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In Töne's Augen leuchtete es auf. Wahrheit, Herr? So bin wenigstens ich unschuldig! Aber unsere arme Frau—“
„Er hat Recht,“ sagte der Apotheker und erhob sich.„Wir müssen fort.“
„Wir?“ fragte Wolf.
Sein Freund hatte, statt zu antworten, gerufen.
„Rasch nach dem Stadtwappen! Wagen.— Freilich wir, das heißt, auf den Boten, der in die Offizin Empfang zu nehmen.
Wolf stand einen Augenblick unschlässig.
„Ich begleite Dich!“ rief er dann. Ihn bangte um den Freund, den er noch nie in solcher Erregung gesehen hatte.
„Wie Du willst.“ Pförtner eilte hinaus.
Nach einer Weile kam Dorette Höckerlein händeringend in's Zimmer.
„Sagen Sie mir nur, was er hat, Herr Lützel! Jagt mich im Hause herum, wie ich's nicht erlebt habe, als ich mal jung war. Jetzt hier den Mantel, dann da den Hut hingetragen, Flaschen und Pulver zusammengeholt—— du Allmächtiger, traurig genug ist's ja, was ich von Schruller gehört habe, aver was geht das den jungen Herrn an! Wo der Schwarze die Hand im Spiel hat, giebt's keine Seligkeiten, und viel besser als der Gottseibeiuns ist der in Südhorn doch nicht. Du meine Güte, solcher Aufruhr ist seit Menschengedenken hier im Hause nicht gewesen, die pure Rebellion, alles Oberste zu unterst! O je, da ist er schon—“. Die würdige Alte knickte auf einem Stuhl zu⸗ sammen wie ein Automat, als ihr„junger Herr“ reisefertig eintrat.
„Der Wagen ist noch nicht da; ich gehe zu Fuß.“
Wolf flog die Treppe hinauf, seinen Hut zu holen.
„Wir müssen den Wagen am Stadtwappen tressen.“
So schritten sie denn zusammen über den schmalen Rand spitziger Kopfsteine, welchen man in Kirchberg das Trottoir nannte. Draußen rieselte ein feiner Landregen auf die Straße und umwehte die Oellampen der guten Stadt wie ein weißlicher Schleier. Vor dem Gasthof zum Stadtwappen aber legte Friedrich Greifhaus brummend die letzte Hand an das Geschirr des Schimmels.
„Bei nachtschlafender Zeit, wo ein anderer Mensch seine Ruhe hat—— Brr! Willst Du stehen, verdammte Kreatur!“ Der letztere wenig schmeichelhafte Anruf galt selbstverständlich dem Pferde.„In Südhorn muß ja wohl der Deibel los sein,
Fräulein!“
Fräulein Erika, welche, einen Shawlüber den runden Schultern, im breiten Lichtschein der weitoffenen Hausthür stand, zuckte leicht mit der Achsel.
„Sieh nur zu, daß Du bald zurückkommst, Friedrich; mußt ja morgen früh um fieben Uhr zum Bahnhof.“
„Früh zurück! Eine Stunde hin und eine her ist doch das Mindeste, und jetzt geht's auf Neun.— Halt still!— So! Nun los, Fritze!“
Friedrich war auf den Bock geklettert und„Fritze“ zog an.
„Brr! Dunnerwetter, brr!— Na, dann können Sie ja gleich hier einsteigen, Herr Apotheker.“ Friedrich hatte doch keine Lust, sich wieder aus seinem Sitz herauszuwickeln; es ging ja auch so: Pförtner kannte den Wagen, und zwei Beine zum Einsteigen hatte er ebenfalls.
„Der Herr auch?“ knurrte der Alte, als Wolf Lützel seinem Freunde folgte. Dann schnalzte er mit der Zunge.
„Flott fahren, Friedrich!“ rief Pförtner noch aus dem Hinter⸗ theil der Kalesche. Friedrich murmelte nur etwas wie: das thäte er von selbst. Danach ging's endlich ab.
Erika Graf hatte sich bei Wols's Ankunft schleunigst zurück⸗ gezogen. Hinter dem dunklen Fenster ihres elterlichen Privat⸗ zimmers ader bewegte sich die Gardine, und im Scheine der Thorweglaterne haͤtte man können zwei dunkelglühende Augen mit Spannung dem Gefährt folgen sehen.
Es war eine schweigsame Fahrt.
„Mit welchem Recht werden wir eigentlich ankommen?“ fragte
* endlich Wolf, als der Wagen schon auf Südhorner Gemarkung
das Hausmädchen Ich brauche sofort einen
er und ich—“ Er wies ging, das Medikament in
dahinfuhr. Als habe er den ganzen Weg über die Frage erwogen.
Sein Freund rief dem Kutscher zu, sich zu beeilen.
„Recht! Ich werde ihn tödten, wenn er schuld sein sollte—“
Den Rest verstand Wolf nicht.
Wieder schwiegen Beide. Die Räder des Wagens schnitten sich durch den tiefen Sand des Feldweges, an Bretters Wohnung vorbei, lautlos; man hörte nur das Schnauben des Pferdes, das jetzt schwerfällig dahintrottete——
„Seit wann kanntest Du sie— näher?“ fragte Lützel halblaut.
Pförtner stöhnte nur.
„Länger als Du die Andere.“
„Woher weißt Du——?“ fuhr Wolf auf.
„Woher! Sollte Steinwald Dich so lange in Südhorn halten? Da auch— Hedwig es nicht that, bleibt nur ihre Kousine übrig.“ Die Kombination war allerdings nicht schwer.„Beide denselben — Rivalen!“ lachte Pförtner bitter.
Auf dem Gute wurden die Freunde von Doktor Zange in Empfang genommen, Töne hatte ja ihr Kommen angekündigt. Pförtners Blick verlor nicht das leiseste Zucken in den Mienen des Arztes. Dieser machte freilich ein ernstes Gesicht.
„Eine heftige Gemüthsbewegung—— Ohnmacht, Schüttel⸗ frost— man kann da wenig thun als Ruhe anempfehlen. Aber Vergiftung? Dummes Zeug! Sie hat freilich so etwas vorgehabt, und man muß ihr arg mitgespielt haben, daß es dahin kam, aber sehen Sie hier!“ Der Doktor zog zwei Fläschchen, zum Theil gefüllt mit einer wasserhellen Flüfsigkeit, aus der Tasche seines weiten Rockes und hielt sie dem Apotheker förmlich vor die Nase. „Hier: Kindermixtur, da: Morphium. Danach hat wenigstens Ihr ausgezeichneter Alexander die Etikette eingerichtet. Und was ist drin! Tropfen für das Kind in beiden Fällen, habe selbst davon gekostet. Morphium, ich bitte Sie! Gestern erst hat das Mädel, die Sophie Bretters, dieses mitsammt der Arznei bei Ihnen geholt, Verehrtester, beide Fläschchen waren also heute noch fast voll, und die Dosis vermeintlichen Morphiums, die hier fehlt— na, ich danke! Haha, da wäre ich längst zu spät gekommen! Nette Geschichten, solche Verwechslungen, aber, das muß man Ihrem Alexander lassen, diesmal hat er mit seiner Dummheit wahrscheinlich ein Menschenleben gerettet, haha! Kann sich gratuliren, wenn's auch noch einen Wischer für ihn setzen soll; der Schwarzgelockte konnte ja ebensogut— haha— beide Male das Narkotikon verabreichen, und dann ade, Mutter und Kind!“
Pförtner athmete auf. Dennoch— Zange sprach von Gefahr——
„Gefahr? Nun ja doch, Bester! Den Kukuk auch, vergiften Sie sich mal selber, wenn auch nur in der Einbildung, haha! Das greift an, eklig, sage ich Ihnen, das frißt, die Erschütterung des ganzen Nervensystems, die vorhergeht, thut's: Aber hoffen, hoffen! Wenn nur der Herr des Hauses—“
„Er ist gar nicht da?!“
„Verschwunden, spurlos. Ausgeritten nach Mellingen zu, nirgends zu finden,“ rief der lebhafte kleine Mann, indem er auf den Deckel seiner silbernen Tabatiere klopfte.„Ueberhaupt ungemüthlich hier, höchst ungemüthlich—— sogar das frische kleine Fräulein—— doch da ist sie selber, hahaha!“
Marie Lauscher kam von der Kranken und hatte nicht bedacht, wen sie hier treffen würde. Nun stand sie plötzlich Wolf gegen⸗ über und wagte einen Augenblick nicht zu athmen, wie magnetisirt unter seinem Blick, eine Hand fest auf ihre Brust gepreßt.
„Herr Doktor,“ sagte sie endlich mit verschleierter Stimme, „ich möchte Sie sprechen.—— Ihnen habe ich schwere Abbitte zu leisten, Herr Lützel.“
Wolf zuckte förmlich zusammen. Er verstand sie nicht, aber dies Auge so voll Trauer und Seelenschmerz—— Er wollte ihr nacheilen, als sie ging; da winkte sie mit der Hand.
„Ich glaube fast, daß Sie mir verzeihen dürfen nach dem, was ich gelitten.“ 5
Dann war er mit dem Freunde allein. Und ihm kam nicht in den Sinn zu fragen, wozu sie hier seien, obschon er es 5 kaum wußte.
Nach einer Viertelstunde trat der Doktor wieder ein,
gleich hinter ihm Sophie. Ob die Herren nicht etwas genießen wollten!
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