Ausgabe 
22.1.1848
 
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cker, duriſter.

K

* 12 pf.

Intelligenz Blatt

für die

Provinz Oberheſſen

im Allgemeinen,

den Kreis Friedberg und die angrenzenden Bezirke

im Beſonderen.

Sonnabend, den 22. Januar

1813.

e

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Leiningen in Dorfbildern geſchildert für das Volk.

Dort wohnt auch, du wirſt es kaum glauben, lieber Leſer, die Alte, die dir bereits unter dem Namen Wäschen⸗ bekannt iſt. Wahrend aber die andern Familien oft zu Zweien und Dreien in einer Stube ſich behelfen müſſen, ſo gut es geht, hat das Waschen ſeine Stube für ſich und iſt der älteſte Bewohner des Storchneſtes.

Dieſe Frau iſt wie das Gold durch's Feuer in der Schule der Trübſal bewährt worden. Sie hat Alles ge litten, was ein Menſch leiden kann, Verluſt der Ihren, Krankheit, Armuth, ſie iſt durch Spott und Preis gegangen, durch böſe und gute Gerüchte, und all' dies Leid hat nicht vermocht, den Frieden ihrer Seele zu trüben, hat nicht ver⸗ mocht, ihren Glauben zu erſchüttern, und in ihrem hohen Alter wirkt ſie mit ihrem anvertrauten Pfunde zum Segen ihres Ortes, und iſt bei Alt und Jung gleich beliebt. Armer Leute Kind, nahm ſie einen armen Mann und trug Hunger und Kummer mit ihm. In böſer Kriegszeit ward ihr Mann krank; ſie hat für ihn und ihr einziges Kind gear beitet von Morgens bis in die Nacht, ſie hat ihn gepflegt in einer jahrelangen Krankheit. Als er ſtarb, iſt ſie mit ihrem Kinde Niemand zur Laſt gefallen. Sie hat ihre Tochter auferzogen in der Zucht und Vermahnung zum Herrn, ſie hat ſie wenige Jahre glücklich geſehen in einer kurzen Ehe mit einem armen, aber braven Mann. Dann iſt ihr Schwiegerſohn geſtorben und ihre Tochter bald darauf, und hat ihr einen Enkel hinterlaſſen, an dem ihr ganzes Herz hängt. Und Chriſtoph verdient die Liebe ſeiner Groß mutter, er iſt ein Kind guter Art, fromm und ernſt wie die Großmutter, ſiunig und verträglich wie ſie, und fleißig in und außer der Schule, daß der Schullehrer ihn allen ſeinen Mitſchülern vorzieht. Den NamenWäschen führt die Alte, denn Eliſabethe Benner iſt ihr eigentlicher Name, weil ſie wunderbarer Weiſe faſt mit dem ganzen Orte ver⸗

wandt iſt, und wer die Sippſchaft auch nicht gerade an den Fingern herzählen kann, der nennt ſie doch ſo; ſelbſt der Schultheiß, ſonſt ein ſtolzer Mann, redet mit ihr und hört auf ihren Rath.

In ihren ſchweren Leidenszeiten, als ſie von einem Krankenbette an das andere gehen mußte, da hat ſie beten gelernt und hoffen auf die Hülfe des Herrn, und nicht müde werden, wenn die Tage kommen, die uns nicht ge⸗ fallen. Und indem ſie ihre Kranken pflegte, hat ſie manches Heilmittel bereiten gelernt aus Pflanzen, wie ſie dem Bauer vor ſeiner Thüre wachſen, und was ſie bei den Ihren be⸗ währt gefunden, das hat ſie Andern empfohlen. Sie ſam⸗ melt die Kräuter, die der Bauer von Alters her gegen mancherlei Gebreſte anwendet; im Frühling den Oſterlucey und die Aronwurzel, im Sommer die Camillen und das Tauſendguldenkraut, die Schafgarbe und das Wurmkraut, und wie die Kräutlein alle heißen mögen, und weiß ſie zu trocknen und zu Thee zu bereiten. Und für ihre Arzeneien nimmt ſie nur, was man ihr geben will, und wacht noch dazu bei den Kranken, und reicht ihnen neben der leiblichen Pflege noch gute Nahrung für die Seele; denn ſie kennt manch Kraft- und Troſtſprüchlein aus heiliger Schrift, und ihr Gebet iſt ſtärkend und beruhigend für betrübte Seelen. Auch in mancherlei anderen Anliegen, bei Hader in den Familien und bei Freien und Freienlaſſen wird ſie zu Rathe gezogen, und ihr Rath und ihr Friedenswort hat ihr ſchon viel Lob gebracht. Denn ſie kennt nicht Anſehen der Perſon und iſt treu und verſchwiegen. Sie weiß Alles, was im Orte vorgeht, auch wenn es ihr Niemand geſagt hat, denn ſie liebt die Plätzerei nicht, und wo man ihre Hülfe nicht will, da bleibt ſie mit ihrem Rath daheim. Kurz, das Doctorwäschen, wie ſie auch genannt wird, iſt der gute Geiſt in Leiningen, der umhergeht, zu ſegnen und wohl zu thun.

Wie das Doctorwäschen von Jedermann in Leiningen