wünscht. anders: die Sehnsucht nach Liebe ist wohl geblieben, doch der
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zu den d
Oberhessischen Machrichten.
Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.
Nr. 24.
Schloß Warren.
Novelle von Georg Harnisch. (Fortsetzung.)
Bei den letzten Worten des Grafen hob die Greisin noch ein— 915 das Haupt und ein Strahl des Unwillens brach aus ihren
ugen.
„Höhne nur!“ rief sie.„Unglauben und Mißtrauen strafen sich selbst, denn sie zerstören des Lebens Glück. Hörst Du aber auf den Rath einer Frau, deren Worten bereits die Kinder ihrer Urenkel lauschen, so fliehe den Zweifel!— Nun geht und laßt mich schlafen!“
Des Grafen Züge waren ernst geworden.
„Jetzt hast Du die Wahrheit gesprochen, Alte! Hier nimm als Dank!“— und er warf ein Goldstück in den Schooß des Weibes, welches schweigend in das verglimmende Feuer starrte.
Die Kleine aber war aufgesprungen und hatte Nelly's Hand ergriffen.
„Kommt!“ flüsterte sie,„die alte Daja spricht jetzt nicht mehr! Hört Ihr, wie das Käuzchen schreit! Das ist der Böse, der mit der Zimut zankt, weil sie Euch gewarnt hat!“
Stumm traten Udo und Nelly den Rückweg an.
Als sie die Feuer des Lagers vor sich sahen und das Kind wieder im Dickicht verschwunden war, sprach der Graf zu dem
jungen Mädchen:
„Liebe, Glück und Reichthum! Diese Worte haben einen guten Klang in der hoffenden Seele des Menschen, das wissen die Wahrsagerinnen, und je dreister sie lügen, desto größeren Zuspruch finden sie. Der Mensch glaubt nur zu gern, was er Einst habe ich es an mir selbst erfahren; jetzt ist es
Glaube an mein Glück ist längst untergegangen. Aber Miß Longsword, warum sind Sie verstummt? Ich glaube gar, Sie zittern! Fürchten Sie sich?“
„Nein, Herr Graf,“ entgegnete sie,„ich fürchte mich nicht, aber die seltsamen Eindrücke dieses Abends haben mich verwirrt. Mir ist, als wäre ich lange Zeit in einem fernen Zauberlande voll verlockender Bilder gewesen, die meine Sinne noch ge— fangen halten, so daß ich den Rückweg zur Wirklichkeit nicht finden kann.— Mein Gott, da fällt mir ein, Helene sucht mich vielleicht; es ist schon spät und sie wird zurückfahren wollen. O bitte, Herr Graf, lassen Sie uns eilen!“
„Meine Schwester weiß Sie unter meinem Schutz,“ sprach der Graf,„gönnen Sie uns daher die kostbaren Augenblicke und zerstören Sie nicht zu schnell jenes Traumbild des Glücks, welches die alte Zauberin auch vor meiner Seele enthüllt hat. Ich bin dieser klugen Menschenkennerin dankbar, denn sie hat mir den Weg gewiesen, der vielleicht doch noch zu Glück und
Frieden führt.“
Gießen, den 10. Juni.
„Sehen Sie, Miß Nelly, ich war einst ein Mensch, der die Lüge nicht kannte, der stets sein ganzes Herz dem Freunde bot, für den es schlug, der nicht wußte, daß es Andere giebt, welche den Schein für Wahrheit verkaufen, welche rechnen, wo sie Freundschaft heucheln und betrügen, wenn sie schwören!
„In dieser glücklichen Zuversicht habe ich ein Weib geliebt; ich gab ihr das Beste, was ich hatte— mein Herz— und sie belog mich! Seitdem wucherten Mißtrauen und Zweifel in meiner Seele. Wie ein Chemiker die Naturstoffe, so begann ich die Handlungen der Menschen zu prüfen und nach ihren Beweggründen zu durchforschen. Wenn es mir dann gelang, Eigennutz und Heuchelei selbst unter den Motiven der besten Thaten nachzuweisen, so hatte ich die Genugthuung, die Menschen nicht allein hassen, sondern auch verachten zu können.
„Diese Selbstquälerei hat mir mein Dasein vergiftet und mir jede, auch die harmloseste Freude verkümmert. Ich fühlte mich tief unglücklich, und wer weiß, ob ich nicht die Bürde des Lebens von mir werfen würde, wäre nicht inzwischen ein Ereigniß ein— getreten, welches noch einmal in mir die Hoffnung erweckt hat.
„Ich lernte ein Mädche kennen, Miß Nelly, welches mit allen Vorzügen ihres Geschlechts und ihrer Jugend jene Un⸗ schuld des Herzens zu verbinden scheint, welche von Berechnung und Verstellung nichts weiß. Könnte ich die Liebe dieses Mäd— chens gewinnen, ich würde gesunden, ich würde wieder lernen, zu vertrauen, und würde endlich das Glück finden, welches ich bereits für immer verloren wähnte.“
Das junge Mädchen hatte befangen die Augen gesenkt. Ihr Herz schlug heftig. Eine unerklärliche Unruhe hatte sich ihrer bemächtigt. Warum vertraute der Graf gerade ihr die Geschichte seiner Liebe und warum weckte diese Erzählung in ihrer Seele den Schmerz der Entsagung? Sie hatte nicht Zeit, diese Räthsel zu lösen, denn Graf Udo trat nahe an sie heran und sprach mit weicher, gedämpfter Stimme:
„Miß Nelly, warum blicken Sie zu Boden? Das Auge ist der Spiegel der Seele und spricht oft deutlicher, als es Worte vermögen. Lassen Sie mich in diese ruhigen, klaren Sterne schauen und antworten Sie mir, bitte, auf meine Frage! Wenn ein Mann um Sie würbe, weil er Sie liebte, könnten Sie ihm die Hand reichen um äußerer Interessen willen, obgleich Ihr Herz ruhig schlüge, obwohl Sie ihn nicht liebten?“
„Nein! erwiderte Nelly einfach,„nein, denn ich kann nicht lügen!“
„Vergebung! wenn meine Frage Sie verletzt hat. Aber be⸗ denken Sie, Nelly, ich stehe vor der Entscheidung meines Lebens, ich sehe das Paradies vor mir und wage den Fuß nicht über
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