Ausgabe 
12.4.1848
 
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Intelligenz Blatt

für die

Provinz Oberheſſen

im Allgemeinen,

den Kreis Friedberg und die angrenzenden Bezirke

im Beſonderen.

W 30.

Mittwoch, den 12. April

1848.

Volks ſchriften.

10 Die Spinnſtube, ein Volksbuch für das Jahr 1948. Herausgegeben von W. O. von Horn.

2) Der Gevattersmann. Volksbuch für 1848. Vierter Jahrgang. Von Berthold Auerbach.

(Fortſetzung aus Nr. 10 des Intelligenzblattes von 1848.)

Wie auch der Spinuſtube, ſo auch dem Gevattersmann entnehmen wir gleich die erſte Erzählung, ſchon darum, weil ſie eine der wenigen iſt, welchen der oben erwähnte politiſche Seitenblick fehlt.

Eine Jämmerungsſtunde.

Die meiſten Menſchen, denen es vergönnt iſt in trauter Häuslichkeit bei den Ihrigen zu verweilen, lieben es, die Abenddämmerung im Stillen zu verbringen. Die Kinder werden unruhig und erregt um dieſe Zeit, die Erwachſenen aber rücken gern ſtill zuſammen; man ſpricht ein inniges Wort, oder ein Jedes kehrt ſtill bei ſich ein, und da drinnen wird der beſte Labetrunk aus hellen Kryſtallen geſchenkt. Man zögert das einbrechende Dunkel alsbald durch Lichtan⸗ zünden zu verſcheuchen, denn unbewußt überkommt einen Jeden etwas von dem Gedanken der heiligen Naturmacht, die oft kaum beachtet das größte Wunder des Lichtes und der Finſterniß vor uns ausbreitet; man wagt es nicht, ſo raſch mit dem menſchlichen Willen drein zu fahren und das künſtliche Licht zu verbreiten. Und wie wohlig ſpricht ſich's ſo in der Dämmerung! Man erſchaut einander noch in Falb verhüllten Umriſſen und das Wort, das laut wird, erhält doppelte Aufmerkſamkeit, das Auge iſt gleichſam be ruhigt, denn der Geiſt wird nicht abgezogen von dem, was ſich dem Blicke darbietet! Da klingt oft ein Wort wie eine hehre Muſik, die man mit geſchloſſenen Augen vernimmt und die noch lange in der Seele nachtönt.

So ſaß der Hagenmaier Abends mit ſeiner Frau, dem Sohne und beſſen junger Gattin in der Stube. Erſt geſtern war die Hochzeit des jungen Ehepaars geweſen und die Freudentöne ſchallten noch in allen Gemüthern nach. Nie mand redete ein Wort und doch waren ſie alle innerlichſt beiſammen. Der junge Hagenmaier hielt die Hand ſeiner

Frau, die neben ihm ſaß. Vielleicht mochte der Alte ahnen, welche Seligkeit jetzt in dem Herzen ſeines Kindes lebte, denn als er jetzt ſprach, da war's als ob ein Geiſt ſpräͤche;

er ſaß in der Ecke in Dunkel gehüllt, man ſah Niemanden und horte doch die Worte:Ja Kinder! Es iſt raſch geſagt; ich liebe dich von ganzem Herzen und will dir mein ganzes Leben weihn; aber wenn's drauf und dran kommt, wo man einander nachgeben, ſich und das andere beſſern und veredeln ſoll, da hält's oft ſchwer und da reichen Worte nicht aus. Es gibt oft Stunden, wo man, um dem Andern ſeine Liebe an den Tag zu legen, ſo zu ſagen Bäume ausreißen könnte; aber ohne Murren und Vorhalten eine durch die Schuld des Andern kalt gewordene Taſſe Caffee verzehren, das will ſich nſcht thun laſſen. Tief bedeutſam heißt es in der Schrift:denn wie Viele auch den Bräutigam erwarten, die meiſten Lampen ſind verloͤſcht wenn er endlich kommt., Denn Vielen hat ſich das Herz verhärtet im Eigenwillen, und jeder Menſch ſollte ſich immer bereit halten, das hoͤchſte Glück zu genießen. Ihr ſeht wie innig wir zuſammen leben; glaubt aber nicht, daß es ohne Kampf abging; beſonders Ich war etwas ſtarr, da ich ſchon frühe ein unabhängiges ſelbſtſtändiges Leben fuhrte. Ich will Euch zwei Geſchichten aus der Zeit unſrer jungen Ehe erzählen, und Ihr könnt daraus lernen und ſollt es. Wie freute ich mich auf den erſten Sonntag, da ich mit meiner Frau zur Kirche gehen ſollte. Wir verplauderten uns etwas zu lange am Morgen und nun hieß es: raſch gemacht, damit man zur Zeit kommt. Meine Frau verſchloß ſich in der Kammer, um ſich anzu⸗ kleiden, und ich war längſt fertig und harrte ihrer; ſie hatte aber immer noch etwas zu boſfeln. Zuerſt mit freund⸗ lichen Worten und mit Scherzen bat ich ſie, ſich zu ſputen, dann kam ein immer heftigeres Bitten und Betteln, ein Ermahnen und Drängen. Ich ſchlug mir gewiß noch drei mal Feuer und zündete meine Pfeife an, ließ ſie aber im Aufhorchen immer wieder ausgehen und hielt eine Vorpre digt vor der verſchloſſenen Kammerthür. In ſolchen Minuten des Wartens ſteht man auf Kohlen, man verſcheucht ein⸗ ander und bringt ſich in Unruh, ſo daß nichts aus der Hand geht. Mir war ſchon das Blut zu Kopf geſtiegen als ſie endlich und endlich kam. Ich konnte ſchon kein gutes Wort mehr reden und wir verließen nun das Haus. Kaum waren wir aber einige Schritte gegangen, als ihr einſiel, daß ſie noch etwas vergeſſen hatte. Nun mußten wieder alle Schluͤſſel hervorgeſucht und alle Schränke aufgeſchloſſen werden; ich blieb draußen und es dauerte mir eine Ewig⸗ keit bis ſie wiederkam. Ich wollte ſchon allein zur Kirche gehen, aber ich ſchämte mich; und als ſie nun wieder er ſchien mit heiter lächelnden Antlitze, und mir dem Hemdkragen

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