Ausgabe 
3.4.1887
 
Einzelbild herunterladen

111

hier zum Vorschein, jede Kaste ist vertreten, Priester und Anhänger jeder Sekte eilen herbei, Gaukler und Tänzerinnen belustigen die Menge. Während dieses Schauspiels gehen jeden Morgen etwa 200 Boote in die See; jedes derselben trägt zwei Taucher nebst zwei Gehülfen und einen Soldaten mit geladenem Gewehre; Letzterer soll verhüten, daß die Muscheln nicht eher ihrer Schätze entledigt werden, bis sie am Ufer sind. Ist die ganze Flotte an ihrem Be⸗ stimmungsorte, etwa zwei Kilometer vom Lande, angelangt, so beginnt die Arbeit. Um den Tauchern die Erreichung des Meeresgrundes, welcher an dem Aufenthaltsorte der Perlmuscheln 18 20 Meter tief ist, zu ermöglichen, hat man ein langes Tau über eine Rolle geleitet, welche von einer Querstange am Maste über den Bord hinaushängt und an das Tau einen Stein von 100 bis 150 Kilogramm befestigt. Man läßt den Stein neben dem Boote hinab und der Taucher, einen Korb bei sich tragend, der ebenfalls mit einem Tau im Boote befestigt ist, giebt, auf dem Steine stehend, ein Zeichen, ihn hinabzulassen, und sinkt dadurch rasch auf den Grund; dann wird der Stein wieder heraufgezogen, während der Taucher im Wasser mit der rechten Hand so viele Perlenmuscheln als möglich in seinen Korb legt und mit der linken am Felsen oder an Seegewächsen sich anklammert. Läßt er diese los, so schießt er an die Oberfläche empor und ein Gehülfe zieht ihn sogleich in das Boot, während ein anderer den Korb mit Muscheln heraufbefördert. Alsdann wird der zweite Taucher in's Wasser gelassen, und so geht es abwechselnd fort bis 4 Uhr Nachmittags; dann kehren alle Boote mit ihren Ladungen nach Aripo zurück. Ist die Fischerei den Tag über beendigt, so erhält der Taucher, der am längsten unter Wasser geblieben war, eine Belohnung. Die gewöhnliche Zeit dieses Auf⸗ enthaltes dauert 5357 Sekunden. Der Lärm bei diesem Ge⸗ schäfte ist so groß, daß die gefürchteten Haifische verscheucht, und viele Fischereien werden ohne irgend einen Angriff dieser Hyänen des Meeres zu Ende geführt. Die gewonnenen Muscheln werden meistbietend verkauft oder in das Magazin der Regierung abgeliefert. Letzteres ist ein mit hohen Mauern umgebener, viereckißer Raum, dessen Boden schräg und von vielen kleinen Rinnen durchschnitten ist; durch diese läuft fortwährend Wasser aus einem Behälter, in welchen die unverkauften Muscheln gelegt werden. Sind die Muscheln an's Land gebracht, so werden sie in kleine Haufen getheilt und versteigert. Dieses ist eine sehr belustigende Art von Lotterie, indem man leicht 50 Mark für einen großen Haufen Muscheln bezahlt, ohne eine einzige Perle darin zu finden, während der arme Soldat, welcher einige Pfennige für ein halbes Dutzend ausgiebt, möglicher Weise eine Perle darin entdeckt, so werthvoll, daß er damit nicht nur seinen Abschied erkaufen, sondern auch den Rest seines Lebens sorgenfrei zubringen kann. In früheren Zeiten ließ die Regierung die Perlmuscheln nicht versteigern, sondern in das Magazin bringen und dort durch besonders angestellte Leute öffnen; allein diese waren so schlau, daß sie trotz der genauesten Aufsicht Perlen verschluckten. Gegenwärtig werden, wie gesagt, nur die nicht verkauften Muscheln in den erwähnten Wasserbehälter gelegt, und haben sich ihre Schalen durch Fäulniß geöffnet, so fallen die Perlen heraus und das Wasser spült sie in die Rinnen, in welchen sie durch feine Gazewände auf⸗ gehalten werden. Ist die Zeit der Perlenfischerei zur Hälfte ver⸗ strichen, so beginnt die eigentliche Plage. Die durch die glühenden Sonnenstrahlen schnell in Fäulniß übergehenden Muscheln verbreiten im Magazine einen nicht zu beschreibenden pestilenzialischen Gestank, und dazu gesellen sich Fieber, Brechruhr und Dysenlerie, die steten Begleiter von Miasmen, Unreinlichkeit und Hitz. Wollen sich keine Perlenmuscheln mehr finden und ist man der beschwerlichen Fischerei müde, dann wird Aripo von seinen Bewohnern nach und nach wieder verlassen und die Ufer werden still und öde; nur die Truppen müssen so lange ausharren, bis die letzte Muschel im Magazin. ist.

Lose Blätter.

Der wunderthätige Koranspruch.(S. Illustr.) Von allen Orient⸗ malern hat vielleicht keiner so tiefe Einblicke in das Haus⸗ und Familienleben des Mohamedaners gethan, als Prof. Wilhelm Gentz. Auf seinen Studien⸗ reisen durch Kleinasien und Egypten hat dieser Berliner Maler nicht nur

die Feste und das Straßenleben in seiner äußern Erscheinung erfaßt, sondern er konnte auch tiefe Einblicke in die Sitten und das Familienleben der ab⸗ geschlossen lebenden Orientalen thun. Dem Hause eines reichen Egypters ist die Scene entnommen, welche Gentz darstellt. Mohamedanische Frauen

glauben, daß Koransprüche den Körper, dem sie eingeätzt werden, vor Krankheiten schützen. Als eine der wunderthätigsten Koranstellen stieht man die folgende an:Und wenn ich krank bin, heilet er mich. Die junge Schöne läßt sich von einem Arzt diesen Spruch auf die Hand tätowiren und glaubt nun gefeit zu sein für alle Zeiten. Ist die Operation vollzogen, so gießt man Wasser in die hohle Hand und trinkt dies aus, denn auch das Wasser wird durch den frommen Spruch geweiht. R E.

Berühmte Opernhäuser Italiens. I. La Scala. Dieses berühmte Theater ist im Jahre 1778 von Piermarini erbaut, und nur für Oper und Ballet bestimmt. Es faßt nicht weniger als 3600 Zuschauer. Das Innere bildet einen nach der Bühne verlängerten, imposanten Halbkreis von 213 geräumigen Logen in sechs Rängen und genügt allen akustischen An⸗ forderungen. Die Treppen, Korridore, Vorhallen und derartige Räume dagegen und das Aeußere lassen viel zu wünschen übrig. Die Logen sind meistens Privateigenthum und je nach dem Geschmacke der Inhaber tapeziert und dekorirt. Im Parterre(platea) giebt es recht gute Sitzplätze. In diesem Theater wird, wie in derFenice zu Venedig, nur von Weihnachten bis zum Schluß des Karnevals gespielt. Der Kastellan zeigt es aber dem Fremden gegen ein mäßiges Trinkgeld beim Scheine von 1 Lichtern.

II. Das Teatro Reale di San Carlo in Neapel ist auf Be⸗ fehl Carl's III. nach dem Plane des Generals Giovanni Ametrano von Angelo Carasale in 270 Tagen zum ersten Male, nach dem Brande von 1816 von Antonio Nicolini prächtiger zum zweiten Male erbaut. Der König Ferdinand II. ließ es 1844 von Neuem reich vergolden und die große Treppe, sowie die Korridors mit Marmor bekleiden. Dieses Gebäude gehört zu den größten und schönsten Theatern Europa's, hat sechs Ränge mit zusammen 192 Logen, ist für die große Oper, das Trauerspiel und Ballet bestimmt, und steht mit dem königlichen Schlosse in direkter Verbindung.

III. La Fenice in Venedig. Dies nur für Oper und Ballet be⸗ stimmte berühmte Theater ist, wie bereits angedeutet, nur für eine kurze Saison geöffnet und faßt 3000 Zuschauer. Die einfache Architektur dieses Ge⸗ bäudes besteht aus dem Parterre und sechs vollkommen gleichförmigen Logen, reihen; aber gerade die Einfachheit und Gleichförmigkeit, verbunden mit einer geschmackvollen Dekoration in lebhaften, glücklich gewählten Farben, giebt dem Hause den Anstrich einer gewissen vornehmen Eleganz, welche übermäßigem Prunk so sehr vorzuziehen ist. In den Logen werden hier die meisten Visiten abgestattet, selten bei Tage in den Privatwohnungen.

Th. B.

Altdeutscher Witz. Einst wurde bei dem Markgrafen von Brandenburg, (damaligem Administrator des Domstifts der freien Reichsstadt Straßburg) ein Seiler Namens Georg Hagen zu Gaste geladen. Bei der Tafel über⸗ fiel einen Edelmann eine so große Müdigkeit, daß er zu öfteren Malen gähnte und dabei den Mund weit aufsperrte. Der Markgraf, dies gewahr werdend, warf ihm im geeigneten Augenblick einen kleinen Apfel hinein. Jeder lachte darüber, am meisten der dicke Seiler. Der Markgraf, dies be⸗ merkend, fragte ihn, warum er denn so furchtbar darüber lache.Dar⸗ über, erwiderte Hagen(auf ein zu damaliger Zeit übliches Narrenspiel anspielend, bei welchem man einer Hanswurstfigur, die mit offnem Munde dargestellt ist, einen Apfel oder Ball in denselben werfen muß),daß Eure fürstlichen Gnaden den Narren so gerade in's Maul haben treffen können. Der Edelmann fand sich über diese Aeußerung höchst beleidigt, und rief: Das spricht ein Schelm!Das ist ein hartes Wort, das ich nicht so ruhig hinnehmen würde, wenn ich nicht der Gast eines so achtbaren Fürsten wäre, antwortete der Seiler und wandte sich dann an den Markgrafen: Eure fürstlichen Gnaden muß ich aber demüthigst bitten, diesen Zwist bei⸗ zulegen und gütlich auszugleichen, denn da man mich für einen Schelm er⸗ klärk, so bin ich dadurch von meiner Zunft ausgeschlossen. Der Fürst versuchte den Edelmann zu einer Ehrenerklärung zu bestimmen, derselbe beharrte aber dabei; da ihn der Seiler einen Narren genannt, so könne auch er sein Wort nicht zurücknehmen. Nach einigem Nachsinnen wandte sich hierauf der Seiler au den Markgrafen:Eure fürstlichen Gnaden! Ich glaube einen guten Ausgang gefunden zu haben. Ich will den Narren auf mich nehmen und der Junker mag der Schelm sein. Das schadet Keinem von uns in seinen Verhältnissen. M.

Der Selbstmord ist von jeher als etwas der Ehre Nachtheiliges an⸗ gesehen worden, aber während die Gegenwart den Hinterbliebenen eines Selbstmörders Mitleid und Theilnahme zollt, dachte man im Mittelalter über solche Dinge weniger zartfühlend und gab seinem Abscheu gegen den Selbstmord noch dadurch Ausdruck, daß man den Todten beschimpfte. Hatte der Selbstmörder sich in seiner eigenen Wohnung entleibt, so schaffte man ihn nicht auf gewöhnlichem Wege aus dem Hause, sondern warf ihn aus dem Fenster auf die Straße oder grub unter der Thürschwelle ein Loch, durch welches man die Leiche in's Freie zog, um sie dann nach dem Felde u bringen und dort zu verbrennen. In anderen Städten, wo die Einwohner⸗ schaft sich von humaneren Anschauungen leiten ließ und dem Selbstmörder ein ordentliches Begräbniß gewährte, bestand doch immerhin der Brauch, jene Werkzeuge, mit denen der Todte sich das Leben genommen hatte, auf dem Grabe anzubringen. H. W.

Wie den Wetterhexen das Handwerk gelegt wird. Sobald sich nach Tiroler Volksglauben dieWetterhexen an die Baumgipfel ansetzen und zwischen Rinde und Holz der Bäume sich verbergen, was dem Landvolk als Beweis gilt, daß sie bisweilen in luftförmiger Gestalt zaubern, schreibt der Aberglaube vor, einen Mistelkrauz(Jiscum) um den Baum zu ziehn; auf diese Weise sollen die Hexen abgesperrt sein und das Wetter ein Ende haben.

Th. B.