Ausgabe 
24.10.1886
 
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2342.

In der Kälte und in der Nässe des dritten Winters siechte er zu sehends dahin und im Frühjahr darauf starb er an der Auszehrung. In seinen letzten Augenblicken verklärte eine unendliche Freude sein Antlitz.

Erlöse mich, Amen, murmelte er, als er starb.

Ein Vöglein kam und sang an dem schmalen Fenster seiner

Kerkerzelle, als er den Geist aufgab. Es war eine Nachtigall; viel⸗ leicht dieselbe, die einst in Sommernächten in den wilden Rosen hecken von Marca geschlagen.

Die Stimmen der Natur. Aus dem Französischen. Abend wurde es. Der Tag war heiß und sonnig gewesen, nach

Reiner Reihe von Regentagen der erste schöne Tag, der endlich den

so lang ersehnten Sommer einzuleiten schien. Die Sonne war bereits untergegangen; aber trotzdem, unermüdlich in ihrer Freude und ihren Liedern, ließen die Distelfinken, Grasmücken, Buchfinken und Drosseln ihren Sang ertönen. Zahllose Nester wiegten sich in den Hecken, auf den Gipfeln der hohen Bäume girrten süß und melancholisch die Holztauben, jenseits aber über dem Walde am fernen Horizont stieg langsam der Vollmond empor, umwoben von zitternden, schimmernden Wölkchen, während in den Büschen dicht beim Landhause wunderbar und entzückend die Nachtigall in tausend fachen Harmonieen die Nacht pries.

Ab und zu schwieg Alles auf kurze Zeit, und der aufmerksam

N Lauschende hörte dann das Rascheln des Laubes und die fliegenden

Würmchen, wie sie auf ihrem Flug unachtsam gegen Zweige und Aeste stießen. Auch das Schwirren und Summen der Maikäfer war vernehmbar. In dichten Schwärmen zogen sie durch die Luft, über die die letzten Strahlen des scheidenden Tages goldenen Schimmer warfen.

Endlich verstummte das Geräusch, Alles schien zu schlafen, da plötzlich begann von Neuem der Zauberschlag der Nachtigall.

Aber ganz still war es vorhin doch nicht gewesen; denn dort zwischen den Heuhaufen, unter den Gräsern und Kräutern der

Waldlichtung tönte wie die Grundmelodie des heutigen vielstimmigen Konzertes, unermüdlich, ohne Unterbrechung ein leiser Sang das

Zirpen der Grille.

Die letzten Strophen der Grasmücke, die Dacapos der Nachtigall, das Girren der wilden Tauben, das Summen der Käfer, die ein förmigen Rufe der Unke, die wie vereinzelte Glockenschläge sich an hörten, das Quaken der Frösche am Weiher, Alles das schwieg mitunter wie auf Verabredung, lauschte eine Zeit lang, um dann im verstärkten Chor abermals zu beginnen, ein wirres und bizarres

Accompagnement zu dem unermüdlichen Sang der Grille.

Ihr Stimmchen so demüthig, ruhig und bescheiden gleich der Milde der Dämmerung und Nacht, aber trotzdem herrschte sie hier in der zahllosen Menge als unbeschränkter Souverän, sie gab hier

den Ton an und durfte selbst dann fingen, wenn alle Andern

schwiegen. 550

Ich lauschte dem Zirpen der Grille, ich dachte daran, daß ich sie einst im Luftballon auf mehr als 800 Meter Distanze gehört hatte, ich dachte weiter daran, daß sie ohne Stimme spricht, daß ihr Mund stumm ist, und daß sie um mehr als Millionen Jahre

früher da war als alle diejenigen Geschöpfe, welche einst als die

Ersten auf Erden zu singen anfingen.(Ihre Entstehung datirt aus

der primären geologischen Epoche, während das Auftreten der ersten Vögel aus der sekundären datirt.) Ich dachte ferner der süßen Stunden der Kindheit, dachte an die Märchen, die Abends die alte Groß

mutter mit lächelnder Miene uns Kindern zu erzählen wußte, wie wir, dicht um sie gedrängt, entzückt und gespannt lauschten, während in der Ferne hinter uns das Heimchen sang. Ich verglich diese ver

gangene Zeit mit der gegenwärtigen Stunde, und die kleine un

scheinbare Grille hörte auf mir unbedeutend zu scheinen, ich horchte

ihrer Stimme und dachte an die, welche nicht mehr sind, an die,

welche unter dem Gras des Kirchhofs schlafen, an deren Gräbern auch das Heimchen zirpt.

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Dann gingen mir all die verschiedenen Stimmen der Natur durch die Gedanken in seltsamer Weise wie nie zuvor. Sie sprachen alle zu mir in ihrer Sprache, und ich verstand es. Die Grille, welche die Hitze im Backofen des Bäckers aufsucht, welche unserm Sonnenschein die Dunkelheit der Nacht, die Abenddämmerung, das Düster dichter Gebüsche vorzieht, glaubt sich noch immer unter der heißen und finstern Atmosphäre der primären Wälder, welche ihre Wiege schützten. Zur Zeit, wo dieser Urahn aller Insekten in der Stille der sich gebärenden Landschaft zum ersten Mal seine Flügel- decken rieb und ertönen machte, war die Sonne riesengroß aber neblig, und die Erde viel heißer als heut zu Tage. Es gab weder Jahreszeiten noch Klima. Eine gleichmäßig laue Temperatur herrschte überall, die Atmosphäre jener ersten Tage war die eines Treibhauses. Bis dahin war die Natur stumm gewesen, die Grille(im Volks- munde Heimchen) und die Cikade sind die beiden Patriarchen des Gesanges. Die Erde hatte nur erst die niedersten Thierarten hervor gebracht, Zoophyten, Mollusken, einzelne Aneliden, Arachniden, Tausendfüße und eine einzige Klasse von Wirbelthieren, die der Fische(doch waren es nur Knorpelfische, Ganoiden mit unvoll kommenem Skelett), eine Welt also von Taubstummen, wenn man es so nennen will. Die Grille, die Cikade, die Motte, die Libelle sind die ältesten Insekten, die man in einzelnen fossilen Trümmern aus der Zeit der devonischen Epoche aufgefunden hat, einer Epoche, die selbst der Aera der Steinkohlenformation vorausgeht und wohl an zehn Millionen Jahre älter ist als die Menschheit. Die voll kommneren Insekten, die eleganten Schmetterlinge, die arbeitsamen Bienen, die intelligenten Ameisen, die Hymenopteren, Dipteren und Lepidopteren sind erst um viele Jahrhunderte später entstanden mit der fortschreitenden Entwickelung der Arten.

Die Grille scheint also das erste Wesen gewesen zu sein, welches einen Ton von sich geben konnte. Aus Mangel einer Stimme freilich, die damals noch nicht existirte, rieb sie ihre Flügeldecken und zum ersten Mal kündete sie laut den ersten Wesen, die zu hören vermochten:Ich bin da!

Die Stimmen haben Ton und auch Farbe; die einen sind hell, die andern finster, einige farblos, man möchte sagen grau: der monotone und einfache Schrei der Grille zählt zu den grauen, und von gleicher Beschaffenheit ist auch ihre Intelligenz. Stultior grillo! dummer als eine Grille! sagten vor 1000 Jahren schon die alten Lateiner. Ganz primitiv und aller List unfähig läßt sie sich selbst ganz leicht von Kindern fangen. Durch ihre Stimme allein macht sie sich bemerkbar und entzieht sich auch der Verfolgung; beim geringsten Geräusch schweigt sie, horcht einen Moment, um bald von Neuem zu beginnen. g

Es klingt wie ein Echo längst verblichener Zeiten, eine ferne Erinnerung an die Vergangenheit. Dies einfache Insekichen erzählt uns die ganze Geschichte der Natur. Es hat hintereinander all den verschiedenen Stadien der Erdentwickelung abe Es war Zeuge der Entstehung der Kontinente, es hat zu verschiedenen Malen dies Land, auf dem wir leben, aus den Wassern auftauchen, unter gehen und wieder sich emporheben sehen. Es hat von Jahrhundert zu Jahrhundert den Anblick der Welt in ihren seltsamen Meta morphosen der Entwickelung gehabt, es hat seine Zeitgenossen, die Batrachien geschaut, die Frösche, Kröten, Salamander, Labyrintho donten(jene Frösche, größer als unsere Ochsen), wie sie unumschränkt die Ufer beherrschten, im Brüllen der Wogen, inmitten der Orkane, im Grunde der entstehenden Wälder, wie sie das Heulen des Sturms und den krachenden Donner durch ihre ersten unartikulirten Schreie zu überbieten suchten und welche Schreie, wenn man sich vor stellt, daß Geschöpfe von der Größe der Ochsen quaken konnten.

Unabsehbare Wälder verwandelten sich in Steinkohle, mächtige Stämme wuchsen aus der Mitte undurchdringlicher Dichtungen, Farnkräuter, seltsam und großartig, kündeten die Aera der vegetalen Welt an, und die ersten Insekten entwickelten sich in ihr und be völkerten dieselbe. Aber damals gab es noch keine Blumen, keine Vögel. Eine furchtbare, eine wilde Welt, welcher eine Welt furcht barer noch folgte, die der sekundären Periode, die der Ichthyosauren, Plesiosauren, Iquanoden, Megalosauren, Atlantosauren riesiger Geschöpfe von dreißig Meter Länge, Kolosse von einem Gewicht bis zu 30 000 Kilogramm. Sie weideten in den düstern Wäldern,

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