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das Unabhängigkeitsbeſtreben der Ungarn niederzuhalten
gewußt, bis nach der Pariſer Julirevolution 1830 ſich in
Ungarn eine liberale Partei, an deren Spitze ſich die that⸗ kräftigſten und talentvollſten Führer ſtellten, bildete, um die fuͤr ihr Vaterland wünſchenswertheſten Reformen durch⸗ zuſetzen. Derſelben gelang auch ſchon auf dem Reichstag
1832 die Wiedereinführung der bereits beinahe gänzlich
verſchwundenen magyariſchen Sprache als Geſchäftsſprache der Regierung; ein weiterer Fortſchritt war 1844 die Organiſation eines Inſtituts zur Hebung der vaterländi⸗ ſchen Induſtrie, was ein großer Verluſt für den Handel
und die Gewerbe Oeſtreichs war, die früher einen unge-
heuren Abſatz nach Ungarn fanden. Die Pariſer Februar— revolution und die in deren Folge eingetretene deutſche politiſche Umgeſtaltung gaben den Ungarn erwünſchte Ge⸗ legenheit, Rechte wieder geltend zu machen, die ſie beau—
ſpruchen zu können glaubten, und ihre alte Unabhängig⸗
keit auf's Neue zur Anerkennung zu bringen. Ihre For⸗ derungen, die bald bittweiſe geſtellt, bald mit Drohungen begleitet waren, wurden indeſſen vom öſtreichiſchen Cabinette durch Verſprechungen und Vertröſtungen hinausgeſchoben, und ſo glaubten die Magyaren, es bleibe ihnen kein an⸗ derer Weg übrig, als ſtatt zu petitioniren, zu handeln. Sie bildeten eine proviſoriſche Regierung, welche in dem ungariſchen Reichstage die Unabhängigkeit Ungarns, die Bildung eines eigenen Miniſteriums und einer eigenen Gerichtsbarkeit, die Abſchaffung der Frohndienſte und Zehnten die Zurückberufung der ungariſchen Soldaten, die von nun an nur dem ungariſchen Miniſterium zu gehorchen hätten, decretirte. Aber der Kaiſer erklärte dieſe Acten einer Re⸗ gierung, die er nicht anerkenne, für null und nichtig und hieraus entſtanden nun die Wirren und der gegenwärtig noch obſchwebende Kampf, deſſen Ende noch nicht abzu— ſehen iſt. Das junge Ungarn iſt voll Vertrauen auf ſeine Führer, denen weder Talent noch Muth und Entſchloſſen⸗ heit fehlen; wir erinnern nur an L. Koſſuth, gegen⸗ wärtig einer der populärſten Männer Ungarns, ein aus⸗ gezeichneter Redner und bedeutender Publiciſt; an den Grafen Caſimir Batthyanyi, ehemaligen Miniſterprä⸗ ſidenten, an Nyari, Deak, Teleki, Meſſaros u. A.
Der Volksſtamm der Ungarn iſt einer der ſchönſten in ganz Europa. Obgleich ihre Größe die mittlere Man⸗ nesgröße ſelten überſteigt, ſo zeigt ihr Gliederbau dennoch richtige Verhältniſſe und Kraft und Stärke, während ihre Geſichtszuge große Schönheit verrathen. Muthig, ſtark und ausdauernd, wie der Ungar iſt, tragen auch ſeine Geſichtsformen ſchon ein feſt ausgeſprochenes Gepräge; er hat eine lange, regelmäßige Naſe, hohe Stirne, funkelnde Augen, lange ſchwarze Haare und trägt meiſtens einen langen, ſorgfältig gepflegten Bart. Er iſt frei, gaſtfreund⸗ lich, hochherzig, aber ſtolz und ſehr mißtrauiſch, ſei er ein Adeliger, ein Bürger oder Bauer. 5
Die Kleidung des Magyaren iſt ſehr manichfaltig; der Adelige trägt die ungariſchen dicht anliegenden, vorn und an den Nähten mit Treſſen beſetzten Hoſen, ein ge— ſticktes Wamms und den Dolman; einige tragen ſtatt des Letztern den ungariſchen Pelzmantel. Auch bekleiden ſie ſich gewöhnlich mit dem Attila, d. h. der ungariſchen, mit Treſſen beſetzten und verzierten Knopflöchern verſehenen, ſchwarzen Tunika. Am Fuße tragen ſie die ungariſchen Halbſtiefel, Csizma genannt, die mit goldenen oder ſeidenen Franzen und Quaſten verziert ſind. Die Hüte haben einen breiten Rand und ſind theils rund, theils zugeſpitzt; auch trägt man mit Goldſtickereien verbrämte Mützen. K
Die Bauern tragen in einigen Gegenden die eng anliegenden in ihre langen Stiefel geſteckten Hofen, den Dolman, ein ſchwarzes ſeidenes Halstuch mit herabhängen⸗
den Enden, einen runden Hut mit breiten, oft zurückge⸗ ſchlagenen Krempen; in andern z. B. in Oberungarn(öſt⸗ liches Ungarn) kleiden ſie ſich in die Gatya; das heißt in außerordentlich weite linnene Hoſen und bedecken die Füße mit Sandalen die mit vielfach um das Bein ge⸗
Ichlungenen Neſteln befeſtigt werden und eine ganz genaue
Nachahmung der alten roͤmiſchen ſind. Ueber den Ober— körper werfen ſie einen Mantel, Guba genannt, oder ein Hammelfell, in der Gegend der Karpathen auch eine Bärenhaut. Der gemeine Mann in Ungarn treibt in ſeiner Kleidung nur mit dem Mantel einen Luxus. Derſelbe beſteht in der Regel aus blauem Tuch, iſt mit einem Hammelfell ausgefüttert und fällt bis über die Kniee hinab. Junge Leute ſchmücken an Feſttagen ihre Hüte mit Bändern, Federn oder anderem Flikterwerk. Die Vermöglichen er— ſcheinen mit ſilbernen Knöpfen auf den Kleidern und mit einem großen Mantel, der auf der Außenſeite mit Blumen, die aus verſchiedenfarbigem Leder geſchnitten ſind und unter denen die Tulpe den Vorrang hat, beſetzt ſind. Der Stutzer verziert überdieß noch mit blanken kupfernen Knöpfen den langen, ledernen Gürtel, mit dem er die Hoſen an den Leib befeſtigt. b
Die Kleidung der Frauen und Mädchen iſt ebenſo mannigfaltig als die der Männer. Sie verwenden nament— lich viel Sorgfalt auf ihre ſeidenen Mieder, ihre rothen oder gelben Stiefelchen und auf ihre äußerſt fein durchnähten Hemdärmel. Bei feſtlichen Gelegenheiten tragen die Mäd⸗ chen auch noch eine Art Kopfputz, die ſie Parta nennen, und der aus einem ſchwarzen Sammtband beſteht, das mit“ vielen falſchen Perlen geziert und ſo befeſtigt iſt, daß es eine Krone bildet, von der eine Menge ſeidener Bänder von allen Farben herabhängen. Ihr unentbehrlichſtes Kleidungsſtück aber iſt ein mit Fuchshaaren beſetzter Pelzmantel, der mit einem Hammelfell ausgefüttert iſt und bis auf die Kniee herab⸗ fällt. Jedes Mädchen muß ſich denſelben durch ihrer eigenen Hände Arbeit verdienen, woraus der Umſtand erklärlich wird, daß oft die Töchter vermöglicher Leute in Dienſte gehen, näm⸗ lich um ſich dadurch ſo viel zu erſparen, daß ſie ſich den⸗ ſelben ſelbſt anſchaffen können. Es iſt eine Schande für ein junges Mädchen, nicht ſo viel verdient und zuſammen⸗ geſpart zu haben, um ſich einen Pelzmantel zu kaufen; der Mangel deſſelben wird für einen Beweis von Trägheit und Unluſt zur Arbeit angeſehen; ſelten finden ſolche Maͤd⸗ chen einen Mann. In Niederungarn verbergen die Frauen ihre Haare unter einer kleinen Haube von farbiger Lein⸗ wand, die an Sonn- und Feſttagen mit einer dergleichen von Seidenſtoff vertauſcht wird. Sie halten im Allge⸗ meinen viel auf die Schönheit und Weiße ihrer Wäſche und wiſſen durch ihre Kleidung ihre Geſtalt und ihre Formen vortheilhaft hervorzuheben. Die Mädchen flechten ſich Bänder von verſchiedenen lebhaften Farben, auch falſche Perlen und Granatenſchnüre in die Haare.
Unter den ungariſchen Bauern zeichnen ſich die her— umziehenden Hirten beſonders aus. Sie führen das ein— fachſte Leben, das man ſich vielleicht denken kann, ſehen friſch, geſund und kräftig aus, tragen weite linnene Hoſen mit Franzen, eine kurze Jacke, einen Hut mit breitem Rand, einen weißen wollenen Mantel mit Stickereien und hohe Stiefel.“ Die Kleidung der ſlavoniſchen Bauern iſt von der magyariſchen nicht viel verſchieden. Ihre Hoſen ſind weiter, die Krempen ihres runden Hutes ſind in die Höhe gebogen und ihr Mantel mit Aermeln hat eine dunklere
Farbe. 123(Illuſtr. Ztſchr.)


