Ausgabe 
9.9.1848
 
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* 292.

aber kommen Herbſt und Winter und nun bedürfen unſere ſammtliche Kinder warme Kleider. Wollten oder müßten wir dieſelben neu anſchaffen, dann reichten kaum 80 fl. hin. Dieſe Summe müßten wir aus der Kaſſe nehmen, und doch wär's gut, wenn es nicht zu geſchehen brauchte. Des ver⸗ ehrten Leſers Liebe könnte uns nun hier helfen, und zwar auf die Weiſe, daß man uns alte Kleidungsſtücke ſchenkte. Dieſe würden von unſerm Anſtalts⸗Schneider brauchbar ver⸗ ändert und das Geld wäre erſpart. Man genire ſich nicht zu geben, was man hat; alles iſt brauchbar und findet gewiß die ſorgfältigſte Verwendung. Neben dieſem haben wir auch wieder ueues Bettwerk nöthig für aufzunehmende Kinder. Wer daran einen Ueberfluß hat, findet bei uns die freundlichſte Abnahme. Auch Frucht(Korn zu Brod), Hülſenfrüchte und Dörrobſt, nehmen wir mit dem größten Danke an, und ſpäter im Herbſte Kraut, Kartoffeln, Rüben und dergleichen. Um es den edlen Gebern in letzterer Hin ſicht bequem zu machen, wollen wir dieſen Herbſt unſern Aufſeher eine Collectenreiſe machen laſſen und bitten ihn als⸗ dann freundlich aufzunehmen. Er wird ſich ausweiſen durch eine ſchriftliche Empfehlung des Comités von ſämmtlichen Mitgliedern unterſchrieben und mit dem Anſtalts⸗Siegel ver⸗ ſehen, um jeden Betrug zu verhindern. Außerdem wollen wir uns bemühen, auf den Ortſchaften die Herrn Prediger, Lehrer und Bürgermeiſter für unſere Sache zu intereſſiren und dieſelben bitten, Gaben aller Art fur uns in Empfang zu nehmen. In Friedberg nimmt Taubſtummenlehrer Schäfer, in Echzell und Reichelsheim Gebrüder Schwarz Gaben an. Wir werden recht bald im Stande ſein auf jedem Dorfe Jemand zu finden, der ſich der Sache mit Freuden unterzieht und es alsdann in dieſen Blättern be kannt machen. Wir haben eben um alte Kleider ge⸗ beten, daß Geſchenke an Geld nicht zurückgewieſen werden, wird man ſich leicht denken können, zumal wir eine Summe von etwa 200 fl. bedürfen, um einen neuen ſehr nöthigen Schlafſaal herzurichten. Da könnte uns nun durch Ab⸗ kauf nachfolgender Schriften ſehr viel geholfen werden. Es ſind: i kr. 100 Erzählungen aus dem Leben von Schäfer. 30 Die Glaubwürdigkeit der ev. Geſchichte v. Deichert 6 Unter 10 nur Einer. Predigt von Ohly 0 Der Säemann. 5 Predigten von Zimmer. 24 Erſter Bericht. Rede von Bichmann 6 Lithographie. Die Anſtalt darſtellend von Volk 12 Wir geben uns der angenehmen Hoffnung hin, daß unſere Bitte geneigte Ohren und Herzen finden wird. Arnsburg im Septbr. 1848. Die Rettungs⸗Anſtalt für ſittlich verwahrloſte Kinder.

Ueber das Betteln der Kinder.

Zu keiner Zeit war das Betteln häufiger, als jetzt. Der Grund liegt einestheils noch in den theuren Jahren 1846 und 1847, anderntheils aber auch in der Arbeits loſig⸗ keit der arbeitenden Claſſe der Gegenwart. Das Betteln iſt zwar verboten; aberNoth kennt kein Gebot und gewiß wird jeder Bemittelte gern dem Hungernden eine kleine Gabe ſpenden, wenn er weiß, daß wirklich Noth und nicht gewohnter Müßiggang der Grund des Bet telns iſt. Einem ſauberen Handwerksburſchen, einem Schwachen oder Kruppelhaften, einem vom Schickſal hart Betroffenen wird auch immer eine mitleidige Spende. Das iſt zu loben.Wer dem Armen gibt, leihet dem Herrn!, Aber man laſſe doch auch Ausnahmen eintreten. Man wecfe die Perle nicht vor die Säue!) Wie das Almoſen in der Hand des Duürftigen ein lindernder Balſam, ſo iſt's in der Hand des Schwelgers ein tödten⸗ des Gift. Man verſtehe mich recht. Iſt der Pfennig, den

ich einem vagabundirenden Trunkenbolden gebe, nicht eine kleine Beiſteuer zu ſeinem weiteren Verderben? Dahin zähle ich auch das Betteln der Kinder. Ich weiß es wohl, die armen Kleinen können oft nicht anders, als ſie müſſen vor den Thüren ihrer bemittelten Mitmenſchen ihr Brod ſuchen. Aber man bedenke, was wird aus ſolchen Ge ſchöpfen? Beobachte man doch ihr Treiben. Vom frühen Morgen bis zum ſpäten Abend, oft gar die Nacht hindurch und wochenlang ſind ſie ſich ſelbſt überlaſſen, ſtreifen auf⸗ ſichtslos in ihrem Ort oder auch weithin auf den Straßen umher, ſinnen und treiben, was ihnen die Luſt eingibt und genießen, was ſich derſelben darbietet. Fallen die Gaben reichlich aus, ſo ſchwelgen ſie im Genuß des Beßten, was ihr Schatz bietet und bald iſt ihnen das liebe Brod, das ſie ein andermal wieder mit Schmerz entbehren muͤſſen, bald iſt ihnen dieſes eine läſtige Habe. Und bekommen ſie gar klingende Münze, und ſind es auch nur einige Pfennige, ſo geht's bald zum Bäcker, zum Metzger, zum Obſthändler, in die Schnappskneipen ꝛc. und es bilden ſich aus ſolchen jungen Armen ganz ſyſtematiſch alte Schwelger, Tagediebe und Vagabunden. Ja wahrlich, es iſt leider nicht anders. Ich habe kleine, 10- bis 12jährige Bettler geſehen, ihre Cigarre rauchend oder die Säckel voll Konfekt und anderem feinem Backwerk und nach 5 bis 6 Jahren ſah ich ſie wie⸗ der, aber nicht in der Werkſtätte, nicht bei Pflug und Spaten, nein ich ſah ſie wieder, verwildert, abgelebt und ver⸗ lumpt auf dem Schubwagen gekettet unter der Aufſicht der Gensdarmerie. Ich ſah Mädchen von demſelben Alter in denſelben Verhaͤltniſſen und nach Jahren ſah ich auch ſie wieder, aber nicht als ſittige Mädchen in Kuͤche und Stube, eine ſorgſame Mutter unterſtützend, nein als freche, ent⸗ nervte, abgelebte Dirnen auf der Straße und auf Märkten. Man halte dieß Bild ja nicht für zu graß, leider ſpricht meine Erfahrung hier zu wahr. Ausnahmen gibt es, gottlob, auch hier, aber auch einzelne Fälle ſind hier ſchon zu viel.

Darum muß ich hier fragen: warum wird das Bet teln der Kinder nicht gänzlich unterſagt? Kann man dieß nicht? oder will man nicht? Durftige Familien müſſen unterſtützt werden, das iſt natürlich, iſt menſchlich; aber die Sittenverderbniß darf nicht unterſtüͤtzt werden, dieſer muß man entgegenwirken, mit allen möglichen Mitteln entgegenwirken. Darum unterſtütze man die Hausarmen, aber nicht mit Geld zur Gurgelſchwenkung des ſauberen Familienvaters, nein mit Lebensmitteln zur Nährung der unſchuldigen Kinder. Und, ihr Bemittelten des Orts, gebt niemals an die kleinen Bettler Pfennige und Kreuzer, wo⸗ mit ſie ihren Schnabel wetzen, ihre Eltern betrügen und ſich ſelbſt auf eine ganz ſichere Manier zu Taugenichtſen bilden, nein gebt ihnen eine warme Suppe, ein Stück Brod, einen Löffel Fett, eine Handvoll Linſen, einige Kar⸗ toffeln c. Dann konnt ihr euch ſagen:ich habe eine hungernde Familie geſättigt und das iſt gewiß unendlich mehr, als wenn ihr euch einſt geſtehen müßt:

Auch ich habe einen Stein zum Galgen dieſes Verbrechers beigetragen!

Markt Bericht. Friedberg, am 6. September 1848.

Aufgefahren Verkauft Mittelpreiſe

Gattung. wurden wurden ittelpreiſ

(Mltr.)(Altr.)*

a 2 93 ½ 8 31

9 0. 163 45 5 51

Girlie 55 56 5 16

D 5 3 1 10 Kartoffeln 8

Erbſen 10 10 5 4⁵