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Josephs Leben, wie er als Statthalter von Egypten zu den geängstigten Israeliten sagt:„Ich bin Euer Bruder Joseph,“ hatte stets einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht.
Während langer, schwerer, mühevoller Jahre hatte Ewald Nordahl sich auf diese Rache gefreut; und wenn ihm auch dann und wann sein Plan etwas kindisch und„furchtbar romantisch“ vorkam, so hatte er ihn doch mit der Zeit so liebgewonnen, daß er es nicht über die Seele brachte, ihn aufzugeben. Der Gedanke an das böse Unrecht, das ihm zugefügt worden war, trieb ihm noch jetzt, nachdem fünfzehn Jahre darüber hinweggegangen waren, das Blut schneller durch die Adern. Was ihm den Schlag doppelt schwer zu tragen machte, war die große Liebe, mit der er von jeher an seinem Vater gehangen— ja, und trotzdem und alledem auch noch hing. Daß er der Sohn eines unerschröckenen See— mannes war, dem sein Muth und seine Nächstenliebe auf hoher See Medaillen über Medaillen von allen Regierungen der Welt eingetragen, das war stets sein Stolz und seine Genugthuung gewesen. Mit einem En— thusiasmus, wie ihn die Jugend nur kennt, hatte er stets zu dem Kapitän aufgeblickt. Eine treue Ka— meradschaft hatte zwischen ihnen beiden bestanden; der eine war des anderen herz— lichster Bewunderer ge— wesen. Und nun dieser Schlag, diese Kränkung, die ihn grade von diesem heißgeliebten Mann treffen mußte— das war mehr, als auch das zäheste Herz zu erxtragen vermochte. Ewald war anfangs ver— nichtet und wäre ohne den Ehrgeiz, den er besaß, sich vor der Welt zu rehabiliti— ren, unter dem nieder— schmetternden Schlag wohl auch untergegangen.
Um eine lange Geschichte kurz zu machen, muß der Leser erfahren, daß Kapitän Nordahl fünf oder sechs Jahre Wittwer gewesen, als er den Plan faßte, sich eine zweite Frau zu nehmen. Er war damals ein Mann in seinen besten Jahren und überdies in guter pekuniärer Lage, so daß absolut kein Grund vorlag, warum er sich nicht wieder verheirathen sollte. Seine zweite Frau war jung und hübsch und schenkte ihm in rascher Folge ein halbes Dutzend Töchter. Mit Ewald jedoch stand sie seit ihrem Eintritt in das Haus des Kapitäns auf dem Kriegsfuß. Häkeleien von hüben und drüben nahmen nimmer ein Ende. Was Wunder, daß die Stiefmutter für den„ungerathenen Jungen,“ wie sie ihn nannte, nicht sonderlich schwärmte. Wenn ihr Gatte auf der See war, ließ sie Ewald, ohne sich um ihn zu kümmern, thun und treiben, was er wollte. Doch wenn der Kapitän während zwei oder drei Monate im Jahre seine Boreas-Stimme durch das Haus erschallen ließ, lag sie ihm ohne Unterlaß mit der Aufzählung seiner Streiche in den Ohren; und wenn er ihr dann in seiner gemüthlichen Weise zur Antwort gab:„Na, Mutter, sei auch nicht zu streng gegen den Jungen. Ich war als Knabe auch ein Thunichtgut— und bin— nicht wahr?— doch noch ein recht verständiger Mann geworden;“ dann ward es Frau Nordahl jedesmal klar, daß ihr Gatte für seinen einzigen Sohn eine rechte Schwäche besaß. Von den Töchtern, die sie ihm geschenkt hatte, konnte keine sich rühmen, so hoch in des Vaters Liebe zu stehen, wie dieser nichtsnutzige Schlingel! Und das
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Eine alte Handschrift. Nach dem Gemälde von E. Stammel.
koste es was es wolle, mit guten oder bösen Mitteln aus dem Hause zu schaffen. Dazu kam ihr der Zufall zu Hilfe. Eines Tages vermißte der Kapitän fünfundzwanzig Thaler aus seinem Pult und ohne Zögern zieh sie seinen Sohn des Diebstahls. Vielleicht daß sie dies nimmer gethan haben würde, hätte sie die Folgen ihres Thuns voraussehen können. Sprachlos saß er eine Weile da und starrte in's Leere, aschfahl im Gesicht. Dann kniff er plötzlich ingrimmig die Augen zusammen und stieß heiser heraus:
„Woher weißt Du das? Sprich!“
Und bebend gab sie ihre Gründe an, die sie alle nur erdacht. Dann stand der Kapitän auf; in seinen Augen lag eine un⸗ heimliche Flamme; sein Mund war schmerzlich verzogen, sein Gesicht verzerrt, daß man es kaum wiedererkannte. Steifbeinig ging er die Treppe hinauf, die Stufen ächzten unter seinem schweren Tritt. Angstbebend sah seine Frau ihm nach. Ein plötzlicher Schrecken über das, was sie gethan, ergriff sie. Und derselbe Schrecken erfaßte alsbald alle anderen Be⸗ wohner des Hauses. Die kleinen Mädchen, die so lange gleichgültig in dem Wohnzimmer gespielt, wur⸗ den plötzlich, als sie die Löwenstimme des Vaters von oben vernahmen, mäus⸗ chenstill und liefen furcht⸗ sam dann und wann an die Treppe und horchten.
„Schlägt denn Papa nun Ewald todt, Mama?“ frag⸗ ten sie ihre Mutter und meinten buchstäblich, was sie sagten.„Nein,“ ant⸗ wortete die Mutter ihnen, sich selbst zum Trotz schau⸗ dernd,„er züchtigt ihn nur, weil er ungezogen war.“
Ihr Herz drohte ihr stille zu stehen. Thüren und Fenster flogen, und auf das Getobe erfolgte plötzlich ein schwerer, dumpfer Fall. Sie hörte ihren Mann dann die Treppe herabkommen und zu dem Haus hinausgehen.
„Oh, Herr des Him⸗ mels!“ rief sie, in namen⸗ losem Schrecken das Kind, das ihr zunächst stand, in ihre Hände nehmend„war— um hast Du dies Unglück über uns gebracht?“
Sie glaubte wirklich, ihr Mann hätte Ewald gemordet. Sie fürchtete sich, die Thür des Zimmers aufzumachen, in dem er lag, und doch wich sie nicht von der Schwelle, lauschte am Schlüssel⸗ loch und murmelte Bitten an Gott vor sich hin. Die ganze Nacht blieb sie auf und wartete auf die Heimkehr des Gatten; aber er kam nicht. Am nächsten Morgen raffte sie ihren ganzen Muth zusammen und öffnete die verhängnißvolle Thür. Das Zimmer war leer. Ewald war fort!
Fünfzehn Jahre waren seitdem vergangen. Ewald war auf die eine oder die andere Weise nach Amerika hinüber gekommen, war Goldgräber drüben in Kalifornien geworden, hatte sich dann auf den Viehhandel geworfen und hatte schließlich eine glückliche Terrain-Spekulation gemacht, die ihm ein rundes Vermögen in den Schooß warf. Und nun war er am Ziel, nun war er so weit, Revanche zu nehmen, jetzt konnte er, wenn er es wollte, drüben in seiner nordischen Heimath mit Eclat als transatlan⸗ tischer Krösus auftreten. Sein Vater war noch am Leben, seine Stiefmutter war jedoch, was er aus den Zeitungen wußte, schon gestorben, so daß er auf die Genugthuung verzichten mußte, au ihr Gesicht unter den Zeugen seines Triumphes zu sehen.
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4 ihre Eifersucht an und ließ sie den Beschluß fassen, Ewald, 0


