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Salzquelle bei Nauheim und über Bingenheim und Bär⸗ ſtadt in die durch den herrlichen Stand der Winterfrüchte einen reichen Segen verſprechende goldene Wetterau, und traten am 27. Ihre Rückreiſe nach Darmſtadt an, welcher unſere Wünſche einer baldigen Rückkehr hierher folgen.
Geſtern Abend nach 6 Uhr hatten wir hier ein ziem⸗ lich bedeutendes Gewitter mit Regen dem ein Sturm folgte, welcher heute noch tobt.
Offener Brief an meine Brüder, die es mit dem Volke wohl meinen. Schluß.)
Wäre es aber nicht gut einen Aufruf an die Arbeiter ſelbſt zu erlaſſen? Der franzöſiſche Arbeiter lernt erſt im Mannesalter leſen, aber er lieſt gerne und verſteht, was er lieſt. Der deutſche Arbeiter lernt frühe leſen, aber als Mann lieſt er nicht. Wüßte ich, daß die Arbeiter an den Eiſenbahnen meine Worte leſen möchten, ſo wollte ich ihnen agen: „Deutſche Arbeiter. Euer Arm trägt Berge ab, füllt 1 aus, hemmt den Lauf der Flüſſe und weiſt ihren „Waſſern einen andern Weg an, eure Schweißtropfen dün⸗ „gen den Boden, über welchen bald die eiſernen Bahnen „laufen und die Dampfwagen einſt die verſchiedenen deutſchen „Provinzen zu Einem großen Vaterlande verbinden. Die „Bewohner entlegener Gegenden reichen ſich bald die Hände „zum Bunde der Freiheit, und der deutſche Geiſt, wie die „deutſche Kunſt, wird wieder geprieſen. Ihr aber, Arbeiter, „ſeid die Mitbegründer einer neuen ſchönen Zeit; ihr habt „die Eiſenbahnen gebaut. Die Geſellſchaft will Euch lohnen, „auch Ihr ſollt von den Ideen der Zeit berührt werden, „auch Euch ſoll des freien Geiſtes Flügelſchlag anwehen. „Das wollen Millionen freiſinniger Deutſchen, das wollen „Deutſchlands Regierungen.— Ihr aber wollt das Laſt⸗ „thier ſein, das durch Tragen der Branntweinſteuer die „Koſten für die großartigen Bauten beſtreitet, für welche „es die Bauſtoffe getragen hat.— Der Arbeiter iſt ſeines „Lohnes werth! Der deutſche Arm vermag Vieles, ſollte „der deutſche Willen die Leibeigenſchaft der Branntwein⸗ „trinker nicht löſen können! Vor einigen Jahren errichtete „man an der Stelle, wo vor 1800 Jahren die Deutſchen „unter Hermanns Anführung die Römer ans dem Land „ſchlugen, ein Rieſendenkmal. Der Baumeiſter wollte nicht, „daß das Denkmal der Freiheit durch Sklaven gebaut wer—
„den ſollte. Die Arbeiter bauten ohne Branntwein, wie
„unſere Vorfahren ohne Branntwein die ſiegreichen Römer „im Freiheitsmuthe niederſchmetterten. Könnten die Eiſen⸗ „bahnen nicht auch ohne Branntwein gebaut werden!— „Ich bitte Euch, vereint Euch zu 20 bis 30 zu einer Ar⸗ „beitsfamilie, in welcher abwechſelnd durch einige Mitglie⸗ „der die tägliche Speiſung beſorgt wird, genießt eine kräf⸗ „tige Suppe, und entſagt wenigſtens für eine Zeit lang „dem Branntwein. Dann wird es einmal hell in euren „Köpfen, ihr fühlt Euch als zum Glück berufene Menſchen, „ſeid wieder heiter in Eurem Gemüth, heiter in Eurer Fa— „milie!—— Ihr waret Sklaven, werdet freie Männer!“
So möchte ich dem deutſchen Arbeiter zurufen! Aber er lieſt nicht gerne Gedrucktes. Darum wende ich mich an
die Freunde des Volkes, und vertrauensvoll, faſt vor Allen,
an die Mitglieder der Mäßigkeitsvereine. Ich bitte, geht recht oft an die theilweiſe begonnenen Arbeiten der Main⸗ Weſer⸗ Eiſenbahn. Freuet Euch an dem regen und bunten Gewimmel, dem Ausdrucke deutſcher Ordnung und deutſchen Fleißes; aber ſchaut auch zu, mit welcher Gier der Arbeiter nach der Schenke eilt und in aller Geſchwindigkeit für 3
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bis 4 kr. Schnapps hinunterſtürzt. Die Arbeiter kommen oft unzufrieden nach Hauſe und ſagen:„Es läßt ſich Nichts verdieneu.“— Wenn täglich 4 kr. an Branntwein darauf⸗ gehen, und Sonntags mögen auch 6 kr. daraufgehen, ſo beträgt dieß für die Woche 30 kr., für den Monat über 2 fl. für das Jahr 26 fl.— Spart Einer dieß Geld, ſo kann ſeine Familie von Zeit zu Zeit ein Feſt feiern, auch ein Glas Wein trinken. Heinrich der Vierte von Frank⸗ reich wird ein vortrefflicher Regent genannt, weil——— er einmal geſagt haben ſoll:„Ich will nicht eher raſten, als bis jeder Bauer Sonntags ein Huhn im Topfe hat.“ Mitglieder der Mäßigkeitsvereine, wollet Ihr wohl nicht Daſſelbe? Nöthigt dieſe Arbeiter, hereinzukommen, daß Euer Haus voll werde!
Zum Schluß noch eine Bitte. Das Feſt der Oſtern iſt nahe. Man beſchenkt ſich mit einem ſchönen Andenken. Benutzt Euren Einfluß, daß die Arbeiter ſich einmal ein ſchönes nützliches Buch kaufen, freilich, Brod und Fleiſch iſt theuer, aber die Leute haben ja Geld zum Branntwein und könnten davon ſparen. Redet ihnen zu, daß ſie täg⸗ lich für einen Kreuzer weniger trinken, dann kann ja, ehe ein Jahr vergeht, Viel geſpart ſein.
Ich möchte folgende Bücher empfehlen. Peſtalozzis Linhard und Gertrud. Zürich 1844 mit 13 Feder⸗ zeichnungen, koſtet 1 fl. 45 kr. Vielleicht nirgends iſt ſo ſchlagend geſchildert, wo die Quelle des menſchlichen Elends iſt, ſo klar bewieſen, daß es erſt in den Familien beſſer werden muß, wenn andere Zeiten kommen ſollen, als hier. Zu Ehren des Peſtalozzi iſt am 12. Januar 1846 im lie⸗ ben Deutſchland viel Geld für Eſſen und Trinken hergegeben worden. Die Verbreitung ſeines Volksbuches wäre ver⸗ dienſtlicher, als ein Dutzend geiſtreicher Toaſte! 8
Curtman's Erzählungen für Kinder, welche noch nicht leſen können(18 kr.) wäre ein treffliches Hülfsbuch für den Familien vater, welcher ſich mit ſeinen Kindern Abends beſchäftigen möchte. Er braucht alsdann auch nicht in die Schenke zu gehen. Auch das neueſte Werk Curtman's, das Vaterland, ein Leſebuch, (für 34 kr. roh und 40 kr. gebunden) ſähe ich gerne in den Händen der Arbeiter oder der Dienſtboten. Es ſaͤttigt nicht, es macht Hunger nach Mehr, belebt den vaterlän⸗ diſchen Sinn und leitet zum Nachdenken. Schon um der ſchönen Erzählung willen von der Erfindung des Brannt⸗ weins durch— den Teufel, verdient es die Verbreitung durch die Mäßigkeitsvereine. Ich hoffe, daß dieſes Buch in die Familien verbreitet, den Schnappswirthen einigen Abtrag thun wird.
Summa: Bringt den Kümmelbruder zum Leſen,
zum Nachdenken, zum Sparen, zum Bewußtſein, und der
Aufgang der Morgenröthe iſt nicht ferne!
Ein Gegner des Branntweins, obwohl nicht
* Mitglied eines Mäßigkeitvereins. Schlußbemerkung. bereits niedergeſchrieben, als die Nr. 20 ꝛc. ꝛc. d. Bl. einen ſehr gelehrten und citatenreichen Aufſatz eines begeiſterten Freundes der Branntweinſteuer brachten. Der Verfaſſer, Herr Adminiſtrator Weller, ſpricht im Namen der National⸗ oͤkonomie; im Namen der Menſchheit zu denken und zu ſchreiben— Das dünkt ihm mit Dem, was er unter Na⸗ tionalökonomie zu verſtehen ſcheint, nicht vereinbar. Es iſt kein Unglück, wenn dieſer Nationalökonom nicht zu bekehren iſt, in den Augen der Menſchenfreunde kann die Mäßig⸗ keitsſache durch ſolche Angriffe nur gefördert werden.— Schade um Papier, Tinte und Zeit, wenn Herr Pfarrer Strack in Oberrosbach ſeinem gelehrten Gegner nicht das Vergnügen laſſen wollte, das letzte Wort geredet zu haben!
. Der Obige.
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