Ausgabe 
26.8.1846
 
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ſeine Trägheit in Geſchäften wohl bewieſen, aber ſo arg

hatte er ſich das doch nicht gedacht. Es blieb alſo nichts uͤbrig, als einmal ſelber nachzuſehen an Ort und Stelle.

Da der alte Herr viel auf Fußreißen hielt, machte er ſich auf die Beine, hing ſeinen Kittel um, legte Gamaſchen an, nahm Stock und Pfeife und ging. So ſah er einem alten, wohlſtehenden, weſtphäliſchen Bürger oder Bauer äußer⸗ lich nicht unähnlich.

So trat er denn zur Herbſtzeit Morgens ſehr frühe in den Hof des Schloſſes, wo der gnädige Herr Landrath hinter Läden und Vorhängen gar feſt ſchlief.

Einen vorübergehenden Bauer fragte er, wann man den gnädigen Herrn Landrath ſprechen könne? 5

Ei, ſagte der Bauer, guter Freund, da konnt Ihr wohl noch ein Pfeifchen oder ſechſe rauchen, und dann muß

es ein Glück ſein, wenn er nicht mit dem linken Fuße zuerſt

aus dem Bette ſteigt. Was heißt das? fragte Vincke.

Das heißt, ſagte der Bauer, daß er nicht übelge⸗ launt iſt, ſonſt jagt er Euch zur Thre hinaus und wenn Ihr dreißigmal das Recht in Euerer Hand habt, und flucht Euch noch Alles über den Hals, was ſchlimm iſt.

Vincke ſetzte ſich auf eine Bank und wartete geduldig; aber es war kühl da außen. Daher er denn auch froh war, als es endlich Leben im Hauſe gab. Er klopfte und wurde eingelaſſen von einem Bedienten.

Mich friert ſo, ſagte Vincke, und ich muß wohl auf den gnädigen Herrn Landrath noch lange warten?

Der Bediente lachte. Ihr müßt viel Geduld haben, guter Freund, wenn Ihr bis zur Audienzſtunde aushalten

wollt. Die iſt um eilf Uhr. Ihr ſeid wohl weit her?

Ja, ſagte Vincke. 2

Jetzt iſt es ſieben, ſprach der Bediente uach ſeiner Uhr ſehend. Um neun ſteht der gnädige Herr auf nun, ſetzt Euch ſo lange in die Kuͤche.

Auf dem Heerde brannte ein luſtiges Feuer. Vincke wählte den Holzeck neben dem Heerde, wo ein Schemel ſtand. Hier ſetzte er ſich nieder, ſchmauchte ſeine Pfeife und ſah und hörte dem Treiben zu. 8

Da wurden denn des gnädigen Herrn Tugenden und die der gnädigen Frau durch die ſcharfe Hechel gezogen, alſo, daß wenig uͤbrig blieb. Da vernahm der Ober⸗Prä⸗ ſident Geſchichten, die nichts weniger als vortheilhaft für den Landrath waren, ſah in eine Wirthſchaft hinein, die auch die größten Einnahmen erſchöpfen mußte kurz er kam weiter in der Erkenntniß dieſer Zuſtände, als er es ſich gedacht hatte. Endlich trat die Dienerſchaft zuſammen

Laßt uns den Kaffee abtrinken, ſagte die Köchin, das, was nachlauft, iſt immer noch gut fuͤr die droben.

Gebt auch dem Alten dort eine Taſſe, dem iſt's ſchon kalt genug geworden, ſagte der Bediente.

Vincke ſchlug's nicht aus. Da es ihm kalt gewor⸗

den war, that ihm der vortreffliche Kaffee recht wohl.

Darauf that Vincke die Augen zu und that, als ſchliefe er, und nun erſt vernahm er die unerquicklichſten

Geſchichten, beſonders ſah er ein, wie die Herrſchaft himmel⸗ ſchreiend betrogen wurde. J

Als er endlich müde dieſes Hörens war, fragte er den Bedienten, ob er ſeinem Herrn den Kaffee bald trüge?

Nein, ſagte dieſer; es iſt heute kühl. Er wird länger ſchlafen als ſonſt.

Als es aber zehn Uhr geſchlagen, ſtand Vincke auf und ſagte dem Bedienten, er ſolle ſeinen Hrrru wecken und ihn melden.

Das werd' ich fein bleiben laſſen! rief lachend der Bediente. Soll ich mir den Buckel voll holen, oder gar meinen Abſchied.

So zeige mir das Schlafzimmer; ſagte Vincke.

Juckt's Euch, guter Freund? fragte der Bediente.

Jetzt war Vincke's Geduld zu Ende. Mit einem

nachdrücklichen Weſen ſagte Vincke: Auf der Stelle wecke Deinen Herrn und ſage ihm, der Ober⸗Präſident von Vincke

aus Münſter warte nun ſchon ſeit vielen Stunden auf ſein Erwachen. b

Wie verſteinert ſtand die Dienerſchaft. Der Bediente flog die Treppe hinauf und Vincke folgte ihm auf dem Fuße.

Da die Thüre aufblieb, ſo vernahm der Ober⸗Pra⸗ ſident die Fluth von Schimpfreden, welche ſich über den Be⸗ dienten ergoß, als er den gnädigen Herrn aus dem Morgen⸗ ſchlaf weckte; als aber der gefürchtete NamenVincke/ er⸗ klang, da wurde es ſtille und man konnte es deutlich ver⸗ nehmen, wie der Baron in die Kleider fuhr.

Als Vincke dachte, er könne angekleidet ſein, trat er in das Gemach zum Schrecken des gnädigen Herrn.

Die Bußpredigt, die er über die Pflicht, dem Berufe treu zu ſein und über eine gute Haus wirthſchaft jetzt horte, muß recht wirksam geweſen ſein, denn man ſagt: er habe ſich an das Frühaufſtehen gewöhnt und an manches Andere, was ihm Vincke an das Herz gelegt in Worten, die, wenn ſie geſchrieben geweſen wären, ſchwerlich würden, wie eine Viſitenkarte, an den Spiegel geſteckt worden ſein.

Allen Reſpekt vor demalten Vinck⸗ wie ihn die Weſtphalen nannten! Schade, daß er todt iſt!

Kirchenbuchs-Auszug vom Juni 1846. Friedberg. Getraute:

21. Karl Diehl, hieſiger Bürger und Frauenkleidermacher, des hieſigen Bürgers und Schuhmachermeiſters Hein⸗ rich Diehl ehelich lediger Sohn und liſabetha Rühl, 55 hieſigen Fahnenträgers Peter Rühl eheliche ledige

ochter. ö

Getaufte: t

1. Dem hieſigen Bürger und Frachtfuhrmann Chriſtian Muth Zwillinge, Damian Guſtav und Heinrich, geb. den 4. Mai.

1. Dem hieſigen Bürger und Schuhmachermeiſter Johannes Joſt II. eine Tochter, Karoline Wilhelmine, geb. den 23. Mai.

1. Ein unehelicher Sohn, Ludwig, geb. den 21. Mai.

1. Dem hieſigen Bürger und Zeugſchmied Johannes Fill⸗ mar eine Tochter, Anna, geb. den 27. Mai.

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SSS