Ausgabe 
14.2.1886
 
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Zitherschläger müsse keine Augen besitzen; die Frau Kaiserin liege droben im Kämmerlein und kümmere sich um das Geklimper sehr wenig, lasse sich jedoch nach seinem Namen erkundigen. Auch ließe sie bitten, in den Liedern vorsichtig zu sein; denn genösse auch Kaiserliche Gnaden eines festen Schlafes, so gäbe es doch Ohren bläser und dergleichen Nichtswürdige. Matthias sei zwar recht leut selig, besitze jedoch in seinem Herzen eine Saite, die bei derartigen Gesängen nicht harmonisch erzittere.

Ich werde im Garten nicht mehr die Zither schlagen, bemerkte Gottfried von Werder.

Wenigstens singt kein Lied von dem alten Dornbusch und der jungen Rose, entgegnete Splvig. Dann wiederholte sie die Frage nach des Dichters Namen. 1 7

Gottfried von Werder heißt der glückliche Sterbliche, dem die schoͤnste Frau der Erde Aufmerksamkeit geschenkt hat, antwortete er und überreichte der Kammerfrau ein Beutelchen mit Goldstücken.

Als Sylvia zu ihrer Herrin zurückkehrte und ihr über das Zu⸗ sammentrefien Bericht abstattete, schien die Kaiserin wenig Theil⸗ nahme zu empfinden, fragte jedoch, ob Werder ein schöner Mann sei.

Ich muß die dunkele Nacht und das Baumdickicht anklagen, versetzte die Kammerfrau,daß ich ihn nicht genauer betrachten konnte; aber adelige Manieren besitzt er. Dabei dachte sie an die Börse mit den Goldstücken, welche keine Zofe verschmähen soll.

Die Kaiserin Anna war der Ueberzeugung, daß sie den schönen, Dichter am nächsten Abend beim Hoffeste sehen würde und träumte die ganze Nacht von ihm und seiner Liebesgluth. 5

Gottfried war nun zwar ein Dichter, aber keineswegs ein schöner Mann. Hochgewachsen und mager, besaß er auch eine schiefe Hüfte und Gesichtszuüge, die eher an einen Satyr als an einen Apollo er⸗ innerten. Auch fehlte ihm der Farbensinn, so daß er sich in grelle und in ihrer Zusammenstellung das Auge beleidigende Farben kleidete.

Völlig verschieden von ihm war sein Bruder Dietrich, der frei⸗ lich kein Dichter von Gottes Gnaden war, mochte er sich auch mit Uebersetzungen aus Ariost's und Tasso's Werken beschäftigen, der sich aber neben äußeren Vorzügen, wie einer eleganten Haltung und männlich schöner Züge, auch Geschmacks in der Kleidung rühmen konnte.Er ist ein unbehülfiger Narr, sagte man von Gottfried;er ist ein Edelmann in jeder Beziehung, von Dietrich. So war es

gekommen, daß Goltfried alle öffentliche Vergnügen floh und sich von den Menschen fern hielt, während Dietrich in seiner schwarz⸗

sammtuen Tracht mit dem weißen Spitzenkragen überall gern gesehen wurde. Trotz dieser Verschiedenheit liebten sich die Brüder von ganzem Herzen. 5 0

Beim nächsten kaiserlichen Feste war Dietrich zugegen, während Gottfried zu Hause an seine Liebe dachte und Lieder seiner Brust und seinem Herzen entströmen ließ.

Die schöne Kaiserin, die in einem Brokatkleide mit hängenden Aermeln und spitzer, langer Schnebbentaille nach spanischer Art, wie in weiter brüsseler Spitzenkrause alle Welt bezauberte, wandte den glühenden,mantuanischen Blick umher und fragte sodann wie hingeworfen nach einem Herrn von Werder. Dietrich wurde ihr gezeigt. Ein Lächeln überflog ihr-Gesicht, die purpurnen Lippen öffneten sich leicht und ließen die schönen, weißen, makellosen Zähne sehen. Dann wünschte sie, daß man ihn ihr vorstelle.

Don Octavio Capriani, der einstmalige Erzieher des Kaisers,

übernahm dies. reichte ihm ihre

Anna hieß Dietrich von Werder willkommen und f kleine Hand zum Kusse, die er auch an seine Lippen drückte. Sie sagte ihm hierauf über seine Lieder Lobes⸗ erhebungen, bescheiden versetzte er, daß er keine eigenen Gedanken ausspräche, daß er nur Fremdes wiederzugeben suche. Bei diesen Reden ruhte ihr Blick auf ihm, daß er seinen Athem stocken fühlte, die Hand auf die Brust legte und seufzte.

Der Kaiser trat in diesem Moment zu seiner jungen Gemahlin und führte sie zu einem Fackeltanze. Noch einmal traf der Blick dermantuanischen Augen den jungen Edelmann.

In der dem Feste folgenden Nacht klang die Mandoline Gott frieds wieder im Garten des Hradschins. Das Lied aber schloß: Holde Frau, in Deinem Auge Ruht ein Engelsbild; Doch daneben lauscht ein Dämon Glutherregend wild.

und in weiße Gewänder gekleidete Dame trat ein.

Jener bringt der Seele Frieden, Dieser raubt ihn mir Engel, Dämon, sei barmherzig! Ganz geb' ich mich Dir.

Da fühlte er seine Hand von einer anderen ergriffen.Folgt

mir, flüsterte ihm die Stimme zu, die er schon vernommen hatte. Er ließ sich in das Schloß ziehen, zu einem Zimmer, welches pracht⸗

voll erleuchtet war, geleiten. Als er aus dem Dunkel in das Helle trat, war er wie geblendet. Er hörte nur, daß die Worte Torquato Tassos s 5 5 9Genieß der Rose Duft, der sich Dir spendet ihm zugeflüstert wurden, dann schloß sich die Thür hinter ihm und er war allein, doch nur auf eine Minute. Eine Thür von der entgegengesetzten Seite des Gemaches öffnete sich, Rose in der Hand. i a Gottfried fühlte sein Herz pochen, er sank auf das Knie und breitete seine Arme weit aus. Als aber die Dame das unschein⸗ bare, ja häßliche Aeußere des Dichters wahrnahm, rief sie:Welche Verwechselung! und warf ihm die Rose verächtlich in das Antlitz. Ich nächsten Augenblick war sie wieder verschwunden.

Sie hielt eine

Gottfried wußte nicht, wie ihm geschah; in seinen Ohren

brauste es wie wildes Meeresgetose, vor seinen Augen blitzten bunte Lichter durch tiefe Nacht. Von seiner geträumten Glückshöhe war er jäh hinabgestürzt worden, und er meinte sterben zu müssen. Er

schwankte zu der Thür, durch die er eigetreten war. f Garten befand, sank er unter einem

Als er sich wieder im Baume zusammen und stöhnte im wildesten Schmerz.Wahn⸗ sinniger Falter, den die Flamme anzog, dir ist dein Recht zu Theil geworden! Erst als der Morgen kam, als das bleierne Grau und der kühlere Luftzug das Nahen der Tageskönigin verkündete, kam

er so weit zur Besinnung, daß er nach Hause schleichen konnte.

Da brach seine Kraft zusammen, ein wildes Fieber ergriff ihn. Dietrich wußte von dem nichts, er hörte, als er seine Morgen⸗ suppe verzehrte, daß sein Bruder erst mit dem anbrechenden Morgen zurückgekehrt sei und sich dann eingeschlossen babe.Laß ihn aus⸗ schlafen, befahl er dem Diener und setzte sich zu Ariosto's Orlando furioso, um aus ihm zuͤ übersetzen. Diese Arbeit wurde durch einen kaiserlichen Pagen unterbrochen, der ihm einen Zettel ein händigte. Der Inhalt lautete:Seid diese Nacht wieder im Garten

des Hradschins. Ein Schurke wollte sich statt Eurer einschleichen.

Verschwlegenheit!

Laßt dies nicht wieder geschehen. N 92 beschloß aber, Nachts nicht

Dietrich verstand die Zeilen nicht, zu fehlen. f e n Gegen Mittag holten ihn einige Freunde zu einem Spazierritt ab, der sich bis zur Nacht ausdehnte. Erst am folgenden Morgen kehrte er in seine Wohnung zurück und vernahm jetzt, daß Gottfried schwer erkrantt sei. Er eilte zu ihm und fand ihn ohne Besinnung,

fort und fort die letzte Strophe seines Gedichtes wiederholend. Mit

rührender Aufmerksamkeit und Sorgfalt widmete er sich dem kranken Bruder, und seiner Pflege war es hauptsächlich zuzuschreiben, daß Gottfried zu genesen schien. f

Als Dietrich eines Morgens nach Hausße kam, fand er jenen im Rückfall. Ein Freund batte den Genesenden besucht und ihm er⸗ zählt, daß Dietrich bei der Kaiserin Anna in hoher Gunst stehe. Jetzt erst erfuhr dieser, daß der Kranke die Kaiserin ebenfalls liebe, und was ihm gescheben sei. Mit doppelter Hingebung pflegte er Gottfried. Vergebens; die Krankheit war stärker, als die brüder liche Liebe. Schon nach wenigen Tagen war der Dichter eine Leiche.

Dietrich bestattete ibn in der Domkirche am Thein. Dort ruht Gottfried von Werder unter einfachem Stein.

Nachdem Dietrich den Bruder bestattet hatte, reiste er von Prag eiligst ab und ging in, das sonnige Land Italien, nach Ferrara, wo die Dichter des rasenden Roland und des befreiten Jerusalem gelebt hatten. Hier brachte er in poetischem Schaffen fast sieben Jahre hin. f 0

Als er eines Tages von einem Spaziergange heimkehrte, fand

er eine schwarz gekleidete Dame in seiner Wohnung vor. Er blieb

betroffen stehen; er erkannte in ihr die Kaiserin Anna. 5

Mein Gemahl ist todt, begann sie und streckte ihm die Hände entgegen.Nichts trennt uns hinfort!Als der Schatten meines Bruders, setzte er ernst hinzu.

Du bist ein Thor, Dietrich! rief sie, und wollte ihn um⸗

eine verschleierte