III.* Wir ſind im vierten Stockwerk. Es iſt finster in der Stube des Fabrikarbeiters, wo fünf Kinder von zwei bis acht Jahren lärmen. Die Mutter, eine noch rüſtige Frau, der man übrigens die ſchwere Arbeit und die Lebens—
ſorgen anſieht, „Wenn Ihr nicht ſtille ſeid,“ ſagte ſie,„ſo bringt Euch
der Vater nichts zur Beſcheerung und ich zünde den Weih⸗
nachtsbaum nicht an.“ „O,
kopf, mit einer kleinen Stumpfuaſe;„er kann ja, nicht wiſſen, ob wir während der Zeit unartig geweſen ſind.“
Die Stube iſt ärmlich meublirt, doch herrſcht Rein⸗ lichkeit überall; die Kinder ſehen geſund aus, und ihre Kleidung iſt, wenn auch geflickt, doch ſauber. Eine Ruthe an der Wand liefert den Beweis, daß die Mutter ein gutes Regiment führt. Sie breitet jetzt ein grobes, aber weißes Tuch auf den Mitteltiſch, und ſtellt einen hohen Weihnachtsbaum darauf, der ſchon im vorigen Jahre pa⸗ radirt hat und an den Zweigen etwas ſchadhaft geworden iſt, aber heut noch ſeine Dienſte thun muß.
Da poltert ſchwerer Tritt auf der ſteilen Treppe, und ein ſonorer Huſten wird draußen vernehmbar.„Der Vater kommt,, ruft die Mutter;„jetzt fort in die Kam⸗ mer, und daß mir Keins darinnen muckſt, bis ich rufe e
Die fünf fröhlichen Rangen erheben ein lautes Freu⸗ dengeſchrei, und ſtürzen durch und über einander zur Thüre hinein, die ſich hinter ihnen ſchließt. Und es wird nach, und nach ruhig darin, f f An der Stubenthür aber taſtet es von Außen mit ſchwerer Hand, welche den Drücker nicht finden kann, und, herein tritt etwas unſichern Schrittes der Hausvater, ein tobuſter Mann von etwa vierzig Jahren. Sein Antlitz iſt geröthet, die Augen blicken ekwas trübe.„Guten Abend,“ ſagt er mit belegter Stimme, und legt ſein Ar⸗ beitszeug hinter den Ofen.
Die Frau, welche ihn noch nicht in's Auge. gefaßt, ſondern am Tiſche beſchäftigt war, ſpricht im Tone des Vorwurfs:„Wo ſwarſt du denn ſo kungen Die Kinder konnten Dich kaum erwarten.“
„Lirum, larum,“ entgegnete der Mann mit heiterem Tone, und macht einige unſichere Schritte nach dem Tiſch zu,„der Weg von der Fabrik herein iſt weit, und ich mußte warten— ja ich mußte warten— bis der Wo— chenlohn ausgezahlt wurde— hier“— er legt ein Paar Thaler auf den Tiſch, wovon einer der ungeſchickten Hand entrollt und auf den Boden fällt—„hier iſt Dein Wirth—⸗ ſchaftsgeld— richtig bei Heller und Pfennig. Und die Kinder— die können warten, lirum— larum.
Die Frau rafft ſorgſam das Geld auf, und unterm Tiſche zuſammen:„Wo haſt Du denn das Uebrige 2“ fragt ſie im ſcheltenden Tone;„was haſt Du den Kindern zur Beſcheerung gebracht? Was haſt Du eingekauft?“
Sie beobachtete ihn mit prüfenden Blicken, und er⸗ hebt lauter die Stimme;„Ach du meine Güte; da ſeh'
erſcheint mit Licht, und gebietet Ruhe.
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der Vater, wird ſchon Etwas bringen, a gegnet das ſechsjährige Töchterlein, ein freundlicher Schwarz⸗ 5
ſätzen— u nichts iſt's. Bruſt, und hab' mir Etwas in der Apotheke geholt, etwas Bittres.“
mir'mal Einer den liederlichen Mann! Du warſt in der chene und haſt's Geld vertrunken. O Du unverbeſſer⸗
licher Schnappsbruder! Weib und Kind haſt Du ver⸗
vergeſſen—“ „Lirum— larum,“ ſpricht ber Mann in kurzen Ab⸗ Ich hatte einen Verſchlag auf der
„Ja— aus dem eigueurladen, Menſch!l⸗ „Lirum— larum: Du weißt nicht, was arbeiten
Du ehrvergeſſener
iſt— das ſtrengt an.,
„So e, führt die Frau zornig auf, plage ich mich nicht den ganzen Tag, und bediene die Leute, wenn mir die Kinder nur einen Augenblick Zeit laſſen? Was wäre
aus ihnen, was wäre aus Dir geworden, wenn ich nicht
raſtlos thätig geweſen wäre? Aber wir können auf keinen grünen Zweig kommen, ſo lange Du die Halfte Deines
Verdienſtes in der Schenke verjubelſt.“
Der Mann hat ſich indeſſen, nicht ohne kunſtfertige Schwenkung, auf die Ofenbank zurückgezogen. Sein Rauſch iſt gutmüthiger Natur, und des Weibes Scheltworte, die ihm zur Gewohnheit geworden, ſcheinen, keinen tiefen Ein⸗ druck auf ihn zu machen.
„Alles vom Verſchlag,“ ſagt er huſtend,„Du kränkſt mich, Roſalie. Ich bin„
„Ein Rabenvater biſt Du, verſetzt ſte zwiſchen
Weinen und Kreiſchen;„hätte mif der gute Herr aus dem erſten, Stock nicht extra acht Groſchen geſchenkt, meine ehen Würmer würden cheute, keinen heiligen. be⸗ ehen ent eee men nee d 5 „„„Lirum, larum— un ata— wie ich— wie ich- a Die Frau droht 7755 mit der geballten Fauſt, und verläßt raſch die Stube. In der Kammer iſt's inzwiſchen lauter. geworden; die Unruhe giebt ſich in einzelnen Fragen und Aüsrufungen künd. Die Kleinen können nicht be⸗ greifen, warum die Anordnungen der Mutter ſo lange dauern. Der Vater am Ofen aber, dem die Wärme recht behaglich thut, zieht die Beine an ſich, lehnt ſich an die Wand, und(verfällt in einen ſanften Schlummer, für deſſen Geſundheit alsbald ein lautes Schnarchen ſpricht, das in die leere Stube tönt, wie wenn ein Hobel quer über einen eichenen Pfoſten geht.
Baldzaſt die Mutter zurückgekehrt, ſie bringt in der Schürze Aepfel, Pfefferkuchen, vergoldete Nüſſe und der— gleichen. Raſch brennt ſie die Lichtſtumpfe am Weihnachts⸗ baum an, behängt ihn mit den beſcheidenen Gaben, und öffnet endlich den lärmenden Kleinen die Thüre.
Sie ſtürzen mit lautem Jubel um den erleuchteten Tiſch, deſſen Helle ſie blendet. Die Mutter theilt dieſem Aepfel, jenem Kuchen aus; die Kinder ſind glücklich, die Mutter iſt glücklich über die Freude der Kinder, und der Vater am—. 4 0 glücklich in ſeinem Rauſche. ö
Goriſchung folgt.)
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Bekanntmachungen von Be⸗ hoͤrden.
d +τι N ννν Frucht ⸗Verſteigerung.
(1834) Mittwoch den 19. l. M., Nachmit⸗ tags um 2 Uhr, werden in hieſigem“ Rathhauſe 50 bis 60 Malter Korn, von dem Fruchworrath 11 95 Auguſtiner⸗Schulfonds, meistbietend ver⸗ eigert. Friedbetg den 12. Dezember 1849. 5 Der Großh. Heſſ. Bürgermeiſter Be n de
ſteigert: 1) ein Pferd,
Mobiliar⸗ Ver zaee
(1835) Donnerſtag den 20. l. M., Morgen um 9 Uhr, wird in Auftrag der Frau Rudolph Schmidt's Wittwe, in der Wohnung in dem Hoſpitalhofe in der Uſavorſtadt, meiſtbietend ver⸗
2) zwei tragbare Kühe, 8 3) ein tragbares Rind, S 111 4) ein Schaaf, 8 Hühner Und ein f 5 zwei fette Schweine, g ein neuer Wagen, Pflug, Egge und ſonſtige zur Oekonomie gehörende Geräth⸗
ſcaftn, Fäſſer, Bütten, ein kupferner Waſchkeſſel und dergleichen; ſodann circa 20 Fuder Stroh, 20 Zentner Heu, 16 Zentner Grummet, 30 bis 35 Malter Kartoffeln und eine ee eee e Parthie Dünger. Gemerkt wird, daß gegen Bürgſcheine Zab⸗. lungsfriſt. bis Martini 1850 geſtattet wird. i den 12. Dezember 1849.
ahn,
Bein de
Der Großh. Heſſ. Bürgermeiſter
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