2358 4
nicht gern selbst—“ Er mochte allerdings nicht gern selbst mit dem Gelde nach Schönholz gehen, jetzt vor Allem nicht. Waldemar aber war er fest entschlossen, nichts mehr anzuvertrauen.
„Ist es wirklich die Landräthin, welche das Geld braucht?“
„Warum fragen Sie?“ rief Alfred verwundert.
„Nicht der— saubere Herr Sohn?“
„Ob sie oder der Lieutenant, bleibt sich in diesem Falle wohl leich.“—
5 5 erstaunenswerther Fixigkeit drehte sich Karl Rahdebrok ein⸗ mal um sich selbst. Was zu bunt war, war zu bunt!
„Das bleibt sich micht gleich! Besitzerin von Schönholz ist die Landräthin Heußner; für die leichtsinnigen Schulden ihres Sohnes aber ist sie mit ihrem Vermögen nicht haftbar. Sollte mir auf⸗ richtig leid thun, wenn sie's sein wollte!“
Alfred ward nachdenklich.
„Ich weiß nicht, wer Schuldner ist, ob Waldemar oder seine Mutter. Doch gleichviel! Die Frage ist zunächst: können Sie das Geld anschaffen?“
„Balzer nebenan hat zum ersten Oktober einiges Kapital flüssig
gemacht—“ antwortete der Alte zögernd.
„So meinen Sie, daß er——“
„Hm! Wahrscheinlich. Freilich—“ Rahdebrok sah ziemlich nieder⸗ geschlagen drein—„so auf der Suche nach Geld zu gehen—— ich hab's seit dreißig Jahren nicht mehr nöthig gehabt.“
„So denken Sie heute einmal, Sie thäten es zu einem guten Zweck,“ sagte Alfred nicht ohne Bewegung. Dann reichte er dem alten Rechnungsführer die Hand und ging auf sein Zimmer.
Rahdebrok schaute von seinem Pult aus noch eine Weile ge⸗ dankenschwer dem Wirbelspiele gefallener Herbstblätter draußen zu.
Wie der Sturm das Laub von den Bäumen, so blättert ihm der Sausewind die Kassenscheine von dem schönen Vermögen herunter. Sieh da! Lupus in fabula!— Auch was!
Eben schritt Lieutenant Heußner über den Hof.
„Herr Doktor zu Hause?“
„Wird wohl oben sein.“
Die Schmiedeken hielt für ganz überflüssig, sich umzudrehen. Wenn sie aber glaubte, dadurch dem Lieutnant„Eins versetzt“ zu haben, so irrte sie gewaltig. Wenigstens hüpfte Waldemar sehr behaglich leise pfeifend die Treppe hinauf, sagte im Vorbeigehen der drallen Kathrin, die oben den Flur fegte, eine militärische Liebenswürdigkeit und betrat wenige Sekunden später nach knappem Klopfen Alfreds Zimmer.
Zu behaupten, er sei nach zwanzig Minuten gleich sorglos wieder abgegangen, wäre freilich eine wunderlich sanguinische Hyperbel. Er nahm zwar die Versicherung mit sich, daß die fünftausend Thaler, welche seine Mutter im Juli übernommen hatte, vor dem Fälligkeits⸗ termine auf Schönholz abgeliefert werden würden, daneben aber die andere, daß er zur Tilgung seiner Privatschuld an Saalfeld und etlicher anderer„ganz bagateller“ Pöstchen, im Ganzen nahezu viertausend Thaler, auf keinen Heller zu rechnen habe.
„Was von meiner Seite— von seiten des krüppelhaften Wasser⸗ poeten— noch geschieht, thue ich Deiner Mutter und— Deiner Schwester wegen. Für Dich rühre ich nicht die Hand mehr.“
Das war so ungefähr der Endbescheid, den Alfred Krohne ihm gegeben. Er hätte ihm seinen Degen durch die Brust rennen mögen. Er knirschte vor Wuth. Dieser Lärm um die paar Tausend, die er im letzten Frühjahrsrennen verloren. Und er hatte nicht einmal selbst mitgemacht! Nur ein bischen pointirt. Das Geld, welches seine Mutter zu zahlen hatte, kümmerte ihn wenig, aber das andere. Bis heute wußte sie von dieser Schuld noch garnicht. Er hatte ja so sicher auf den Doktor gerechnet, so gerade zur rechten Zeit war dieser als Erbe eines anständigen Vermögens in Rohrstädt erschienen! Und jetzt!— Er lief von einem Kameraden zum andern, er telegraphirte an Saalfeld und bat dringend um Aufschub. Der„Jude“, wie er ihn nannte, hatte ihm ja wenige Tage zuvor versichert, er hoffe, ihm die größeren Wechsel prolongiren zu können, wenn er saͤhe, daß
die kleineren prompt eingelöst würden— nun blieb er doch uner⸗
bittlich. Immer schwüler wurde für Waldemar die Atmosphäre. Er schrieb an ein paar auswärtige Bekannte, welche in der Regel leidlich bei Kasse waren— die Summen, um die er bat, waren zu beträchtlich für sie, oder sie wollten nicht helfen.
Darüber vergingen ein paar Tage.
Zuletzt wandte er sich an Knopploch.
Der Händler verhöhnte ihn.
was Du mir angethan hast.
fandest, aber Deines— Deines müßte ich erst haben, ehe ich meines lasse.
wie die eines wilden Thieres.
Der Offizier prallte einen Schritt zurück. Der Lumpensammler 9 war Liebhaber von Jettchen Saalfeld! Träumte er denn?!— Er
faßte nach seiner Stirn.
Noch lange, nachdem er das kleine Haus in der Stubengasse verlassen, glaubte er Antons gellendes Lachen in seinen Ohren zu hören. Dann, nach einer halben“ Ein Gedanke! Er griff nach dem Kalender, der in gesticktem Rahmen an der Wand hing. Haha! Morgen Sonntag! So oder— eine
Auf seinem Zimmer knickte er zusammen. Stunde der Verzweiflung, fuhr er wie elektrisirt empor.
Kugel. „Heinrich!“
„Herr Leutnant?“
„Meine Civilkleidung! Und dann anspannen, aber schnell! Ich 0 fahre nach Schönholz und komme vielleicht erst morgen Abend oder
Montag früh zurück. Verstanden?“ „Jawohl, Herr Leutnant.“ Der Bursche eilte, den Befehl auszuführen.
Eine Viertelstunde später fuhr sein Herr in gestrecktem Trab 0
aus dem Thore. Auf der Chaussee begegnete ihm Rahdebrok.
„Haha!“
Ein kurzes Lachen. Unbarmherzig hieb der Offizier auf den 1
wackern Braunen.
Zwei Tage darauf, fast um dieselbe Stunde, befand sich Doktor Auch er hatte bange, furchtbar bange Tage verlebt. Mehr als einmal war er daran gewesen, seine Härte gegen Waldemar Heußner zu bereuen, gegen Adelens Bruder, er wollte Rahdebreck veranlassen, auch ihm die verlangte Summe zu bringen, er selbst konnte dann ja zu ihm gehen und ihm Vor- Am Gelde lag ihm ja nichts; aber dann kam sein gekränkter Stolz, und sein ganzes Mannes bewußtsein Waldemar Heußner „Er mißbraucht Sie,
Krohne auf dem nämlichen Wege.
stellungen machen.
bäumte sich auf gegen solche Nachgiebigkeit. hatte ihn hinterrücks verächtlich geschmäht.
Sein zukünftiger Schwiegervater Saalfeld werde ihn doch nicht in der Patsche sitzen lassen. Heußner ward bleich vor Zorn, er hob die Hand zum Schlage, aber er ließ sie sinken, als der Andere sich vor ihm niederduckte wie zum Sprunge.
„Schlag' zu, und es ist um Dich geschehen! Du weißt nicht, Schlag zu! An meinem Leben liegt mir ohnehin nichts, das hast Du mir vergiftet, als Du ein an⸗ ständiges Mädchen für Deinen noblen Leutnantsspaß gut genug
Du meinst, ich hätte keine Ehre, wie?— Jum dritten: schlag' doch zu!“ Die Augen in dem rothen, groben Gesichte funkelten
und hat er Sie in's Verderben gehetzt, läßt er Sie kalt am Wege
liegen,“ hatte Gerta gesagt. Krüppel, der„Schrumpel“ seiner Knabenjahre.
Schönholz glaubte er sich ja nun selbst abgeschnitten zu haben.
Den Weg nach Schönholz, auf den es ihn mit Zaubergewalt 1 ä wieder und wieder hinzog, damit er von ihr sich Gewißheit hole.
Die Hoffnung, die sie ihm vor fünf Tagen gegeben, genügte ihm nicht mehr: was war ihm ein kümmerliches Hoffnungssurrogat gegen die Seligkeit der Gewißheit des Besitzes!— oder?—
In nastloser Unthätigkeit dämmerte er dahin.
sammentreffen mit ihm gescheut zu haben.
Rüstig arbeitete er sich durch den aufgeweichten Boden des kurzen Feldwegs, der von der Chaussee ab nach der Besitzung führte. Er athmete tief auf, als er durch das Thor trat, ihm war warm ge worden. Da sah er jenseits des leichten Gitters, welches den Garten vom Hofraum trennte, eine dunkle Frauengestalt. Mit hastigem Schritt trat er durch die Pforte, dann immer langsamer, immer zaghafter weiter auf den Sandwegen des Gartens. Endlich hatte er sie doch erreicht. Sie fuhr zusammen, als er sie anredete:
„Adele!“
Er war ihr auf wenige Schritte genaht.
„Es hielt mich nicht länger. Ich mußte Gewißheit haben.“
Sie rührte sich nicht vom Fleck. Nur eine Handbewegung machte sie, fast heftig, fast gebieterisch.
Um so besser!
Sein Geld war dem Offizier gut genug, er selbst für diesen nur der Bierbrauer, der„Poet“, der Und er blieb da⸗ heim und verzehrte sich in qualvollem Zweifel; den Weg nach*
Zuletzt hatte e ihn nicht mehr gehalten, mochte ihm draußen der Lieutenant begegnen oder nicht! Und er schalt sich einen Feigling, überhaupt ein Zu-
1 *


