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keit des Lebens und das Vollgefühl der eigenen Kraft zum Bewußt⸗ sein zu bringen.
„Ich gehöre zu diesen schwachen Naturen,“ sagte der kleine Doktor und blickte durch seine goldene Brille aufmerksam in mein Gesicht. Er mußte etwas darin lesen, was ihm nicht gefiel; denn er fuhr fort:„Liebe Freundin, ich weiß, jetzt zeihen Sie mich der Unmännlichkeit. Aber wir sollten uns hüten, ein Urtheil über einen Menschen zu fällen, ehe wir nicht sein ganzes Leben kennen. Unsere Handlungen sind Glieder einer Kette, deren Berechtigung sich nur durch ihren Zusammenhang erklärt. Wenn Sie Zeit und Lust
hätten, mich anzuhören, so wäre ich wohl in der Stimmung, Ihnen ein Stückchen meiner Vergangenheit mitzutheilen.“
Und auf meine Bitte begann er:„Ich bin ein Mensch, der im Guten wie im Bösen leicht über das Ziel hinausschießt. Vielleicht liegt dieser Mangel an Maßhalten an meiner Erziehung, die von Meinen Vater verlor ich vor meiner
Frauenhänden geleitet ward.
Spielkameraden.
Geburt; ich war der einzige Sohn meiner Mutter, welche sich mit Eifer meiner Pflege und Erziehung widmete. Etwas verweichlicht, von zarterer Gesundheit und gesitteteren Wesens als andere Knaben meines Alters, trat ich in das Gymnasium der Nachbarstadt ein, in welche meine Mutter mir zu Liebe übersiedelte. Sie hielt mich vom Verkehr mit Kameraden fern; in ihrer Gesellschaft arbeitete ich, vergnügte ich mich; oft begleitete sie mich sogar auf dem Schul⸗ wege. Meine Mitschüler neckten mich, indem sie mich„das Mutter⸗ söhnchen“ nannten; ich stand allein unter ihnen und legte mich mit allen meinen Kräften auf die Arbeit. Der trockene Unterricht, wie er auf unserer Schule gehandhabt wurde, bot wenig für Geist und Gemüth; ich arbeitete ohne Freude, nur weil ich nichts anderes zu thun wußte, weil ich einen Inhalt für mein Leben brauchte. Dann kam das Abiturium— die Befreiung von allen Fesseln, von dem Schulzwang und der Abgeschlossenheit des mütterlichen Hauses. Wie dem Achtzehnjährigen zu Muthe war, als er zum erstenmal auf eigenen Füßen stand! Man muß das selber durch⸗ gemacht haben, um es verstehen zu können. Die Welt, die große, unbekannte Welt mit ihren geheimnißvollen Genüssen und Schätzen offen vor sich liegen zu sehen! Ihr frei gegenüber zu stehen, als rechtmäßiger Herr und zukünftiger Besitzer dieser Schätze, nur ab-
der Großstadt zu bleiben.
hängig vom eigenen Willen! In das bunte Getümmel der mannig⸗ faltigen Berufsarten hineinblicken und sich sagen zu dürfen:„Du wirst sein, der Du sein willst— vom Gassenkehrer bis zum Minister, jede Bahn steht Dir offen!“
Liebe Freundin, junger Most will ausgzähren; ich trank die Freude des Lebens in vollen Zügen. Trotz des Verbotes der Mutter trat ich in eine Landsmannschaft ein; mich, den Alleinstehenden berauschte der fröhliche Zusammenhalt, die übermüthige Kamerad⸗ schaft. In überschäumender Lebenslust ging's auf die Mensur; der erste Hieb, eine Stirnwunde, nahe dem Auge, warf mich für einige Wochen auf's Krankenlager. Meine Mutter hörte von meiner Ver⸗ wundung und eilte zu meiner Pflege herbei; sie gerieth fast von Sinnen über die Veränderung, die mit mir vorgegangen war. Jeder Tag brachte aufregende Scenen zwischen uns. Als sie begann, gegen meine Freunde aufzutreten und sie der Verführung zu zeihen, bat ich sie, nach Hause zurückzukehren. Sie weigerte sich dessen und
Gemalt von C. Fröschl.
bei mir zu bleiben. Da kam es zu offenem Bruch zwischen uns. Ich warf ihr die Pedanterie und weibliche Beschränkt. heit vor, durch welche sie mich um die Freuden der Kindheit gebracht hatte; sie schalt mich undankbar, leichtsinnig, verderbt. Wir trennten uns im Zorn. Meine Existenzmittel erhielt ich durch meinen Vor mund; einige Zeit schrieb ich nicht mehr an sie, aus Furcht, die aufreibenden Zwistigkeiten zu erneuern; auch von ihr lief lange kein Lebenszeichen ein.
Aber die Freude an dem ungebundenen Dasein war mir ver⸗ leidet. Ich fing an, die Hörsäle zu besuchen. Der Reiz der freien Forschung ergriff mich. Neben den Fachstudien trieb ich Liebhabereien aller Art, horte Poetik, deutsche Geschichte, Philosophie. Die Ver gangenheit verblaßte vor dem Zauber, den die Wissenschaft auf mich ausübte. Dann kamen die Vorbereitungen zu den Examina; die kleine Studentenbude wurde meine ganze Welt.
Das Staatsexamen lag hinter mir; mit unbegrenztem Selbst, vertrauen blickte ich in die Zukunft. Ich wußte, daß ich etwas gelernt hatte und erschien mir, den Leiden der Menschheit gegenüber, als ein wunderthätiger Gott. Meine Mittel gestatteten es mir, in Mitten in einer volkreichen Gegend, einem von vielen Menschen bewohnten Hause miethete ich mir ein
bestand darauf,
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