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Geschöpf, das je aus der bildenden Hand der Natur hervor⸗ gegangen— ein Wunder an Grazie und Liebreiz, in dem sich alle Vorzüge der sarmatischen Rasse zu einem entzückenden Ganzen vereinigten. Die Feinheit und das Ebenmaß der Ge— stalt, die schmachtende Weichheit der Bewegungen, die sanfte Gluth des Blickes, der köstliche mattbleiche Teint— das Alles war ihr in hohem Grade eigen und verlieh ihr einen Reiz, der sich unmöglich in Worten wiedergeben läßt.
Auch an jenem Abend, von dem ich erzählen will, hatte sich eine zahlreiche Gesellschaft in dem großen alterthümlichen Banket— saal versammelt. Es war ein Abend ganz wie der heutige: draußen heulte der Sturm und peitschte die Wellen des Njemen gegen die Ufer. Die Gesellschaft war aber nur um so fröh— licher beim dampfenden Punsch, den die schöne Tochter des Hauses kredenzte, und freute sich der Behaglichkeit des schützen— den Daches. Man trieb allerhand Kurzweil: Musik und Gesang; ab und zu wurde sogar von der jungen Welt getanzt.
Ich hatte nur Augen für Komtesse Wladislava, die heute in ihrem Gewande aus blaßblauer, silbergestickter Gaze, mit reichen Gewinden von Schilf und Wasserrosen geschmückt, wie
eine Fee aussah. Mir fiel es auf, was von den Anwesenden.
sonst Niemand zu bemerken schien, nämlich, daß sie seltsam zer⸗ streut und unruhig war. Ihr zartes Antlitz erschien noch bleicher als gewöhnlich und ihre Augen hatten einen unstäten, fieberisch flackernden Blick. Mir, der ich sie mit der Aufmerksamkeit des Liebenden beobachtete, konnte das Alles natürlich nicht ver— borgen bleiben.
„Komtesse sind zerstreut heute Abend!“ sagte ich einmal, als
sie mir wieder eben mit geistesabwesendem Blick auf eine Frage eine ganz verkehrte Antwort gab.„Darf man nicht wissen, was Ihre Gedanken so ganz in Anspruch nimmt, daß Sie für Ihre Freunde keine Aufmerksamkeit mehr übrig haben?“ Sie fuhr zusammen.„Verzeihen Sie, ich— ich dachte . Die vom Klavier her ertönenden Klänge einer Mazurka unterbrachen ihr verwirrtes Stammeln.„Kommen Sie, lassen Sie uns tanzen,“ drängte sie mit einer etwas krampf⸗ haften Hast, als ob sie froh wäre, der Antwort auf meine Frage überhoben zu sein.
Ich legte den Arm um sie und wollte eben mit dem Tanz beginnen, als ein heftiger Windstoß die Fenster erzittern ließ, während er zugleich vom Flusse her das dumpfe Brausen der Wasser herübertrug.
Von Wladislava's Lippen rang sich ein leiser Schreckenslaut, ich fühlte ihren schlanken Leib in meinen Armen erschauern, aus ihrem Auge, das sich unwillkürlich zum Fenster gewandt, sprach es wie Todesangst.
„Aber, Komtesse, was fehlt Ihnen? Sie zittern ja wie Espen⸗ laub—“ fragte ich besorgt,„soll ich Sie zu einem Sitz führen?“
„Nein, nein, es geht schon vorüber,“ wehrte sie mit einem Versuch zu lächeln.„Ich bin so schreckhaft heute— mich friert auch ein wenig, tanzen wir, das wird mich erwärmen!“
Im nächsten Augenblick flogen wir dahin über das glatte Parkett, aber auch dabei schien sie— sonst die leidenschaftlichste Tänzerin— heute nur mit halber Seele zu sein: Ihre Be—
wegungen, die sich sonst stets mit hinreißender Gluth und Grazie den feurigen Rythmen anzupassen wußten, hatten heute trotz des schnellen Tempos etwas seltsam Mattes, Automatenhaftes.—
Das schöne Mädchen wurde mir immer räthselhafter. Mit einem plötzlichen Ruck hemmte sie endlich den Fuß. Ihr leichtes Gewand war im Vorüberstreifen an den Zweigen einer der Lorbeerpyramiden hängen geblieben, mit denen die Ecken des Saales in geschmackvoller Dekoration ausgefüllt waren.
„Gefangen!“ lächelte sie zu mir empor, während sie mit nervös zitternden Händen ihr Kleid loszunesteln suchte. Ich half ihr natürlich voll Eifer, aber wir verfuhren wohl Beide nicht sonderlich geschickt: es bedurfte vieler Mühe, das zarte Gewebe von den spitzen Zweigen zu lösen und als uns dies endlich gelungen, da zeigte dasselbe doch trotz aller Vorsicht einen langen, klaffen⸗ den Riß.
Sie lachte unwillkürlich über das verblüffte Gesicht, mit dem ich auf den Schaden starrte und huschte dann hinweg, um den⸗ selben von ihrer Kammerfrau repariren zu lassen.
Auch ich wollte mich eben entfernen, um mich wieder unter
die Gesellschaft zu mischen, als mein Blick auf einen kleinen blitzenden Gegenstand fiel, der halb verborgen von den Lorbeer— zweigen am Boden lag.
Ich hob ihn auf und erkannte darin ein zierliches Perlmutter⸗ Notizbuch, das ich oft in Komteß Wladislavas Händen gesehen, zum Ueberfluß stand noch auch noch ihre Namenschiffre W. v. S. auf dem kleinen silbernen Schild eingravirt. Wahrscheinlich hatte sie es soeben beim gewaltsamen Befreien des Kleides aus der Tasche verloren.— Ich meinte noch den leisen Duft von Violettes de Parme zu spüren, der von ihr unzertrennlich war.
Berauscht von dem Gedanken, daß ich etwas in Händen hielt, was von ihr kam, drückte ich den kostbaren Fund, dessen Rückgabe— so hoffte ich— mir ein dankbares Lächeln ihres Mundes eintragen sollte, stürmisch an meine Lippen. Dabei löste sich wohl der Verschluß, das kleine Buch viel plötzlich aus⸗ einander und ich sah aus dem Seitentäschchen ein zusammen— gefaltetes, weißes Papier zur Erde flattern. Schier erschrocken hob ich es auf und wollte es wieder an seinem vorigen Platze bergen, als mein Blick auf die Ueberschrift fiel:„Mein süßes Weib!“ stand da mit festen energischen Zügen von Männerhand in polnischer Sprache geschrieben.
Einen Augenblick starrte ich verständnißlos darauf nieder, dann aber begann mein Blut plötzlich siedend zu wallen; die un⸗ bestimmte Angst vor einem Ungreifbaren, die— hervorgerufen durch Wladislavas seltsames Wesen— den ganzen Abend schon auf mir gelastet, gewann plötzlich Form und Gestalt. Eine glühende, wahnwitzige Eifersucht packte mich; kaum wissend, was ich that, faltete ich mit vor Aufregung bebenden Fingern das Papier auseinander und verschlang gierigen Auges den Inhalt. Es enthielt nur die wenigen folgenden Zeilen:
„Mein süßes Weib!
Noch einmal— zum letzten Mal, komme ich in dieser Nacht über den Fluß zu Dir, wie einst der Leander der Sage zu seiner Hero kam. Es gilt den Abschied, Geliebte, den schweren vor dem Beginn des blutigen Befreiungskrieges. Dein Kuß soll mich weihen zum heiligen Kampf. Harre mein am Ufer bei den drei Pappeln an gewohnter Stelle. Ich weiß, Du wirst kommen trotz des Sturmes, der durch die Lüfte saust. Es scheint, die Elemente haben sich wider uns verschworen gleich den Menschen— aber ich verachte beider Drohen und trotze ihnen dennoch ein Wiedersehen ab. Diese Nacht noch einmal in Deinen Armen, meine Wladislava— und bald— vielleicht morgen schon unter Polens Fahnen zum Kampf auf Tod und Leben mit dem Tyrannen! Ob siegend oder sterbend—
unwandelbar Dein Roman!“ (Fortsetzung folgt.)
Lose Blätter.
Neujahrsbläser.(Siebe Illustration.) In vielen Städten, namentlich in solchen, welche einst mit Ringwällen und Mauern umgeben waren, bört man heutzutage noch in der Neufahrsnacht einen Choral oder ein frommes Lied vom hoben Kirchtburm oder Ratbbaus berniederschalleu. Je nach der Größe oder Woblhabenbeit der Stadt sind es einzelne Blechbläser oder ist es eine ganze Kapelle, welche um Mitternacht den Sinn der Hörer durch die feierlichen Klänge nach Oben lenkt. Diese Sitte entstammt jenen Zeiten, da wilde Kriegsstürme weit bäufiger Stadt und Land verheerten als in unserm Jahrhundert, da die Bürger in den Städten sich verschanzen mußten gegen Raubgesindel und Feindesschaaren und da äußere Noth und Bedrängniß sie nur zu bäufig zwangen, sich eng zusammenzuschließen und vom Himmel Rettung und Erlösung zu erflehen. Im Mittelalter, in den Tagen der furchtbaren Glaubenskämpfe und in der Zeit der Franzosenkriege mag oft die ganze Bürgerschaft in der Neufahrnacht bei den Klängen des vom Thurm herabschallenden Chorals die Hände gefaltet und gefleht haben: Guter Gott, laß' die Zeiten besser werden!
Und die Zeit hat die Welt gewaltig verändert. Die meisten Städte haben selber ihre Befestigungswerke zertrümmert und sind über die Wälle und Gräben weit binausgewachsen. Thürmer und Zöllner sind mit den engen Thoren verschwunden, frei schreitet der Bürger durch sein Heimath— jand und es sind nicht mehr die äußeren Gefahren, welche die Stadt⸗ bewohner erzittern machen. Aber der Neufahrsbläser ist gleichwohl geblieben; selbst in Berlin schallen am Neujahrsmorgen alte Choräle über das Häuser— meer an der Spree bin. Die alte Sitte ist aus dem Gedanken bervor⸗ gegangen, daß es gut sei, den Menschen bei der Jahreswende zur Hoffnung und zur freudigen Zuversicht auf glückliche Tage zu erheben. Der Neujahrs⸗
bläser ist ein Ueberlebsel aus rauber Zeit und sein Nachtlied giebt uns die freudige Gewähr, daß die Menschbeit beute auf freieren, lichtvolleren und friedlicheren Lebensbahnen durch die Welt schreitet.


