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Leiningen in Dorfbildern geſchildert für das Volk.
Unter vorſtehendem Titel iſt dieſer Tage ein neues Büchlein von dem Verfaſſer der viel verbreiteten Volks— ſchriften„Anna oder die Blutegelhändlerin,“„die Schreckens— jahre von Lindheim,“„die Heimkehr oder was fehlt uns“ und„der Kalendermann vom Veitsberg“ erſchienen. Es iſt ſo anziehend geſchrieben, ſchildert ſo ergreifend das Unglück der Gottloſen mitten im Ueberfluß, erzählt ſo warm vom Glücke Derjenigen, welche eifrig darnach trachten in Wahr- heit Kinder Gottes zu heißen, daß der Leſer unwillkührlich die Ueberzeugung gewinnt: hier ſpricht ein treues liebendes Herz zu dir, das dich über Scheinglück und wahres Glück belehren will,— und iſt gerne geneigt zu beherzigen, was dieſes liebende Herz faſt am Schluſſe ſeiner Erzählung ſagt
„laß uns bleiben, lieder Leſer, in der trauten, treuen Hei⸗
math, und die Verbeſſerungen, die wir ſuchen, mit der eigenen Befferung beginnen.“
Einige dieſer„Dorfbilder wollen wir hier mittheilen; vielleicht erwacht alsdann in manchem Leſer das Verlangen, das ganze Büchlein kennen zu lernen, was wir von Herzen wünſchen, da es die größte Verbreitung verdient. Das Büchlein iſt freundlich ausgeſtattet, 178 Seiten ſtark und in jeder Buchhandlung gebunden für 36 kr. zu erhalten.)
„Indem der Bauer ſo ſpricht, und die Frau den Tiſch abdeckt und auch ein Wörtlein dazu ſagt, hört man die Thüre knarren, und eine huſtende Stimme ruft:„Ein blin⸗ der Mann, ein armer Mann; was Gott thut, das iſt wohl— gethan.“ Von den beiden Bauersleuten regt ſich keins; ſie thun, was ſie bisher gethan, ia die Frau macht ſich, als ſie mit dem Tiſche fertig iſt, mit ihrem Spinnrade zu ſchaffen. Da hört man auf's Neue die Stimme des Blinden, diesmal lauter und durchdringender und eine Kinderſtimmme da— zwiſchen:
„Wenn der jüngſte Tag will werden,
Fallen die Sternlein auf die Erden; ö Kommt der liebe Gott gezogen
Mit dem ſchönen Regenbogen.“—
„Liesbeth,“ ſagt der Bauer vom Kalender weg,„mach' dem Geleier da draußen ein Ende, und wenn's fort geht, wie die Tage her mit dem Gebettel, ſo ſchließ' zu, oder ſchick das Pack mit einem„helf Gott, weiter.“—
Hat denn der fette Bauer in ſeinem Vorrath von Kalenderſprüchlein auch das:„Langer Winter, kurze Biſſen,“ oder das:„Vergiß den Armen nicht, wenn du einen guten Tag haſt?“ Faſt muß ich denken, die Kalenderweisheit Vieler reicht nur bis an den Geldbeutel und bis an den Brodſchrank, aber niemals hinein, und das Wort Gottes, in dem ſo klärlich ſteht:„Die Liebe iſt langmüthig und freundlich,“ das liegt nur oben auf dem Kammbank und
„) Daſſelbe iſt vorräthig in der Buchhandlung von C. Bindernagel in Friedberg, welche ſich zu gütigen Aufträgen hierdurch empfiehlt.
die Spinnen bauen darüber, aber im Herzen liegt es nicht, daß es da aufgehe. a
In dieſem Stücke iſt's in Leiningen wie überall. Die Armuth wird größer von Jahr zu Jahr. Ueberall neue Quellen des Erwerbes, überall Hülfe und Rath von den Einſichtsvolleren, überall Geſellſchaften zur Beförderung des leiblichen und geiſtigen Wohls, und doch die Armuth immer im Wachſen und Zunehmen! Woher kommt das?
Etliche ſagen, der Friede daure zu lange, die Bevöl— kerung wachſe in dem Grade, daß der Boden die Menſchen nicht mehr nähren könne, man müſſe der Uebervölkerung einen Abzug bereiten. Dazu helfe der Krieg oder die Aus— wanderung. Das iſt gedacht wie die eigennuͤtzigen Feld— ſcheerer, die weiland durch die Dörfer gingen, faſt von Haus zu Haus, und fragten, ob Niemand zur Ader laſſen wolle? Da ließ Mancher Ader, der ſonſt keinen Ueber⸗ fluß am Blut hatte, nur um ihres Geilens willen oder aus Furcht vor dem dicken Geblüt, das kommen könnte.
Etliche finden die Urſache der zunehmenden Armuth im zunehmenden Reichthum der größeren Gutsbeſitzer, die alles Kaufbare an ſich ziehen, und den Gewinn da anlegen, wo er dem gemeinen Mann nicht ſchnell genug wieder in die Hand läuft, in Fabriken und Eiſenbahnen. Nach dieſer Meinung wäre denn ein Glied am Körper der Menſchheit zu vollſaftig und dieſem müſſe man von ſeinem Ueberfluß verhelfen. So denken Viele im Volk und danken nicht mehr für die Gaben der Reichen, heiſchen ſie auch nicht mehr mit der Bitte„um Gottes willen“, ſondern ſie fordern ſie trotzig, und ballen die Fauſt, wenn ſie verweigert wird, und drohen mit einer Zeit, wo ſie in der reichen Herrn Kleider umhergehen und an ihren vollen Tiſchen ſitzen wuͤr— den, und weiſſagen, dieſe Zeit werde bald kommen. Die Zeit wolle Gott von unſerm Vaterlande fern halten, denn die iſt wahrhaft böſe Zeit, und wo die Geſchichte von einer ähnlichen erzählt, da thut ſie es mit drei ſchweren Worten: „Brand und Blut und Thränen.
Gehen wir zu den Reichen, die ſich kleiden in Purpur und köſtliche Leinwand, die alle Tage herrlich und in Freu⸗ den leben, und die mit ihren Schooßhunden mehr Mitleid
haben, als mit der hungernden Armuth, und fragen ſie nach
den Urſachen der wachſenden Noth, ſo ſagen die:„Seitdem der Bauer ein Herr ſein will, und ſich kleiden wie Unſer⸗ einer, und eſſen will, was nicht auf ſeinem Acker gewachſen iſt, da will's an allen Ecken nicht mehr ausreichen. Seid begnügſam, dann geht's euch beſſer!“ O ihr falſchen Pro⸗ pheten, ihr gleichet den blinden Leitern der Blinden, von denen der Herr ſagt:„Ihr beladet die Menſchen mit un⸗ erträglichen Laſten und ihr rührt ſie nicht mit einem Finger an e Als wenn euch nicht auch gelte:„Es iſt ein großer Gewinn, wer gottſelig iſt und läſſet ihm begnügen.“ Die Gottſeligkeit, die die Mutter und Wurzel der Genügſam⸗ keit iſt, die fehlt dem Geſchlechte dieſer Zeit, die fehlt Vor⸗ nehmen und Geringen; die iſt die Quelle der Armuth!
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