N
der waren, als bei uns, und ſeit der Februarrevolution noch durch einen Zuſchlag von 45 auf 100 erhöht worden ſind! Warum erzählt ihr nicht von den blutigen Köpfen und todten Menſchen, welche es in einigen Gegenden der
franzöſiſchen Republik bei Eintreibung der Steuern gege⸗
ben hat? Daß doch die Deutſchen immer nachahmen wollen, ohne ſich ein warnendes Exempel zu nehmen! Wird uns der Friede erhalten, ſo werden, auch ich glaube es behaup⸗ ten zu dürfen, die Abgaben vermindert; zwingt ihr aber durch fortwährendes Wühlen und Drohen die Regierungen, die Soldaten immer gerüſtet zu halten, wie ſoll es beſſer werden? Ihr wollt, daß die Ausgaben für das Militär vermindert würden, und gebt Veranlaſſung, daß ſie täglich vermehrt werden müſſen. l Wie ich den Armen Erleichterung und Befreiung von drückenden Abgaben wünſche, ſo möchte ich ihnen noch manchen Vortheil verſchaffen, welchen ſie bisher theilweiſe entbehrt haben. Schon hat man bei uns von Seiten des Staates die engherzigen Beſtimmungen wegen Benutzung der Waldungen geändert. Es ſoll in Zukunft den Armen unter Controlle die Erlaubniß gegeben werden, das dürre Holz zu ſammeln; auch das entbehrliche Laub ſoll den Dürftigen zu gut kommen. Gleiche Beſtimmungen werden fuͤr die Gemeindewaldungen getroffen, und einzelne Stan- desherrn haben ſich zu ähnlicher Nachgiebigkeit bereitwillig erklärt. Ich wuͤnſchte nun, daß namentlich beim Leſeholz die Begüterten ſich entſchließen möchten, den Vortheil den dürftigen Mitbürgern zu überlaſſen, da ſie geſegnet wurden, das Brennmaterial ſich kaufen zu können. Wo wahre Selbſtverleugnung und Brudergeſinnung ſich zeigt, könnte noch Manches geſchehen, den Armen ihre Laſt zu erleichtern. Hier und da liegt ein Stück unbebautes Land, welches mancher Fannie gerne bearbeiten würde, wenn man es ihm für langere Zeit unentgeltlich, oder für geringen Pacht überließe. Auf manchem Rain u. ſ. w. verwelket das Gras unbenutzt, warum ſoll man nicht den minder Bemittelten Gelegenheit verſchaffen, ſich eine Kuh halten, ſein Aecker⸗ chen düng en und an der ſelbſt gewonnenen Milch ſich laben zu können? Fallen nicht auf die eine oder andere Weiſe faſt in jeder Gemeinde von den Gemeindegütern Broſamen ab, welche man den Dürftigen nicht entziehen ſollte? Und ſoll⸗ ten nicht, ſchon um die Zufriedenheit bei ihren Mitbürgern zu erhalten, die Ortsvorſtände bei Vertheilung von Ge— meindenutzungen, Loosholz u. ſ. w. möglichſt freigebig ſein? Auch könnten wohl manche Gebühren, wie bei Abfaſſung von Obligationen, Zwangsverſteigerungen, welche haupt— ſächlich die Armen treffen, etwas ermäßigt werden*). Dieſem füge ich nun noch, als ein weiteres Mittel, der Armennoth aufzuhelfen hinzu, daß man die Möglichkeit des Auswanderns erleichtern möge. Ferne ſei es von uns, Jemanden wegen ſeiner Armuth in die Fremde verſtoßen zu wollen, nur wer freiwillig ſich entſchließt das Vater⸗ land zu verlaſſen, dem möge man, wenn er nicht auf eigenen Füßen zu ſtehen vermag, behulflich ſein. Ich hoffe unſere National⸗Verſammlung nimmt ſich der Auswanderer an, ſie ſorgt dafür, daß auch die Deutſchen in Amerika unter deutſchem Schutze ſtehen, daß dorten deutſche Ge⸗ ſchäftsführer angeſtellt ſind, welche ihren Landsleuten mit Rath und That ſich nützlich beweiſen, welche ihnen Mittel und Wege des Fortkommens eröffnen, ſie vor Betrügereien warnen und behüten u. ſ. w.“). Das Auswandern iſt zu einem nothwendigen Uebel geworden. Alle Geſchäfte ſind überſetzt, die Bevölkerung mehrt ſich täglich, der Vater
) Auch unſer Landtag zu Darmſtadt arbeitet hierauf hin. *) Ste hat ſchon einen hierauf bezüglichen Beſchluß gefaßt.
264
weiß nicht mehr, welchem Berufskreiſe er ſeinen Sohn widmen ſoll. Gar Mancher würde aber gerne in einer
neuen Heimath ſein Heil verſuchen, wenn er nur die Koſten
beſtreiten könnte. Ihm muß geholfen werden, aus Staats⸗ und Gemeindemitteln. Der Staat ſollte ſorgen, daß die Ueberfahrt u. ſ. w. billiger beſtritten werden könnte, und die Gemeinde ſollte wenigſtens den dürftigen Auswanderern die
Gemeindenutzungen fuͤr 5—10 Jahre, je nach den Umſtän⸗
den, vielleicht auch länger vergüten. Bis zur Tilgung der Vorlage könnten dieſe Erträge zum Vortheil der Gemeinde⸗ kaſſe verſteigert werden. Die Gemeinde konnte eine gewiſſe Summe beſtimmen, über welche hinaus ſie in keinem Jahre Vorlage machen wollte. Es iſt zu wünſchen, daß
die Auswanderungen ſich vertheilen und nicht in einem
Jahre ſich zuſammenhäufen, damit nicht die Güter allzuſehr an Werth verlieren, oder in die Hande reicher Speculanten kommen. Beſonders aber muß ich zum Schluſſe zweck⸗ mäßigere Armen verwaltungen empfehlen. Hier iſt noch viel zu wünſchen übrig. Ueberall Bettler in Menge, auch Kinder, welche hiermit den Laſterweg betreten. Neu⸗ lich ſah ich auf einer Reiſe eine Beerdigung in einem Orte, ich erkundigte mich und erfuhr, daß ein Vater von 6 Kindern geſtorben und zu wünſchen wäre, die Mutter möge bald folgen, damit die Kinder in die Waiſenanſtalt gebracht werden könnten. Mir blutete das Herz bei dem Gedanken, daß die Hinterlaſſenen den Tod der Mutter wünſchen mußten, um vor dem Hunger geſichert zu ſein. Hier iſt ein wunder Fleck in unſerem bürgerlichen Leben;
für die armen Waiſen iſt geſorgt, für arme Wittwen
aber nicht. Den Gemeinden liegt die Verſorgung berſelben ob; wie ſchwer aber wird es, bedeutende Summen hierfür aufzubringen! Manche Gemeinden können auch nicht, ſelbſt wenn ſie wollten. Hier muß der Staat, welcher die eltern⸗ loſe Waiſen verſorgt, auch Derer ſich annehmen, die eine oft kranke und ſchwache Mutter haben, welche nichts verdienen kann. Dieſe ſind oft viel ſchlimmer daran als jene. Doch auch die Ortsarmenver⸗ waltung muß beſſer werden. Die Ortsvorſtände, helfen wo ſie müſſen, wenn aber die Armenverwaltung nur in der Zwangsjacke der Nothwendigkeit und des Geſetzen ſich beweget, dann entbehrt ſie der rechten Lebenskraft. Ich meine daher, es ſollten in jedem Orte beſondere Armen⸗ commiſſionen ſich bilden. Ich ſetze voraus, daß es überall Menſchenfreunde gibt, die gerne ein Almoſen ſchenken, wenn es zweckmäßig angewendet wird. Dieſe treten zu⸗ ſammen und beſtimmen einen Beitrag, welchen Jeder zu geben bereit iſt, ſie wählen einen oder einige Vertrauens⸗ männer aus ihrer Mitte. Weiter liefert die Gemeindekaſſe einen ihr angemeſſenen Beitrag und darum der Gemeinde⸗ rath auch einen oder einige Mitglieder der Armencommiſſion. Als drittes Glied kommt die Kirche hinzu. Faſt überall ſind kirchliche Stiftungen für die Armen, der Opferbeutel wird auch meiſt hierzu verwendet, überhaupt ſoll die Kirche als Vermittlerin der Liebe bei einem Liebeswerk nicht übergangen werden. Der Geiſtliche und ein anderes Mit- glied des Kirchenvorſtandes treten zu der Armencommiſſion. Dieſe verſammelt ſich wenigſtens einmal im Monat, um die Gaben zu vertheilen. Doch ſie thut noch mehr, ſie ſucht die verſchämten Armen auf, ſie ſorgt für Arbeit, ſo weit ſie kann; Gemeindewege, wenn ſie auch nicht unum⸗ gänglich nöthig find, werden wegen der Armen verbeſſert; in Baumanlagen u. ſ. w. gibt's Etwas zu verdienen; die Armenverwaltung ſetzt ſich mit den betreffenden Behörden in Verbindung; ſie hilft die Aufſicht führen. Sie kauft Wolle, Flachs u. ſ. w. und läßt ſpinnen und ſtricken. Sie ſucht neue Erwerbsquellen zu öffnen, wo auch die Jugend ſchöpfen kann, Strohflechtereien und dergleichen gehoren
BW


