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Sie begann von Neuem zu schluchzen.
Max aber ging nicht, trotz der dringenden Aufforderung, die er erhalten. Er setzte sich vielmehr auf die Lehne des Sophas, auf welchem Else Platz genommen und blickte mit einer Art scheuer Zärtlichkeit auf sie herab.
„Darf ich Dir erst noch eine Geschichte erzählen, Else?“
Keine Antwort.
Der junge Mann begann trotzdem:
„Es sind jetzt vier oder fünf Jahre her, ich studirte auf der Universität zu K. und mußte mir oft recht kümmerlich durchhelfen. Ich erhielt nur wenige Zuschüsse von Hause, schließlich blieben sie ganz aus. Was ich brauchte, mußte ich mir durch Stunden⸗ geben erwerben. Aber meine Natur ertrug die übergroße Arbeitslast nicht lange. Ich erkrankte am Nervenfieber und als ich kümmerlich genesen aus dem Krankenhaus entlassen wurde, da war ich arm und hilflos.— O Else, es giebt Stunden, in denen das Glänzen eines einsamen Wasserspiegels, ein Fläschchen Strychnin, der Lauf einer Pistole eine dämonische Anziehungskraft ausüben und dieser Anziehungskraft folgend, nahm ich damals ein Terzerol von der Wand und betrachtete es im Mondlicht; eine Lampe zu brennen, dazu fehlte es mir an Geld.— Ich erinnere mich so lebhaft, als wär's heute, wie das Schloß im Mondenlichte funkelte, wie der Kolben sich so glatt und rund in meiner Hand schmiegte. Da trat Erwin, Dein älterer Bruder in mein Zimmer. Er war vor Kurzem nach K. gekommen, um ebenfalls dort zu studiren und hatte mich sofort aufgesucht. Mein Aussehen, meine verzweifelte Stimmung, die ich nicht ganz verbergen konnte, erweckten in ihm die liebevellste Theilnagme. Er nahm mich in seine Wohnung mit, wo ich fortan sein Stubenkamerad sein mußte, und dann theilte er mit mir, was er hatte— Du weißt selbst, daß es nicht viel war. Ja, selbst was er durch Stundengeben erwarb, gehörte uns Beiden an. Dabei litt er nicht, daß ich mich selbst durch Unterrichten anstrengte, so lange ich noch so schwach und elend war. Damals habe ich gelobt, ihm diese Güte einst zu vergelten, ihm oder den Seinen, sobald sich mir eine Gelegenheit dazu böte. Leider habe ich mich ihm selbst nicht mehr dankbar erweisen können, jener Eisenbahnunfall, bei welchem er um's Leben kam, entriß ihn uns zu schnell, aber Ihr waret mir geblieben und hattet Anspruch auf Tilgung meiner Schuld. Ich sah, wie Ihr in Noth geriethet, sah Dich fast erliegen unter der Last der Sorge und Arbeit und hätte Dir so gern eine helfende Hand geboten— Du aber wiesest sie stolz zurück. War da mein Unrecht so groß, als ich durch List zu erreichen suchte, was mir durch Ueberredung nicht gelang? Ich habe mich so innig gefreut, als ich den sorgenvollen Ausdruck auf Deinem lieben Gesichtchen ein wenig weichen sah, als es Euch möglich wurde, mit der Großmutter den Landaufenthalt zu beziehen. Sag, Else, würdest Du wünschen, Deine Großmutter hätte diese letzte Freude nicht mehr gehabt? Und dann, Else, dann hatte ich noch einen Nebengedanken dabei. Ich konnte es mir nicht anders denken damals, als wir noch täglich mit einander verkehrten, als daß wir einmal gänzlich mit einander vereint sein würden, daß Du einst ein ebenso großes Anrecht an das Meine haben würdest, als ich selbst, und meine Liebe zu Dir redete mir ein, daß Du ebenso gut schon jetzt mit mir theilen könntest, auf ein wenig früher oder später käme es dabei nicht an.— Ich sehe Kreilich, daß ich im Irrthum war, daß ein anderer den Platz einnimmt, den ich zu be— sitzen glaubte— und dennoch— Else, liebe Else, nicht wahr, Du zürnst mir nicht mehr, Du sprichst nicht mehr vom Wieder⸗ geben, Du verzeihst mir um Deines Bruders, Deiner Großmutter — um meinetwillen?“
Else hatte längst aufgehört zu weinen, still und ernst blickte sie vor sich nieder. Als aber Max bei den letzten Worten sich zu ihr herabbeugte, schlug sie die Angen zu ihm auf und legte ihre Hand in die seine.
„Ich kann ja nicht thun, was Du verlangst, Du treuer, lieber Mensch,“ sagte sie.„Verzeihn soll ich Dir? Ich habe Dir nichts zu verzeihen. Und nicht vom Wiedergeben soll ich sprechen? Ich darf doch Deine Schuldnerin nicht bleiben? Ueber Geld und Gut freilich habe ich nicht zu verfügen, ich werde es daher wohl so machen müssen, wie die alten Deutschen, die sich selber, ihre Freiheit, ihr Leben hingaben, wenn sie anders ihre Schuld nicht einlösen konnten. Vist Du mit dieser Zahlung zufrieden, Max?“
Da neigte er sich glückselig zu ihr hernieder und drückte einen
langen innigen Kuß auf ihre Lippen. Und Else fand später, daß dies der hübscheste Romanabschluß wäre, den sie je erfunden habe.
Vetter Theophil machte anfänglich eines seiner wenigen geist⸗ reichen Gesichter, als er von dieser Wendung der Dinge Kenntniß erhielt. Schließlich fand er sich jedoch in die veränderte Sachlage und hängte sogar seinen Gedichten eins„An Elsa“ an, das er auf rosa Atlas drucken ließ und dem Brautpaar am Hochzeitstag über. reichte.
7 man nun von einer Thorheit am besten durch denjenigen geheilt werden kann, der sie selbst einmal begangen, so unternahm es Else später, den Vetter Theophil von seinem Schriftstellerwahn zu befreien. Es gelang ihr auch, denn sie verstand, mit der Zunge ungleich besser als mit der Feder umzugehn, und es ist mit der Zeit, wenn auch keine Berühmtheit, so doch ein ganz brauchbarer Mensch aus dem ehemaligen Musenliebling geworden.
Lose Blätter.
Bilder aus Fairmount-Park.(Siehe Illustration.) Keine Stadt der Welt besitzt einen so herrlichen Park dicht an der Grenze ihres Weichbildes als Philadelphia. Mit Fug und Recht bezeichnen ihn die Bürger dieser Stadt als das„Eden Amerikas“. Fairmount⸗ Park ist dreimal so groß als der Central Park in Newyork, er umfaßt dreitausend Acres und mitten durch seine Fels- und Waldpartien wälzt der Schuykill Rider seine blauen Fluthen. Die herrlichen Anlagen beginnen bei dem Callowhügel, auf dem William Penn einst sein Haus gebaut hatte. Hier liegen, dicht am Ufer des Schuykill die im Jahr 1822 geschaffenen Wasserwerke, welche zu den großartigsten und schönsten Schöpfungen gehören, die irgend eine Groß. stadt aufzuweisen hat. Ungeheure Wassersäulmaschinen heben da Tag für Tag 40000 Gallonen Wasser aus dem tiefgelegenen Fluß und führen es der Stadt der Bruderliebe zu. Das riesige Maschinenhaus mit seinen breiten Hallen und Galerien aber ist umgeben von breiten, blumengeschmückten Terrassen, die zum Fluß abfallen, von weiten Spielplätzen und sammet⸗ weichen Rasenflächen, von rauschenden Kaskaden und weiten Wasserbecken, von Springbrunnen, die ihre Strahlen hundert Fuß hoch emporwerfen, und köstlichen Gruppen und Statuen. An der Nordseite des Parks be— findet sich ein herrlicher Aussichtspunkt, zu dem ein Feldsteg 152 da sieht der Besucher vor sich die spiegelglatten, krystallhellen asser · flächen der Reservoirs, dann zu seinen Füßen die grüngoldigen Rasen⸗ flächen, die bewaldeten Hügel, die üppigen Blumenparterres und Statuen der Anlagen, die Dampfer und Segelboote auf dem Schuykill und die üppigen Baumgruppen, welche lauschige Landhäuser umschatten. Von allen Denkmälern fällt das große Lincoln Monument am Lemon“ Hill auf, das von Rogers in Rom modellirt und bei Miller in München gegossen wurde. Am Fuß der Felsen befindet sich die Ledagruppe unter sprühenden Wasser⸗ güssen. Diese in Bronze ausgeführte Leda giebt die Erscheinung einer be rühmten Schönbeil Philadelphias, der Miß Vanuxem, wieder. Der Park besitzt auch eine Kunstgalerie, deren werthvollstes Gemälde Rothärmel's „Schlacht zu Gettyeburg“ bildet; daeselbe wurde von der Staatsverwaltung bestellt und mit 150 000 Mark bezahlt. Außer dem Kolossaldenkmal, welches das dankbare Volk Abraham Lincoln weihte, befindet sich noch ein Humboldt Denkmal, ein Schiller-Denkmal im Park und 11 wurde der Grundstein zu einem Goethe- Denkmal gelegt. Man ersieht daraus, daß die Deutschen Amerikas ihrer Geistesheroen in der Ferne nicht vergessen. Auf dem Lemon Hill befindet sich ein Goldfischteich, in dessen kreisrundem Becken eine hohe Fontaine den Mittelpunkt bildet und der von Terrassen und Baumgruppen umgeben ist. In einem schattigen Gehölz finden wir ein einfaches Blockhaus; es ist dasselbe, welches General Ulysses Grant bei City Point bewohnte. Von der Höhe, auf welcher das Humboldt Denk ⸗ mal thront, erblickt man die majestätische Brücke der Girard Avenue, welche die beiden Ufer des Schuykill mit einander verbindet. Diese mächti Eisenbrücke hat eine Länge von tausend und eine Breite von hundert Fuß. Am Fuß der Brücke liegt die Villa Solitude, welche einst der Enkelsohn William Penn's bewohnte und die jetzt zu einem zoologischen Garten her: erichtet ist. Noch andere denkwürdige Stätten birgt der weite Park auf 2 schönen bewaldeten Höhen. Da liegt auf den Hills das Landhaus des Finanzministers der jungen Staaten während der Unabhängigkeits⸗ kriege, das Landhaus des Morris. Da liegt ferner ein kleines Schlößchen auf Mount Pleasant, welches von John Macpherson 1761 erbaut wurde, das dann in den Besitz des Vaterlandsverräthers Benedict Arnold über⸗ ging und endlich vom General von Steuben bewohnt wurde. In den schattigen Thälern und an den felsigen Stromufern des Fairmount⸗ Park wanderte der irische Dichter Thomas Moore im Sommer 1804 bewundernd und träumend umher und in seinen Liedern besingt er den schöͤnen Fleck Erde. Auf dem höchsten Punkte des Parks befindet sich ein hochragender Aus⸗ sichtstburm mit Elevator, von dessen Spitze aus man das weitausgelegle Philadelphia mit seinen Monumentalbauten, das breite Stromgebiet des Delaware und das Terrain der Weltausstellung überblicken kann. Die
Waldpromenaden bieten dem Spaziergänger im Sommer die köstlichste Er⸗


