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Eva schüttelte traurig den schönen Kopf.
„Gewiß, gewiß; ich will Euch berichten, was ich weiß, nur verzeiht, wenn ich mich fassen muß und wenn ich Euch gestehe, daß es mir schwer wird!“ 5
Der Mönch sah, mit tausend Gedanken ringend, zu ihr her⸗ nieder:„Quält Euch nicht, armes, armes Kind,“ sagte er leis, „vielleicht weiß ich es gerade so gut, wie Ihr und kann Euch die traurig⸗selige Erzählung ersparen.— Sie war die Tochter des mächtigen Herzogs Duitbert und das Schönste, Wundervollste, was Deutschlands wonniger Süden barg. Ihr Sinn war stolz und frei wie der Bergfalke, den sie um seine Schwingen beneidete. Lieber als träumend am Rocken, saß sie jauchzend zu Pferde, und der junge Fürstensohn, der sie in grüner Waldesdämmerung auf schneeigem Roß dem flüchtigen Hirsch nachsetzen und ihr Goldhaar wie einen gleißenden Lichtstrom über ihr wehendes Gewand fluthen sah, glaubte, die wunderbaren, alten Sagen, die ihm den schwärmenden Sinn
umstrickten, seien lebendig geworden und die verbannten Götter
herrschten wieder im heiligen Hain.— Als er sie aber wiedersah, sie, nach der ihn all sein Sehnen seit jener Stunde zog, da ge— wahrte er, daß in ihren süßen, schimmernden Menschenaugen ein viel bethörenderer Zauber lag, als die Götter und Nixen und Feien, die seine Gedankenwelt bisher beherrscht, wohl je zu der Sterblichen Heil und Verderben ausgeübt hatten. Ihr Lachen wurde ihm lieber als die Welt mit allen Schätzen, lieber als Rang und Ruhm, lieber als sein heimliches Träumen, lieber als Wolkenflug und Wipfelsang, die seiner lauschenden Seele sonst so holde Mär verkündet.— Als er ihres Vaters Ja auf sein glühendes Werben gewann und ihr selbst das selige Wort von dem trotzig-scheuen Purpurmunde küßte, durchfluthete ein so überirdisch helles Licht seine Seele, daß die All— gewalt dieser Seligkeit seinen kräftigen Körper wie mit einem zitternden Schauer überrann. Er war es zufrieden, daß er sie lieben durfte, daß sie lächelte, wenn er ihr alles, was sein über— strömendes Herz besaß, zu Füßen legte. Ihr lachender Uebermuth war so unsagbar schön, daß ihm der Gedanke nicht kam, wie viel tausendmal holdseliger sie sein müsse, wenn ihre Märchenaugen sinnend, sehnend und träumerisch sich senkten, wenn ihr froher Sinn in Demuth und Sehnsucht zerflöͤsse.— Doch auch dieses Wunder sah er sich an ihr vollziehn, und nun war es, als sei aus der strahlenden Königin eine milde Heilige geworden.— Aber nicht für ihn vollzog sich das liebliche Wunder.—
Er wäre zu überselig geworden, wenn sie ihm so zugelächelt hätte, wie sie plötzlich zu lächeln lernte, wenn sie ihren Blick mit einem solchen Engelsausdruck in den seinen gesenkt, wie ihn ihre dunklen Augen, in denen ihre ganze Seele lag, jetzt plötzlich gewannen.
Ein armer, junger Gesell, dessen ganze Habe in seinem frischen Muth, seinem blanken Ritterschwert und einer halbzerfallenen Burg auf schroffer Bergwand bestand, kam an Duitbert's Hof, wohin ihn der Waffenruhm des ritterlichen Herrn gelockt hatte.— Keck und kühn und unbekümmert schritt er einher, sein sorgloser Sang tönte wie Frühlingsruf durch die Herzogsburg; er war es, der dem stolzen Mädchen mit einem Blick und einem Lied mehr abgewann, als der, dem sie ihr„Ja“ gegeben, als sie ihr eigenes Herz noch
nicht kannte, das nun erst erwachte und so reiche und duftige
Blüthen trieb, daß deren Wunderhauch ihr den klaren Kindersinn betäubte.— Was lag daran, daß sie dem die Liebe und Treue brach, dem sie beides in lachendem Scherz gelobt hatte, ohne zu ahnen, was Liebe und Treue sei?— Ehrlich und furchtlos gab sie dem armen Thoren den Todesstoß, da sie ihre Liebe nicht zu tödten vermochte und nicht darben und entsagen wollte, wo sie so reich zu beglücken und glücklich zu sein ersehnte.— Die Seligkeit, die sie sich und dem, der sie liebte, errang, war mit dem Lebens— glück des armen Schwärmers nicht zu theuer bezahlt. Sie brachte dem Geliebten einen Himmel in das verwitterte Adlernest, das seine Habe war, ihre Liebe stählte noch seinen stürmischen Muth, ihr Brautschatz half ihm, die bröckelnden Mauern stützen und den morschen Bau in eine trotzige Feste umwandeln.—
Was aus dem Andern geworden ist, weiß Keiner. Er schied in stürmischer Nacht und man sagt, er habe sich auf dunklem Pfade ein andres Glück gesucht; andere meinen, er sei gestorben und ver— dorben, weil nie eine Kunde von ihm in seine Heimath gelangte, noch andere glauben,— er sei ein Mönch geworden.
Ich weiß, daß weder seine Lippe, noch sein Herz jemals der Treulosen fluchte.— Sollte nun Gott fluchen, da er vergab?—
Weint nicht um ihn, armes, junges Kind, und weint auch nicht länger um die Todten, die so selig gelebt und geliebt und denen um ihrer frommen Liebe willen eine ewige Glückseligkeit winkt.— Wie könnte der Herr, der die Liebe ist, um einer solchen Liebe willen fluchen?— Bittet ihn, daß er es Euch begreifen läßt!“—
Von mächtiger Erregung übermannt, wandte Silas sich ab. Dem Mädchen aber war in der Tiefe ihres Herzens mit der Ahnung seiner Seelengröße eine ganze neue Welt erstanden. Bebend er⸗ hob sie sich von der Moosbank und stand einen Augenblick lang zögernd, als wolle sie dem Manne nacheilen, dessen hohe Gestalt in der Abenddämmerung unter den Schattengängen der Linden ver— schwand; ihr Auge war leuchtend und thränenlos, und auf ihrem zarten Gesicht blühten zwei flammende Fieberrosen.
Aber traurig und schlaff wandte sie sich dann plötzlich ab und schritt zwischen den bunten Frühlingsbeeten durch das Mauerpförtlein nach dem Waldhange, in dem die Schatten des Abends wogten. Sie ging, wie im Traume, weiter und weiter, bis ihr Fuß plötzlich an eine knorrige Ranke stieß, die ihr den Weg verlegte.— Da schien sie zu erwachen.— Sie hemmte den Schritt und warf sich in ungestümem Schmerz lautweinend in das weiche Moos.
„Und ob er selbst die Hand segnet, die ihm die Todeswunde schlug,“ flüsterte sie schaudernd,—„ich fühle den Fluch der Schuld, ich Rebe ihn, ich liebe ihn!“ 8
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Mehr als zehn Jahre mit ihren Lenzen und Stürmen, ihrem Blühen und Welken waren seit jenem Tage verronnen.
In des Gehringer's Burg, wo Franz seit dem Tode des „Eisernen“ als Herr waltete, herrschte an einem sonnigen Pfingst⸗ morgen ein frohes, erwartungsvolles Treiben. Wehende Banner grüßten festlich von den Thürmen, Blumengewinde schmückten die Hallen, und alles Prunkgeräth, das in den reichen Spinden und Schreinen verschlossen gewesen, winkte blitzend und funkelnd von Tafel und Sims.
Der junge Burgherr ging frohen, lächelnden Angesichts durch die feierlich geschmückten Säle, dann wieder durch Hof und Stall, prüfte, musterte und mahnte und dankte heimlich dem frohen, glänzen⸗ den Lenzeslicht, das mit seinem warmen, lieben Goldhauch ihm so treulich half, den trutzigen Quaderbau der stolzen Feste in ein freund⸗ liches, glückverheißendes Gewand zu kleiden.
Ein schöner Ehrentag war heut für Franz von Gehringen auf- gegangen. Der Kaiser, in dessen Heer der junge Held selbst-.. verleugnend und todesmuthig gegen den treulosen Landesfeind ge— fochten, hatte ihm zum Lohn fur seine kühnen Waffenthaten die Erfüllung eines Wunsches gewährt, und der Glückliche hatte als schönste Gabe das Versprechen erbeten, daß sein ritterlicher Landes⸗ herr es sich für einige Tage als Gast in seiner Burg gefallen lassen möge. Nun war gestern, als die Abendglocken das Pfingst⸗ fest einläuteten, des Kaisers Herold mit der langerhofften Freuden⸗ kunde im Burghof eingeritten, daß der Ersehnte mit glänzendem Gefolge unterwegs sei, um ein fröhliches Maienfest mit seinem treuen Vasallen zu feiern.
Während Franz in glücklicher Erregung dem Herannahen des hohen Mannes entgegensah, blickten vom Erkerfenster zwei dunkle, schimmernde Frauenaugen sehnsüchtig die Landstraße entlang, die sich weiß und sonnenbestrahlt vom Frühlingsgrün des Hochwaldes abhob. Ein Staubwölkchen, zu klein, um die glänzende Schaar der Gäste
zu verkünden, aber doch hinreichend, um ein seliges Licht auf dem
wunderschönen Antlitz der Wartenden hervorzuzaubern, zeigte sich in der Ferne des Wegs. Mit beruhigtem Aufathmen wandte die schlanke Frau sich von ihrem Lauscherplatz und überließ sich nun willig und lächelnd der Dienerin, die ihr das gelöste Goldhaar, welches wie ein köstlicher weicher Mantel auf das silberweiße Festgewand fiel, mit Perlen durchflocht. Während das Mädchen die glänzenden Wellen bewundernd durch die Finger gleiten ließ, sah die Frau schweigend, wie traumverloren vor sich hin. Sie hatte die Hände im Schooß gefaltet, und jede Linie ihres Gesichts zeigte das weiche, liebliche Sinnen, das ihr die Seele bewegte.
Da dröhnte drunten die Brücke von wuchtigem Huftritt, und neben einer fröhlichen Männerstimme wurde ein glückliches, glocken⸗ helles Kinderjauchzen im Hofe laut. 7
„Das sind sie,“ sagte die Dienerin.


