mein Geſchet. Je beſcheidener Eure Hoff nungen waren, um ſo feudiger ſei Euch die Gewährung! Das Uebrige mag er Dir ſelbſt ſagen! Er ſchritt nach dieſg Worten zur Thüre, öffnete dieſe und ließ Werner eindeten.Umarmen Sie Ihre Braut! ſagte er, auf Agnes deutend, die noch am Halſe. ihrer Mutter lag. N N Kurz bevor Fichtner das Fomptoir verlaſſen, hatte N

der Eingeladenen.

Agnes aber küßt die Hand ihrer Mutter mit einer

er den jungen Mann von ſeinem Glücke in Kenntniß ge⸗

ſetzt und zur Beſcheerung eingeladen, wo er bis zum ent⸗ ſcheidenden Momente ſich ruhig im Nebenzimmer verhalten

mußte.

Daher befand ſich auch ſein Name nicht auf der Liſte Die Ueberraſchung ſollte eine beider⸗ ſeitige ſein; ſie war eine vollſtändige, eine uͤberaus freudige.

Das Theater war beendigt, die Gäſte ſtellten ſich ein, Agnes entwand ſich den Armen ihres Bräutigams und eilte auf ihr Gemach, um ſich bräutlich zu ſchmücken. Bei Tafel brachte der Banquier im erſten Glaſe Champagner das Wohl des neuen Brautpaares aus, das er hiermit der Geſellſchaft feierlich vorſtellte.

VI.

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Ju einer Stube des vierten Stocks iſt es faſt ganz finſter. Nur eine Oellampe, die jeden Augenblick zu ver⸗ löſchen droht, verbreitet ſparſame Helle und zeigt den arm⸗ ſeligen Hausrath. Im Ofen verklimmen die letzten Funken, und der Froſt von Außen malt emſiger und deutlicher ſeine ſtarren Blumen an die Scheiben. f

Eine bleiche Frau von etwa dreißig Jahren ſitzt auf einem Stuhl zunächſt dem Ofen und ſtrickt. Der Mann, kaum zehn Jahre älter, aber gebleicht von Sorge und ſchon angenagt vom Wurm der Krankheit, ſchreitet, in

einen alten Schlafpelz gehüllt, mit langen Schritten auf

und ab. Iſt es die innere Unruhe, die ihn peinigt, oder will er ſich erwärmen in der froſtigen Atmoſphäre? Er beginnt Au efter e, e Das iſt ein Weihnachtsabend! Einen ſolchen, Chriſtine, haben wir doch noch nicht erlebt. Und vollends Du, als Du noch bei deinen braven, wohlhabenden Eltern warſt, da ſie noch lebten! In allen Fenſtern der Straße ſchimmern die, Lichter, und wie ſieht es bei uns aus! Hu ſo kalt, ſo froſtig und ſo finſter der les wird bald verzehrt fein. Ach, wär's mit meinem Leben auch 12(Aud g 3 ir werden bald ſchlafen gehen, beſchwichti 1 4 7es iſt ohnehin fpüt. Wer weiß, Wee ommt., 14 1 uin II 1 1 1 2 141 W Was uns bevorſteht? Nichts Gutes gewiß, ygr der Mann und ſetzt ſeinen Spaziergang fel 29155 7 5 es auch kommen? Drei Monate ohne Beſchäftigung, wie ich auch renne und laufe, bitte und katzenbuckle. Alle Stellen ſind beſetzt Copiſten giebt es genug in der Welt. Entweder werde ich glatt und ſchnöde abgewieſen, oder man drückt mir, wie einem Bettler, ein Paar Groſchen in die Hand. Hu! Ich wär' ſchon Taglöhner ge⸗ worden und hätte die falſche Scham zum Teufel gejagt, wenn meine ſchwache Bruſt eine angeſtrengte Arbeik aus⸗ hielte. Das iſt ein Leben, und keine Ausſicht keine! fNun, verzweifle nur nicht, lieber Mann! Wir hatten doch heute Brod ſatt zu eſſen, das uns die Nachbarin gab. Und dann hatte ich heute Nacht einen Traum, der ge wiß was Gutes zu bedeuten hat. Zudem hat mich den ganzen Tag der linke Daumen gejuckt, das bedeutet un⸗ verhoffte Freude.

Mit deinen dummen Träumereien! Das Beten hat

uns zu nichts geholfen, Dein Aberglaube hilft auch zu nichts. Nur gute Menſcheu können uns helfen, die mir Arbeit und Brod geben, denn arbeiten will ich ja. Aber

ich glaube faſt, die Sorte iſt ausgegangen; denn wo ich

auch anpochte, da hieß es: Ich kann nicht Alles ſchon beſetzt. O Weib, es iſt ein jammervolles Gefühl, wenn man einſehen lernt, daß man ganz überflüſſig, ganz ent⸗ behrlich, daß man nur ſich und Andern zur Laſt iſt!

Ich bau auf meinen Gott, verſetzt die Ftau ſanft

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