Ausgabe 
12.2.1888
 
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Eine Sommerfrische. Novelle von Georg Hartwig. (Fortsetzung)

II.

Inzwischen hatte Fräulein Mathilde, wie sie später umständlich kund und zu wissen that, den günstigen Moment des Un beobachtetseins benutzt, und sich langsam hinter einen dichten Jasminstrauch zurückgezogen. Von dort führten nur wenige Schritte zu einer kleinen, von Ge büsch halbversteckten Pforte, welche auf

die Landstraße mündete. Einmal durch diese getreten, konnte man im Schutzeiner manns hohen Dornhecke je den beliebigen Weg einschlagen, ohne von der Promenade aus weiter bemerkt zu werden. Fräu⸗ lein Mathilde gerte nach dieser wichtigen Entdek kung denn auch kei neswegs, quer über die Fahrstraße hin wegzuhüpfen und einen schmalen Wie senpfad zu verfol gen, welcher nach ihrer Meinung doch irgendwo ein Ende finden mußte. Da die Natur des Fräu leins weder nach Hitze noch nach Kälte fragte, sobald eine

Vorstellung sie lockte, so erfuhr sie unter ihrem weißen Strohhut auch nicht

lästigung von Sei ten der Sommer mittagsonne, viel mehr benutzte sie die gute Gelegenheit, einmalgründlich im Kraut zu wüh⸗ len, denn sie riß ganze Büschel Gras und Blumen ab ohne Zweck und Ziel. Geraume Zeit schon hatte sich ein leises Murmeln von Weitem hören lassen, woraus die junge Dame schloß, es sei ein fließendes Gewässer in der Nähe vorhanden, aus welchem sie ihren wachsenden Durst stillen könnte. Richtig, der Wiesenpfad nahm plötzlich ein unvermuthetes Ende, und zu Fräulein Mathildens Füßen zog plätschernd und rauschend über Kiesel und Geröll ein ansehnlich breiter, spiegelklarer Gebirgsbach dahin. Mit Händeklatschen ergriff sie gleichsam Besitz von dieser neuentdeckten terra incognita. Dieses Wasser mußte köstlich schmecken, wenn man es selbst mitten aus dem Bach herausschöpfte. Dies zu bewerkstelligen, schien ihr keine Kunst. Es lagen ja runde, oben ziemlich trockene Steine genug auf dem Grunde, welche sich sicherlich bequem überschreiten ließen.

Gedacht, gethan. Mit einem flinken Satz stand das junge Mädchen auf dem nächsten Stein, jetzt auf dem zweiten und nun auf dem dritten, just in der Mitte des Flüßchens. Da bemerkte sie erst, um wieviel tiefer, als sie vom Ufer aus erkennen konnte,

das anscheinend so seichte Wasser in Wirklichkeit war.

den Wald hineinschallte, welcher die andere Seite des Baches

mein Becher! Ihn vom Kopf reißen und ohne Gnade in das

Opernsängerin Johanna v. Ghilany.

Welche Lust! Mit heller Stimme fing sie an zu jodeln, daß es tief in

begrenzte:Ich bin vom Berg der Hirtenknab! 3 Und nun endlich trinken. Mit der hohlen Hand natürlich. Aber dazu mußte man sich bücken und weit vorbeugen. d Herrlich! Herrlich! Sie kauerte bereits wie eine Eidechse geschmeidig nieder und streckte die Hand nach dem Labsal aus. Ach, da fehlte noch viel.Ich hab's! rief sie plötzlich laut.Der Hut ist

Wasser stecken, war das Werk eines Augenblicks. Plötz⸗ lich, sei es durch die zu hastige Be wegung oder durch einen Schwindel⸗ anfall, hervorge rufen durch das blendende Glitzern der Sonnenstrahlen auf dem rieselnden Wasser, verlor Fräu⸗ lein Mathilde das Gleichgewicht, schrie gellend auf und fand sich demnächst mit beiden Füßen unversehrt im Fluß⸗ bett stehend wieder vor. Das war überraschend. Ueber raschender aber noch war die Erschei nung eines frem⸗ den Mannes, wel cher eilig aus dem Tannendickicht her⸗ vortrat und auf die Wassernymphe zueilte.

Was ist ge schehen? 3 Fräulein Ma thilde ließ sich nie verblüffen. Dieses Abenteuer war so recht nach ihrem Sinn.Was Sie sehen! rief sie in

übermüthiger Laune.Ich hole mir Wasser zum Trinken!

Kommen Sie doch heraus, mein Fräulein! Sie werden sich erkälten! redete sie der fremde Herr an.

Mein Strohhut! rief sie statt der Antwort. er hin und singt nicht mehr! f

Ich will ihn angeln. Steigen Sie nur erst an's trockene Land. Damit wandte sich der Fremde zur Seite, ergriff einen langen Ast und fischte sehr geschickt den schwimmenden Hut aus den Fluthen heraus.

Inzwischen war das Fräulein über empfindlich spitze Kiesel an's Ufer gewatet. Jetzt, da sie sich im Trocknen den Schaden besah, verstummte sie allerdings für Momente, während welcher der Fremde gewandt über die Steine sprang, und den triefenden Hut in der Hand, sie nunmehr in der Nähe verwundert betrachtete.

Sagen Sie mir doch um Alles in der Welt, was hatten Sie mitten im Wasser zu suchen? fragte er, ihre zierliche Gestalt überfliegend. 5

Ich wollte Ophelia spielen, sagte sie mit unverwüstlichern Laune.Nur die Kuckucksblumen und sonstiges Unkraut fehlten.

Dort treibt