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uns nur zu Zeiten verborgen iſt. Aber man hat die Kir⸗ chen mit allerlei Tand und Geſchmeide von Gold und Silber geſchmückt, und man muß dieſen unnützen Trödel vor den Händen wahren, die ſich nicht immer zum Gebete dort erheben möchten. Die Kirchen ſind geſchloſſen, und ſtänden ſie auch noch offen, nur Wenige fänden dort allzeit den rechten Eingang in die heiligen Hallen ihres Herzens, zu denen man nicht erſt die Schlüſſel beim Küſter zu holen hat; dem feſten Willen, der Wahrhaftigkeit vor ſich ſelber weicht da Riegel und Schloß.
Wie erquickend iſt es aber doch in ſolchen Wirrniſſen einen Andern zu finden, der uns in ſich aufnimmt und uns wiederum uns ſelber gibt!.
Stephan ſehnte ſich nach einem ſolchen Herzbruder.
Wie oft iſt Dir's aber wohl ſchon vorgekommen, daß Du mit bewegter Seele an einen treuen Menſchen herantratſt und er verſtand Dein Bangen und Sorgen nicht, denn ihn ſelber bewegte ein Fremdes, was Du nicht kennſt, und Du fühlſt es auf's Neue, daß die Erlöſung durch Andere ſelten iſt, ſie muß auferſtehen und gen Him⸗ mel heben aus der Tiefe des eignen Herzens.
So ging nun Stephan durch das Dorf, und er kam ſich wildfremd und verlaſſen hier und in dieſer ganzen Welt vor, als ob er Niemanden kennte, denn er war fremd in ſeinem eignen Herzen wie in ſeinem Hauſe.
In das Wirthshaus zu gehen und dort ſeine Sorgen zu zerſtreuen, deß ſchämte er ſich, da man erſt geſtern ſein uͤlteſtes Kind begraben hatte. Da ſah er die Stube des Schullehrers erleuchtet; er wollte zu ihm hinaufgehen. Mit dem Schullehrer, einem wackern Manne in den beſten Jahren, ſtand Stephan in beſonderer Verbindung; er hatte für ihn die Eingabe gemacht, wodurch er den kleinen Dienſt als Straßenknecht erhalten hatte, und ſeitdem ſahen ſie ſich öfter. Stephan, der lange in der Stadt gelebt und ein beſondres Ehrgefühl hatte, glaubte das wäre der Mann für ihn, der ihn trotz ſeines niedern Standes zu achten verſtehe, und dies war auch in der That der Fall.
Bei dem Schullehrer traf Stephan eine große Zahl von Männern und Jünglingen; es ſah faſt wie eine Bet⸗ ſtunde aus, ſo andächtig hörte Jeder zu. Aber man ſprach von einem Jenſeits, nach dem die Verſammelten noch bei lebendigem Leibe ſteuern wollten. Es waren Auswanderer, die ſich von dem Lehrer aus Büchern über die Beſchaffen⸗ heit Nordamerika's, uber die Art wie man dahin gelange und ſich am beſten anſiedle u. ſ. w. vortragen ließen.
Wie ein Blitz durchzuckte ein Gedanke das ganze Weſen Stephans, und während er zuhörte hob er ſtets einen Fuß nach dem andern leiſe empor, gleichſam als wollte er ſich vergewiſſern, daß er nicht am Boden feſtge— wachſen ſei, ſondern auch fort könne.
Als die Vorleſung zu Ende war, ſtürmte Alles mit Macht in's Freie. Ein Jeder wäre jetzt am liebſten gleich kurzweg in den Urwald gerannt und hätte dort die vom Tage der Schöpfung an unberührten Stämme gefällt und das Erdreich umgerodet; ſo viel Mark und Kraft glaubte Jeder in ſich zu ſpüren, daß er mit einem Griff einen dicken Stamm wie eine leichte Gerte knicke.
In ſolch' einem Augenblicke der Spannung und Be⸗ geiſterung wären die Menſchen oft fähig, Großes, faſt Uebermenſchliches zu vollbringen, in ſolchen Augenblicken geſchehen ruhmvolle Heldenthaten auf dem Schlachtfelde. Aber es iſt weit leichter, unter Kanonendonner muthig vorzuſchreiten, als Jahre lang an einem ſtillen Vorſatz arbeiten und einen Kampf mit den kleinen Plackereien des Lebens, einen Kampf im Herzen auszufechten.
Einen ſolchen hatte Stephan zu beſtehen.
Viele der Verſammelten zogen in das Wirthshaus. Da ſie einſtweilen nichts für ihre Zukunft thun konnten, glaubten ſie über alle Stränge hauen zu dürfen und ſich dem Müſſiggange zu überlaſſen, bis die neue Thätigkeit begänne.
Es gibt Menſchen, ja ganze Völker, die ſich und Andere ſtets auf einen kommenden Lebensmontag ver— tröſten; ſie ſagen oder denken: jetzt, ſo mitten in der Woche, da kann man nichts Rechtes mehr anfangen, laßt nur erſt dieſe paar Tage und dann den Sonntag vorüber ſein, ihr ſollt ſehen, wie wir dann friſch zugreifen.
Kennſt Du nicht auch ſolche Zukunftströſter, die ſich ſo zu ſagen immer in die Hände ſpucken und nie anfaſſen?
Das Vertröſten iſt aber nichts als faule Flauſen⸗ macherei. Jeder Tag hat ſeine Pflicht, und überläſſeſt Du Dich heute der Nichtsthuerei, ſo findet die kommende Arbeit in dir einen läſſigen Geſellen.
Im Wirthshauſe ging es hoch her, denn dort ban⸗ kettirte der Herzog Lumbus und ſeine Schaar, die aus dem größten Theil der jüngeren Auswanderer beſtand. Der Herzog Lumbus war Beſitzer eines ziemlich anſehnlichen Bauernguts geweſen und erſt vor wenigen Monaten hatte er ſeine junge Frau verloren. Er war gerade ſeit zwei Tagen verreiſ't, als ſie von der Leiter in der Scheune herabſtürzte, und als er Tages darauf heim kam, ward ihm die ſchreckliche Kunde von ihrem Tode entgegengebracht. Er ſchien nun des Lebens im Dorfe überdrüſſig, verkaufte ſein Gut und bekam von ſeinem eignen Vermögen und dem Eingebrachten ſeiner Frau eine bedeutende Summe Geld in die Hand.
Von ihm zuerſt war der Aus wanderungsplan gefaßt worden, und er hatte dafür namentlich das junge Volk begeiſtert. Einſtmalen ſagte er zu den Verſammelten:
„Ich bin's doch, der Euch zuerſt den Weg nach Amerika gezeigt hat, und ich ziehe vor Euch her und bin Euer Herzog. Ich habe Amerika für Euch entdeckt, ich bin Euer Columbus.“
„Herzog Lumbus!, ſchrie Alles, und ſeitdem führte er dieſen Namen mit Stolz und majeſtätiſcher Würde.
Der Name des edlen Mannes, der mit unbeugſamem Muthe eine neue unbekannte Welt entdeckte, die für ſo viele Hülfloſe und Freiheitsſuchende ein Zufluchtsort ge— worden, wurde hier zu einem Spaß verwendet. f
Herzog Lumbus war ein ſtattlicher Mann, der, ſeit— dem er auszuwandern beſchloſſen hatte, ſeinen röthlichen Bart unverſchoren ließ; das war die einzige Pflanzung, die er noch zu Hauſe anlegte, er nannte ſie einen fürſtlichen Do⸗ mänenwald.
925 Auf den heutigen Abend verſprach er eine große
eche.
„Wir wollen einen ganzen Acker vertrinken!“ rief er, und ſeine Schaar war dazu willfährig. Sie geberdeten ſich überhaupt wie ehedem die Rekruten, bevor ſie in die Garniſon einzogen, die Tage und Wochen lang ſich alle Freiheit herausnahmen und von der gewöhnlichen Ordnung der Welt nichts mehr wiſſen wollten.*
Als man ſpät in der Nacht vom Zechen aufſtand, rief der Herzog Lumbus:
„Wirthſchaft! heda! das Hofthor aufgemacht, es will ein Acker hinaus!, 5 7
Unterdeſſen war Stephan längſt mit einigen ruhigen und beſonnenen Männern nach Hauſe gewandert; ſie ſahen wohl ein, daß das Tollen und Jubiliren der falſche Weg zum wahren Fortkommen ſei, aber es gelang ihnen nicht, ihre Söhne vom Herzog Lumbus loszumachen, und einige machten ſogar manchmal gute Miene zum böſen Spiel und tranken ſelber mit. 5 umu
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