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Sie errieth ihn.„Sie finden mich verändert?“ fragte sie mit einem matten Lächeln,„ja nun, Baron, man ist mittler⸗ weile eine alte Frau geworden.“
„Sie scherzen, gnädige Frau; wie sollten die wenigen Jahre sie verändert haben?“ bemerkte er zerstreut.
„Jella hat Sie gesehen, Baron; wahrscheinlich rief Ihr Anblick die Erinnerung an glückliche Tage wach, sie ist tief erschüttert. Ich bin gekommen, um Ihnen zu sagen: Gehen Sie jetzt nicht zu ihr. Die Gesundheit des armen Kindes hat sehr gelitten; warten Sie, bis Jella selbst den Wunsch ausspricht, Sie zu sehen.“
Frau Wellner stand auf.„Wir bleiben doch wohl noch einige Tage hier. Auf Wiedersehen denn, lieber Baron!“
„Hat Ihre Tochter Sie beauftragt, mir dies mitzutheilen?“ fragte er hastig und das Blut stieg ihm heiß zur Stirne.
„Werden Sie doch nicht so heftig, Baron; Jella war einer Ohnmacht nahe, als sie den Balkon verließ und sagte bebend: „Herr von Rolfs ist hier!“ Wir wollen sie schonen, das arme Kind hat der Aufregungen genug gehabt!“ Damit verließ Frau Wellner das Zimmer.
„Ich bin ihr noch etwas! O Jella, wenn es noch möglich wäre!“ rief er und durchmaß das Zimmer in fliegender Hast. „Möglich wäre?“ stöhnte er und barg das Gesicht in den Händen. „Dieser Mensch lebt, selbst geschieden ist Jella für mich verloren; nur der Tod löst die Ehe der Katholiken!“
Es war Abend geworden; der Kellner brachte einen schweren Brief.„Was hat mir Mütterchen denn so viel zu schreiben?“ dachte er, als er der Baronin Handschrift sah. Seine Adresse für Schloß Mutzdorf steckte darunter, von einer fremden Hand geschrieben. Von seiner Mutter war nur ein Zettel dabei:„Eben angekommen, der Postbote wartet, um die Briefe gerade auf der Post abzugeben, damit sie noch heute Abend nach Travemünde an Dich abgehen.“
Mehrere engbeschriebene Blätter fielen auf seinen Schoß; ein Blatt blieb in seinen Händen. Er las:„Heute Morgen ist Graf Josika seinem Lungenleiden erlegen. Auf seinen ausdrück— lichen Wunsch schicke ich Ihnen beifolgende Briefe, die, im Falle Sie noch nicht nach Travemünde abgereist sein sollten, Sie dazu bestimmen werden. Dies die Ueberzeugung des Sterbenden. Sie sind ihm kein Fremder; er kennt Sie durch einen Neffen des Herrn von Horax, Ihres Nachbars; besagter junge Mann ist seit einigen Monaten in Nizza und wurde mit dem Herrn Grafen befreundet.
Plauen, Privatsekretär.“ (Schluß folgt.)
Schloß Warren.
Novelle von Georg Harnisch. (Fortsetzung)
Nelly blickte erschrocken in das Autlitz des Mannes, dessen grollende Stimme soeben verklungen war. Sie wußte im Augen— blick nicht, was sie ihm antworten sollte.
Graf Udo bemerkte ihre Rathlosigkeit, und der harte Ausdruck seiner Miene schwand, als er mit etwas bebender Stimme sagte:
„Warum soll ich Ihr jugendliches Zutrauen vor der Zeit durch schonungslose Wahrheit vernichten? Seien Sie mir nicht böse! Sie werden mich erst nach Jahren verstehen,— vielleicht erinnern Sie sich dann dieses Gesprächs,“ und auf die Blüthe deutend, setzte er hinzu:„Darf ich Ihnen die Rose abschneiden; es ist eine der schönsten, welche ich in diesem Sommer gesehen.“
„Ich danke, Herr Graf, warum das kurze Leben der Blume vernichten? Ich habe dieselbe Rose schon vor einer Stunde bewundert und hätte sie gebrochen, wenn ich es nicht für un— gerecht hielte, um eines flüchtigen Genusses willen ihr Dasein
„Nun denn, so möge sie weiterblühen!“ sprach er, sie er— staunt anblickend.„Mein Weg führt mich jetzt nach rechts, den Ihrigen sehen Sie vor sich!“ Er zog den Hut, pfiff seinem Hunde und bog in den Seitenpfad ein.
Nelly Longsword wandte sich in tiefen Gedanken dem Schlosse zu. Ihre kürzlich noch so heitere, glückliche Stimmung war getrübt.
zu kürzen und Anderen die Freude ihres Anblicks zu rauben.“
Sie hatte sich, bevor sie nach Warren gekommen, den Schloß⸗ herrn als einen älteren, schon ergrauenden, mürrisch und kalt in sich verschlossenen Sonderling gedacht, der in abgeschiedenen Zurückgezogenheit das unverdiente Loos einer zerrütteten Gesund⸗ heit ertrug, und nun hatte sie einen im kräftigsten Lebensalter stehenden, blühenden Mann gefunden, dessen äußere Erscheinung jedes Weib anziehen und fesseln mußte, und welcher, durch Muth 4 und Edelsinn, wie durch geistige Begabung gleich ausgezeichnet, 1 ein zart und tief empfindendes Gemüth in seinem Busen barg, das selbst gegen seinen Willen aus den bitteren Aeußerungen seiner Weltverachtung und seines Menschenhasses herausklang.
Wie mußte dieser Mann geliebt haben, und wie wenig war die oberflächliche Irma von Maien, deren kokettes Wesen ihr schon bei der ersten Begegnung mißfallen hatte, seiner Neigung 5 werth gewesen!
Jetzt, nachdem sie den Grafen kennen gelernt hatte, begriff Nelly Frau von Haldern's tiefen Schmerz über die Seelen⸗ stimmung ihres Bruders und die kaum verhehlte Abneigung dieses sonst so wohlwollenden Herzens gegen Irma, die leicht fertige Urheberin des ganzen Unglücks.*
Währenddessen näherte sich Graf Udo seiner Behausung.
„Longsword! Longsword?“ überlegte er,„hm, alte stein⸗ reiche englische Pairsfamilie! Doch, was kann die Gesellschafterin meiner Schwester mit dieser noblen Sippe zu thun haben, und wie paßt das offne, herzliche Wesen dieses hübschen Mädchens zu der steifen, langweiligen Glanzlackpolitur einer englischen Lady? Oder sollte auch bei ihr diese ursprüngliche Natürlichkeit nichts als eine einstudirte Rolle sein?“ 7
Er stand vor dem verschlossenen Eingangsthor des abgele⸗ genen Schloßflügels, den er bewohnte. Mit dröhnendem Schlage meldete der eiserne Klopfer seine Ankunft und geräuschlos wurde die schwere Thür von innen geöffnet. Ein altersgrauer Diener empfing ihn in der düstern Eintrittshalle und nahm schweigend den leichten Mantel von seiner Schulter. 3
„Jakob! Du wirst der gnädigen Frau melden, daß ich ihr Mittags meine Aufwartung machen würde! Nun, dere 1
Der Alte verbeugte sich stumm. Der Schreck über den lebs haften Ton der unerwarteten Anrede schien seine ungelenke Zunge vollends gelähmt zu haben. Kopfschüttelnd blickte 1 dem Grafen nach, denn so lebensfroh wie heute hatte er sei Herrn schon lange nicht gesehen.
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VIII. 2 „Soeben hat der Reitknecht das Pferd vorgeführt! Haben 1 gnädiges Fräulein noch Befehle für mich?“ 1 5 „Nein, Babette!— Doch ja! Laufen Sie in den Garten
und bringen Sie mir eine gelbe Theerose, Sie wissen— v 1 den Lieblingsrosen meines Vaters; aber halten Sie sich n auf, das Pferd könnte sonst ungeduldig werden.“ 2 Die Zofe eilte fort, den Befehl ihrer jungen Gebieterin aus⸗ zuführen. 5 33
Irma von Maien aber betrachtete sich noch einmal wohl⸗ 8 gefällig im Spiegel. Das knappe, dunkelblaue Reitkleid stand ihr vorzüglich, der hohe Cylinderhut, sowie die lange Schlepve des Kleides ließen sie größer als sonst erscheinen, und die we 3 Stulpenhandschuhe vollendeten das Bild einer eleganten Ama-⸗ zone. Mit scharfem Schlage ließ sie die zierliche Reitgerte durch 1 die Luft schwirren, Uebermuth und Unternehmungslust blitzten
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in ihren Augen. 8 Goll-
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Sie hatte sich gestern von ihrem Vater den schönen fuchs zu ertrotzen gewußt, denn sie bedurfte seiner, um Warren ihre Vorzüge in dem verführerischsten Licht vor Augen des Grafen Heinz von Warren glänzen zu lassen. liebte den Sport, und sie wußte, daß ihre Figur auf d Pferde gewann und ihr blasser Teint sich durch die Bewegung vortheilhaft belebte. Sie wollte, sie mußte ihn zu ihren Füßen sehen, das hatte sie sich bereits in Teplitz geschworen, denn w lange konnte es noch währen, dann ging der Besitz Warrens von Üdo auf ihn über. Udo's Verstand hatte sicher gelitten, darauf deutete seine Lebensweise und seine Menschenscheu, un einem Irrsinnigen konnte die Verwaltung des reichen Mojorats unmöglich lange belassen werden. 3


