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lauf der letzten Jahrzehnte waren Verbindungen zwiſchen Rang und Reichthum— zwiſchen Ahnen, Titeln und Mam⸗ mon. i darf man— ſo wenig dieß auch glaublich erſcheinen mag — keineswegs den allzuklugen und allzuvorſichtigen Papas und Mamas allein zuſchreiben, denn die jungen Damen ſelbſt hatten mehr als zuviel Antheil daran. Die ganze Geſellſchaft war wurmſtichig; je höher der Stand, deſto größer die Hohlheit und Leere an wahrem Verdienſt, Zucht, Character und Adel; eine maßloſe Ehrſucht, ein unbezähm⸗ bares Gelüſte nach Rang und Titeln, ein wahnwitziger Durſt nach Gold hatte alle Herzen erfüllt, und alle holden Illuſionen, all die bezaubernde Romantik des Lebens ver⸗ ſcheucht. Noch vor wenigen Jahren hoͤrte ich eine junge Dame, die kaum ſiebzehn Mal die Pracht des Lenzes ſich entfalten geſehen, im Vertrauen zu einer Freundinn ſagen: „Ich werde nie einen Mann heirathen, der nicht entweder ein großes Vermögen oder einen erlauchten Namen beſitzt,! worauf die andere erwiederte: g ö entweder einen Prinzen oder einen Bankier oder gar nicht zu heirathen!“— Von dieſen verkuͤmmerten und der Natur entfremdeten Weſen nun machte Mademoiſelle Mathilde eine rühmliche Ausnahme; ſie kümmerte ſich weder um das Vermögen, das ihr Arthur beſaß, noch um Titel, die ihm fehlten: ſie liebte noch nach der alten reinen Weiſe, wie die Jugend im goldenen Zeitalter liebte. Es freute ſie, daß Arthur keinen Stand hatte und keinem anzugehören brauchte; dann ſperrte er ſie doch nicht mit ſich in eine düſtere Wohnung in der Nähe der Börſe ein, und ſie konnten beide hingehen, wohin ſie wollten, und frei und unbeſchränkt nur ihrer Liebe und ihren Liebhabereien leben. Meinem Freunde Arthur Marvel muß ich zu ſeiner Ehre nachrühmen, daß er weder vor noch nach der Ver⸗
lobung auch nur mit einem einzigen Worte der Mitgift
Mathildens gedachte, noch auch ihrem Vater erlaubte, da⸗ von zu reden. Er wollte nur Mathilden, in welcher er das Ideal von Anmuth, Herzensgüte und Lieblichkeit ver⸗ körpert ſah, und darum ward man bald über die Heirath Eins, und die Trauung ſollte am 24. Februar 1848 ſtatt⸗ finden. f
Am Abend des 23. Februars gelang es uns erſt nach verſchiedenen vergeblichen Verſuchen, den Maire zu Hauſe zu treffen, wiewohl in ſo großer politiſcher Aufregung,
daß er die junge Braut ſogar mit einer Vorleſung über
Politik, Staatswirthſchaft und öffentliche Moral unterhielt, während ſie die nöthigen Dokumente unterzeichnete. Es ward ihm natürlich leicht, ihr zu beweiſen, daß eine Re⸗ gierung, welche die Liebe durch die Ehe ſanktionire, die beſte von allen Regierungen, und der chriſtlich-monarchiſche Staat die vollendetſte Regierungsform ſein müſſe, die jedem Verſuche zu ihrem Umſtürz hohnlachen könne. Als aber Mr. Arthur Marvel mit ſeiner Braut und den Zeugen die Mairie verließen, konnte Niemand von ihnen ſeine Equipage wiederfinden. Während der Maire nämlich in aller Loyalität ſeiner dreifarbigen Schärpe der Verſamm⸗ lung bewieſen hatte, daß an dieſem„Putſch“ und Emeute von Buben und Schulknaben durchaus Nichts Ernſtes ſei, was irgend zu Befürchtungen Anlaß gäbe, hatten die patriotiſchen Gamis jeden Omnibus, Kabriolet, Tilburi, Phaeton und jedes andre Fuhrwerk ergriffen, und daraus Barrikaden gemacht.
Die Nacht darauf durchwachte Mathilde allein im Gebet für die Sterbenden. Am andern Morgen fand ſich mit dem Schlage eilf Uhr Arthur Marvel im Salon des Herrn Hoffmann ein, noch gekleidet wie am vorigen Abend, wie er denn gar nicht aus den Kleidern gekommen zu ſein ſchien,— aber nicht wenig beſchmutzt und ermüdet, und
Allein die Urſache dieſer betrübenden Erſcheinung
„Und ich habe mir gelobt,
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neben dem Brautſtaate noch mit Sübel, Piſtolen und einer
Flinte verſehen. 1„ „Beſter Freund!, ſagte der Banquier, ohne von den
drei oder vier Journalen aufzublicken, die vor ihm lagen,
—„Sie werden ſelber einſehen, daß heute nicht von der Hochzeit die Rede ſein kann?“ „Ei! und warum denn nicht, Herr Hoffmann?“ „Ja, mein Gott! wiſſen Sie denn nicht, was vor— geht?“ war die Antwort.„Das Volk hat Barrikaden
gebaut; Mols iſt auf Guizot, Thiers auf Molé, Odillon
Barrot auf Thiers gefolgt, und wer weiß, wen uns die nächſte Stunde als Conſeilpräſidenten bringt,— genugſam das Volk hat den Teufel im Leibe, und wird bald allent⸗ halben Meiſter ſein. Werfen Sie nur einen Blick auf dieſe Zeitungen: einige dieſer Prophezeihungen ſind in der That ſchreckenerregend!“
„Mag ſein ,, verſetzte Marvel mit ſeiner unzerſtör⸗ baren engliſchen Kaltblütigkeit,„aber gerade deßhalb iſt kein Augenblick zu verlieren;— wo iſt Mathilde?“ Und ohne eine Antwort abzuwarten, eilte er nach dem Boudoir ſeiner Verlobten, die er bereits im Brautkleide wartend fand.„Meine theure Mathilde, wie ſchön ſie heute ſind!⸗ rief er;—„nie ſah ich eine ſchönere Braut. Allein wir müſſen eilen, zur Kirche zu kommen, denn in einer Stunde dürfte es vielleicht ſchon zu ſpät' ſein. Laſſen Sie mich nicht länger allein in dieſem revolutionären Strudel treiben, der ganz Paris zu überfluhten droht. Sehen Sie mich
an, Mathilde, ich habe mich tüchtig geſchlagen— wäre
ich nicht beſcheiden, ſo würde ich ſagen, ſo tüchtig und er⸗ bittert wie ein Gamin. Morgen die Republik— aber für heute noch unſere Lieben 225
Das erſchrockene Mädchen barg ſich ängſtlich an Ar⸗ thur's Bruſt.„Wenn Sie mich lieben,“ rief ſie,—„ſo führen Sie mich von hier fort; meinethalben ſo weit Sie wollen und wohin Sie wollen, in den fernſten Welt⸗ theil, Arthur! nur fort, fort von hier!“
„Gut, meine Liebe! aber Sie muͤſſen dieſes Kleid ablegen, denn wir müſſen Barrikaden überklettern, um die Kirche zu erreichen! f f
5(Fortſetzung folgt.)
Kirchenbuchs-Auszug vom Monat October. Butzbach. 110
Getraute:
14. Heinrich Bergauer, Bürger und Scribent mit Anna Katharina, des verlebten Gr. Wachtmeiſters Leonhard Köhres dahier, eheliche ledige Tochter.
21. Wilhelm Chriſtoph Schmidt, Bürger und Barbier mit Anna Eliſabethe, des verlebten Burgers und Barbiers Jacob Wilhelm Frank dahier nachgelaſſene Wittwe, geb. Schmidt.
28. Heinrich Klingel, Bürger und Metzgermeiſter mit Su⸗ ſanne Eliſabethe, des verlebten Bürgers und Schuh⸗ machermeiſters Ernſt Freitag dahier, eheliche ledige Tochter. f
. Getaufte:
7. Dem Gr. Wachtmeiſter Wilhelm Hechler ein Sohn, Karl Anton Wilhelm, geb. den 16. September.
20. Dem Bürger und Gaſtwirth Jacob Karl Becker ein
Sohn, Heinrich, geb. den 10. October. Nager 21. Ein unehelicher Sohn, Wilhelm, geb. den 22. September. 28. Dem Bürger und Taglohner Conrad Marx ein Sohn, Jacob, geb. den 13. October.*
19. 20.


