Ausgabe 
15.8.1849
 
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N 683.

Mittwoch den 15. Auguſt

Ein Kampf um Leben und Tod. (Schluß.) III.

Der Herbſt war wiederum da. Ein munteres Mäd- chen hatte die Familie Stephans vermehrt, aber ein Freund war ihm entzogen. Der Lehrer war verhaftet, denn er hatte einen Brief von ſeinem Bruder, der mit zu den Aus wanderern gehörte, erhalten, worin ihr trauriges Loos mit grellen Farben geſchildert war. Sie hatten Wochenlang auf die Ueberfahrt harren müſſen und nirgends Hülfe gefunden; die Ueberfahrtsverträge wurden von den Schiffsrhedern wortbrüchig aufgelöſ't und nirgends fanden die Verlaſſenen einen Beiſtand, der ihrer Klage Nachdruck gegeben hätte; dazu kam, daß Viele in die Hände von Betrügern und Seelenverkäufern fielen, und ſich aus Mangel an Geld und Fürſorge nach den ungeſundeſten engliſchen und fran⸗ zoͤſiſchen Colonien überſiedeln ließen, wo ſie nach wenigen Jahren einem gewiſſen Tode entgegen gingen. In dem Briefe des Bruders hieß es:

O wir Deutſchen! Wißt Ihr's, Ihr ſeid Deutſche! Von allen Völkern des Erdbodens am reichſten geſegnet mit landesväterlichen Herzen, und wenn Ihr hinaus kommt über die bunten Grenzpfähle der landesväterlichen Obhut, da merkt Ihr's, was Ihr in der Welt geltet und wie überall Wächter Eures Heils aufgeſtellt ſind. Wir bezahlen von unſern Steuern die Geſandten an allen Reſidenzen der Welt, damit ſie Kurierpferde keuchen machen und berichten, welche Feſte gefeiert wurden, welche hohe Niederkunft ſtattgefunden hat die Unterthanen

aber, welche die Steuern bezahlen, bedürfen keines Schutzes

in fremden Landen. Mögen ſie zu Grunde gehen, das Geſpött der Welt ſein und höchſtens ihr Mitleid erregen was liegt daran? Wenn ein Bekannter von uns ge⸗ ſtorben iſt oder ein Kunde, der uns mit ernähren half, ſo geben wir ihm das Geleite bis zur Ruheſtätte im Grabe; die Unterthanen aber, die bis jetzt den Staat mit erhalten haben, und die größtentheils aus Noth und Furcht vor der zukünftigen Noth auswandern ſie ge⸗ hen die landes väterliche Liebe nichts mehr an. Nur ſo lange Ihr Steuern bezahlt, nimmt man Euch in Obhut, bezahlt Ihr keine Steuern mehr, könnt Ihr zum Teufel gehen. Das iſt die landes väterliche Liebe.

Gerade um vor fahrläſſiger Auswanderung zu war⸗ nen, hatte der Lehrer mehrere Abſchriften von dem Briefe nehmen und auf dieſe Weiſe ihn verbreiten laſſen, weil

die Erlaubniß zum Druck in einem öffentlichen Blatte von der Polizei verſagt war. Darum war nun der Lehrer verhaftet. Stephan ſtand eines Sonntag Morgens an die Pfoſten der Hausthur gelehnt und ſah ruhig den Schwalben zu, die pfeilraſch voll Haſt durch die Luft ſchoſſen. Der Ge⸗ danke an die Auswanderung, der ſtets in ihm ſchlummerte, erwachte leiſe wieder; er gedachte, daß auch die Schwal⸗ ben hier auswandern wollten, und nun keine Ruhe mehr hätten, da ſie Froſt und Hunger leiden müßten. Sie konnten frei ziehen, denn die Thiere haben nur fuͤr ſich zu ſorgen und für ihre Jungen, ſo lange ſie noch klein ſind; Eltern kennen ſie nicht. Das war doch noch ein Ueberreſt von den alten

böſen Gedanken, aber Stephan war's als hätte ein andrer

Menſch und nicht er ſelbſt ſolche ehedem in ſich gehegt. Da erſcholl es plötzlich von allen Seiten:der Her⸗

zog Lumbus iſt wieder dal der Herzog Lumbus iſt wieder da!

Ein Menſch in zerfetzten Kleidern rannte durch die Gaſſen, dem Kirchhofe zu und ſchrie mit ſchäumendem Munde:Mein Weib, mein Weib gebt mir! Wo iſt ſie? Iſt ſie nicht da, ſo ſchlagt mich todt!«

Es läutete zur Kirche und er ſchrie:

Wird ſie jetzt begraben? Wer hat ſie umgebracht? Wer ſagt daß ich's bin? Ja ich bin's! Schlagt ihn todt! 8 Die Kirchgänger umſtanden den Raſenden, der ſich immer auf die Bruſt ſchlug, daß es laut dröhnte und da⸗ bei ſchrie:

Seht ihr, auf der Strickleider im Schiffe, da iſt ſie hoch oben geſtanden, und ihre Schürze hat in der Luft geflattert, ich kann nicht hinauf auf's Schiff, ich kann ſie nicht hinabſtürzen. Von der Leiter in der Scheune hab' wein e e und bin 1 Tag im Heu geſteckt meint Ihr ich ſei fortgeweſen? Ich war ni t, ich bi nicht fort, ich bin dab, iger e bn

Er ſank in heftigen Zuckungen zuſammen, und Stephan war der erſte, der zitternd, aber doch voll Kraft, den von dem Fieber Ergriffenen anfaßte, um ihn in das nächſte Haus zu tragen. Es war ihm als trüge er ſich ſelbſt, ſeinen Doppelgänger ſo dahin.

Hier hatte einer vollbracht was er nur gewollt hatte. Mit zärtlicher Sorgfalt bemühte er ſich um den Raſenden, und als dieſer endlich zur Ruhe und zur Be⸗ ſinnung gelangte, ſchnitten ihm ſeine Worte tief in die Seele; denn er ſagte:

fStephan, Du biſt gut; ich danke Dir, Du biſt immer gut geweſen.