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So war Stephan hungernd zur Ruhe gegangen, und ſo erwachte er mitten in der Nacht. empor. Wer hat ihm den Steinhammer vor ſein Lager geſtellt? Er faßt ihn, ſchwingt ihn hoch, und ſteht im Sprunge nach der Großmutter. Da ruft Margret, die mit ihm gewacht: f
„Um Gottes Willen, Stephan— Du wirſt doch nicht mich und das Kind, das ich unter dem Herzen trage, umbringen!“
Stephan ſtürzte unwillkürlich an ihrem Lager auf die Knie nieder; er konnte lange nicht reden. Tod und Leben begegneten ſich in dieſem Augenblicke in ſeiner Seele — er hatte morden wollen, und ein junges Leben ward ihm verkündet. f
Endlich brach er in heftige Thränen aus, und ſagte:
„Das Kind iſt ein Engel, der mich erlöſ't hat— Du gute, gute Margret, warum haſt Du mir denn gar nichts geſagt?⸗
Sie weinte mit ihm und erklärte, daß ſie ſeine Aus⸗ wanderungsgedanken wohl kenne, daß ſie ſich aber vor ihm doppelt gefürchtet habe. Stephan wüthete nun gegen ſich ſelber. Margret tröſtete ihn mit liebreichen Worten, und er ſagte endlich:
„Vergiß Alles, verzeih; ich ſeh's, ich ſeh's, wie haͤtt' ich auf dem einſamen Haus leben können und in mir weiß ich, was ich begangen habe. Frage mich nichts weiter, ver⸗ giß Alles, verzeih, Du biſt ja gut, ich will Dir's gedenken. Wir beide, wir müſſen mit einander vor Allem enn Herz und eine Seele ſein, wenn wir auswandern; denn draußen in der weiten Welt auf dem einſamen Gehöfte, da haben wir Niemand als uns.“
Wie war jetzt alle Noth und die lange Trennung vergeſſen und den beiden war's, als ob ſie die beſte Speiſe genoſſen hätten. Traulich ſprachen ſie über ihre Zukunft, und ſuchten ſich drein zu faſſen, einſtweilen geduldig aus⸗ zuharren. a
Stephan nahm ſich vor fortan wiederum emſig zu ſein und alles böſe Sinnen in ſich zu tödten. Dieſer Gedanke ließ ihn endlich wieder Ruhe finden.
Durch die dünne Wand in den Halbſchlaf der Großmut⸗ ter mußte etwas von der leiſen Unterredung gedrungen ſein, denn gegen Morgen wurden beide Eheleute durch ein heftiges Jammergeſchrei geweckt. Sie eilten zu der Mut⸗ ter, und konnten ſie lange nicht beruhigen, bis ſie zu Wort kam und ſagte:
„Du biſt mit der kleinen Marie(ſo nannte ſie ſich ſelber ſtets) auf einer großen Einöde geweſen, und da habt Ihr mich plötzlich angebunden, und die Marie verlaſſen; ich bin allein, allein in Wind und Schnee übriggeblieben; verlaßt die kleine Marie nicht; wenn mein Vater kommt, ſo gibt er Euch Schläge!
Nur mit Mühe gelang es, die Mutter zu beruhigen.
Fortan war Stephan doppelt rüſtig in ſeiner Arbeit. Der Frühling nahte und, mit ihm eine Erleichterung der Noth. Gegen die Großmutter aber legte er eine unbe⸗ ſchreibliche Zärtlichkeit an den Tag, und Margret verſtand ihn nicht, was er damit wollte, als er einſt ſagte:
„Wenn nur die Großmutter noch recht lange lebte! ich hab' mir gedacht, unſer kleines Kind ſoll in Amerika auf un'ſrem eignen Boden laufen lernen,— aber es muß ſich's auch hier gefallen laſſen.“
Stundenlang ſpielte er daun oft Abends mit der Großmutter wie ein Kind und gab ihr Alles nach, denn ſie war ſehr eigenwillig. Solch ein Thun iſt mit wenigen Worten geſagt, aber es gehört viel Geduld und Zartſinn in der Wirklichkeit dazu. Den Geſangbuchvers hörte er die Großmutter regelmäßig ab; oftmals wußte ſie aber
Er ſchnellte raſch
auch nicht, welchen Geſang ſie in der Schule auswendig
zu lernen bekommen habe; er las ihr dann die Liederan⸗
fänge nach dem A B vor. Während des Leſens vergaß ſie aber, was ſie gewollt hatte, und verlangte wieder mit Bohnen zu ſpielen. b
Eine beſondere Freude wurde ihr einſt, als der Leh⸗ rer ſelber, der zu Stephan zu Beſuche gekommen war, ſie ihren Vers abhörte und ihr ein Bildchen ſchenkte. Auch an dieſer kindiſchen Freude nahm Stephan harmloſen Antheil.
Als im Frühling der große Zug der Auswanderer ſich zur Abreiſe anſchickte, begann die alte Unruhe wieder in Stephan ſich zu regen, und als ſie draußen, wo er Steine klopfte an ihm vorüber fuhren, ſagte er bitter lächelnd zum Abſchiede:
a„Ich muß die Wege gut in Stand halten, damit ihr gut fort könnt, aber es kommt mir auch vor, wie wenn ihr der Bahnſchlitten wäret, der durchbricht, daß ich beſſer nachkommen kann.“ ö N
Der Herzog Lumbus lärmte und ſang unaufhörlich bei der Wegfahrt, er wollte nichts von dem tiefen Herze⸗ leide wiſſen, das jetzt ſo Viele ergriff.
Mit dem Herzog Lumbus war Stephan ſtets in einem eigenthümlichen Verhältniß geſtanden. Er ließ ſich nie zu ſeinen Schmauſereien verleiten; eine gewiſſe Scheu vor dieſem Menſchen lebte in ihm, und doch konnte ihm Nie⸗ mand etwas Böſes nachſagen. Daß er einen guten Theil ſeines Geldes verthat, ging ſonſt Niemanden etwas an. War's vielleicht der Trotz, die oberherriſche Keckheit, mit der Herzog Lumbus die Welt anfaßte und die Menſchen behandelte wie Puppen, die er bald da, bald dort aufſtellte und nach ſeiner Laune aufjauchzen und tanzen machte,— war's vielleicht dies, was Stephan von ihm entfernt hielt? In der That dachte Stephan oft vor ſich hin: ſo ein Menſch, der Geld hat, ſieht doch ganz anders in die Welt hinein, er iſt überall daheim und kann Alles kaufen und haben, und unſereins iſt immer bang und furchtſam, und meint, es käm' alle Augenblick Jemand in's Haus und jagt' einen fort. f
Als nun der Herzog Lumbus vorüberfuhr, ſagte er zu Stephan:
„Du, Steinhammer, in Amerika kauf' ich mir ein Herzogthum und heiß es Lumbia, und wenn Du kommſt, ſchenk' ich Dir hundert Morgen Ackers.“
Stephan antwortete nicht.
5 In den erſten Tagen nach Abgang des Zuges war's im ganzen Dorfe, als ob überall eine Lücke wäre; da fehlten die von jeher gewohnten Menſchen und jedes meinte, man werde ihrer nie vergeſſen. Aber wie das ſo geht. Wenn ein Menſch oder eine Gemeinſchaft in den Strom des Lebens verſinkt und dem Auge entſchwindet, es iſt dies doch nur wie ein Stein, der in's Waſſer fällt; Anfangs offnet er den Strom und bricht ihn, dann zieht er nur noch verſchwimmende Ringe, bis endlich die Welle wieder gleichmäßig fortfließt.
Als die Wanderer fortzogen, beriethen ſich die jun⸗ gen Schwalben noch mit heimlichem Zwitſchern, auf den Weiden am Bache ruhend, wo ſie ihre Neſter anheften ſollten, ſie flogen dann auf und umkreiſ'ten manche Dach⸗ firſte und beſprachen in der Luft ihren Bauplan. Noch hatten ſie ihre Neſter nicht vollendet, als faſt Niemand im Dorfe mehr daran dachte, daß auch einſt von hier ein Wanderzug von Brüdern ſich entfernt, um ſich in fernen Landen anzubauen. Wo flatterten ſie jetzt umher?
Nur Stephan und der Lehrer ſprachen oft von den Entfernten und geleiteten ſie mit ihren Gedanken bis uber das Meer.(Schluß folgt.)
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