Ausgabe 
20.2.1887
 
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rief sie und zeigte ihm mit sichtbarem Stolz eine breite Spitzen⸗ stickerei, deren Werth an Fleiß und Kunst er natürlich gar nicht würdigen konnte, bis er diese unzähligen kleinen, fast unsichtbaren Stiche erkannte, die sie mit haarfeinem Zwirn gemacht.

Eine wahre Empörung überkam ihn.

Und für wen arbeiten Sie dies? fragte er, überzeugt, sie werde antworten: für meine Herrin! Aber nein! Sie sagte nur: für eine Kirche!

Ah! Sie erwarb sich vielleicht Geld damit?

Sein Herz schwoll vor Mitleid mit ihr. Armes Kind! So jung und zart und fein und so sollte sie dem Leben gegenüber stehn.

Darf ich Sie ein wenig rudern? fragte er mit dem Wunsche, ihr eine Aufmerksamkeit zu erweisen. Er fand sie so reizend, wie noch nie eine junge Dame seines Kreises.

Sie nahm vergnügt an.Sehr gern!

So stiegen sie also in sein Boot und ruderten auf den See hinaus, waren aber noch kaum abgestoßen, als ein anderes Boot in einiger Entfernung an ihnen vorüberfuhr.

Es saßen zwei Herren darin, welche grüßend ihre Hüte zogen, auf seine Frage antwortete Erichs Begleiterin aber, sie vermöge die Gesichter derselben nicht zu erkennen.

Ihm war zu Muthe, als habe sich ein scheues Vögelchen wider alles Erwarten zutraulich auf seine Hand gesetzt und als dürfe er nur die leiseste unvorsichtige Bewegung machen, so werde es ihm davonfliegen. So fragte er also auch nicht weiter, was gingen ihn jene Leute an, nach welchen sie mit keinem Blicke zurückschaute.

Sie saß ihm mit glückstrahlendem Lächeln gegenüber. Daß er sie für die Bonne der Kinder hielt, hatte sie längst bemerkt. O, und wie zart und fein und ritterlich war er! Welch schöner Mann! Sein leichter, grauleinener Sommerock kleidete ihn so gut. Den Strohhut legte er neben sich. Und nun plauderten sie und lachten.

Mit keiner einzigen Frage wurde er ihr lästig; ganz langsam nur kamen sie weiter auf ihrer Fahrt in ihrer Bekanntschaft aber sehr, sehr rasch.

Nach etwa einer Stunde hat sie ihn, sie jetzt zurückzubringen.

Er that es sofort. Sie fühlte, es sei Zeit, die Maskerade zu beenden. Als sie bei dem alten epheuüberwucherten Thürmchen wieder angekommen, sprang er ans Land und bot ihr die Hand wie einer Fürstin.

Zu welchem Gute gehört dies kleine Thürmchen denn? fragte er, nun doch neugierig.

Zu unserem, zu Sonnenstein! sagte sie.

Noch dachte er nicht, was sie meinte.

Und werde ich Sie wiedersehen dürfen, mein Fräulein? weiß nicht einmal Ihren Namen!

Erna Calander, nannte sie ihm denselben.

Ah, freilich, jetzt besann er sich auf den Namen des Briefes.

Und Sonnenstein gehört den Rochlitz?

Nein, meinem Vater! Er wird sich freuen, Sie kennen zu lernen.

Sie war dunkelroth geworden. Plötzlich aber veränderte sich ihr Gesicht. In einer Sekunde wechselte es die Farbe, dann wurde es völlig weiß, denn Erich von Willwarth hatte sie ein paar Sekunden starr vor Ueberraschung angesehen; auch seine Miene wechselte, von der ruhigen Sorglosigkeit in den Ausdruck höchsten Respekts. Er hatte die Hacken zusammengezogen und verbeugte sich tief.

Verzeihung, mein gnädiges Fräulein! 6

Das Alles kam so rasch, bei ihm so ganz und gar als der un willkürliche Ausdruck seines Empfindens, daß eben das ganz Impulsive unverkennbar war.

Und sie? Bleich, einen unbegreiflichen tiefschmerzlichen, entsetzten Blick auf ihn werfend, anwortete schroff und kalt:Was ist da zu verzeihen? und ehe er antworten konnte, ehe er sich nur von seinem Staunen und Erschrecken erholte, hatte sie, ihr Kleid zusammennehmend, obwohl es nirgend feucht oder staubig war, sich flüchtig verbeugend, ihm den Rücken gewandt und schritt eilig in das Gebüsch hinein, wo sie gleich darauf verschwand.

Er blickte ihr völlig verständnißlos nach.

Was hatte sie? Was fiel ihr ein? Warum erbleichte sie? Was sollte der Blick? Hatte er irgend etwas gethan, was sie verletzte?

Er wollte ja nur um Verzeihung bitten, daß er so sans fagon

Ah, war es das?

Doch nein! Er hatte nicht mit einem Hauch die Grenze des

Ich

Anstandes verletzt. Sie war ja so bezaubernd gewesen als die kleine Bonne!

Und dies Mädchen war die Millionärstochter, dies Mädchen nannte mandie Stolze von Sonnenstein? Froysberg und seine Freunde hatten mehrfach von dem Besitzer des Sonnenstein gesprochen und von seiner Erbin, der immens reichen einzigen Tochter, aber im Ganzen hatte Erich wenig danach gehört, da man das Fräulein immer nur die Stolze nannte und er sich gedacht hatte, die Sonnensteiner gehörten zu dem Geldprotzenthum, wie es so widerwärtig überall auch zwischen den gebildeten Leuten emporschießt. Er hatte sich die Erbin sehr viel anders vorgestellt. Und nun, das war sie? Erna Calander? Die sich kleidete wie eine kleine Bonne und die so bescheiden war, so überaus mädchenhaft und reizend? Freilich, ganz zuletzt! Ein bitterer Aerger kochte in ihm auf. Er wußte plötzlich, was sie ihm übel genommen. Er errieth es ganz richtig. Aber

Und nun meint sie gar, der Respekt vor ihrem Gelde habe es mir angethan? 0

Das war ja ganz anders, ganz anders! Ich hatte sie für eine Bonne gehalten und sie. Freilich! Was gab es da für sie zu verzeihen, ich hatte sie wie eine Dame behandelt! Was sollte das dumme:Verzeihen Sie? O, ich Esel! Und wüthend an seinem Schnurrbart nagend, sprang er in das Boot.

Keinen Fuß setz' ich wieder auf Sonnensteiner Grund! Tief verstimmt langte er auf Schloß Froysberg wieder an. Eine Aufregung, wie er sie nie empfunden, gemischt mit Erbitterung und Betrübniß, beherrschte ihn und dabei der volle Eindruck der entzückenden letzten Stunden. Gönnte ihm denn das Schicksal nicht einmal diese eine Labung? Warum konnte sie nicht die kleine liebenswürdige Bonne sein, für die er sie gehalten? Ein schlichtes, feingebildetes Mädchen, arm und bescheiden, zu welchem er sprechen durfte, wie ihm zu Muthe war, ohne daß sie einen Geldjäger in ihm sah. Ein Schlag in's Gesicht hätte ihm nicht schimpflicher sein können als ihr letzter Blick.

(Fortsetzung folgt.)

Im Berliner Aquarium.

Das Bestreben des Berliner Aquariums, mit der zoologischen Wissenschaft engste Fühlung zu halten und ihr nach Kräften zu dienen, ist während der letzten Jahre von dem erfreulichsten Erfolg begleitet gewesen, wir erinnern an die elektrischen Fische, den Munk⸗ affen, Walfischskelet, Manati, Meerleuchten(Bacillus phosphores- cens) u. s. w. Zu diesen Objekten ist neuerdings ein Thier ge⸗ treten, das wegen seines unscheinbaren Aeußern von vielen Besuchern oft übersehen wird, in wissenschaftlicher Beziehung aber von höchstem Interesse ist: die Brückenechse(Hlatteria punctata), ein Reptil, welches die Merkmale verschiedener Ordnungen in sich vereinigt und von einigen Forschern alsAnhang zu den Sauriern aufgeführt wird. Es erreicht eine Länge von 50 Cm., ausgewachsene Exemplare werden 2 M. lang, der Kopf ist vierseitig, Leib gedrungen, Glieder⸗ bau kräftig, der Schwanz seitlich zusammengedrückt, so daß der Querschnitt dreieckig ist, Vorder- und Hinterfüße haben fünf runde Zehen, welche mit scharfen, gebogenen Krallen bewaffnet sind. Auf⸗ fallend ist der aufrecht stehende, in der Schultergegend unterbrochene Dornenkamm, Kopf und Leib sind mit kleinen und großen Schildern bedeckt, ebenso der Schwanz und die Zehen. Die Färbung des Thiers schwankt zwischen Grau und düsterem Olivengrün, das von helleren Flecken und Tüpfeln unterbrochen ist. Die Heimath der Eidechse ist Neuseeland, wo sie unter dem NamenGuana,Tuatera oderNarara von den Eingeborenen ohne allen Grund ziemlich gefürchtet ist. Da sie wegen ihres Fleisches sehr verfolgt, auch von den Schweinen vielfach gefressen wird, so ist sie ziemlich selten geworden, selbst ältere Bewohner des Landes haben die Hatteria nie gesehen und schon vor zwanzig Jahren wurde die Befürchtung ausgesprochen, daß sie bald zu den ausgestorbenen Thieren zu zählen sein werde. Aus dem Gesagten erhellt, daß es gewißermaßen als ein Ereigniß galt, als das Thier vor einigen Monaten munter und lebensfroh im Aquarium eintraf. Die Brückenechse hat, wie leicht zu konstatiren ist, zwei Augen, das ist den Zoologen aber nicht genug, man fahndet auf ein Drittes und ist ihm bereits stark auf der Spur. Ein sehendes drittes Auge, so schreibt Dr. E. Koken, ist heute noch bei keinem lebenden Thier entdeckt worden, wohl aber die Ueberreste, ein verkümmertes, rudimentäres Auge, welches sich der Welt nicht

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