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dieſes Zimmer hier gemiethet hat. Ich weiß auch, daß man Sie zur rechten Zeit davon benachrichtigte. Es iſt eilf Uhr und um Zwölf kommt die Dame mit ihren Effecten.“
Der Dichter ſchlug ſich mit der Hand vor die Stirn; in ſeiner ihm eigenthümlichen Zerſtreutheit hatte er die Kün⸗ digung vergeſſen und ſich keine andere Wohnung geſucht. Er warf den Hut auf den Kopf und ſtürzte zum Zimmer hinaus. Kaum aber hatte er eine kleine Strecke in der Straße zurückgelegt, als er bedachte, daß es ganz unmöglich ſei, bis Mittag etwas Paſſendes zu finden, und die alte Wohnung zu räumen; er beſchloß alſo umzukehren, die Sachen zu packen und ein anderes Local zu ſuchen. Ein günſtiger Zufall, oft den Sorgloſen hold, führte ihm einen leeren Wagen entgegen, wie man ſie gewöhnlich zum Um⸗ ziehen gebraucht; das war Zeiterſparniß; er miethete den— ſelben und fuhr mit ihm vor ſeine Wohnung; um den Preis zu beſtimmen, fragte der Fuhrmann, wohin er die Sachen ſchaffen ſolle.„Das weiß ich ſelbſt noch nicht,“ ſprach Raymoud,„wir rechnen ſtundenweiſe, ich behalte den Wagen bis heute Abend.“— Der Kutſcher war damit zufrieden und lud die Sachen auf, was eben nicht ſehr lange währte. Als dieß Geſchäft beendet war, ſetzte ſich der Wagen in Bewegung. Der Dichter ging einige Schritte vor dem— ſelben her; den Kopf emporgehoben ſtarrte er jedes Haus an, verſchlang mit den Augen jeden Miethszettel. Nach ungefahr zehn Minuten ließ er den Wagen halten und be⸗ ſah Zimmer, die ihm aber nicht gefielen. Der Zug ſetzte
ſich wieder in Bewegung, bald ward eine neue Localität in
Augenſchein genommen, aber— mit gleich ungünſtigem Er⸗ folge wie das Erſtemal. So wurde die Wanderung fort⸗ geſetzt, von ſteten Hemmungen unterbrochen. Der Poet war aber auch ganz gewaltig ſchwierig. Bald war das Zimmer zu groß, bald zu klein, der Plafond zu niedrig, die Treppe zu hoch; oft auch die Gegend ſchlecht, der Preis zu theuer; nichts gefiel ihm, und der ganze Nachmittag ging mit dem vergeblichen Suchen hin. 1
Nachgerade wurde das Pferd müde und Raymond, der Tauſende von Stufen erſtiegen und Meilen in den Straßen zurückgelegt hatte, war über alle Maßen erſchöpft, er beſchloß dem Dinge ſchnell ein Ende zu machen und mie⸗ thete ein Zimmer, das viel ſchlechter war, als alle, welche er bisher geſehen hatte.
Man einigte ſich bald um den Preis; die Mobilien wurden abgeladen, der Kutſcher bezahlt. Unſer Dichter, froh, endlich ein Unterkommen gefunden zu haben, von dem heftigſten Hunger gemartert, ließ Alles liegen und ſtehen, nahm ein Cabriolet und fuhr in's Palais royal, wo er ſich bei einem trefflichen Mahle und köſtlichen Glaſe Wein von allen gehabten Strapazen erholte. Mehrere ſeiner Be— kannten fanden ſich dort ein und im traulichen Geſpräch verging die Zeit ſo raſch, daß es bald eilf Uhr ſchlug und jeder an den Heimweg dachte. Sorglos ſchlenderte Ray— mond ſeiner alten Behauſung zu, als er aber eintreten wollte, fiel es ihm ein, daß er nicht mehr dort wohne. Wo aber wohnſt du denn jetzt? Dieſe an ſein Gedächt— niß gerichtete Frage blieb unbeantwortet. Er mochte noch ſo viel nachdenken, Alles war umſonſt, er hatte ſich den Namen der Straße nicht gemerkt; es blieb ihm nichts übrig, als bei einem Freunde ein Nachtlager zu ſuchen.
Am andern Morgen machte er ſich frühzeitig auf den Weg, um zu verſuchen, ob ihn nichts auf die Spur leiten könne, wo ſeine Habſeligkeiten hingeſchafft worden waren; wieder vergebens, wie am vergangenen Abend. Wie aus dieſer Verlegenheit kommen? Den Dichtern kommt die Phan⸗ taſie zu Hülfe und er findet bald ein Mittel. Er verfügte ſich in die Polizei-Präfectur und wandte ſich an einen der Beamten:„Mein Herr,“ ſprach er,„ich komme hieher,
um einen Mann zu denunciren, der, ich bin es überzeugt,
großen Theil an der letzten Inſurrection genommen hat. Er iſt Dichter und nennt ſich Raymond. Auf dieſer 75 iſt ſeine letzte Wohnung bemerkt, er hat dieſe aber verlaſſen und es iſt unbekannt, wohin er ſich gewendet hat; er hat es nicht einmal ſeinen beſten Freunden mitgetheilt.— Nicht einmal ſich ſel bſt,“ fügte er leiſe für ſich hinzu.
„Dieſe Geheimhaltung erregt Mißtrauen,“ entgegnete der Mann der Polizei,„und Sie glauben, daß man bei ihm verdächtige Sachen finden wird?“
„Ja wohl, die Hauptſache aber iſt, ſeine neue Wohnug aufzufinden.“ i ü
„Das wird uns ein Leichtes ſein, in Zeit von zwei Tagen wiſſen wir ſie.“
Man wollte noch gern den Namen des Denuncianten erfahren, jedoch aus guten Gründen wich Raymond dieſer Frage aus.—
Nach zwei in einem Hotel garni verbrachten Tagen, begab ſich unſer Poet wieder auf die Polizei-Präfectur. „Wie ſteht's mit dem Patron?“ fragte er.
„Wir haben die Wohnung gefunden,“ lautete die Antwort,„Nachforſchung gehalten, durchaus aber nichts Verdächtiges entdeckt. Da ſehen Sie.“ Bei dieſen Worten zeigte der Beamte Raymond eine Karte, auf der die Wohnung bemerkt war.
„Das iſt richtig, wo hatte ich nur den Kopf!“ rief der Dichter erfreut aus,„Gottlob, jetzt werde ich leicht dahin finden!“
„Sie? Was wollen Sie denn dort thun?“—„Ich ſelbſt bin dieſer Raymond! Hören Sie mich einige Momente an.“ Und er erzählte, wie er ſich auf dieſe Weiſe aus der Verlegenheit geriſſen. Er ſprach mit ſo gewinnender, liebenswürdiger Freundlichkeit, daß der Beamte, der Anfangs die Stirn in Falten zog, durch ſein Benehmen und das Originelle des Abenteuers völlig entwaffnet wurde und ihn freundlich entließ mit der Weiſung, ferner beſſer ſeine Wohnung im Gedächtniß zu behalten. Dz. D.
Kirchenbuchsauszug vom Auguſt und Sep⸗ tember 1848. Butzbach. Getraute:
27. Johann Georg Kayſer, hieſiger Bürger und Schuh⸗ machermeiſter und Katharina Gertrude Wolper, des Johann Heinrich Wolper, Lehrers zu Loßhauſen, im Kurfürſtenthum Heſſen, eheliche Tochter.
Getaufte:
3. Dem Bürger und Färbermeiſter Sebaſtian Joutz II. eine Tochter, Caroline Hedwig, geb. den 5. Juli.
8. Dem Johs. Schmiegel eine Tochter, Katharine Eliſa⸗ bethe Suſanna, geb. den 10. Juli.
10. Dem Förſter der Stadt, Reinhard Weber, eine Tochter, Caroline Helene Margaretha, geb. den 12. Juli.
13. Dem Bürger und Leinweber Michael Scheuer ein Sohn, Friedrich Wilhelm, geb. den 28. Juli.
20. Dem Bürger und Strumpfweber Johannes Hermann eine Tochter, Chriſtine Eliſabethe, geb. den 5. Auguſt.
22. Dem Bürger und Kaufmann Ernſt Christoph Vogt ein Sohn, Jacob, geb. den 24. Juli.
27. Dem Bürger und Lohgerbermeiſter Chriſtoph Conrad Küchel eine Tochter, Maria Eliſabetha, geb. den 7. Auguſt. a 0
31. Dem Bürger und Metzgermeiſter Jaces Kobelt eine Tochter, Eliſe, geb. den 8. Auguſt. f


