und Dutzbach MN 1848
M 64.
Intelligenz Blatt
fuͤr die
Provinz Oberheſſen
im Allgemeinen,
den Kreis Friedberg und die angrenzenden Bezirke
im Beſonderen.
Mittwoch, den 16. Auguſt
1848.
Ein Wort
Zu den erfreulichen Erſcheinungen der Gegenwart gehört auch die Wahrnehmung, daß es immer allgemeiner anerkannt wird, es müſſe mehr, als bisher geſchehen iſt, für die minder bemittelten Klaſſen des Volkes geſorgt werden, Einſender dieſes hat ſchon vor Jahren darauf hingewieſen, daß es eine der wichtigſten Aüfgaben der Gegenwart wäre, die immer drohender werdende Kluft zwiſchen Reichthum und Armuth auf eine gerechte und billige Weiſe zu beſeitigen. Was in Frankreich ſeit dem Februar dieſes Jahres für die Arbeiter gethan worden iſt, hat ſich als unpraktiſch und unausführbar bewieſen. Wie nun ſoll bei uns geholfen werden. Wir dürfen nicht zaudern und zögern damit das Wort„zu ſpät nicht ſeine An⸗ wendung findet.
Vor Allem muß jeder wahre Menſchenfreund daran arbeiten, daß das Vertrauen zurückkehre und hierdurch wieder die unheilbringende Geſchäftsloſigkeit entfernt werde. Ueberall ſtocken Handel und Gewerbe, die Arbeiten ſtehen ſtill, viele tauſend Arbeiter ſind zur Unthätigkeit verdammt. Voriges Jahr, ſagten mir neulich dergleichen Leute, war das Brod dreimal ſo theuer als jetzt, dennoch konnten wir beſſer uns und die Unſrigen nähren: wir hatten Verdienſt! Heute ruhen unſere Hände, aber unſere Mägen wollen von dieſer Ruhe nichts wiſſen.„Iſt es ein Wunder, wenn die Wühler, welche umhergehen und Hand⸗ geld ſo wie reichlichen Sold im Dienſte Heckers werſprechen willigen Eingang finden? Das Geld iſt nicht verſchwunden, aber es ſitzt feſt bei Denen, die es haben. Sie ſchränken ſich ein, ſie wollen von Verlehnen
Fur bene ne,
nichts wiſſen; ſie ſagen„wir wiſſen gar nicht wie es geht.
Wir wollen nicht darben, wenn die Unordnung herrſcht und der Bürgerkrieg wüthet. Mit welcher Schuld beladen doch die Herrn ihr Gewiſſen, welche immer auf's Neue den Samen des Mißtrauens ſtreuen, welche ſich den Be— ſtimmungen der gewählten Volksvertreter nicht unterwerfen wollen, ja bei Volksverſammlungen öffentlich auffordern, bereit zu ſein, da es bald losgehen werde. Sind ſie nicht in Widerſpruch mit ſich ſelbſt? Sie verlangen, daß der Reichsverweſer die Beſchlüſſe der National-Ver— ſammlung unbedingt ausführen ſolle, und ſſe ſuchen durch Drohungen und auf ungeſetzliche Weiſe das Beſchloſſene zu vernichten, das Volk dagegen zu reizen. Das iſt die
erſte Bedingung, wenn es in einer Republik gut hergehen ſoll, daß die Minderheit mit edler Selbſtverlaͤugnung der Mehrheit ſich unterwirft, und dieſe Herrn, welche Repu⸗ blikaner ſich nennen, wollen von der erſten republikaniſchen Tugend nichts hören. Sollte ihr Gewiſſen nicht erwachen, wenn der Bürgerkrieg vielleicht entbrennet, während der Feind an den Grenzen lauert! Was hat Deutſchland von jeher geſchadet, war es nicht der innere Kampf, während ausländiſche Söldner herbeizogen! Wir wollen Einheit des geliebten Vaterlandes und die Ruheſtörer werfen den Zankapfel hin. Sie rühmen ſich, für die dürftigen Claſſen des Volkes zu arbeiten, und ſie verurſachen, daß ſeine Nahrungsquelle verſiegt. Mir fällt ein chriſtlicher Spruch ein: Wehe dem Men ſchen, durch welchen Aerger⸗ niß kommt u. ſ. w. und ein anderes Wort: Lafſet euch nicht verführen mit vergeblichen Worten. Möchten die ruhigen Bürger zuſammen ſich ſchaaren und es offen erklären, daß ſie den Wühlereien abhold ſind. Das Vertrauen muß zurückkehren, ſonſt werden die Reichen arm, und die Armen nicht reich. Wird das Erſte erfüllt, daß es ruhig wird, ſo werden auch die Begüterten ſich nicht weigern, ein Opfer für die bedrängten Brüder zu bringen. Ich denke hier an die Erleichterung wegen der öffentlichen Abgaben. Zwar hat mir ſelbſt ein armer Taglöhner neulich geſagt, die Steuern hätten in unſerem Lande nicht ſo viel zu bedeuten, doch Seines— gleichen muß Erleichterung werden, das iſt gewiß; auch unſere Regierung und die Landtagsabgeordneten, werden ſich, ich hoffe es gewiß, vereinigen, daß die Armen bis zu einer beſtimmten Grenze faſt oder ganz ſteuerfrei werden, daß die niedrigſte Claſſe der Perſonalſteuer aufhört, die Salzſteuer erleichtert wird und eine Einkommenſteuer in ſteigendem Grade in's Leben tritt. Wer darauf hinwirken kann, der thue es, berathet und petitionirt ihr Volksfreunde in dieſem Betreffe; jeder Ehrenmann bietet euch gerne die Hand, nicht aber, wenn ihr Oel in das brennende Feuer gießt. Erkläret euch dahin, daß im Staatshaushalte ge— ſpart werden müſſe, wie es geſchehen kanu, durch Ver— minderung überflüſſiger Diener, durch Beſchneidung uͤber— großer Beſoldungen und Penſionen, durch Einfachheit beim Bauweſen, durch paſſende Einrichtung beim Militär u. ſ. w. Ich ſage auch: das wird und muß geſchehen. Behauptet ihr aber, nur in einer republikaniſchen Staats— verfaſſung konnten wir billiger leben, warum verſchweiget ihr, daß in Frankreich ſchon vorher die Abgaben bedeuten—
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