Ausgabe 
17.6.1888
 
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8.

ja an mir selbst in jener Krankheit, die mich ihn zuerst kennen lehrte. Er spricht nicht viel, aber wenn er etwas sagt, ist es gewiß gerade dasjenige Wort, welches am wohlsten thut; auch macht er keine weise Miene, aber er sieht der Krankheit auf den Grund.

Heute früh hat er mir den Ring gebracht, den einfachen, glatten Reif, der sich so sonderbar ungewohnt auf meiner Hand ausnimmt. Die innere Seite trägt das Datum unserer Ver- lobung und die Worte eingravirt:Bis der Tod uns scheidet. Das sprach Robert, als wir uns verlobten.Bis der Tod uns scheidet, Margaret. Ich konnte nichts sagen, mein Herz schlug so laut, daß ich nicht ein Wort hätte hervorbringen können. Fast ehrfurchtsvoll sehe ich den Reif an, der mir so viel, mein ganzes Glück umschließt.

Ob Robert heute noch Zeit finden wird, mich zu seinen nächsten Freunden zu bringen? Er wünscht, daß ich mich ihnen an schließe, da ich hier so allein stehe, aber er muß sich die Zeit für solche Be suche jetzt, wo es so viel Krankheit giebt, fast ab- geizen. Ueberhaupt werde ich mich, bis ich ganz zu ihm gehöre, darein finden müssen, nicht viel von ihm zu sehen. Aber ich weiß ja, daß er mein ist, auch ohne mir nahe zu sein, da läßt es sich wohl leichter überwinden, und wie viel giebt es auch für mich in den nächsten Wochen zu schaffen!

Zweites Blatt.

Wie die Zeit eilt; die letzten Wochen sind mir wie im Fluge vergangen. Freilich haben sie mir auch mancherlei Veränderung und allerlei Arbeit ge bracht. Den Musikunter richt mußte ich natürlich gleich aufgeben. Robert wollte es so, und ich ver stand ihn darin gut.

Warum solltest Du für fremde Menschen arbei ten? sagte er.

Aber, Robert, das thust Du ja auch, wendete ich ein, ob gleich ich gar nicht den Wunsch hatte, noch weiter Tonleitern üben zu lassen.

Ich das ist etwas Anderes, sagte Robert, wie mich dünkt, ernsthafter, als die Gelegenheit erforderte,ich habe meinen Beruf, der Deinige liegt anderswo. Außerdem und nun

lächelte er dochversuche ich, den Menschen zu helfen, so weit es denn in meiner Macht steht, Du aber arbeitest über Deine Kraft, um ein sehr zweifelhaftes Gut zu verbreiten, Margareth.

Vielleicht hatte er Recht. Ich war auch ganz willig, an zuerkennen, daß mein Beruf von nun an der ist, eine möglichst gute Hausfrau zu sein. Ich übe mich nach Kräften darin, Ein zelnes, in dem ich die Uebung verloren hatte, mir wieder an zueignen, und freue mich täglich über das Lob, welches mir die gute kleine Frau Weber zukommen läßt.

Webers, Robert's nächste Freunde, boten mir in so herzlicher Weise an, während der wenigen Monate vor der Hochzeit ihr Gast zu sein Robert wünschte so sehr, ich möchte darauf ein⸗

In Versuchung. Nach einem Gemälde von Fr. Sonderland. 9

gehen daß ich gern gekommen bin, schon um Robert öfter und länger sehen zu können, der ganz in der Nähe wohnt. Webers sind gute, prächtige Menschen, denen ich nicht nur für ihre Gast⸗ freundschaft zu danken habe, sondern mehr noch für die Art, in der sie mich auf jede Weise mit Herzlichkeit und Liebe um⸗ geben. Ich komme mir seit einem Monat wie umgewechselt vor, so, als hätte ich mindestens zehn Jahre fortwerfen können und wäre so jung, wie ich glücklich bin.

Nur zuweilen ich weiß nicht, wie es so kommt wachen plötzlich angstvolle Gedanken in mir auf. Nie sind sie da, wenn Robert bei mir ist, sie kommen Abends, wenn ich allein bin, Nachts, wenn ich einmal nicht schlafen kann, selbstquä⸗

lerische, häßliche Gedan⸗

Aken, die ich nicht vertrei⸗

ben kann mit allem festen

Willen und mit aller Herzensangst.

Es fällt mir dann plötz⸗ lich ein, daß ich weder jung, noch hübsch, noch klug, noch irgend etwas bin, und dann kommt eine so schreckliche Angst über mich, Robert könnte es eines Tages sehen, so deutlich, wie ich es sehe, und er könnte bereuen, mich gewählt zu haben, er, der die Wahl ge⸗ habt hätte unter den Jüng⸗ sten und Lieblichsten.

Es ist dann wie ein herzbeklemmender Alp, der sich auf mich legt und den ich nicht abschütteln kann, bis er langsam von selbst weicht, und wenn dann der neue Tag leuchtet und ich sehe wieder gute, freundliche Gesichter um mich und Robert kommt, ich höre wieder seine liebe Stimme, so ist es alles von mir genommen wie ein häßlicher Traum und ich bin wieder glücklich.

Ich glaube, ich bin es zu sehr; ich fühle zu tief, was Robert werth ist und wie wenig ich selbst, des⸗ halb kommen mir diese Zweifel. Sie entspringen ja nicht aus Mißtrauen gegen ihn, nein, nur aus mangelndem Vertrauen in mich selbst. Das hat mir von jeher so viel zu schaffen ge⸗ macht. Ich weiß ja auch recht gut, daß es alles Thorheit ist.

Vielleicht würden mir solche Stunden vorübergehender Angst erspart, wenn Robert mir zuweilen ausdrücklich sagte, daß er mich lieb hat. Nicht als ob ich daran zweifelte! da sei Gott vor! wie könnte ich das! der Ring an meinem Finger, jeder Blick aus seinen lieben Augen, der Klang seiner Stimme alles, alles sagt es mir ja täglich. Und dennoch überkommt mich zuweilen eine solche Sehnsucht, auch das ausdrückliche Wort noch einmal wieder zu hören. Gewiß, es ist Thorheit.

Wir zwei sind ja nicht wie die jungen Kinder, die sich das⸗ selbe immer und immer wiederholen müssen, um daran zu glauben. Er hat mir's einmal gesagt und ich sagte es ihm einmal, und das muß genug sein für zwei aufrichtige und ehrliche Menschen. Ich weiß ja das alles.

Aber mein Herz schlägt noch so unverhältnißmäßig, so un⸗ vernünftig heiß und jung und thöricht, so unruhig und verzagt, wenn ich mich mit Anderen vergleiche, daß ich zuweilen bitten